Читать книгу Die heilende Kraft des Geistes - Tulku Thondup - Страница 9

Оглавление

2 Die heilende Kraft des Geistes

Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, spielte ich hin und wieder mit Freunden auf den endlosen grasbedeckten Flächen, wo die tibetischen Nomaden leben. Es war an einem jener schönen sonnigen Sommertage auf der nördlichen tibetischen Hochebene. So weit das Auge reichte, war der Boden von einem einzigen grünen Grasteppich bedeckt. Überall blendeten den Blick imposante Formen farbenprächtiger Blumen. Die Luft war klar und still, aber Vögel flogen umher und sangen ihre süßen Melodien. Schmetterlinge tanzten im Wind auf und ab. Honigbienen sammelten eifrig Nektar aus den Blüten. Am herrlich tiefblauen Himmel versuchten hie und da ein paar Wolken, Mutter Erdes bezaubernde Schönheit zu trüben. Die Berührung der Luft war so sanft und leicht, daß sich keine andere Empfindung je mit ihr vergleichen läßt. Die Atmosphäre war völlig rein und friedvoll, ohne eine Spur der Verschmutzung oder Disharmonie. Das einzige Geräusch war die süße, besänftigende Musik der Natur. Die Ereignisse erfolgten ganz natürlich, ohne die Hetze eines letzten Termins. Keine Uhr tickte, um uns einzuschränken; nur die Kreisbewegungen von Sonne und Mond gaben unserem Leben Rhythmus und Maß.

Die gesamte Atmosphäre war frei, weit offen und überwältigend friedvoll. Ich dachte nicht im mindesten an den eisigen und grausamen Winter, der darauf wartete, auf uns herabzustoßen. Ich tollte im alles gutheißenden, nachsichtigen Schoß der mütterlichen Heimaterde herum und lief barfuß rings über die Fläche und genoß dabei die sinnlichen Küsse des feuchten Grases. Mein ganzes Dasein, mit dem Körper wie mit dem Geist, ging völlig in der einen, einzigen Erfahrung auf – der Freude.

Plötzlich durchschoß meinen rechten Fuß ein Schmerz, und mein ganzer Körper zog sich vor unerträglicher Pein zusammen. Jetzt war alles, was ich fühlte und sah, in diese einzige Erfahrung umgewandelt – den Schmerz. Zuerst hatte ich keine Ahnung, was geschehen war. Dann hörte ich ein summendes Geräusch, das von meinem Fuß kam. Eine Hummel hatte sich zwischen meinen Zehen verfangen, aber ich konnte die Zehen nicht spreizen, um sie freizulassen. Je heftiger sie mich stach, desto heftiger krampften sich meine Zehen zusammen. Während meine Zehen sich zunehmend anspannten, stach meine Peinigerin immer wieder zu, und mein Schmerz wurde größer. Schließlich eilte einer meiner Freunde herbei und drückte meine Zehen auseinander, um die Hummel freizulassen. Erst dann hörte der Schmerz auf.

Wenn wir dies nur klar erkennen könnten, wie mentales Ergreifen unsere Schwierigkeiten hervorruft! Wenn wir unser Festhalten an einem Selbst verstärken, wächst unser physischer, mentaler und spiritueller Schmerz. In unserer Verwirrung greifen wir immer fester und fester zu und setzen so den Leidenskreislauf in Bewegung, der die Welt von Samsara kennzeichnet. Selbst wenn wir uns voller Freude vergnügen, kann sich jeden Moment Schmerz einstellen, und darum klammern wir uns oft fest an das, was wir haben, aus Angst vor der Möglichkeit des Verlusts.

Der buddhistischen Mahayana-Philosophie zufolge durchirren wir ziellos diese Welt, blind gegenüber der inneren Kraft, die uns befreien kann. Unser Geist fabriziert Begierden und Abneigungen, und wie ein Betrunkener tanzen wir wild zu der von Unwissenheit, begehrlichem Anhaften und Haß vertonten Melodie. Das Glück ist flüchtig; die Unzufriedenheit verfolgt uns. Es ist alles wie ein Alptraum. Solange wir davon überzeugt sind, daß der Traum real ist, sind wir seine Sklaven.

