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Оглавление16.Oktober – Mittwoch
Kurz vor zwei war in der Metzgerei Wimmer nicht viel los. Die Hausfrauen hatten ihr Fleisch für den Mittagstisch schon längst besorgt, und auch die Brotzeitkunden waren wieder am Arbeiten. Deshalb wunderte sich Karola, dass Melanie, die Fleischwarenfachverkäuferin, sie in den Verkaufsraum bat. Während sie sich die Schürze überwarf, blickte sie durch die Tür mit dem Riffelglas und erkannte zwei Silhouetten. Kunden waren es wohl nicht, denn die hätte Melanie alleine bedienen können. Sie öffnete die Tür und erkannte alte Bekannte wieder.
»Herr Stimpfle, nicht wahr?« Es war tatsächlich Kriminalhauptkommissar Lukas Stimpfle von der Mordkommission Ingolstadt. »Und Frau Daschner?«
Auch das war richtig. Inzwischen kannte sie also schon Teile der Polizeikräfte persönlich und mit Namen, schoss es Karola durch den Kopf. Ihr Vater musste endlich Schluss machen mit seinen Detektivspaßetten.
»Frau Kirner, mer müsset mit Ihrem Vater sprechen. Dienschtlich.«
Stimpfle war ein Import aus Stuttgart. Er hatte sich im Polizeipräsidium in Ingolstadt inzwischen gut eingefügt und war als zäher Ermittler der Mordkommission sehr geschätzt, doch so ganz war er noch nicht in seiner neuen Heimat angekommen. Er hatte bei Land und Leuten immer noch gewisse Anpassungsschwierigkeiten. Sein hartnäckiges Schwäbisch, das er kaum unterdrücken konnte, machte es ihm dabei oft nicht leichter.
»Dienstlich?« Bei Karola schrillten plötzlich die Alarmglocken.
»Jawohl. Könnet Se uns sagen, wo mer den Herrn Wimmer finden können?«
»Der muss gleich wiederkommen. Er hat nur ein paar Platten mit Kanapees ausgeliefert. Ah, da kommt er schon. Gehen wir doch bitte ins Brotzeitstüberl. Melanie?« Ein scharfer Blick, und Melanie wusste, dass sie bis auf Weiteres den Laden alleine zu betreuen und jede Störung zu unterbinden hatte.
Als sie zu viert um den Tisch im Brotzeitstüberl herumsaßen, eröffnete Stimpfle sehr ernst das Gespräch.
»Herr Wimmer. Mir ermittle in em Mordfall. Ich muss Sie fragen: Wo sind Sie gestern zwischen vierzehn Uhr und vierzehn Uhr dreißig g’wäh?«
»Des fragen S’ mich jetzt im Ernst?«
Wimmer mochte das Detektivspielen. Doch er war dabei immer der Detektiv gewesen. Nun war er offenbar verdächtig. Das missfiel ihm sehr. »Jetzt sagen S’ glei, dass S’ des nur wissen wollen, dass S’ mich ausschließen können und dass des a reine Routine is. Aber wieso kommen S’ denn zu mir?«
Stimpfle waren Wimmers Hobbyaktivitäten als Detektiv immer schon ein Dorn im Auge gewesen. Dass Amateure in seinen Untersuchungen herumstöberten, fand er eine lästige, völlig unangebrachte Einmischung. Wenn aber die Amateure dabei so zielgerichtet, hartnäckig und auch noch erfolgreich an den Kriminalfällen schnupperten, wie Wimmer es getan hatte, dann war das nur umso schlimmer.
»Bitte, Herr Wimmer, beantwortet Se uns die Frage.«
»Gestern kurz vor halb drei?«
Daschner wiederholte die Daten.
»Da war ich in der Gemeindebücherei. Da hab ich mir ein neues Buch ausgeliehen. Das hier.«
Er reichte Stimpfle ein Buch vom Fensterbrett. Der nahm es erst, als er sich einen Latexhandschuh übergezogen hatte.
