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ОглавлениеDer Wahn des Hannes Krause
1812 – Brazingen bei München – Deutschland.
Morgens, Hannes Krause, ein neun Jahre alter Lausbub, lief auf dem Weg zur Schule fröhlich pfeifend den Feldweg zwischen den Wiesen entlang, als ein großer, schwarzer Vogel direkt vor ihm auf dem Weg landete und ihn anstarrte. Hannes blieb stehen und schaute den Vogel ebenfalls gebannt an, denn er hatte das Gefühl, dass das gar kein echter Vogel war. Außerdem hatte er plötzlich Angst, denn er war ja ganz allein auf weiter Flur und der Vogel war wesentlich größer als alle Vögel, die er bisher gesehen hatte. Und dann stand das Tier ja auch noch so unbeeindruckt vor ihm und glotzte ihn mit seinen stechenden Augen an. Beide bewegten sich nicht. Sie standen sich gegenüber und schwiegen.
Hannes überlegte, ob er vielleicht in einem Bogen durch die Wiese rennen sollte, um das Vieh zu umgehen, aber schon als er nur den Gedanken hatte und sich bildlich vorstellte, über die rechte Wiese um den Vogel herum zu laufen, machte der Vogel einen Hüpfer nach links. Als sich Hannes den Bogenlauf über die linke Wiese vorstellte, trat der Vogel nach rechts. Es hatte den Anschein, als wollte er Hannes den Weg abschneiden – den gedachten Weg. Also blieb er weiterhin stehen und wartete. Ihm war völlig bewusst, dass er schon sehr spät dran war, wie eigentlich jeden Morgen, aber er hoffte dennoch, dass irgendjemand aus seinem Dorf noch später dran wäre als er und ihm beistehen könnte. Die Minuten vergingen und Hannes blieb auf sich allein gestellt. Heute würde er wieder zu spät kommen und wahrscheinlich sogar ein paar Hiebe mit dem Lineal einstecken müssen, aber was sollte er machen?
„Was ist das nur für ein riesiger Vogel“, dachte er immer wieder, „und die Vogelart habe ich auch noch nie gesehen“. Hannes war hin und her gerissen. Sollte er sich vielleicht blitzschnell umdrehen und wieder nach Hause laufen? Oder einmal laut schreien, um zu sehen, ob der Vogel dann wegflöge? Welchen Gedanken er sich auch immer machte, es schien keine andere Möglichkeit zu geben, als stehen zu bleiben und zu warten, bis der Vogel sich von allein wieder auf und davon machte.
Es waren ungefähr fünfundzwanzig Minuten vergangen, als er endlich hinter sich und noch recht weit entfernt einen Pferdewagen hörte. „Endlich!“, seufzte er laut, gebannt den Vogel fixierend. Da kam jemand herangefahren, der ihm sicherlich helfen und ihn aus seiner misslichen Lage befreien konnte. Er genoss die Freude über den Herannahenden und fühlte, wie seine Angst einer steten Sicherheit wich. Dennoch traute er sich nicht, sich umzudrehen. Er wollte sicher sein, dass der Vogel keinen Angriff startete und behielt ihn also fest in seinem Blick. Immer näher kam das Gefährt und hielt schließlich hinter Hannes an. Es war der Bauer Schwarz, der Hannes vom Kutschbock herunter fragte: „Ja, Hannes, was machst Du denn hier mitten in den Wiesen? Müsstest Du nicht längst in der Schule sein?“
„Ja, müsste ich“, antwortete Hannes, ohne sich zum Bauern umzudrehen, „aber der verdammte Riesenvogel da auf dem Weg bedroht mich und lässt mich nicht vorbei.“
Der Bauer lehnt sich zur Seite, um an seinem Gaul ‚Rosa’ vorbei auf den Weg schauen zu können, dann steht er auf von seiner Kutschbank für einen noch besseren Blick und steigt dann schließlich sogar ab von seinem Kutschbock, geht auf Hannes zu und fragt: „Ja, was denn für ein Vogel, Hannes? Hier ist doch weit und breit kein Tier zu sehen“. Hannes dreht sich zum Bauern Schwarz um und schaut ihm tief in seine Augen. „Da, direkt vor uns steht er doch auf dem Weg, Bauer, so groß wie ein ausgewachsener Bernhardiner und so schwarz wie die Nacht. Seht doch, wie er uns anglotzt und seinen Kopf schräg stellt, als wollte er uns fragen, was wir von ihm wollen“.