Um zu erwachen, müssen wir die trübenden Schleier vor der wahren Natur unseres Geistes entfernen. Vor vielen Jahrhunderten gab ein indischer Prinz namens Siddharta Gautama seinen Anspruch auf den Fürstenthron auf und realisierte nach langer und tiefer Meditation die Wahrheit über die wirkliche Beschaffenheit des Lebens. Eben dadurch wurde er als der Buddha bekannt. Im Sanskrit bedeutet das Wort buddha »erwacht«. Auch wir können erwachen. Der Heilungsprozeß ist ein Erwachen zur Kraft unseres eigenen Geistes.

Der Geist ist der Hauptfaktor

Wie ein Arzt müssen wir die Krankheit diagnostizieren, die Ursache des Problems ausräumen und die Medizin anwenden, die zu guter Gesundheit führt. Asanga, der Begründer der Nur-Geist-Schule des Buddhismus, schreibt:

Da es erforderlich ist, die Krankheit zu diagnostizieren, ihre Ursache auszuräumen,

das Glück guter Gesundheit zu erlangen und eine Medizin dafür anzuwenden,

Sollte man das Leiden klar erkennen, die Ursache ausräumen,

das Mittel, das ihm ein Ende bereiten soll, anwenden und erreichen, daß es aufhört.

Im Buddhismus sind die Diagnose und das Mittel in den Vier Edlen Wahrheiten enthalten: der Wahrheit, daß wir leiden, der Wahrheit darüber, weshalb wir leiden, der Wahrheit, daß wir unser Leid beenden können, und der Wahrheit über den Weg, der zur Freiheit führt. Wir können uns dazu entscheiden, diesem Weg zu folgen. Sogar während wir mit alltäglichen Schwierigkeiten kämpfen, können wir unser Leben verbessern. Der Geist ist der Schlüssel dazu. Indem wir unseren Geist angemessen lenken und schulen, können wir die Kraft der Heilung erfahren. Im Dharmapada heißt es:

Der Geist führt die Phänomene an.

Der Geist ist der Hauptfaktor und Vorläufer aller

Handlungen.

Spricht oder handelt man mit gefühllosem Geist,

folgt Elend nach, wie der Karren dem Zugpferd folgt.

Die Phänomene werden vom Geist angeführt.

Der Geist ist der Hauptfaktor und Vorläufer aller Handlungen.

Spricht oder handelt man mit reinem Geist,

folgt Glück nach, wie der Schatten seinem Ursprung folgt.

Wirkliches und lange währendes Glück rührt nicht von materiellen oder äußeren Umständen her, sondern erwächst aus Zufriedenheit und Geistesstärke. Dodrupchen schreibt:

Erfahrene Menschen erkennen klar, daß Glück und Leid vom Geist abhängen, und sind daher bestrebt, vom Geist selbst Glück zu erlangen. Weil sie einsehen, daß die Glücksursachen zur Gänze in uns liegen, verlassen sie sich nicht auf äußere Quellen. Haben wir diese klare Erkenntnis, dann werden uns Probleme, mit denen wir konfrontiert sind – seien sie nun von Wesen oder von physischer Materie verursacht –, nichts anhaben können. Außerdem sollte uns ebendiese Geistesstärke auch durchdringen, um Frieden und Glück zum Zeitpunkt unseres Todes zu gewährleisten.

Das wahre Wesen unseres Geistes ist friedvoll. Indem wir lernen, wie man unnötige Sorgen und Belastungen losläßt, geben wir der Freude die Chance aufzuleuchten. Es hängt alles von unserem Geist ab. Buddhisten glauben, daß es möglich ist, Emotionen umzuwandeln; daß Freude nicht nur möglich ist, sondern wir ein Anrecht darauf haben. Wir müssen keineswegs von Kummer beherrscht sein. Loszulassen ist eine dem gesunden Menschenverstand entsprechende Verhaltensweise, es ist nicht irgendeine seltsame Einstellung, die auf eine bestimmte Religion oder Philosophie beschränkt wäre. Wie es in der Neuen Jerusalemer Bibel (Jesus Sirach 30, 22ff.)* heißt:

Überlaß dich nicht der Sorge,

schade dir nicht selbst durch dein Grübeln!

Herzensfreude ist Leben für den Menschen,

Frohsinn verlängert ihm die Tage.

Überrede dich selbst, und beschwichtige dein Herz,

halte Verdruß von dir fern!

