Читать книгу Das Erbe der Abendroths - Frühlingserwachen - Валентина Май - Страница 7
3.
ОглавлениеAls sie aus dem Club ins Freie trat, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. An einem Tag hatten sie zwei Menschen enttäuscht, die ihr sehr nahestanden. Oft genug hatten sie und Dorian über den Drogenkonsum auf Events diskutiert. Immer hatte er beteuert, dass er das nicht anrühren würde. Und jetzt das! Sie konnte es noch immer nicht fassen. Es schien, als hätten Freund und Freundin zum ersten Mal ihr wahres Gesicht gezeigt. Mit dem Handrücken wischte sie die Tränen fort. Am Ende der Straße parkte ein Taxi mit laufendem Motor. Gleich würde sie einsteigen und alles hinter sich lassen. Sie kam nicht weit, denn ein Mann tauchte unerwartet auf und versperrte ihr den Weg.
„Sorry“, stammelte sie und wollte an ihm vorbei.
Wieder trat er vor sie. „Moment mal bitte, Lady.“
Der scharfe Unterton ließ sie aufhorchen. Sie blinzelte die Tränen fort und erkannte in ihrem Gegenüber einen Polizisten. Seine grimmige Miene ließ sie nichts Gutes ahnen. Doch sie hatte nichts Unrechtes getan.
„Darf ich jetzt bitte durch? Da hinten wartet mein Taxi.“ Sie deutete über seine Schulter auf den schwarzen Wagen hinter ihm. Doch er wich nicht beiseite.
„Sie haben diesen Club besucht? Allein? Oder in Begleitung?“ Was sollten denn diese Fragen?
„Ist etwas geschehen?“
„Beantworten Sie meine Fragen“, antwortete er streng.
Nicht noch irgendwelche Probleme!
„Ja … ich war im Club. Ein Freund hat mich begleitet. Wir waren von einem Freund zu einer Feier eingeladen. Warum fragen Sie das alles? Bitte, ich bin sehr müde und möchte jetzt nach Hause … Ich …“ Ihre Nerven lagen blank und sie befürchtete, erneut in Tränen auszubrechen.
„Sie müssen erst mal hierbleiben, bis einige Fragen geklärt sind.“ Das klang nach einem Befehl. Stephanies Nackenhärchen stellten sich auf. Irgendetwas stimmte nicht. Das bestätigte auch das Erscheinen weiterer Polizisten, die sich durch eine Geste von ihm näherten und den Club betraten. Zitternd presste sie ihre Handtasche fest an ihren Körper und sah fragend den Polizisten an, auf dessen Namensschild Chief Inspector Feathers eingraviert war.
„Ich verstehe das nicht … Warum lassen Sie mich denn nicht gehen? Ich bin doch nur Gast in diesem Club bei der harmlosen Feier eines Bekannten gewesen. Da drinnen ist nichts passiert.“ Außer, dass ich mich mit Sylvie und Dorian überworfen habe, fügte sie im Geist hinzu. Doch dann dachte sie an das Kokain und dass vielleicht jemand Dorian und die anderen verpfiffen haben könnte. Sie hatte nichts zu befürchten. Schließlich hatte sie nichts geschnupft und besaß auch kein Rauschgift.
„Sie kommen jetzt bitte mit.“ Die Entschlossenheit in seiner Stimme ließ keinen Widerspruch zu, sodass Stephanie sich fügte. Als befürchtete er, sie könnte fliehen, dirigierte er sie am Ellbogen in den Garderobenraum, wo sie noch vor wenigen Minuten ihren Mantel vom Haken genommen hatte.
„Ziehen Sie den Mantel aus und leeren Sie bitte Ihre Taschen. Die Tasche legen Sie bitte hierhin.“ Als Stephanie zögerte, seiner Aufforderung Folge zu leisten, zogen sich seine Brauen drohend zusammen. „Wenn Sie sich weigern, muss ich Sie bitten, mich aufs Revier zu begleiten.“
Nicht noch auf die Polizeiwache! Seufzend streifte sie das Kleidungsstück ab, legte es über einen Stuhl neben der Garderobe und stülpte auf seine Anweisung hin das Futter der Taschen nach außen.
„Mein Wohnungsschlüssel.“ Sie hielt das Schlüsselbund hoch, bevor sie es auf den Tresen vor der Garderobe legte.
„Mein Lippenstift.“ Auch das Schminkutensil landete daneben. Den Schlüssel ließ Feathers liegen, ihr Schminkutensil hingegen schraubte er auf und drehte den Farbstift heraus, um ihn von allen Seiten zu begutachten, bevor er ihn wieder zurück in die Hülle schob.
