Читать книгу Das Erbe der Abendroths - Frühlingserwachen - Валентина Май - Страница 8

4.

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Kaum lag Stephanie in ihrem Bett, fiel sie in einen unruhigen Schlaf, der ihr obendrein Albträume bescherte. Sie träumte von Jakob, dem Fremden, Sylvie und davon, dass sie nach Abendroth zurückkehrte. Schweißgebadet wachte sie auf, als die Schicksalssinfonie von ihrem Handy durch den Raum klang. Es dauerte eine Weile, bis sie die Anzeige auf dem Display lesen konnte. Ruckartig setzte sie sich auf, als ihr bewusst wurde, dass sie einen ganzen Tag verschlafen hatte. Unzählige verpasste Anrufe von Dorian und einigen Kunden waren auf dem Handy, und jetzt rief auch noch Miriam an. Seufzend sank Stephanie in die Kissen zurück, hin- und hergerissen, ob sie den Anruf entgegennehmen oder besser ignorieren sollte. Doch wenn ihre älteste Schwester anrief, konnte es nur etwas Wichtiges sein. Hoffentlich nicht noch eine Hiobsbotschaft. „Hallo, Miri“, meldete sie sich betont fröhlich.

„Hi, Steph, du klingst, als hättest du eine durchzechte Nacht hinter dir.“ Ihre Schwester hingegen klang verdammt fröhlich. Auf keinen Fall durfte sie Miriam etwas von ihrer Verhaftung erzählen. Die Schwestern würden sich Sorgen um sie machen und sich womöglich ins nächste Flugzeug nach London setzen.

„Ja, habe ich.“ In ihrem Kopf hämmerte es schmerzhaft. „Was gibt’s denn?“ Bloß die Schwester schnell loswerden, bevor sie sich noch in Lügen verstrickte.

„Jenny fliegt heute wieder ins Himalaya-Gebiet. Ich werde sie dieses Mal begleiten. Das wollte ich dir bloß sagen. Es wird also schwierig, uns zu erreichen.“

Himalaya? „Wieso noch mal? Die letzte Tour war doch schon ergebnislos gewesen.“ Jedes Wort dröhnte in ihrem Kopf. Irgendwo in der Nachttischschublade befand sich noch Alka-Seltzer. Nebenbei wühlte sie mit der Hand in der Lade, bis sie eine Schachtel fand.

„Jenny und ich hatten uns noch einmal mit Katharina Jelenow getroffen, wieder im Van der Falk. Du erinnerst dich? Sie hat uns Fotos von Jakob gezeigt. Neue Fotos. Du glaubst es nicht. Der Kerl aus dem Supermarkt damals … ist wahrscheinlich wirklich unser Bruder gewesen … Jedenfalls sah der genauso aus wie auf den Fotos. Ich habe mich also nicht getäuscht.“ Miriams Stimme vibrierte, wie immer, wenn sie aufgeregt war.

Bei der Vorstellung, dass Jakob noch lebte, bekam auch Stephanie Gänsehaut. Wie sehr hatte sie sich das all die Jahre vergeblich gewünscht? Er war nicht nur der große Bruder, sondern ihr Held gewesen. Der Einzige in der Familie, der sie immer verstanden und vor Mutter in Schutz genommen hatte. Manchmal hatte er auch für sie gelogen, nur damit sie keinen Stubenarrest bekam, später sogar einen Mann verprügelt, der ihr zudringlich geworden war. Ihr Bruder hatte immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte gehabt. Wie sehr er mir gefehlt hat, weiß keiner.

Es hatte Jahre gebraucht, bis sie seinen vermeintlichen Tod akzeptiert hatte, aber vergessen konnte sie ihn nie. Jetzt kam diese Nachricht, die sie, wenn sie sich bewahrheitete, erneut in ein Gefühlschaos stürzen würde.

„Seid ihr euch ganz sicher, dass die Fotos echt und nicht von irgendeinem Profi auf einem Rechner überarbeitet worden sind?“ Sie wagte es kaum zu hoffen, dass ihr Bruder noch lebte. Ihre Hände zitterten vor Aufregung. Auch damals, kurz nach Jakobs Verschwinden, hatten sich immer wieder angebliche Zeugen bei ihnen gemeldet, die ihn an verschiedenen Orten gesehen haben wollten. Doch jeder Hinweis hatte sich als Trugschluss erwiesen.

