Читать книгу Das Erbe der Abendroths - Frühlingserwachen - Валентина Май - Страница 5

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Ein Blick aus stahlgrauen Augen streifte sie und bescherte ihr eine Gänsehaut. Der Ausdruck darin: neugierig, forschend und eiskalt. Für einen Moment hielt er ihren gefangen. Sie wurde das seltsame Gefühl nicht los, dass der Mann, zu dem diese Augen gehörten, sie seit dem Trafalgar Square verfolgt hatte. Neulich war er ihr schon aufgefallen, am Piccadilly Circus, und in der Oxford Street ebenfalls. Allein durch seine Größe und Statur stach er aus der Menge heraus. Er war athletisch gebaut. Seine Haut hatte einen auffälligen Bronzeton, der einen reizvollen Kontrast zu seinem ausgeblichenen Blondhaar ausmachte, das ihm bis auf die Schulter reichte. Mit dem Dreitagebart erfüllte er das Klischeebild eines kalifornischen Surfers. Nur bewegte er sich hier nicht in einem Surfoverall am Strand von Malibu, sondern inmitten der Londoner City. Ein Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, als sie sich vorstellte, wie er sich im Badeoutfit in der Rushhour durch die Menschenmengen drängte.

Der Bann wurde gebrochen, als ihn jemand anstieß und die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Die Ampel schaltete auf Grün. Stephanie eilte auf die andere Straßenseite, vorbei an den vielen Shops und Friseursalons, bis zur nächsten Kreuzung. Erst jetzt warf sie einen Blick über die Schulter zurück. Auch der Fremde wechselte die Straßenseite. Ihr Handy klingelte. Sie klemmte es zwischen Kinn und Schulter und lauschte auf die Worte des Anrufers.

„Selbstverständlich sende ich Ihnen den Vertrag zu“, bestätigte Stephanie dem Interessenten am Telefon und hoffte, das Gespräch abkürzen zu können. Sie konnte sich kaum auf das, was er sagte, konzentrieren. Der Gedanke, verfolgt zu werden, machte sie zunehmend nervös. Ihr Gesprächspartner ließ sich nicht abwimmeln und stellte eine Frage nach der anderen. Big Bens melodische Schläge erinnerten sie wieder an ihren bevorstehenden Termin, den sie durch diese Ablenkungen womöglich nicht einhalten konnte. Heute war nicht ihr Tag.

„Verzeihen Sie, aber ich muss jetzt Schluss machen, ich habe gleich einen Termin. Ich melde mich später noch einmal bei Ihnen, um Ihre Fragen zu klären“, schnitt sie dem Kunden das Wort ab und legte auf. Sie hörte noch einen Protestversuch am anderen Ende der Leitung, bevor es knackte und still war.

Einen Fluch unterdrückend wandte Stephanie sich um und übersah den Kanaldeckel im Trottoir. Ein Ruck in ihrem Bein brachte sie zum Stoppen. Schmerz durchzuckte ihren Knöchel, sodass sie die Luft anhielt. Ihr Fuß, oder vielmehr ihr Schuh, steckte in der Öffnung des Kanaldeckels fest. Sie beugte sich hinunter. Der Absatz war ruiniert, aber zum Glück noch dran. Diese Schuhe hatten sie ein Vermögen gekostet. Italienisches Design. Verfluchte High Heels! Verfluchter Anruf! Verfluchter Fremder! Vorsichtig zog sie den Absatz aus der metallumrandeten Öffnung. Sie konnte die Nähe des blonden Mannes fühlen und sah zurück. Tatsächlich, da war er wieder. Für einen Moment überlegte sie, ob sie ihn ansprechen sollte. Sie entschied sich, weiterzugehen. Hätte sie doch nur die Metro gewählt. Drei Straßen weiter war der Fremde verschwunden, was sie aufatmen ließ. Doch als sie Kensington erreichte, tauchte sein blonder Schopf wieder in der Menge auf.

Ihr Handy vibrierte erneut. Dorian. Seit einem Jahr waren sie ein Paar. Ein VIP-Paar, um genauer zu sein, denn ihr Freund war nicht nur Leiter einer bekannten Modelagentur, sondern Inhaber einer weltweit bekannten Modehauskette. Jeder von Rang und Namen in London kannte ihn. Seinen weit verzweigten Kontakten verdankte sie so manchen potenziellen Kunden. Es schien ihm zur Gewohnheit geworden zu sein, sie öfter wegen Nichtigkeiten anzurufen. Weil er sich langweilte. Mal rief er an, weil er den Hund nicht rausgelassen hatte, dann wieder fragte er sie, was sie gerade unternahm. Sie hatte jetzt keine Nerven für Belangloses und drückte ihn weg.