»Stürmische Ernte«, las Stimpfle. Dann fischte er einen automatisch bedruckten Beleg heraus. »Ausgeliehen … gestern um vierzehn Uhr achtunddreißig. Wie lange waret Se in der Bücherei?«
»Hm … zwanzig Minuten mindestens. Eher a halbe Stunde. Viel mehr aber aa ned. Fragen S’ halt die Frau Winter. Die wird Ihnen das bestätigen können.«
»Das werden wir ganz sicher tun. Diese Quittung werde ich an mich nehmen. Sie ist immerhin ein Beweis zu Ihren Gunsten.«
Den Beleg steckte Stimpfle in eine Beweissicherungstüte, einem mit einem Formular bedruckten Ziplockbeutel aus Plastik, und beschriftete ihn.
Inzwischen wurde Wimmer ungeduldig.
»Ja, was ist denn los, zum Donnerwetter?«, wollte er wissen.
»Kennen Sie Herrn Dirk Biss?«, fragte Daschner, anstatt zu antworten.
»Ja, freilich. Ich kenn den Mann.«
»Wann haben Sie den zum letzten Mal gesehen?«
»Das ist scho a paar Wochen her.«
Wimmer stand auf und trat an den Wandkalender. »Da war der Besuch von der Katharina. Und in der Woche danach. Genau … hier!« Sein Zeigefinger parkte auf einem Montag. An dem Tag war’s so gegen Mittag. Da hat er mich hergefahren, und wir sind friedlich auseinander. Wieso wollen S’ denn des ois wissen?«
Daschner blickte zu Stimpfle, und der nickte.
»Herr Biss ist tot. Und Sie hat man gesehen, wie Sie mit ihm durch die Gegend gefahren sind. Verschiedene Leute haben Sie erkannt und fanden das recht sonderbar.«
»Der Biss ist tot?« Die Nachricht brachte Wimmer tatsächlich aus dem Gleichgewicht.
»Ja.«
»Ermordet?«
»Ja.«
»Ich hab ja gewusst, dass deine Blutsdetektivspielerei nur Ärger macht!« Karola pumpte sich zu einer Schimpftirade auf. »Nix als Ärger und gefährlich is es aa no. Was hast denn jetzt scho wieder ang’stellt? An was hast da scho wieder gerührt? Kannst ned wenigstens einmal drauf verzichten, mit Leichen umanandzuschmeißen? Wo du bist, fallen d’ Leid um wie d’ Flieg’n. Des muss jetzt aber endlich a End ham! Herrschaftszeiten!«
Sogar Stimpfle lächelte.
»Ganz so schlimm isch es, glaub i, dann doch ned, Frau Kirner. Wenn ihr Vater tatsächlich in der Bücherei g’wen isch, dann hat er ja a ganz a solides Alibi. Aber trotzdem müsset mer ihn genau befragen. Sonst tät mer doch unsere Arbeit ned machen, ned wahr?« An Wimmer gewandt, fragte er: »Darf ich Sie bitten, dass Sie uns auf das Polizeipräsidium begleiten? Da könnet mer Ihre Aussage besser aufnehmen.«
Wimmer seufzte. »Natürlich.«
»Ach ja … isch Ihre Enkelin auch wieder beteiligt g’wä?«
Obwohl sie nur in sehr geringem Umfang beteiligt war, bestand Lukas Stimpfle auch bei ihr auf eine Befragung. So wurde die Angelegenheit plötzlich deutlich größer, denn Karola bestand nun ihrerseits darauf, dass nicht nur sie selbst, sondern auch der Anwalt der Metzgerei, Herr Dr. Brauer, bei Annas Befragung anwesend war.
Dagegen war nichts einzuwenden, aber sehr wohl dagegen, dass die zu Befragenden zusammen im selben Wagen fuhren. Auch Absprachen über Mobiltelefone oder irgendwelche Beeinflussungsversuche galt es zu verhindern. So fuhr Daschner bei Karola und Anna mit, während Stimpfle Wimmer chauffierte.