Denn viele tötet die Sorge,

und Verdruß hat keinen Wert.

Neid und Ärger verkürzen das Leben,

Kummer macht vorzeitig alt.

Der Schlaf des Fröhlichen wirkt wie eine Mahlzeit,

das Essen schlägt gut bei ihm an.

Wie man in der Welt leben soll

Manche betrachten den Buddhismus als eine Religion für Menschen, die ein Stadium der Glückseligkeit erreichen wollen und dann in eine Art Nichtexistenz entschwinden, weit weg von anderen Menschen. Das ist keineswegs eine zutreffende Vorstellung vom Buddhismus. Buddhisten halten viel von der vollen Teilnahme am Leben. Der Weg der Heilung schließt Probleme und Schwierigkeiten nicht aus; genaugenommen begreift er sie als ein Mittel zur Realisierung unseres wahren Wesens ein.

Wir können an Probleme, die dem Anschein nach völlig negativ sind, konkret und praktisch denkend herangehen. Sind wir in einer Streßsituation, dann sollten wir sie anerkennen und uns mit ihr aussöhnen, indem wir uns sagen: »Sie ist schlimm, aber sie ist schon in Ordnung.« Wenn wir uns angesichts der Situation nicht durch das Verketten unserer negativen Vorstellungen von ihr verrückt machen, dann wird sich ihr Einfluß erschöpfen; denn diese Situation ist, wie alles im Leben, vergänglich und wird sich früher oder später ändern. In diesem Bewußtsein können wir ruhig den nächsten Schritt zur Heilung unternehmen, mit dem sicheren Gefühl, daß äußere Situationen unsere innere Weisheit nicht zu überwältigen vermögen.

Nach buddhistischer Ansicht sind Emotionen letztendlich weder gut noch schlecht. Wir sollten all unsere Gefühle akzeptieren und billigen. Gleichzeitig brauchen wir uns nicht von heftigen oder destruktiven Emotionen beherrschen zu lassen. Sind wir anfällig für Sehnsüchte, Anhaftungen, Verwirrung oder Haß, dann empfiehlt es sich, eher darüber nachzudenken, »was zu tun für mich richtig ist«, statt darüber, »was ich tun möchte«. Während wir den Weg der Heilung betreten, sollten wir unsere Vorsätze stärken. Unsere Emotionen sollten wir von unserem Geist lenken lassen.

Wenn etwas außerhalb von uns Befindliches die Quelle sein soll, die uns letztendlich zufriedenstellt, dann werden wir das Gefühl haben, zwischen Befriedigung und Frustration Achterbahn zu fahren. Festhalten liefert uns auf Gedeih und Verderb dem sich ständig drehenden Rad von Samsara aus, der flüchtigen Welt aus Schmerz und Lust. Wenn wir das Selbst loslassen und unseren wahren friedvollen Mittelpunkt finden, erkennen wir, daß es nicht nötig ist, uns an die Begriffe von gut und schlecht, glücklich und traurig, dieses und jenes oder »ich« und »die anderen« zu klammern. Viele Religionen und Philosophien warnen davor, sich zu stark mit dem Ich zu identifizieren. Die als »Upanischaden« berühmt gewordenen hinduistischen Schriften vergleichen diese Identifikation mit einer Falle: »Indem man denkt ›Das bin ich‹ und ›Das ist mein‹, verfängt man sich im eigenen Ich wie ein Vogel in einer Schlinge.«

Uns um unsere wahren Bedürfnisse und um die anderer zu kümmern – das ist der Weg, wie man Frieden findet; und um das zu erreichen, können wir uns in der Welt aktiv engagieren, und oft sollten wir dies sogar tun. Kampf ist nicht unbedingt schlecht. Wir können lernen, die Kämpfe des Lebens als interessante Herausforderungen zu betrachten. Allerdings ist es notwendig, eines zu begreifen: Welches Ziel wir auch vor Augen haben, sei es weltlich oder spirituell, starres Festhalten daran führt zu Erschöpfung, und wir tappen in die Falle der Ichbezogenheit. Die Kunst, ein ausgeglichenes Leben zu führen, läßt sich leichter ausüben, wenn wir wissen, was wir wirklich zum Leben brauchen.

Was ist wichtig für das menschliche Leben?

Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Gesundheit, Fürsorge und Erziehung sind erforderlich, um das kostbare Leben des einzelnen zu erhalten. Als Mitglieder der menschlichen Gesellschaft müssen wir einander achten und ebenso die Grundbedürfnisse und Institutionen respektieren, die anderen Menschen nutzen.

Abgesehen davon ist nichts Äußeres unserer Zeit, unseres Friedens, unserer Energie und Weisheit wert – der drei großen Geschenke unseres Lebens. Die anderen Annehmlichkeiten des Lebens dienen größtenteils als Werkzeuge, unseren begierigen Geist zu befriedigen, unser Ego anzubeten und aufzupolieren und unser Festhalten noch zu verfestigen. Während wir in weltlichen Genüssen schwelgen, wird unser Verlangen, noch mehr zu erjagen, immer ärger. Das Lalitavistara-Sutra warnt:

Dein Vergnügen an den Lüsten der Begierde

wird, wie das Trinken von Salzwasser, niemals Befriedigung bringen.

Arme und Reiche leiden gleichermaßen aufgrund von äußeren Sorgen, die mit Begierde zusammenhängen. Selbst Millionäre leiden unter Wut, Verzweiflung und Depression. Sie genießen wenig wahre Ruhe und wahren Frieden, sondern machen sich nur Gedanken darum, daß sie verlieren könnten, was sie haben, oder wie sie bekommen können, was sie nicht haben. Sie können ihren Status nicht genießen, sondern leben nur für das, wozu sie sich hingezogen fühlen oder wodurch sie versklavt werden. Es ist nicht so, daß Geldverdienen an sich Leid verursachen würde; aber das eigene Leben der Tyrannei äußerer Besitztümer auszuliefern, bedeutet das Ende von Freude und Frieden.

In ähnlicher Weise geraten arme Menschen durch den Kampf ums Überleben in eine Falle. Sie wagen nicht einmal das wenige zu genießen, was sie haben, aus Angst, sich noch mehr Kummer zuzuziehen. Als Mutter Teresa der Nobelpreis verliehen wurde, erzählte sie folgende Geschichte: Eines Tages nahmen die Missionsschwestern in Kalkutta ein Waisenkind in ihre Obhut und gaben ihm ein Stück Brot. Das Kind aß die Hälfte, wollte aber den Rest nicht essen. Als sie den Kleinen fragten, warum er denn nicht esse, sagte er: »Wenn ich das ganze Brot jetzt aufesse, wo krieg’ ich dann mein nächstes Brot her?« Erst als man dem Kind versichert hatte, daß es noch mehr bekommen würde, konnte es sich entschließen, die andere Hälfte des Brots zu essen.

Trotz des Fortschritts und materiellen Wachstums der modernen Zivilisation führen viele Menschen alles andere als ein sinnerfülltes Leben. Ob wir nun reich oder arm sind oder uns in einer annehmbaren Zwischenposition befinden, wir müssen uns davor hüten, an materiellen Genüssen auf Kosten unserer wahren Natur festzuhalten. Wenn wir unsere Energien dadurch verausgaben, daß wir nur über weltliche Dinge nachdenken und darüber, wie wir mehr von ihnen ergattern – bessere Nahrung, ein größeres Haus, mehr Geld, Ruhm und Anerkennung, was immer es an äußeren Gütern geben mag –, dann verlieren wir, was am wertvollsten ist.

Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf alles, das weit von uns selbst entfernt ist – je weiter es von dem, was wir in Wahrheit sind, entfernt ist, für um so wichtiger halten wir es. Wir stellen unsere Besitztümer und unseren Körper über unseren Geist, unsere äußere Erscheinung über unsere Gesundheit, unsere Karriere über unser Privatleben. Wir identifizieren uns mit dem Körper und betrachten unseren Geist bloß als Werkzeug des Körpers – als »den Edelpilz auf dem Hirn«, wie es einmal jemand mit einer kühnen Metapher scherzhaft formuliert hat –, wir schneiden uns selbst von der wahren Quelle des Glücks ab. Wir häufen Besitztümer für unser Zuhause an, kümmern uns aber nicht um unseren Geist und unseren Körper, obwohl die wichtigsten Voraussetzungen für ein Privatleben ein glücklicher Geist und ein gesunder Körper sind.