Aus dem Saal drangen aufgeregte Stimmen. Immer wieder fragte Stephanie sich, ob die Polizisten wegen des Kokains hier waren.
„Würden Sie mir jetzt bitte erklären, weshalb Sie mich hier festhalten und filzen? Ich bin keine Kriminelle. Ich habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen. Das können Sie in Ihrer Kartei nachsehen.“
„So, jetzt bitte den Inhalt Ihrer Handtasche auf dem Tresen auskippen“, überging Feathers ihre Frage. Stephanie wollte nur, dass das alles schnell ein Ende hatte.
„Jetzt die Tasche!“ Er deutete mit dem Zeigefinger darauf.
„Was meinen Sie, bei mir zu finden?“ Seufzend zog sie den Reißverschluss auf und schüttete den Inhalt auf den Garderobentresen.
Feathers betrachtete jedes einzelne Utensil genau, bevor er sich schließlich zu ihr umdrehte. Zwischen seinen Fingern hielt er ein winziges Beutelchen in die Höhe.
„Das hier zum Beispiel“, antwortete er mit gepresster Stimme und sah sie strafend an. Er schaffte es, dass Stephanie sich nun wirklich wie eine Verbrecherin fühlte.
„Das gehört mir nicht. Ich weiß gar nicht, wie das in meine Tasche geraten konnte. Ich nehme so was nicht. Ich nehme nie Drogen.“ Sie deutete mit dem Zeigefinger darauf. Wie zur Hölle war das in ihre Handtasche gelangt?
„Und das soll ich Ihnen glauben?“ Sein Tonfall war schneidend und ließ sie frösteln.
„Wenn ich es Ihnen doch sage. Ich … ich kenne das nicht. Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben Kokain genommen. Wirklich.“
Plötzlich sah sie wieder Dorian und die anderen vor sich, die im hinteren Clubraum gesessen hatten, die weißen Plastikröhrchen und die Beutelchen mit dem weißen Pulver. Unwillkürlich musste sie schlucken, als ihr in diesem Moment die Konsequenzen bewusst waren. Sie war mit Kokain erwischt worden, was strafbar war. Ihr wurde bei der Vorstellung übel, eine Strafe abzusitzen und für den Rest ihres Lebens mit dem Brandzeichen einer Vorstrafe versehen zu sein. Abwehrend hob sie die Hände.
„Hören Sie, ich kann Ihnen versichern, dass das nicht meins ist und ich nicht weiß, wie es in meine Tasche gelangen konnte.“
„Natürlich. Sie sind genauso unschuldig wie alle Süchtigen und Dealer.“ Seine Worte troffen vor Hohn.
„Das bin ich auch. Und ich kann es beweisen. Lassen Sie doch mein Blut untersuchen.“
Der Beamte zeigte sich unberührt. „Vielleicht wollten Sie es noch nehmen oder haben versucht, das Kokain an jemanden zu verkaufen. Unerlaubter Drogenbesitz. Sie haben sich damit strafbar gemacht.“
Wie in Trance nickte Stephanie. Strafbar. Sie, die sich nie etwas hatte zuschulden kommen lassen. Dennoch lag da der winzige Beutel vor ihnen auf dem Tresen. Feathers steckte ihn in einen größeren Plastikbeutel und beschriftete ihn mit dem Begriff Evidence. Beweismaterial. Als wäre sie kriminell.
In ihrem Hirn rief sie sich die letzten Stunden nach Verlassen von Dorians Wohnung ins Gedächtnis zurück. Dorian hätte ihr unbemerkt das Kokain in die Tasche schieben können. Oder der Fremde bei ihrem Zusammenstoß. Oder … Eine eiskalte Hand schien ihr Herz zu umspannen. Vorhin war ihre Tasche auf den Boden geknallt und Sylvie hatte sie eingeräumt. Sollte ihre Freundin die Drogen heimlich in ihre Tasche geschmuggelt haben? Die glasigen Augen, das seltsame Benehmen sprachen dafür, dass ihre Freundin sich eventuell auch am Kokain bedient hatte. War Sylvie wirklich zu so etwas fähig? Aus Neid? Die letzten Jahre waren sie zusammen durch dick und dünn gegangen. Doch die Vorwürfe vorhin hatten sie schwer getroffen. War sie die ganze Zeit über so blind gewesen?
„Sie folgen mir jetzt aufs Revier. Ich muss Sie wegen unerlaubten Drogenbesitzes festnehmen.“ Vor Schreck trat sie einen Schritt zurück, da packte er sie am Arm.