War ihr Verfolger vielleicht von irgendeiner Klatschzeitung? Das hätte ihr gerade noch gefehlt. An der nächsten Kreuzung bog Stephanie in ein ruhigeres Wohnviertel ab. Niemand kam ihr entgegen. Die Hinterhöfe waren verwaist. Das sonnige Wetter lockte die Bewohner hinaus in Londons beliebte Parks. Es lag schon eine Ewigkeit zurück, dass sie in einem spazieren gegangen war. Ihr Job ließ ihr einfach keine Zeit.

Der Fremde war ihr noch immer auf den Fersen. Sie fluchte leise. So schnell, wie es ihre hochhackigen und ramponierten Schuhe zuließen, trippelte sie die Straße entlang. High Heels waren eben nicht für eine Flucht auf Straßenpflaster geeignet. Sie lächelte bitter. Atemlos erreichte sie nach dem nächsten Häuserblock die belebte Orange Street, an dessen Ecke das indische Restaurant lag, in dem Dorian und sie oft aßen. Die nächste Ampel folgte. Grün. Es freute sie, dass der Fremde, der eben um die Ecke bog, warten musste. Nun wäre sie ihn hoffentlich los. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie er mit finsterer Miene von einem Bein aufs andere trat. Yes! Triumphierend ballte sie die Hand zur Faust.

Doch zwei Straßen weiter hatte er sie wieder eingeholt.

Vor dem nächsten Schaufenster eines Coffeeshops unter Arkaden blieb Stephanie stehen. Vielleicht sprach er sie jetzt endlich an. Ein Blick ins Schaufenster, und sie erschrak bei ihrem Spiegelbild. Sie sah aus, als wäre sie gerade erst aus dem Bett gestiegen. Widerspenstige Strähnen hatten sich gelöst und hingen ihr ins Gesicht. Sie löste ihre Spange, bis sich die hellblonde Haarflut über ihre Schultern ergoss. Ein kurzes Ausschütteln, dann glättete sie ihr Haar so gut es ging mit den Fingern, um es anschließend einigermaßen geordnet hochzustecken. Er stand auf der anderen Straßenseite und blätterte in der Times. Keine Kamera bei ihm. Wenn er keiner der Reporter war, was wollte er dann? Als hätte er bemerkt, dass sie zu ihm hinübersah, steckte er die Zeitung in den Ständer zurück und lehnte sich lässig mit verschränkten Armen an einen der Arkadenpfeiler. Ungeniert taxierte er sie.

Seine Turnschuhe hatten ebenso wie seine schwarze Lederjacke schon bessere Zeiten gesehen. Selbst die olivgrüne Cargohose war an den Knien abgewetzt und der Gurt seiner Umhängetasche zur Hälfte abgetrennt. Dorian wäre niemals so herumgelaufen, nicht einmal bei der Safari im vergangenen Jahr in Kenia. Ihr Freund war stets wie aus dem Ei gepellt. Schließlich hatte er als Modeguru einen Ruf zu verlieren. Dennoch strahlte der Fremde ein Selbstbewusstsein aus, das dem ihres Freundes in nichts nachstand. Er besaß markante Züge, eine gerade Nase und volle Lippen. Gut sah er ja aus, gäbe es da nicht den unerbittlichen Ausdruck in seinen stahlgrauen Augen. Seine Miene verdüsterte sich. Fast wartete sie darauf, dass er auf sie zukam. Aber er tat es nicht. Wenn er kein Reporter war, dann vielleicht ein Krimineller? Ein Triebtäter, der sich seine Opfer auf der Straße aussuchte? Auch wenn ihr Bauchgefühl sagte, dass er nichts Verbrecherisches vorhatte, musste sie jetzt endlich wissen, was er von ihr wollte.

