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26.8.1954

Franziska Wollner stand auf, streckte sich und holte ihren prallen Rucksack aus dem Gepäcknetz über ihrem Sitz.

»Ich bin ja schon so gespannt, Nelli! Sommerfrische und a gutes Geld verdienen. Mei, Nelli, des klingt ja wie im Märchen.«

Eleonore Harting lachte. »Jaja, es is aber aa a g’scheide Schinderei. So viel zur Sommerfrische. Aber a Gaudi is aa, wenn s’ alle a gute Laune ham. Und wenn du dich ned allawei verratschst, sondern fleißige Händ hast, dann schaut am End aa no a schöner Batzen raus.«

Dass Franziska überhaupt im Zug saß, war Eleonores Verdienst. Sie hatte ihre Freundin überredet, mitzukommen in die Holledau, wo, wie jedes Jahr, auch dieses Mal zur Hopfenernte wieder jede Menge Saisonarbeiter gebraucht wurden. Nicht nur Wanderarbeiter aus dem Bayerischen Wald nahmen diese Arbeit gern an, auch Männer und Frauen aus dem nahe gelegenen München, da ihre Arbeitsstellen in den Fabriken in dieser Zeit – Ende August – oft wegen Betriebsferien geschlossen blieben.

»Wohin geht’s noch amal genau?«, wollte Franziska wissen.

»Nach Jebertshausen. Des is a Dorf bei Wolnzach. Da sind wir bei den Bichlers am Hof. Es wird dir g’fallen. Die san nett.« Eleonore war dieses Jahr das vierte Mal zur Hopfenernte.

Auch von anderen Sitzbänken des Nahverkehrszugs erhoben sich inzwischen die Leute, nahmen kleine Koffer, große Reisetaschen, Rucksäcke und sogar einen Seesack aus den Netzen. Allmählich wurden die beiden Freundinnen von der Menge in den Vorraum zwischen den Abteilen geschoben. Bald drängten sich Männer und Frauen, junge und nicht mehr ganz so junge, in bunter Mischung gut gelaunt und erwartungsfroh zusammen. Der Zug würde wohl beinahe leer nach Ingolstadt weiterfahren. Endlich ratterten die eisernen Räder über Weichen, und sie liefen in einen Bahnhof ein.

»Das ist also Wolnzach.« Franziska sah sich auf dem Bahnsteig um, als der Zug abgefahren war. Die Station lag in einem weiten Flusstal, und hinter ein paar Bäumen, jenseits der Gleise, ragten Ziegeldächer auf.

»Träum ned, Franzi, mir müssen unsern Bauern finden, sonst fährt der ohne uns. Außerdem ist das da hinten ned Wolnzach, sondern Rohrbach.«

»Ja, ham die den Bahnhof denn ned beim Dorf gebaut?«, fragte Franziska und hastete ihrer Freundin nach.

»Naa. Die ham ihn lieber an die Bahnstrecke g’stellt. Aber weil Wolnzach a bisserl größer is und weil koa Sau sich für Rohrbach interessiert, heißt der Bahnhof halt trotzdem so. Schau! Da drüben, da müssen wir hin.«

Sie stiegen um in einen Schienenbus, der die Nebenstrecke bediente und als »Holledauer Bockerl« bekannt war. Mit dieser Bahn fuhren sie weiter, bis sie etwa eine Viertelstunde später an der Haltestelle Wolnzach Markt ausstiegen.

Auf dem Platz vor dem Bahnhof stand ein Dutzend Traktoren mit leeren Anhängern und groß beschriebenen Pappschildern, die die Höfe bezeichneten. Ziemlich am Ende der Reihe las Franziska »Bichler-Hof Jebertshausen«. Auf dem Traktor saß eine Frau um die sechzig mit roten Apfelbäckchen und einem Klemmbrett.

»Grüß Sie Gott, Frau Bichler«, sagte Eleonore.

»Ja, Grüß Gott, schön, dass du wieder da bist. Unsere fleißige Nelli ham wir immer gern auf dem Hof. Und wen hast du da dabei?«

»Ich bin die Franziska.«

»Servus. Hast so was scho amal g’macht?«

»Nein, gnädige Frau.«

»Des mit der gnädigen Frau, des kannst dir gleich schenken. So vornehm samma ned hier am Land. Ich bin die Frau Bichler, oder du sagst einfach Bäu’rin zu mir. Zeig amal deine Händ her.«

Gehorsam streckte Franziska der Alten ihre Hände hin. Die nahm sie in ihre eigenen.