Als ich in Tibet heranwuchs, hackte einmal einer meiner Bekannten Holz und durchhaute dabei seinen neuen Schuh mit der Axt. Glücklicherweise blieb sein Fuß unverletzt, aber Schuhleder gilt in einem armen Land wie Tibet als wertvoll. Trocken und schlicht bemerkte er: »Hätte ich diese Schuhe nicht an, dann hätt’ es den Fuß erwischt, und der würde heilen. Zu blöd! Es hat halt doch meinen neuen Schuh erwischt, und der wird nie mehr heil!« Eine solche Betrachtungsweise ist sicherlich sehr merkwürdig. Aber nicht selten setzen die Menschen materielle Objekte an die erste Stelle, dann kommt der Körper und zum Schluß der Geist – und das ist das genaue Gegenteil der richtigen Reihenfolge.

Wir sagen vielleicht: »Ich möchte friedlich und stark sein.« Aber eigentlich schätzen wir es – und werden dafür auch belohnt –, uns eher aggressiv zu verhalten, um die Befriedigung unserer materiellen Bedürfnisse zu erreichen, als ausgeglichen und friedlich zu sein, um unsere innere Stärke zu hegen. Wir wenden mehr Zeit und Energie für unsere Karriere auf als für die Gestaltung eines erfüllten Privatlebens mit der Familie, obwohl wir von uns behaupten, wir arbeiteten, um ein glückliches Zuhause zu haben.

Wir leben wie Honigbienen, die normalerweise ihr ganzes Leben dem Sammeln von Honig widmen, diesen aber am Ende zur Gänze jemand anderem überlassen, der die Frucht ihrer lebenslangen Mühe erntet. Wir legen mehr Wert auf die Menge an verdientem Geld – und den übersteigerten Lebensstil, den es uns ermöglicht – als auf den inneren Zweck der Arbeit: Wir denken nicht darüber nach, ob die Arbeit uns selbst und anderen nützt. Wir gefährden unser kostbares Leben, um Geld zu verdienen, so daß wir schließlich anfangen zu trinken, um den Arbeitsdruck zu lindern, oder an Magengeschwüren erkranken. Geld ist für so viele Menschen zum Gebieter, Sinn und letztendlichen Ziel geworden.

Versuchen wir an unserem Geist zu arbeiten, um unsere Einstellung und unsere Eigenschaften zu verbessern, dann stempelt uns die moderne Gesellschaft als selbstsüchtig, unpraktisch und faul ab. Materiell produktive Menschen werden überschwenglich gelobt. Suchende, die sich auf den spirituellen Weg begeben, hingegen nicht. Wenn wir daheim bleiben und unser Interesse der höchsten Zufluchtsstätte des Lebens gilt, dann beurteilen uns die Leute nach dem Raster des regulären Berufslebens – als untauglich, unprofessionell und unqualifiziert. Unser Zuhause ist nur noch eine Art Motel: ein Ort, an dem man die Nacht über eine Pause macht.

Es ist notwendig, einige Dinge aufzugeben, um andere zu erlangen. Wie können wir denn bloß in Erwägung ziehen, unseren kostbaren friedvollen Mittelpunkt preiszugeben und das freudige Leben zu verspielen, das ganz natürlich davon ausstrahlt, nur um ein Leben voller Probleme durchzumachen? Es scheint, daß sich gegenwärtig nicht nur Durchschnittsmenschen, sondern sogar viele spirituelle Meister genötigt fühlen, der modernen materialistischen Kultur nachzujagen. Eine alte Geschichte veranschaulicht die Ironie dieser Situation:

Einstmals sagten Seher in Indien voraus, in sieben Tagen würden schwere Regengüsse fallen und jeder, der von dem Regenwasser tränke, würde wahnsinnig werden. Als der Regen kam, hatte der König viel reines Wasser für sich aufgespart, und so schützte er sich davor, wahnsinnig zu werden. Aber die Bevölkerung hatte bald kein reines Wasser mehr, und alle wurden verrückt. Bald fingen sie an, den König zu beschuldigen, er sei wahnsinnig. Um sein Volk zu verstehen und genauso zu empfinden wie es, trank der König daher Regenwasser und wurde wahnsinnig wie seine Untertanen.