„Du kennst mich doch, und vor allem Jennifer. So leicht sind wir nicht zu überzeugen. Es ist nicht nur die Ähnlichkeit … Es gibt da noch diese Nachricht, die Jakob kurz vor seiner damaligen Abreise an die Jelenow geschickt hat, in der er Andeutungen gemacht hat. Er schrieb, er müsse untertauchen, und wenn es sicher wäre, würde er sich wieder bei ihr melden“, sprudelte es aus Miriam heraus.

„Wenn das wirklich stimmt, welchen Grund hätte Jakob gehabt, unterzutauchen?“

„Das weiß Katharina auch nicht. Sie vermutet Schulden.“

Stephanie erinnerte sich an ein Streitgespräch zwischen ihrer Mutter und dem Bruder.

„Diese Ausrüstung, überhaupt die ganze Tour … von wem hast du das Geld?“, hatte ihre Mutter ihn angeschrien.

„Das lass mal meine Sorge sein“, war die Antwort Jakobs gewesen. Als Kind hatte sie nicht über Finanzielles nachgedacht, außer über ihr Taschengeld. Deshalb war ihr auch nie in den Sinn gekommen, zu hinterfragen, wie ihr Bruder seine Klettertouren finanzierte. Miriams Worte zogen ungehört an ihr vorbei, denn die Vergangenheit holte Stephanie ein. Sie dachte an die Zeit auf Abendroth vor Jakobs Abreise, als ihre Welt noch in Ordnung gewesen war.

„Hörst du mir überhaupt noch zu?“ Miriam klang verärgert.

„Ja, ja, natürlich. Ich war nur eben kurz mit meinen Gedanken woanders.“

„Das habe ich gemerkt. Steph, was ist denn nur mit dir los? Du wirkst zerstreut. Ganz anders als sonst.“ Deutlich schwang ein besorgter Unterton in Miriams Stimme mit. Die Ältere hatte sich immer für sie verantwortlich gefühlt und oft genug bevormundet. Früher hatte das Stephanie gestört. Heute war sie froh, dass ihre Schwester sich um sie sorgte, weil es ihr das Gefühl vermittelte, nicht allein mit ihren Sorgen zu sein.

„Ich wurde verfolgt. Genau wie du“, platzte es aus Stephanie heraus.

Stille am anderen Ende der Leitung. Nur das gleichmäßige Atemgeräusch verriet, dass Miriam noch dran war. „Meinst du, es war Jakob?“, brach ihre Schwester nach einer Weile das Schweigen.

„Nein, nicht unser Bruder. Den würde ich unter Tausenden wiedererkennen, egal, ob er einen Vollbart trägt, die Haare geschoren hat oder spindeldürr wäre. Nein, niemand, von dem du uns erzählt hast.“

„Du meinst, jemand aus seiner Vergangenheit, der etwas von ihm fordert?“

„Ich weiß es nicht.“

„Was glaubst du, was er von dir wollte?“

„Wenn ich das wüsste, Miri! Das Kuriose war, er hat sogar abgestritten, mir gefolgt zu sein. Als wenn ich mir das nur eingebildet hätte! Für wie blöd hält der mich? Diese Dreistigkeit …“ Sie musste noch immer den Kopf darüber schütteln.

„Hört sich wirklich bedrückend an. Warst du bei der Polizei?“

Zumindest nicht deswegen, setzte Stephanie in Gedanken hinzu. „Nein, ich habe doch keine Beweise. Der hätte mit Sicherheit alles abgestritten.“

„Steph, bitte versprich mir, dass du auf dich aufpasst. Wenn Jenny und ich nicht fliegen würden, wäre ich schon auf dem Weg zu dir nach London.“

Genau das hatte Stephanie befürchtet. „Mach dir keine Sorgen. Ich kann schon gut auf mich selbst aufpassen. Außerdem habe ich ja noch Dorian.“ Gut, dass Miriam von der vergangenen Nacht nichts wusste, sonst wäre sie schon längst hier.

„Und Sylvie“, ergänzte ihre Schwester.

Ein Protest lag auf Stephanies Zunge, den sie aber hinunterschluckte. Wenn Miriam auch nur ahnen würde, was geschehen war! „Ja, ja“, sagte Stephanie ausweichend, bevor sie ihre Schwester nach Robert, den Kindern und Tieren fragte, um sie abzulenken.