„Da ist nichts“, sagte der Bauer, „nun sei nicht albern und steig auf den Wagen, ich fahre Dich zur Schule. Oder wirst Du vielleicht als Scherz diese Geschichte erfinden, nur um einen Grund zu haben, nicht in die Schule zu müssen? Das geht aber nicht, Hannes, das geht aber nicht“.
Hannes war völlig verzweifelt, dass der Bauer das Monstrum nicht sehen konnte, wo er doch so lebendig auf dem Weg stand, gehorchte aber und bestieg den Wagen. Die Ladefläche war fast leer und nur ein paar Heugabeln lagen neben einer Rolle Seil. Hannes setzte sich auf die Ladefläche mit dem Rücken an die Vorderwand und schaute nach hinten heraus. Der Wagen setzte sich in Bewegung, passierte den Vogel, der bereitwillig dem Wagen Platz machte. Als der Wagen vollständig am Vogel vorbei war und Hannes ihn wieder am Wegrand sitzend sehen konnte, war er für einen Moment erleichtert, da er sich in Sicherheit wähnte. Aber weit gefehlt. Der Wagen war noch keine zehn Meter vom Vogel entfernt, als dieser, begleitet von lautem Schreien, das dem eines Raben ähnelte, aber viel, viel beängstigender klang, mit einigen Schlägen seiner mächtigen Schwingen aufstieg, um kurz darauf auf der Ladefläche des fahrenden Wagens zu landen. Hannes stieß einen spitzen Schrei aus, worauf der Bauer sofort den Wagen anhielt, sich zu Hannes umdrehte und fragte: „Ja, Junge, was ist denn jetzt schon wieder los? Hat Dich etwa was gestochen?“
Hannes klammerte sich am Hemdsärmel des Bauern fest und stammelte mit zittriger Stimme: „Seht ihr denn nicht, dass die Bestie auf dem Wagen jetzt sitzt und die Flügel ausgebreitet hält, als wollte sie mich angreifen? Seht ihr nicht, wie die Augen funkeln und hört ihr nicht das gellende Kreischen, das er von sich gibt, der große, schwarze Vogel?“
Bauer Schwarz nahm den Jungen zu sich auf die Kutschbank, aber Hannes konnte den Blick nicht von dem Tier auf der Ladefläche lassen. Seine ausgebreiteten Schwingen waren breiter als der ganze Wagen und Hannes fühlte den Wind, den sie durch ihr heftiges, aufgeregtes Schlagen erzeugten. Der Vogel schrie nun so laut, dass Hannes sich die Ohren zuhalten musste.
Bauer Schwarz machte sich große Sorgen um das Kind, fühlte an der Stirn des Jungen, ob er vielleicht fiebrig war und konnte sich, da die Stirn ganz kühl war, sein Verhalten nur mit einem Wahnsinn erklären.
Kurz vor dem Ortseingang Brazingen, wo sich die Schule des Jungen befand, kletterte Hannes plötzlich wieder auf die Ladefläche. Der Bauer musste gerade einem Schlagloch ausweichen und hatte nicht die Möglichkeit, sich in diesem Moment nach hinten umzudrehen, aber als er das Hindernis passiert hatte und nach hinten schaute, war Hannes verschwunden. Er hielt den Wagen an, stieg ab und suchte auf dem Weg und in den Wiesen nach Hannes, immer wieder laut nach ihm rufend.
„Dieser Lausejunge wird die Schule schwänzen wollen und ist stiften gegangen. Dann hat er den Vogel bestimmt doch nur deshalb erfunden“, dachte er bei sich, stieg wieder auf seinen Wagen und machte sich davon.
Hannes war von den Klauen des Vogels ergriffen worden und flog nun unter dem Tier hängend durch die Lüfte. Immer höher stieg der Vogel, inzwischen hatte Hannes aufgehört zu schreien, immer kleiner wurden die Häuser von Brazingen und der Pferdewagen des Bauern Schwarz. Nach einiger Zeit konnte er das ganze Land bis hin zur großen Stadt sehen und bald darauf verschwand sogar die Stadt als kleiner Punkt auf der Erdkugel und immer weiter stieg der Vogel und immer schneller stieg er empor – ja, wo sollte das denn noch hinführen? Hannes war davon überzeugt, dass er gerade einen tollen Traum hatte und freute sich schon auf die vielen Schokoladenplätzchen, die er gleich bekommen würde, wenn der Vogel endlich im Himmel gelandet war, aber der Vogel landete nicht. Hannes schlief ein, noch immer ganz fest an die herrlichen Plätzchen denkend.