Das konnte nur ein Albtraum sein. Sie fühlte sich hundeelend und müde. Sie zog sich den Mantel über und räumte den Tascheninhalt wieder ein. Die Tür zum Saal, in dem Phil vor Stunden noch eine Rede gehalten hatte, schwang auf. Mehrere Polizisten traten in Begleitung protestierender Gäste heraus.
„Führt Sie zu den Wagen“, wies Feathers seine Kollegen an.
Sie erkannte einige von ihnen aus dem Clubraum wieder.
Dorian, Phil oder Sylvie waren jedoch nicht unter ihnen.
„Sind noch welche in den hinteren Räumen?“, rief der Polizist neben ihr den anderen zu.
„Nein, wir haben alle Räume durchsucht. Es sind nur eine Handvoll Security-Leute da, die ausgesagt haben, dass die meisten Gäste den Club bereits verlassen haben.“
„Aber …“ Stephanies Protest ging im Tumult unter, als sich die Abgeführten lautstark wehrten.
„Kommen Sie schon.“ Widerwillig folgte sie Feathers zu seinem Wagen.
Eine halbe Stunde später saß sie auf dem Polizeirevier. Feathers nahm ihre Personalien auf. Monoton ratterte er die Fragen herunter. Kein überflüssiges Wort, keine Regung in seinem Gesicht.
„Sie sind Deutsche?“, fragte er am Ende und blätterte in ihrem Pass. Stephanie nickte. Zum ersten Mal wirkten seine Züge lebendig. „Meine Mutter ist auch aus Deutschland“, gab er preis. Sie hätte ihm nicht zugetraut, dass er lächeln konnte. Doch das währte nur für einen flüchtigen Augenblick, bis seine Miene sich wieder verschloss.
Auf ihre Frage nach dem Herkunftsort seiner Mutter erhielt sie keine Antwort mehr von ihm. Stattdessen scannte er ihren Pass und blickte nicht mal auf.
Als er wieder hinter seinen Schreibtisch zurückkehrte, begann die Befragung zum Kokainbesitz. Nur mühsam konnte sie die Augen offenhalten. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Reiß dich zusammen, Stephanie! Überlege jedes Wort, wenn du nicht stundenlang gelöchert oder ins Schwimmen geraten willst. Der Vorsatz war eine Sache, es auszuführen, eine andere. Immer wiederholte er dieselbe Frage. Offenbar war es seine Taktik, sie zu zermürben. Gähnend erklärte sie zum x-ten Mal, wie das Kokain in ihre Handtasche gelangt sein könnte. Unzählige Male hatte sie Feathers beteuert, dass sie das Rauschgift nicht beschafft hatte. Seine Miene blieb ausdruckslos. Nichts darin verriet, ob er ihr glaubte.
„Wirklich, wie ich schon sagte, ich bin mir sicher, dass es nur meine Freundin gewesen sein kann. Sylvie Zöller. Als sie den Inhalt meiner Tasche eingesammelt hat …“ Herrgott, weshalb starrte er sie so an? Das Klappern der Tasten dröhnte in ihrem Kopf. Wenn sie doch endlich das Department verlassen könnte. Sie hatte Durst, und ihr verspannter Nacken schmerzte.
„Das sagten Sie schon.“
Sie stützte den Kopf in die Hände, fühlte sich leer und ausgebrannt. „Weil es der Wahrheit entspricht. Bitte, Chief Inspector Feathers, ich schlafe gleich auf dem Stuhl ein …“
Hinter seiner hohen Stirn schien es zu arbeiten. Einen Penny für seine Gedanken! Würde er sie tatsächlich gehen lassen oder etwa in eine Zelle stecken, wie vorhin die junge Frau in Punk-Klamotten am Ende des Flurs?
Er stand auf. „Sie warten hier“, befahl er und zeigte auf ihren Platz. Mit dem ausgedruckten Vernehmungsprotokoll in der Hand verließ er das Büro. Unter dem anklagenden Blick der dunkelhäutigen Polizistin am Nachbarschreibtisch fühlte Stephanie sich noch unwohler. Feathers Kollegin starrte auf den Bildschirm vor sich. Bei der Stille fielen Stephanie immer öfter die Augen zu. Die Minuten des Wartens mutierten zur Ewigkeit. Sie starrte unter halbgeöffneten Lidern blicklos vor sich hin.