Während Miriam am Telefon von Schuftel erzählte, klingelte es an Stephanies Tür. Hastig beendete sie das Telefonat und lief zur Tür.

Sie blickte durch den Spion und erkannte Dorian. Er hatte sie nur ein einziges Mal in ihrer Wohnung besucht. „Ich habe nie verstanden, warum du ausgerechnet in Hammersmith wohnen musst“, waren seine Worte gewesen. Stephanie verdiente außerordentlich gut und hätte sich locker eine Nobelwohnung in Kensington oder Chelsea leisten können. Aber sie zog ein gemütliches Heim im Shabby-chic-Stil mit unzähligem Nippes einem durch und durch gestylten Ambiente wie bei Dorian vor. Dort traute sie sich kaum, etwas zu berühren. In seinem Gästebad stand in einer Nische eine echte Ming-Vase, die er bei Southeby’s ersteigert hatte, und im Arbeitszimmer ein Luis-Quinze-Sekretär, für den er in Frankreich ein Vermögen ausgegeben hatte.

Sicher war er gekommen, um sie um Verzeihung zu bitten und ihr zu erklären, dass er sich für ihre Freilassung eingesetzt hatte. Dennoch konnte sie nicht vergessen, wie sehr er sie enttäuscht und verletzt hatte, auch wenn sie ihm dankbar war, weil er sie vor einer Gefängnisnacht bewahrt hatte. Doch ihr Lächeln gefror beim Anblick seiner finsteren Miene.

„Wie konntest du nur!“, blaffte er sie an und hielt eine eingerollte Tageszeitung hoch.

Wie vom Donner gerührt starrte sie ihn an. „Ich … ich verstehe nicht.“

Er drückte die Tür auf und stürmte an ihr vorbei in die Wohnung. „Hier!“ Aufgebracht rollte er die Times auf und drückte sie ihr in die Hand. „Weißt du, wie ich jetzt dastehe? Wie soll ich das meiner Familie, meinen Freunden erklären?“ Er wanderte in der Diele umher.

Tausend Fragezeichen kreisten in Stephanies Kopf. Mit einem flauen Gefühl im Magen las sie die Überschrift: Londons Top-Maklerin bei Razzia mit Kokain erwischt, stand dort geschrieben. Stephanie erstarrte, als sie sich auf der Titelseite erkannte. Eine Aufnahme während des Augenblicks ihrer Festnahme. Sie hätte schwören können, keinen Journalisten in der Nähe bemerkt zu haben. Das konnte alles nur geplant gewesen sein, die Festnahme und jetzt der Artikel. So wütend wie Dorian darüber war, schied er als Schuldiger aus. War Sylvie so weit gegangen? Sie hatte das Gefühl, in einen Abgrund zu stürzen. Ihre Hand suchte Halt an der Garderobe.

Das, wovor sie sich am meisten gefürchtet hatte, war eingetroffen. Ihr Ruf hatte nicht nur einen Kratzer abbekommen, sondern war mit diesem Artikel ruiniert worden. Die Zeitung in ihrer Hand zitterte.

„Hast du eigentlich eine Ahnung, was du mir und meiner Familie damit angetan hast? Wie konntest du nur so blöd sein, dich erwischen zu lassen.“

Vorwürfe waren jetzt das Letzte, was sie brauchte. Wie hatte sie auch nur einen Augenblick annehmen können, dass seine Sorge ihr galt. Dorian dachte nur an sich. Wütend wirbelte sie zu Dorian herum. „Durch wen bin ich denn in diese kompromittierende Situation geraten? Du bist doch in den hinteren Clubräumen gewesen und hast Kokain geschnupft …!“

„Na und? Du hättest mir nicht folgen müssen. Und dann hast du mir vor allen eine Szene gemacht!“

Ein Schlag ins Gesicht konnte nicht schlimmer sein als seine Antwort. „Wieso bist du denn bei der Razzia nicht verhaftet worden?“

„Weil Sylvie uns alle gewarnt hat. Sie ist clever.“

Sie durchschaute die Anspielung sofort. „Du meinst wohl cleverer als ich?“

Wider Erwarten schwieg Dorian, aber sein Grinsen sprach Bände.