Ich will damit nicht sagen, daß wir die Gegebenheiten des modernen Lebens ignorieren können oder sollten. Wir können nicht ohne die Befriedigung von Grundbedürfnissen überleben, und es ist wichtig, daß wir praktisch orientiert sind und weitverbreitete Ansichten respektieren. Aber wir sollten versuchen, alles in die richtige Perspektive zu rücken. Es ist unbedingt erforderlich, daß wir uns darüber klarwerden, wer wir sind, wo wir stehen, was wirklich wertvoll ist und wie man in der Welt leben soll.

Wenn wir unbedacht sind und unseren Geist durch gewohnheitsmäßiges Festhalten an allem und jedem starr und angespannt werden lassen, werden unsere negativen Gewohnheiten unsere Empfindung von Frieden aufzehren. Im Udanavarga heißt es:

Aus Eisen geht Rost hervor,

und Rost zerfrißt das Eisen.

Desgleichen führen uns die unbedachten Handlungen,

die wir begehen,

infolge von Karma zu höllischem Leben.

Ein unbedeutender Vorfall, der sich zu Beginn meines Flüchtlingsdaseins zutrug, hat mich stark beeindruckt. Ich war mit einigen Freunden in Kalimpong eingetroffen, einer hübschen Stadt im indischen Himalaya-Bergland. Hoch oben auf einer Anhöhe in der Nähe eines Friedhofs machten wir halt, um Tee zuzubereiten, da wir müde und hungrig waren und nicht genug Geld hatten, um in ein Gasthaus zu gehen.

Ich begab mich auf die Suche nach ein paar größeren Steinen und Holz für die Herdstelle. Als ich die andere Seite der Anhöhe erreichte, erblickte ich einen alten Mönch mit einem großen Gesicht und kleinen, leuchtenden Augen; er war wahrscheinlich Ende Siebzig oder Anfang Achtzig. An seinem runden Gesicht und den hohen Backenknochen erkannte ich, daß er ein Lama aus der Mongolei war. Er saß in einem winzigen Raum im hinteren Teil eines alten Hauses; die Tür und das Fenster des Zimmers standen weit offen. Es mochte etwa zweieinhalb mal zweieinhalb Meter groß sein. In ebendiesem kleinen Raum meditierte, las, kochte und schlief er; hier unterhielt er sich mit den Leuten und saß dabei den ganzen Tag im Schneidersitz auf demselben Bett. Er hatte einen kleinen Altar mit ein paar religiösen Gegenständen und Schriften auf einem kleinen Brett an der Wand. Neben seinem Bett befand sich ein winziger Eßtisch, der ihm auch als Studierpult diente. Dicht bei dem Tisch befand sich ein kleiner Holzkohlenherd, auf dem er sich gerade eine kleine Mahlzeit kochte.

Sein Gesicht hellte sich schlagartig mit einem gütigen und freudigen Lächeln auf, wobei er mich fragte: »Wonach suchen Sie?« Ich sagte: »Wir sind eben hier angekommen, und ich suche nach etwas Brennmaterial und nach Bausteinen für einen Ofen zum Teemachen.« Mit sanfter Stimme sagte er: »Viel gibt es ja nicht zu essen, aber möchten Sie mir vielleicht Gesellschaft leisten und die Mahlzeit mit mir teilen, die ich grade zubereite?« Ich dankte ihm, lehnte aber höflich ab. Meine Freunde warteten ja auf mich. Darauf sagte er: »Dann warten Sie einen Augenblick. Ich koche zu Ende, und Sie können sich meinen Herd ausleihen. Es ist noch genügend Holzkohle darin; das reicht Ihnen zum Teemachen.«