Neben der Ladenzeile befand sich ein Hotel mit Drehtür. Dort im Publikumsverkehr fühlte sie sich sicher. Es wäre einen Versuch wert. Sofort schritt sie zum Hoteleingang. Würde er ihr folgen? Auf dem Weg dorthin ließ sie wie zufällig die Einlasskarte zu Dorians Apartment fallen, um sich durch einen Seitenblick zu vergewissern, dass der Fremde die Straße überquerte. Es lief wie geplant. Sie musste sich beeilen, wenn ihr Vorhaben nicht scheitern sollte. Nach wenigen Schritten verschwand Stephanie durch die Drehtür in die belebte Hotellobby. Von innen konnte sie durch die getönten Scheiben hinausschauen. Aus Diskretion war den Passanten von draußen hingegen der Einblick durch das spezielle Fensterglas verwehrt. Umso überraschender wäre der Augenblick eines Zusammenstoßes. Jetzt musste sie nur noch abwarten, um im passenden Moment hinauszustürmen. Sie stellte sich neben die Drehtür und beobachtete, wie er zügigen Schrittes auf den Hoteleingang zusteuerte. Das Warten auf den richtigen Augenblick ließ Stephanie auf den Zehenspitzen wippen. Schon stieg er die beiden Stufen zum Eingang hinauf. All ihren Mut zusammennehmend sprang sie im selben Augenblick vor und schlüpfte zwischen die Drehtürflügel. Schwungvoller als gedacht, stieß sie mit dem Fremden zusammen. Wie ein Fels in der Brandung stand er vor ihr, sodass die Wucht des Aufpralls nicht ihn, sondern Stephanie ins Taumeln brachte. Bevor sie die Drehtür im Rücken traf, umfassten seine kräftigen Hände ihre Schultern und rissen sie nach vorn. Ehe Stephanie es verhindern konnte, landete sie an seiner Brust. Ein männlich-herber, aber sehr sinnlicher Duft stieg ihr in die Nase. Deutlich spürte sie das Spiel seiner Muskeln unter ihren Händen, die auf seinem Brustkorb ruhten. „Hey, nicht so stürmisch!“, rief er aus.

„Sorry“, sagte sie heiser und stieß sich von ihm ab. Er ließ die Arme sinken und fluchte. Stephanie, die mit ihren hohen Absätzen selbst über einen Meter achtzig groß war, musste den Kopf in den Nacken legen, um zu ihm aufzusehen. Einen flüchtigen Augenblick blitzte es überrascht in seinen Augen auf. Stephanies Herz schlug schneller, als es ihr lieb war. Seine Brauen zogen sich zusammen.

„Haben Sie mich denn nicht gesehen?“

„Doch, sonst wäre mir ja nicht aufgefallen, dass Sie mich seit dem Trafalgar Square verfolgen“, konterte sie und stellte befriedigt fest, dass er die Lippen zusammenkniff.

So verwegen, wie er aussah, war sie froh, ihm nicht im Dunkeln begegnet zu sein. Mit Dorian auf gleicher Augenhöhe fühlte sie sich sicher. Der Fremde hingegen flößte ihr Respekt ein.

„Ach, ja?“ Nichts in seiner Miene verriet etwas über seine Gedanken.

„Sagen Sie mir doch einfach, was Sie von mir wollen! Dann brauchen Sie mir nicht hinterherzulaufen.“

„Nichts“, kam es knapp zurück.

Sie glaubte ihm kein Wort. Er wollte an ihr vorbei ins Hotel, aber sie hielt ihn zurück. „Und warum verfolgen Sie mich dann?“

„Das bilden Sie sich ein“, entgegnete er und sah sie wie ein Raubtier seine Beute aus geschlitzten Augen an.

„Das habe ich mir bestimmt nicht eingebildet. Also, weshalb folgen Sie mir?“

„Vielleicht finde ich Sie interessant.“

Interessant? Seine Antwort überraschte sie nicht. Das hatte sie schon von vielen Männern gehört. In seinen Augen lag ein Ausdruck, den sie nicht beschreiben konnte.

„Das hätten Sie auch einfacher haben können, indem Sie mich angesprochen hätten. Und falls Sie sich mit mir verabreden wollen, muss …“

„Wie kommen Sie nur darauf, ich könnte Sie um ein Date bitten?“, fiel er ihr ins Wort. „Ich sagte, ich finde Sie interessant, aber Sie sind nicht der Typ Frau, mit dem ich mich verabrede.“

„Was für ein Typ bin ich denn?“

„Arrogante, verwöhnte Business-Frau.“

Das war doch der Gipfel an Unverschämtheit. Wut wallte in Stephanie auf. Erst belästigte er sie durch die Verfolgung, und nun beleidigte er sie obendrein auch noch."

„Was fällt Ihnen ein!“

Sie hätte ihn einfach ignorieren sollen. Zu spät. Die Situation war bizarr und entglitt ihrer Kontrolle. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Und wenn er doch in die Kategorie „Perverser Psychopath“ gehörte, der ihr nachstellte? Dann hatte sie gerade einen Fehler damit begangen, sich ihm entgegenzustellen. Ihr war übel, und die Hände zitterten. Bloß keine Angst zeigen! Das will er doch nur!

Sie drückte den Rücken durch und hielt seinem durchdringenden Blick stand, während ihr Herz gegen die Rippen hämmerte.