Immer wieder Sylvie! Der Name der Freundin hallte durch ihren Kopf. Es war alles ihre Schuld! Die Festnahme und vermutlich auch die Razzia! Um ihr einen Denkzettel zu verpassen. Alles geplant. Nur zu gut erinnerte Stephanie sich an Sylvies Vorwürfe und Unterstellungen. Die Freundin wusste genau, wie sie ihr schaden konnte. Sie musste nur Stephanies Ruf ruinieren, um endlich die Erfolgreichere von beiden zu sein. Ein Kloß verschloss ihre Kehle. Wo war die Freundschaft zwischen ihnen geblieben? Hatte sie je existiert? Und sie hatte mit der Freundin sämtliche Provisionen und Prämien geteilt!

Stephanie überflog den Zeitungsartikel, in dem sie sogar namentlich erwähnt worden war. Währenddessen lief Dorian wie ein wildes Tier auf und ab. Der Autor schrieb in seinem Artikel, dass sie vermutlich schon öfter Kokain geschnupft habe und zählte die Feierlichkeiten auf, an denen sie teilgenommen hatte. Wut brandete in ihr auf wie eine Sturmwelle. Sie war drauf und dran, bei der Times anzurufen oder den Vorgesetzten des Schreiberlings aufzusuchen und zu fordern, dass dieser Artikel richtiggestellt wurde.

„Da“, Dorian stellte sich neben sie und tippte mit dem Finger auf eine Textstelle. „Da wird erwähnt, dass wir zusammen sind. Du kannst dir gar nicht vorstellen, von wem ich deshalb angerufen worden bin. Meine Eltern sind außer sich gewesen.“

„Ach, das tut mir aber leid! Und was ist mit meinem Ruf? Darum hast du dich auch nicht geschert!“

„Ich bin ein angesehener Designer und Unternehmer! Nach einem Jahr haben die Leute deinen Namen längst vergessen, während mir der Skandal ein Leben lang anhängen wird.“

„Auch ich bin sehr angesehen …“

„Was du einzig mir zu verdanken hast!“, fiel er ihr ins Wort.

„Du hast genauso von meinen Kunden profitiert wie ich von deinen! Mein Ruf ist ruiniert! Und wovon soll ich jetzt leben?“

„Heirate einen angesehenen Geschäftsmann, dann brauchst du dir nicht mehr den Kopf über einen Job zu zerbrechen.“

Dorians chauvinistische Ansichten erschütterten sie. Doch noch mehr, dass ihm ihr Schicksal offenbar gleichgültig war. Mit diesem Mann war sie seit fast zwei Jahren zusammen? In diesem Augenblick war ihr klar, dass er sie nie wirklich geliebt hatte.

„So siehst du das also?“, fuhr sie ihn an.

„Ich sehe nur deine Chancen.“

Chancen! Seine Argumentation brachte sie zum Schreien.

„Sei froh, dass du trotz allem auf freiem Fuß bist, obwohl ich es nicht verstanden habe.“

Stephanie erstarrte. Wie hatte sie auch je annehmen können, dass sie ihre Freilassung ihm zu verdanken hatte? „Weil es jemanden gab, der sich für mich eingesetzt hat. Etwas, das ich eigentlich von dir erwartet hätte. Du hast mich gestern vor allen bloßgestellt. Anstatt dich bei mir zu entschuldigen, bombardierst du mich mit Vorwürfen.“ All ihre Wut und Enttäuschung brach aus ihr heraus. „Geh jetzt, Dorian. Ich will dich nie mehr wiedersehen!“ Mühsam rang sie um Fassung.

„Das ist ein guter Vorschlag. Frauen wie dich gibt es wie Sand am Meer.“ Er hob die Hände und wandte sich zur Tür um. „Deine Sachen holst du morgen ab“, sagte er eisig. Die Tür krachte hinter ihm zu.

Stephanie lehnte sich an die Wand. Ihr schwirrte der Kopf. Das war es also? Zwei Jahre hatte sie an einen Mann vergeudet, der es nicht wert gewesen war.

Lange, nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, stand Stephanie noch immer im Flur. Sie stieß einen Schrei aus und ballte die Hände zur Faust, während die Tränen der Wut und Enttäuschung über ihre Wangen rollten. Ein Mann wie Dorian war es nicht wert, ihm hinterher zu trauern. Sie hatte schon viele Rückschläge einstecken müssen. Auch diesen würde sie irgendwie und irgendwann verkraften. Entschlossen wischte sie die Tränen fort. Sie war stark! Sie war eine Abendroth!

Das Erbe der Abendroths - Frühlingserwachen

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