Auch im Präsidium brachte man sie in verschiedene Räume. Wimmer saß in Stimpfles Büro, während Anna mit ihrer Mutter ein paar Zimmer weiter im Büro eines verreisten Kollegen wartete.
Karola war nervös. Da sie nicht über den Fall reden durfte und über nichts anderes reden wollte, rutschte sie unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und blickte alle zwei Minuten auf die Uhr.
Anna war, anders als ihre Mutter, weit weniger aufgeregt. Sie wusste, dass sie sicher nichts falsch gemacht hatte, und auch der Opa nicht. Was immer es war, wofür man sie brauchte, war sicher nicht so schlimm wie die kommende Schulaufgabe. So nutzte sie die Zeit, um Englischvokabeln zu büffeln. Daschner saß ihr gegenüber und half gelegentlich bei unregelmäßigen Verben aus.
Als Karola zum siebzehnten Mal auf die Uhr sah, stellte sie fest, dass sie schon die Ewigkeit von achtundzwanzig Minuten warteten. In diesem Moment öffnete sich die Tür und Dr. jur. Brauer, der Anwalt der Familie, trat ein. Er ließ sich kurz von Karola und Daschner auf dem Flur informieren, dann setzte er sich neben Anna und bat um eine kurze vertrauliche Unterredung mit seinen Mandantinnen.
Nun endlich konnte Daschner Anna befragen. »Du hast es ja schon mitbekommen. Herr Dirk Biss ist gestorben«, begann sie.
»Ja. Das habe ich mitbekommen.«
»Man hat vor einiger Zeit deinen Opa gesehen, wie er mit Herrn Biss in Wolnzach herumgefahren ist. Weißt du davon?«
»Ja, freilich. Der Opa hat mit Herrn Biss a bestimmtes Haus gesucht. Des war ned ganz einfach, weil … sie ham nämlich nur a uraltes Foto g’habt.«
»Weißt du, warum der Herr Biss das Haus gesucht hat?«
»Nein. Er hat es gesucht, als Detektiv, weil ein Klient oder Kunde ihn damit beauftragt hat.«
»Haben die beiden dieses Haus gefunden?«
»Was meinen S’ wohl? Klar hat der Opa raus’bracht, was des für a Haus war. Es war aber gar ned so leicht.«
»Hast du bei der Suche mitgeholfen?«
»Naa, mitg’sucht hab ich selbst ned. Aber i hab dem Opa mit dem Bild a bisserl geholfen, es am Computer vergrößert und so«, und sie berichtete von der Glühbirne als Maßstab.
Daschner lächelte. Dann fragte sie: »Hast du Herrn Biss selbst kennengelernt?«
Hier legte der Anwalt Anna eine Hand auf die Schulter. »Meine Mandantin wird sich zu dieser Frage nicht äußern. Ein Arbeiten am Rechner macht sie noch nicht mordverdächtig. Ein persönliches Kennen von Herrn Biss womöglich schon. Sie wird sich keinesfalls belasten.«
Anna wisperte dem Anwalt etwas ins Ohr. Der nickte. »Ist das so wirklich wahr?«
»Ja, klar. Und beweisen kann ich es auch!«, erklärte Anna. Dr. Brauer wog den Kopf hin und her und meinte dann: »Unter diesen Umständen ist eine Aussage doch sinnvoll.«
»Ich hab den Herrn Biss niemals kennengelernt. Ich hab ihn nie persönlich kenneng’lernt. Ich weiß nur, dass er bei uns angerufen hat. Da hat er mit dem Opa gesprochen. Mit mir nie. Und dann ist er wohl einmal bei uns gewesen. Am Tag darauf. Da bin ich aber in der Schule g’wesen. Das weiß ich, weil mir der Opa davon erzählt hat. Also … ich kenne den Mann ned. Und mein Beweis ist das Klassenbuch in der Schule. Da können S’ sehen, dass ich in der Schul war, als der Biss beim Opa war.«
Daschner lächelte. »Gut. Frau Kirner, können Sie diesen Anruf bestätigen?«
»Ja. Das kann ich. Und ich war auch da, als Herr Biss meinen Vater besucht hat. Und für gestern habe ich ein Alibi. Ich war in der Metzgerei. Unsere Fleischwarenfachverkäuferin und der Geselle werden Ihnen das bestätigen können.«
Daschner war damit zufrieden. »Dann lassen Sie uns das doch mal schriftlich festhalten«, meinte sie und klappte ihren Rechner auf.