„Hören Sie auf, mich zu verfolgen oder ich rufe die Polizei.“

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, drückte er sie gegen die Hotelmauer und stützte sich zu beiden Seiten mit den Armen ab. Er war ihr nah. Viel zu nah. Seltsamerweise empfand sie in diesem Moment keine Angst, aber in ihrem Kopf schrillten Alarmglocken. Sie sollte jetzt schreien, aber sie konnte es nicht. Langsam näherte sich sein Gesicht ihrem. Sie hielt den Atem an. In seinen grauen Augen lag etwas beinahe Hypnotisches.

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können“, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, bevor er durch die Drehtür im Inneren des Hotels verschwand.

Verwirrt sah Stephanie ihm nach. Die Drehtür rotierte quietschend. Sie hätte an eine Halluzination geglaubt, würde sie nicht noch immer die Abdrücke seiner Finger an ihren Schultern spüren. Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie ihre Gedanken loswerden. Eine Weile stand sie wie betäubt da, bevor sie ihren Weg fortsetzte.

Kaum war sie ein paar Schritte gegangen, vibrierte ihr Handy in der Jackentasche. Sie zuckte zusammen. Mit zittrigen Fingern zog sie es heraus und nahm das Telefonat entgegen. Sie räusperte sich, ihr Hals war eng. Die Nummer war unterdrückt. Einen Moment lang starrte sie auf das Display, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen.

„Von Abendroth … und Zöller Immobilien. Was kann …“, ratterte Stephanie routinemäßig herunter und brach ab, als sie ihre beste Freundin am anderen Ende der Leitung kichern hörte.

„Du klingst heiser, als hättest du die Nacht durchzecht und Unmengen Whiskey getrunken. Oder bist du etwa erkältet?“

„Nein, kommt wohl von der Klimaanlage im Hotel“, log Stephanie. Sie verspürte jetzt keine Lust, Sylvie von dem eben Erlebten zu erzählen.

„Was machst du denn in einem Hotel?“ Neugier schwang in Sylvies Stimme mit.

„Du weißt doch, ich suche noch eine passende Unterkunft für einen Interessenten aus Edinburgh und war auf der Suche. Du weißt schon, der, der die Staunton-Villa kaufen will.“ Ob die Freundin die Lüge schlucken würde?

„Ach so, okay. Das nächste Mal kannst du aber aufs Display schauen. Ist Dorian auch bei dir?“

„Nein, ich bin allein. Du, ich habe eigentlich gleich einen Termin. Kannst du den bitte kurzfristig absagen? Mir ist was dazwischengekommen.“ Ein verwegener Blonder, fügte sie im Geist hinzu.

„Superman persönlich?“ Sylvies anhaltendes Kichern kam ihr seltsam überdreht vor.

„Was ist denn mit dir los, Sylvie?“ Eigentlich war Sylvie in letzter Zeit wenig zum Lachen zumute gewesen. Die Trennung von ihrem Freund Ricky und einige geplatzte Aufträge hatten ihr stark zugesetzt.

„Ich habe mir was besorgt, was meine Laune hebt.“

„Du nimmst Pusher? Lass das gefälligst sein!“ Das Geständnis bereitete Stephanie Sorgen.

„Und wenn schon? Keiner will einen Trauerkloß um sich haben. Gib’s doch zu. Ich muss nur eine von den Dingern schlucken, und mir geht es gut. Außerdem bin ich nicht die Einzige, die ihre Stimmung damit aufhellt.“

Schuld daran war das Business, der ständige Stress, die permanente Erreichbarkeit und die unzähligen, kräfteraubenden Geschäftsreisen. Erfolg konnte ersticken. Selbst Stephanie, die jede Gelegenheit für einen lukrativen Auftrag nutzte, empfand die Selbstständigkeit nicht selten als Bürde. Wie oft hatte sie sich schon gefragt, ob die Geschäfte den persönlichen Verzicht wert waren. Sie sehnte sich danach, endlich einmal Zeit für sich zu haben, ohne das dauernde Handyklingeln. Ein beschaulicheres Leben zu führen, wie ihre Schwestern auf Abendroth. Sie konnte Sylvie gut verstehen. Dennoch wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, nach Mitteln zu greifen, die ihr vorgaukelten, dass es ihr gut ginge.