Als er wieder aufwachte, lag er in einem großen, weißen Raum. Es gab weder Fenster noch Mobiliar. Die Beschaffenheit der Wände war ihm völlig fremd. Sie waren glatt und schienen sich irgendwie zu bewegen. So etwas hatte er noch nie zuvor gesehen. Er war allein in diesem Raum, glaubte er, und begann kleinlaut zu rufen: „Hallo, ist da jemand? Kann mich jemand hören?“
Hannes hörte eine Stimme, die ihm antwortete: „Ja, wir sind hier, mache Dir keine Sorgen und habe keine Angst, es wird Dir kein Leid geschehen.“ Er konnte nicht sagen, aus welcher Richtung diese Stimme zu ihm gesprochen hatte. Sie schien einfach so in seinem Kopf zu sein. Tatsächlich erinnerte sie ihn sehr an die seines Vaters und er versicherte sich: „Vater, bist Du das? Machst Du hier einen schlimmen Schabernack mit mir?“
„Nein“, entgegnete die Stimme, „wir sind die Kaas und wir sind, wie Du, nur Teil des Nichts. Manchmal, wenn das Gleichgewicht des Nichts droht zerstört zu werden, bekommen wir den Auftrag, es zu bewahren oder wiederherzustellen. Du kannst uns nicht sehen, denn wir haben keine Körper, aber Du kannst unbesorgt sein, Dir wird kein Leid geschehen.“
Das war eindeutig zu viel für den Neunjährigen. Er schwieg und setzte sich auf den Boden des Raumes.
Nach einiger Zeit hob er seinen Kopf, stand auf und fragte in den Raum: „Ja, aber warum bin ich denn hier? Ich bin doch nur ein Junge und mache doch keine schlechten Sachen.“ Während er das sagte, drängten sich ihm seine gesamten Bubenstreiche auf und er schob direkt eine Folgefrage hinterher: „Oder, ist es vielleicht wegen dem Schnalzler Josef? Das tut mir schon leid, dass ich den in den Bach geworfen habe. Oder, ist es wegen dem Schule schwänzen? Das ist aber nur, weil halt, wegen der Großen, die mich in der Pause immer watschen. Nur deshalb mag ich da nicht hingehen.“
„Nein, Junge“, antwortete die Stimme, „das ist nicht der Grund, aus dem Du hier bist. Der Anlass liegt in Deiner Zukunft und in der Tatsache, dass Du in fünfzig Jahren eine Entdeckung machen wirst, die von den folgenden Generationen genutzt werden wird, um die gesamte Galaxie ,Milchstraße‘ auszulöschen und einen Teil des Andromeda Nebels gleich noch dazu. Unser Auftrag ist es, das zu verhindern.“
Hannes schluckte, obwohl er nicht alles verstanden hatte und setzte sich wieder auf den Boden. „Was wird jetzt mit mir geschehen?“, fragte er sich und begann zu weinen, ohne genau zu wissen, warum. Als er sich noch einmal intensiv im Raum umschaute, erkannte er, dass es nicht nur keine Fenster, sondern auch keine Türen gab. Das Licht musste wohl durch die Wände, die Decke und den Boden scheinen.