„Wenn Sie Glück haben, kriegen Sie nur ein Jahr auf Bewährung und eine dicke Geldbuße.“ Bei den Worten der Polizistin sah Stephanie erschrocken auf. Die Feindseligkeit in den Augen der Beamtin ließ Stephanie zusammenzucken. Gefängnis … Geldstrafe … Ihr Herz schlug hart gegen die Rippen. Sie war ruiniert. Alles, was sie sich mühsam erarbeitet und aufgebaut hatte, für die Katz! Die Behauptung, sie hätte Rauschgift bei sich getragen, würde sich wie ein Lauffeuer in der Branche verbreiten. Niemand wollte mit einer Maklerin noch Geschäfte abwickeln wollen, die Drogen nahm. Sie spürte, wie ein Schweißtropfen ihr Rückgrat hinabrann. Wann kehrte denn nur Feathers endlich zurück?
Ihre Finger trommelten auf die Stuhllehne. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch sah sie immer wieder zur Tür und ignorierte die Blicke der Polizistin.
Draußen wurde es hell, und ein orangeroter Streifen der aufgehenden Sonne zeichnete sich am Horizont ab. In diesem Büro war es nicht sonderlich warm, noch dazu war sie übernächtigt. Fröstelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust. Ihr Kopf ruckte herum, als sie draußen vor der Tür zwei Männer sprechen hörte, eine Stimme gehörte Feathers. Ihr Name fiel. Alles andere konnte sie nicht verstehen. Irgendwann gab sie das Lauschen auf und lehnte gähnend ihre Stirn an die kühle Fensterscheibe. Die ersten Schulbusse fuhren durch die Straße und stoppten an der Haltestelle gegenüber, um lärmende Schulkinder aufzunehmen. Vor dem Fenster des Departments eilten Männer in Nadelstreifenanzügen vorbei. Nur wenige Minuten Fußweg entfernt befand sich die internationale Handelsbörse. London erwachte. Sie fühlte sich allein. Wo waren Dorian und Sylvie? Offenbar hatten sie die Gelegenheit genutzt, der Polizei durch irgendein Hintertürchen zu entkommen. Ihre beste Freundin hatte sie ans Messer geliefert!
Während sie zum Fenster hinausschaute, verschwamm allmählich das Bild vom Treiben draußen auf der Straße. Als ihre Lider sich senkten, sah sie die sanften, grünen Hügel von Abendroth vor sich, hörte das morgendliche Vogelgezwitscher vor dem Fenster und das Gurren der Tauben auf dem Dach des Gutshauses. Irgendwo unten im Hof krähte der Hahn. Als sie nach unten zu dem schmalen Weg schaute, der zu den Weiden führte, erkannte sie Gregor, der mit einem Stöckchen seine Gänse auf die Wiese hinter dem Haus trieb.
Eine schwere Hand legte sich auf Stephanies Schulter. Langsam öffnete sie die Augen und blinzelte verschlafen zu Feathers auf.
„Sie können gehen“, sagte er in einem Tonfall, der keinen Zweifel darüber offenließ, wie sehr ihm das missfiel.
Die Mappe, die er in seinen Händen hielt, klatschte auf die Schreibtischplatte. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie brachte kein Wort über die Lippen, während ihr Hirn versuchte, seine Worte einzuordnen. Nur langsam sickerte deren Bedeutung in ihr Bewusstsein. Sie konnte gehen? War frei? Ungläubig sah sie zu ihm auf.
„Worauf warten Sie noch?“, fragte er ungehalten.
„Ich … ich verstehe nicht“, stotterte Stephanie. „Wieso lassen Sie mich so plötzlich frei?“
„Offenbar haben Sie Beziehungen zu höherer Stelle“, fuhr Feathers fort.
Beziehungen zu höherer Stelle? Sie kannte niemanden, oder doch? Egal, jemand hatte sich für sie eingesetzt und die Tortur hatte jetzt ein Ende. Wenn einer Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten besaß, dann nur Dorian. Bereute er etwa sein Verhalten von vorhin? Sie erinnerte sich, dass er neulich mit dem stellvertretenden Bürgermeister gespeist hatte. Sein Einsatz für sie würde sie wieder versöhnen.
„Aber Sie dürfen die Stadt nicht verlassen. Verstanden?“
Sie nickte, bevor sie sich steif vom Stuhl erhob und nach ihrer Handtasche griff. „Chief Inspector Feathers, habe ich meine Freilassung Mr Dorian Trelawney zu verdanken?“
„Dazu kann ich keine Aussage treffen“, antwortete Feathers. „Und jetzt gehen Sie endlich, bevor ich es mir noch anders überlege. Übermorgen will ich Sie hier sehen. Sollten Sie London vorsätzlich verlassen, lasse ich Sie wieder festnehmen.“
Stephanie nickte und versprach es ihm, bevor sie aus dem Büro eilte. Sie war heilfroh, dass die Qual zu Ende war.