„Bitte, Sylvie. Du brauchst das Zeug nicht.“

Sylvie war ihre Freundin und Geschäftspartnerin, für die sie sich auf eine gewisse Art verantwortlich fühlte. Sie hatten gemeinsam das Maklerbüro aufgebaut und es weit gebracht. Seit geraumer Zeit hatte sie jedoch gespürt, dass ihre Freundin mit dem ständigen Druck nicht umgehen konnte. Sylvie am anderen Ende schwieg. Die eben noch gelöste Stimmung bei der Freundin war gekippt. Stephanie spürte schon seit Längerem die Spannung zwischen ihnen und litt darunter. Doch Sylvie verschloss sich jeder Aussprache.

„Weshalb hast du mich denn nun angerufen, Sylvie?“

„Wegen der Party natürlich.“ Sylvie klang gereizt.

Stephanie wollte keinen Streit mit ihr und zwang sich, gelassen zu bleiben. „Was für eine Party?“

„Na, die von Phil.“

Ein ehemaliger Geschäftspartner Dorians, der auch ihr Kunde geworden war. Dunkel erinnerte sie sich daran, dass Dorian die Party irgendwann erwähnt hatte. Aber es war ihr total entfallen. „Ach ja. Die hätte ich glatt vergessen. Gibt es dafür einen besonderen Anlass?“

„Du kennst doch Phil. Er liebt es zu feiern und braucht keinen Grund.“

Stephanie wusste genau, weshalb Phil immer wieder einlud: Er musste einfach immer im Mittelpunkt stehen.

Philipp Morton war Broker und Dorian begegnet, als der Aktien seines Unternehmens auf dem Markt platzieren wollte. Seitdem vereinbarten die beiden Männer regelmäßige Treffen. Phil prahlte jedes Mal von seinen Luxusreisen oder Sportwagen. Gleichgültig, ob er ihr sympathisch war oder nicht, zählten seine Partys dennoch zu den wichtigsten Events, bei denen sich alle trafen, die Rang und Namen hatten. Dort wurden die fettesten Deals abgeschlossen. Auch Stephanie und Sylvie hatten lukrative Geschäfte unter Dach und Fach bringen können.

„Wann und wo findet die statt?“, fragte Stephanie und ärgerte sich, dass ihr der Termin entfallen war. Und weil sie keine Lust hatte, Dorian dorthin zu begleiten. Ein paar exklusive Häppchen, eine Selbstbeweihräucherungsrede von Phil und jede Menge Small Talk. Darauf konnte sie gut und gerne verzichten. Nur befürchtete sie, dass Dorian sehr enttäuscht von ihr wäre, wenn sie ihn nicht begleiten würde.

Schon immer hatten Feierlichkeiten jeder Art eine große Rolle in ihrem Leben gespielt. Auf Abendroth hatte ihre Mutter das Wann, Wo und Wie lange bestimmt. Seit ihrem Umzug nach Berlin hatte Stephanie ihr freies, turbulentes Leben in vollen Zügen genossen. Lebenshunger und Abenteuerlust waren ihre Antriebsmotoren gewesen. Mutter hatte ihren Lebensstil nie verstanden und ständig kritisiert. Sie hatte sie nach ihrem Wunschbild von Tochter formen wollen. Aber Stephanie hatte sich nicht wie ihre Schwestern dazu berufen gefühlt, auf einem Landgut zu leben, mit einem Ehemann und einer Schar Kinder. Es war immer der Wunsch ihrer Mutter gewesen, dass die Abendroth-Geschwister gemeinsam den traditionellen Betrieb in ihrem Sinne weiterführten. Dafür war Stephanie nicht geschaffen. Die Aufgaben des Gutes waren bei ihren Schwestern in guten Händen.

Jakob hatte sie immer verstanden. Tränen schlichen sich in ihre Augen, wie immer, wenn sie an ihren Bruder dachte.

„Und? Kommst du auch? Ich habe gehört, dass Phil sogar einen Prinzen aus den Emiraten eingeladen haben soll. Das wäre vielleicht ein fetter Fisch für uns.“

Das wäre es wirklich. Sie war froh, dass sich die Wogen zwischen Sylvie und ihr zumindest in diesem Gespräch geglättet hatten. „Ja, ich hole dich dann gegen neun Uhr in deinem Apartment ab. Ich bringe Dorian mit.“ Es nervte sie, dass sie sich mal wieder zu einem Partybesuch hatte überreden lassen, zu dem sie keine Lust verspürte.

„Ja, ja, ist gut. Ich muss jetzt los.“ Sylvie war so seltsam drauf. Es klickte in der Leitung, und die Freundin hatte aufgelegt. Traurig starrte Stephanie aufs dunkle Display. Ihre Sorge um die Freundin wuchs mit jedem Tag. Sie musste in Ruhe mit Sylvie reden.

Das Erbe der Abendroths - Frühlingserwachen

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