„Wir fühlen, dass Du Angst bekommst, Junge“, sagte dann die Stimme, „das tut uns leid. Es sieht vielleicht so aus für Dich, als wärest Du ein Gefangener, aber gehe nur auf irgendeine Wand zu und Du wirst sehen, dass sie kein Hindernis für Dich ist. Sie wird sich vor Dir in Nichts auflösen, ohne, dass Du sie berührst.“ Sofort stand Hannes auf und ging vorsichtig auf eine der Wände zu. Tatsächlich verschwand sie vor seiner Hand und auch als er ganz hindurchging berührte sein Körper die Wand nicht. Außerhalb des Raumes stand er im Freien. Am hell erleuchteten Himmel konnte er drei Sonnen sehen, die unterschiedlich hell strahlten und vor ihm breitete sich eine rote Fläche aus, die bis zum Horizont reichte. Er stand am Rand einer vollständig mit kniehohen, leuchtend blühenden Pflanzen bewachsenen Ebene. Er wollte unbedingt wissen wo er sich befand, drehte sich um und war gerade dabei, wieder in den Raum hineinzugehen, als ihm die Stimme schon antwortete: „Du bist auf dem Planeten Gauduyn, im Sonnensystem der Triade Ea, Sea und Lai, in der TakuÆa Galaxie. Gauduyn ist einer unserer Heimatplaneten.“
„Was wird mit mir geschehen?“, fragte Hannes in die Luft, „und werde ich bald zurück zu meiner Mama fliegen können? Wo bist Du? Warum gibt es hier keine Tiere und keine Menschen? Das kann doch nur ein Traum sein, oder?“
„Nein, Hannes“, erhielt er zur Antwort auf seine Fragen, „es ist kein Traum. Natürlich gibt es hier keine Tiere und keine Menschen, so wie Du es von der Erde gewohnt bist, aber es gibt eine Unzahl von verschiedenen Existenzen hier auf dem Planeten. Du kannst sie lediglich mit Deinen menschlichen Augen nicht sehen. Die Entwicklung unserer Spezies ist viele, viele Milliarden Jahre länger her, als die Entwicklung der Menschen und es hat sich im Laufe der langen Zeit herausgestellt, dass es keine Notwendigkeit gibt, einen Körper zu haben. Auf Deine Frage, ‚wo ich bin’ möchte ich Dir sagen, dass ich Dir sehr nahe bin und mir zur Aufgabe gemacht habe, Dich zu beschützen und zu beruhigen. Es ist absolut sicher, dass Du bald wieder zu Deiner Mutter zurückfliegen kannst, Hannes, aber Du wirst nicht derselbe Mensch sein, denn das ist ja das Ziel dieser ganzen Unternehmung. Dein Leben auf der Erde wird sich verändern, denn wir müssen verhindern, dass Du ein Wissenschaftler wirst und diese absolut Todbringende Entdeckung machst. Aber habe keine Angst, Du wirst ein sehr glückliches Leben auf der Erde führen und uralt werden.“
Hannes begann zu weinen, setzte sich am Rand des Blumenfeldes auf den Boden und starrte stumm vor sich hin. Sein kindlicher Übermut, der immer auch ein Abenteuer in der ganzen Sache gesehen hatte, war verflogen und einer tiefen Angst gewichen. Er war doch noch so klein und konnte das alles gar nicht verstehen, was ihm diese unsichtbare Stimme in seinen Kopf gesagt hatte.
Wenn er doch nur nicht so unendlich allein wäre auf diesem Planeten. Es war doch niemand zu sehen außer ihm. Ohne nachzudenken begann er, eine der vor ihm blühenden Blumen abzubrechen, aber es ging nicht. Er konnte den dünnen Stiel der Blume nicht knicken. Als er stärker am Blumenstiel zog, fühlte er, dass die Blume Angst hatte und Schmerzen. Es überkam ihn wie ein heftiger Schauer, der sich blitzschnell in seinem ganzen Körper verteilte und er ließ die Blume erschrocken los.
„Hier auf Gauduyn sind alle Lebewesen miteinander verbunden“, sagte die Stimme, „ich bin sehr froh darüber, dass auch Du so schnell in die umfassende Gemeinschaft des Nichts aufgenommen wurdest. Auch, wenn Dich das Gefühl, welches Du eben hattest, noch sehr beunruhigt, weil Du es nicht verstehen kannst, sei versichert, dass Du gerade die Angst und den Schmerz der Blume gefühlt hast.
Es ist gut, dass wir Dich in so jungen Jahren aus Deiner Welt geholt haben, denn Deine Verwandlung geht dadurch sehr schnell und Du wirst schon bald wieder in den Armen Deiner Mama liegen. Laufe nun durch das Blumenfeld, Hannes, bis Du hinter dem ersten Hügel an einen kleinen See gelangst. Ich warte dort auf Dich.“
Hannes lief behutsam durch das Feld und achtete sehr genau darauf, dass er auf keine der Blumen trat. Er fühlte, dass ihm die Pflanzen seine Vorsicht dankten und war sehr bewegt, diesen Dank so tief in sich zu spüren. Nach einiger Zeit, er hatte den kleinen Hügel hinter sich gelassen, kam er an das Ufer eines kleinen Sees.
„Wie fühlst Du Dich, Hannes?“, fragte ihn die Stimme.
„Ich weiß nicht“, antwortete er leise und zögerlich.