Ich war ganz überwältigt von dem, was ich da erlebte. Er war sehr alt, und offenbar konnte er sich nur mit Mühe über Wasser halten. Dennoch waren seine winzigen Augen voller Güte, seine anmutigen und würdigen Züge waren voller Freude, sein offenes Herz war voller Eifer zu teilen, und sein Geist war friedvoll. Er redete mit mir wie mit einem alten Freund, obwohl er mich gerade zum erstenmal gesehen hatte. Eine Art prickelnde Empfindung des Glücks und Friedens, der Freude und Verwunderung ging durch meinen Körper. Ich hatte den Eindruck, daß dieser Greis sich aufgrund seines geistigen Naturells und seiner spirituellen Stärke als einer der reichsten und glücklichsten Menschen der Welt hervortat. Doch vom Standpunkt der materialistischen Welt aus war er obdachlos, stellungslos und ein hoffnungsloser Fall. Er hatte keine Ersparnisse, kein Einkommen, keinen familiären Rückhalt, keine Sozialleistungen, keine staatliche Beihilfe, kein Heimatland, keine Zukunft. Vor allen Dingen konnte er sich als Flüchtling in einem fremden Land mit den Einheimischen wohl nicht einmal richtig verständigen. Noch heute muß ich, wenn ich an ihn denke, einfach vor Verwunderung den Kopf schütteln und ihm von Herzen meine Hochachtung aussprechen. Ich möchte hinzufügen, daß er nicht die einzige Person von solchem Naturell war, die mir begegnet ist. Es gibt viele schlichte, aber große Wesen.

Den Weg zur Heilung einschlagen

Das Lockern unseres Festhaltens an einem Selbst bringt uns Geistesfrieden, und wenn wir den haben, kann nichts uns Schaden zufügen. Auch wenn wir leiden, wird uns die rechte Einstellung helfen, unsere Emotionen gelassener zu tragen. Um aus Meditationstechniken, die auf die Stärkung unseres Geistes abzielen, gleich von Anfang an Nutzen zu ziehen, ist es wichtig, die betreffenden Unterweisungen frei von vorgefaßten Meinungen und vorschnellen Urteilen zur Kenntnis zu nehmen. Entdecken wir darin etwas, das wir nachvollziehbar finden und für unsere Erfordernisse zweckmäßig, dann sollten wir diese Technik mit vollem Einsatz zielstrebig in die Tat umsetzen – ohne Zögern, frei von Erwartung oder Zweifel. Gläubiges Vertrauen ist ein wirkungsvolles Heilmittel. Wenn wir unseren Geist einfach öffnen, dann werden wir vielleicht überrascht sein über unsere innere Stärke.

Durch die Schulung des Geistes entwickeln wir eine warmherzige Gesinnung; sie kann uns zu einem offeneren, flexibleren Gewahrsein führen. Obwohl nicht jede Technik, die ich hier vorstellen werde, in allen Einzelheiten der überlieferten, in den Schriften gelehrten Schulung entspricht, basieren die Vorschläge allesamt auf den Prinzipien und der Weisheit des Buddhismus. Das Ziel besteht darin, inneren Frieden hervorzubringen. Dazu entwickeln wir beispielsweise solche Qualitäten wie positive Wahrnehmung oder die Fähigkeit, alles, was uns widerfährt, nicht als Hindernis zu erleben, sondern in einen unterstützenden Faktor umzuwandeln.

Eine weitere wichtige Eigenschaft ist Hingabe. Sie ist bei jeder spirituellen Übung erforderlich; man muß sie jedoch nicht in einem religiösen Sinn auffassen. Für jemanden, der einen weltlich-profanen Ansatz vorzieht, könnte Hingabe einfach gleichbedeutend sein mit dem Entwickeln innerer Weisheit und einer tiefgehenden Aufgeschlossenheit für uns selbst, für andere Menschen und für die Welt ganz allgemein. Das Gebet bietet einem spirituellen Menschen die Möglichkeit, Energie so zu kanalisieren, daß sie Hingabe zum Ausdruck bringt, statt sich in ziellosem Geplapper zu vergeuden. Die weltlich-profane Variante des Gebets besteht darin, unsere glücklichen und freudigen Empfindungen mit eigenen Worten auszudrücken, die wir still oder auch laut sprechen können.

Für Mahayana-Buddhisten, denen daran gelegen ist, Probleme umzuwandeln und das Selbst aufzulösen, gilt das Mitgefühl als besonders heilsames Werkzeug. Wenn wir uns anderen zuwenden, kann dies die Starrheit des Ich allmählich mildern. Obwohl das letztendliche Ziel spiritueller Schulung darin liegt, frei und unabhängig zu werden von dem, was sich außerhalb des Geistes befindet, empfiehlt der Buddhismus engagierte Teilnahme an der Welt als positive Übung auf dem wahren Weg. Diese kann beispielsweise beinhalten, daß man anderen dient, Organisationen und Institutionen gründet, um anderen zu helfen, ihnen Schutz bietet, Geschenke verteilt, Gebete spricht und seine Achtung bezeugt. Selbst der ganz alltägliche Umgang mit anderen Menschen kann viel Gutes erbringen, wenn wir lernen, uns jeder Person, mit der wir zusammen sind, zu erfreuen und sie zu respektieren. Shantideva schreibt:

Wenn du sprichst, dann sprich ungezwungen,

nichts Belangloses, klar und freundlich,

ohne Begierde und Haß,

in sanftem Tonfall und nicht übermäßig lange.