Wimmer saß inzwischen Kriminaloberkommissar Konrad und Stimpfle gegenüber.
»So. Dann wollen wir deine Aussage noch einmal durchgehen«, sagte Konrad und griff die Ausdrucke von Stimpfles Protokoll aus dem Drucker.
Wimmer war entspannt. Er hatte sich nichts vorzuwerfen und hatte rückhaltlos alle Fragen der Polizisten beantwortet. Punkt um Punkt las nun Konrad vor, was Wimmer ihnen angegeben hatte. So hatten sie in zwei Dutzend Sätzen schließlich die Essenz der ganzen Geschichte, die Wimmer mit dem Toten verband, vorgelesen.
Am Ende runzelte Konrad die Stirn, und seine buschigen Brauen krochen halb die Stirn hinauf. »Da haben wir noch ein Detail vergessen. Wo war denn dann das Haus gewesen, das ihr gesucht habt?«
Wimmer gab bereitwillig die Adresse an, und Lukas Stimpfle ließ die Tastatur noch einmal klappern, um die Angabe ins Protokoll einzupflegen.
»Bin i jetzt g’strichen von eurer Verdächtigenliste?«, wollte Wimmer wissen.
Konrad seufzte. »Wir werden dein Alibi natürlich überprüfen. Endgültiges können wir jetzt noch nicht sagen. Das verstehst du sicher.«
»Freilich. Und wannst no was wissen willst, meld’st dich einfach. Aber jetzt hab i aa amal a Frage an euch. Was is denn überhaupt passiert?«
»Herr Wimmer, mer könnet unmöglich mehr sagen, als Sie schon wisset«, sagte Stimpfle streng.
»Lassen Sie es gut sein, Stimpfle. Morgen steht es eh in der Zeitung«, meinte Konrad. Als alter erfahrener Ermittler legte er die Regeln der Polizeiarbeit ein wenig großzügiger aus als sein Kollege. Damit war er meist sehr gut gefahren. Er folgte oft auch Spuren, die andere Kollegen längst wegen der Beweislage als Irrwege der Ermittlung abgelegt hätten. Wenn Konrad ein unbestimmtes Gefühl hatte, eine kriminalistische Ahnung, dann verfolgte er auch solche Irrwege länger als andere. Manch ein Beweis fing dann doch an zu wackeln, und plötzlich sah das Bild neu und völlig schlüssig aus. Meist war diese Mühe vergebens, doch immer wieder – oft genug – war er aber auch erfolgreich. Konrads Bonmot »die Welt ist so kompliziert, da können auch Tatsachen täuschen!« war unter den Kriminalpolizisten in Ingolstadt inzwischen ein geflügelter Ausdruck.
»Also gut: Den Biss haben wir gestern am Nachmittag in seinem Auto gefunden. Der Wagen ist von der Straße abgekommen und in einem Gebüsch gelandet. Biss selber war tot. Offenbar hat ihn eine Kugel getroffen. Der Gerichtsmediziner meint, wenn die am Tatort gemessene Temperatur der Leiche stimmt, dass er zwischen vierzehn und fünfzehn Uhr gestorben sein muss. Um die Zeit ist ein Jagdunfall eher unwahrscheinlich. Darum behandeln wir bis auf Weiteres diesen Fall als einen Mordfall.«