»Na ja, da hab ich schon Schlimmeres g’sehn bei solchen Madamchen aus der Stadt. Kann s’ denn schaffen, Nelli?«

»Freilich. Sie hat die Werkbank gleich neben der meinen beim Siemens. Mir bau’n da Telefonanlagen, und sie ist genauso schnell und geschickt wie nur eine! Die Franzi lötet sauber, und keine wickelt so schnell und sauber einen Trafo wie sie.«

»Gut, gut. Flinke Händ san wichtig. Na dann, woll’n wir’s mitnander probiern. Ah, der Anton is aa wieder da!« Damit begrüßte sie den Nächsten, und die Freundinnen kletterten auf den Anhänger.

Als etwa dreißig Leute auf dem Hänger saßen und alle Namen auf dem Klemmbrett abgehakt waren, warf Frau Bichler das grüne Fendt-Dieselross an, und gemütlich tuckerten sie los, ihrem Arbeitsplatz entgegen.

»Schau amal! Und vor allem: Riech amal, der Hopfen, Franzi!« Eleonores Augen bekamen einen träumerischen Glanz.

Sie fuhren nun auf einer schmalen Straße durch Stangengärten, in denen bis zu neun Meter hoch üppige sattgrüne Hopfenreben mit hellgrünen Dolden nach oben gerankt waren. Die Luft war hier im Schatten schwer und beinahe betäubend aromatisch. Es roch intensiv, würzig und leicht bitter. Es erinnerte Franziska stark an kühles, frisch gezapftes Bier.

»Ah, is des schön! Dafür allein hat sich die Fahrt schon g’lohnt. Für mich is des der beste Duft der Welt«, erklärte Franziska und strahlte. Dies sorgte für allgemeine Heiterkeit.

»Des is gut, Dirndl«, erklärte ein beleibter Mann in Latzhose mit Pappkoffer. »Weil des Parfeng, des werst jetzt a paar Wochen lang nimmer los.«

»Wenn’s weiter nix is, das soll mich ned stören.«

»Schau, da drüb’n, da san s’ scho am Obarupfen.« Die Latzhose hatte sich als »da Willi aus der Au« vorgestellt und zeigte nun auf einen Hopfengarten, in dem schon geerntet wurde.

Vorn an einem schmalen Traktor war eine Kanzel angebracht, ähnlich wie der Korb an einer modernen Feuerwehrdrehleiter. Die Kanzel ragte hoch hinauf. Zwei Männer standen darin, um ganz oben die Drähte durchzuzwicken, die man im frühen Frühjahr an die Stahlseile gebunden hatte. Seit März rankte sich der zum Himmel strebende Hopfen an diesen Kletterhilfen hinauf und war schon vor mehr als einem Monat oben angelangt.

Wenn die Drähte, und an ein paar Stellen auch die Ranken, ganz oben durchgezwickt waren, wurden diese von kräftigen jungen Männern, die hinter dem Traktor gingen, heruntergerupft. Die störrischen Pflanzen hatten längst auch Halt an den dicken Stahlseilen gefunden. Doch wenn zwei Mann mit aller Macht ziehen, gibt auch der widerspenstigste Hopfen am Ende nach, und die grüne Säule fällt anmutig zu Boden. Ein weiterer Trupp Arbeiter schleppte sie dann zu einem Anhänger, wo etwa zwei Dutzend Leute mit dem Zupfen, dem »Hopfenbrocken«, beschäftigt waren.

»So wird Hopfen geerntet«, erklärte Willi.

»Muss ich da auch mit an den Ranken zerren?«

»Schmarrn!« Eleonore lachte. »Mir Weiberleut dürfen den Hopfen brocken. Mir sammeln die Hopfendolden von den Reben ab. Nur die braucht man. Der Rest der Pflanze ist eigentlich nur mehr Kompost.«

Endlich waren sie am Hof angekommen. Inzwischen war es fast fünf Uhr nachmittags.

»Ihr kennt euch ja aus. In a Stund gibt’s Abendessen, dann kommen auch die Männer wieder heim. Und morgen geht’s los … Langweilig wird’s schon keinem werden. Des zumindest ist sicher.«

Dass Franziska nun hinter Eleonore die Leiter auf den Heuboden hinaufstieg, empfand sie immer noch als kleines Wunder. Fast wäre sie nicht gekommen. Sie hatte in der Familie gegen große Widerstände kämpfen müssen und war ein weiteres Mal als ihr schwarzes Schaf bezeichnet worden. So war es auch schon gewesen, als sie bei Siemens zu arbeiten angefangen hatte. »Industriearbeiterin«, das klang in den Ohren ihrer Tante und der Großmutter nicht besonders standesgemäß. »Wir sind eine Postfamilie, Beamte. Wir gehören doch nicht zum Proletariat!«

Nur dumm, dass es keine Postbeamten mehr in der Familie gab. Großvater war schon seit Jahrzehnten tot, ihr Vater vermisst, und Onkel Erwin war als Feldpoststellenbediensteter der 9. Armee in Stalingrad gefallen.