Wenn du schaust, dann schau mit ehrlichem und

liebevollem Blick, und denke dabei:

»Dadurch, daß ich mich auf diese gütige Person verlasse,

werde ich voll und ganz erleuchtet werden.«

Indem wir unseren Geist einfach fürsorglich, friedlich und entspannt sein lassen, können unsere Alltagsaktivitäten und unsere tägliche Arbeit – sogar unser Atmen – Teil unserer Heilungsübung werden, und wir werden spontan an Stärke gewinnen. Sind wir für unser gewöhnliches Leben offen, so wird es sich in ein Leben der Heilung verwandeln. Dann wird unser Leben ein in Meditation umgesetztes Handeln sein, auch wenn wir möglicherweise nicht mehrere Stunden in der regulären Sitzmeditation verbringen.

Die meisten Übungen in diesem Buch zielen darauf ab, Emotionen umzuwandeln, indem wir unsere Probleme visualisieren und vom Negativen zum Positiven übergehen. Ein weiterer Meditationsansatz besteht darin, über das Positive und Negative hinauszugehen, indem wir uns unseren Gefühlen öffnen und unseren Geist einfach so erleben, »wie er ist«. Genaugenommen ist die auf das Umwandeln von Problemen ausgerichtete Meditation am wirksamsten, wenn sie positive Gefühle wie auch Offenheit in sich vereint. Erst konzentrieren wir uns, und dann beenden wir die Übung, indem wir uns entspannen und jeweils mit dem eins sind, was wir gerade erfahren.

Nachdem wir einige der traditionellen Meditationen und Übungen gelernt haben, können wir allmählich Geschicklichkeit darin entwickeln, den Alltagsproblemen mit unseren eigenen Mitteln zu begegnen. Die Auffassung von einem »Selbst« oder »Ich« mag sich als flexibler erweisen, als wir dachten. Wir können experimentieren und lernen, in unserer Sichtweise spielerischer und weniger fixiert zu sein. Wenn wir es beispielsweise mit einem anscheinend ernsten Problem zu tun haben, können wir uns Erleichterung verschaffen, indem wir etwas Komisches darin entdecken. Oder wir können, wenn wir bei der Arbeit unter Druck stehen, uns entspannter und weiträumiger fühlen. Da Worte große Kraft haben, könnten wir uns sagen: »Der Druck ist da, aber ich bin innerlich völlig entspannt.« Wir können innerlich entspannt unseres Atmens gewahr werden und den Raum und die Luft um uns besonders beachten und spüren – und auf diesem Wege tatsächlich empfinden, daß wir unter geringerem Druck stehen und über mehr Raum verfügen.

Haben wir das Gefühl, von Emotionen überwältigt zu werden, dann finden manche Menschen es eher hilfreich, sich in Offenheit für die Situation zu üben, statt daß sie das Problem umzuwandeln versuchen. Wie man völlige Offenheit in sich zuläßt, wird im nächsten Kapitel erörtert; aber es wird niemanden, der bis hierher gelesen hat, überraschen, daß das Prinzip hinter diesem Ansatz im Loslassen des »Ich« besteht.

Fällt jemand, der nicht schwimmen kann, in den Ozean, dann wird der Betreffende nach dem Wasser greifend Halt suchen und wie ein Stein versinken. Ein guter Schwimmer, der sich geschult hat, versteht es, sich zu entspannen und mit dem unermeßlichen Ozean eins zu werden. Schwimmenlernen erfordert Übung, und es hilft, wenn wir in der Anfangsphase über eine gewisse Anleitung verfügen. Genauso verhält es sich mit der Schulung unseres Geistes, und von ihr handelt der Rest dieses Buches.

* Zitiert nach der deutschen Einheitsübersetzung (Anm. d. Übers.)

Die heilende Kraft des Geistes

Подняться наверх