Während Tante und Großmutter wenigstens die Pensionen ihrer Männer zum Leben hatten, hatten Mutter und sie beinahe gar nichts, außer Franziskas Einkommen aus der verachteten Industriearbeit.

Tante und Großmutter führten seither einen langen Kleinkrieg und versuchten, Franziska zu einem standesgemäßeren Broterwerb zu bewegen. Mehrmals in der Woche musste sie sich Vorwürfe in Frageform anhören. Ob es denn nicht bessere und geeignetere Arbeiten für Franziska gebe? In einem Laden vielleicht? Oder als Sekretärin? Doch kein Laden, den sie kannte, wollte sie nehmen, und bei ihren Künsten auf der Schreibmaschine wäre jede Bewerbung als Schreibkraft aussichtslos gewesen. Kaum anders war es um ihr Geschick an der Nähmaschine bestellt.

Das größte Hindernis war aber ein anderes. Die Arbeit an der Werkbank gefiel ihr. Genau so wollte sie arbeiten, mit den Händen etwas schaffen. Doch das war in der Familie verpönt.

»Aber Tante Iris hat doch auch in der Fabrik gearbeitet!«

»Im Krieg! Weil alle Männer fort waren, da hat sie es müssen! Doch nun ist Frieden. Wir sind anständige Leute, kein G’schwerl. Arbeiter und Linke, die bringen nur Unfrieden! Kind, besinn dich doch!«, wiederholten die Verwandten fortwährend. Dem Argument der guten Entlohnung konnten sie am Ende aber doch nicht viel entgegensetzen.

Aufgeregt wie ein Kind vor Weihnachten war Franziska ihrer Freundin in die Scheune gefolgt und kletterte nun hinter ihr eine Leiter hinauf.

»Hier werden wir schlafen!«, erklärte Eleonore. »Im Heu! Ganz romantisch!«

Tatsächlich fanden sie hier zwei ordentliche Reihen von Schlaflagern auf Heuballen mit Militärwolldecken als Unterlage vorbereitet, auf denen jeweils eine weitere Decke als Bettzeug lag.

»Darum also sollte ich den Jugendherbergsschlafsack mitbringen«, begriff Franziska. Plötzlich wurde sie rot. »Wo schlafen denn die Männer?«

Eleonore lachte. »Die Burschen und Mannsbilder schlafen drüben überm Stall. Ach ja, wenn wir schon dabei sind: Es gibt nur drei Regeln, aber die sind wichtig. Erstens: Hier oben wird ned g’raucht. Wenn dir a Zigarettn runterfällt, brennt ruck, zuck der ganze Hof ab. Aber du rauchst ja eh ned. Zweitens: Die Rucksäcke sind heilig. Wir ham keinen Spind und keine Schlösser. Wir müssen uns vertrauen können. Du magst ned, dass irgendwer in deinen Sachen kruschtet. Genauso geht es allen anderen. Drum: Anschaun ja, anfassen nein!«

»Und das Dritte?«

»Keine Männerg’schichten! Die Leut hier san sehr fromm. Ohne Schmarrn! Die Frau Bichler is a Seele von Mensch, aber wenn du ihr die Sünd unters Dach bringst, da wird s’ fuchsteufelswild. Ich hab schon Leut hier abfahren sehn, die hat die Bäurin förmlich rausg’staubt. Auch bei den Burschen gilt: Anschaun ja, anfassen nein! Na ja, a bisserl kokettieren is ja ganz normal, a Bussi is aa noch in Ordnung, aber was mehr is, is scho z’viel! Schmusen, zum Beispiel, des is scho nimmer gut. Und jetzt nimm deine Schüssel.«

»Ich wollt mich erst heut Abend richtig waschen!«

Eleonore lachte herzlich. »Franzi, des is doch ned nur dei Waschschüssel, des is aa dei Essgeschirr. Also nimm s’ mit und schick dich! Am ersten Tag gibt es immer Regensburger mit Kartoffelsalat!«

Hopfenbitter

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