Eine der drei Sonnen ging inzwischen unter und spiegelte sich türkisfarben auf der Oberfläche des Sees. Das Farbenspiel ließ die Ebene der Blumen noch herrlicher erstrahlen und Hannes war sehr beeindruckt von der Schönheit dieses Sonnenuntergangs.
„Das Wasser des Sees“, sagte die Stimme, „ist in Wahrheit gar kein Wasser, sondern nur der Ausgleich zu Trockenheit. Obwohl Du es siehst, es schmecken kannst und sogar darin schwimmen könntest, existiert es nicht, kleiner Hannes.“
Hannes glaubte kein Wort, beugte sich leicht nach vorn und berührte die Wasseroberfläche mit seinem Zeigefinger der rechten Hand.
„Es ist nicht Wasser, was Du berührst“, fuhr die Stimme fort, „sondern eine Manifestation des Nichts mit dem Ziel, die Trockenheit des Nichts auszugleichen. So, wie der Ausgleich von Trockenheit, wird auch jede andere Existenz des Nichts ausgeglichen, um das vollkommene Gleichgewicht allen Seins herzustellen. Denn das Nichts ist Alles.“
„Ich verstehe nur Bahnhof“, sagte Hannes etwas enttäuscht, „vielleicht hättet ihr doch noch ein paar Jahre warten sollen mit dem Kinderklau, dann hätte ich vielleicht etwas kapiert.“ Hannes war ärgerlich, dass der Unsichtbare ihn so maßlos überschätzte und er, der kleine Lausbub, nun völlig überfordert irgendwo im All an einem See stehend einen nassen Finger hatte, der angeblich gar nicht nass war.
„Menschen“, dachte der gelehrte der Kaas und sagte: „Ja, vielleicht war es zu früh, aber, vielleicht ist es auch gar nicht notwendig, dass Du die Wahrheit des Nichts verstehst. Es ist viel wichtiger, dass Du sie erlebst und die richtigen Schlüsse daraus ziehst. Ich bitte Dich, Hannes, jetzt in das Wasser zu springen.“
„Auf gar keinen Fall“, erwiderte Hannes, „erstens kann ich nicht schwimmen, zweitens habe ich meine Kleidung noch an und drittens bin ich wasserscheu.“
Es war ein plötzlicher und sehr heftiger Windstoß, der Hannes in den See warf und seine Einwände so gleichgültig ignorierte. Er konnte tatsächlich nicht schwimmen und ging laut gurgelnd und wild umherzappelnd unter. Seine Kleidung hatte sich im Nu vollgesogen und zog ihn unweigerlich in die Tiefe, bis ein Fuß den Grund des Sees berührte. Das Wasser war klar und kühl. Er stand auf dem Grund und sah sich um. Es gab viele Pflanzen, aber keine Fische. Hannes hatte keine Angst mehr und seine Todesangst war der Neugier gewichen. Er atmete noch sehr vorsichtig, aber er atmete. Hier stand er nun und wurde weise. Der Neunjährige begann zu verstehen, fühlte seine Verbindung zum Wasser, das wohl doch keines war, und zu den Pflanzen, die um ihn herum sich in der Strömung wogen. Nach einiger Zeit, er arbeitete sich mühsam in Richtung einer Unterwasserhöhle vorwärts, begann er schemenhaft Gestalten zu sehen, die sich um ihn herumtummelten. Zunächst waren es nur Schatten, dann wurden die Umrisse immer deutlicher und schließlich sah er sich inmitten eines Schwarmes riesiger Fische, die ihn neugierig umkreisten. Weil die Fische immer näherkamen und wirklich mächtig groß waren, einige von ihnen nun sogar begannen, an seiner Kleidung herum zu knabbern, wollte er so schnell wie möglich wieder an die Oberfläche und das Wasser, oder was auch immer es war, worin er sich gerade befand, verlassen. In seiner Verzweiflung stieß er sich mit seinen Beinen vom Grund des Sees ab und glitt nach oben, wo bereits eine helfende Hand auf ihn wartete und ihn aus dem Wasser zog.
„Was sagst Du jetzt, Hannes?“, fragte ihn der Gelehrte der Kaas, der am Ufer des Sees stand und aussah, wie der Lehrer Böckel aus der Schule in Brazingen. Hannes sagte gar nichts und starrte den Lehrer an, ging dann ganz langsam auf ihn zu und berührte vorsichtig den Saum seiner Jacke.
„Herr Lehrer“, fragte Hannes, „das seid ihr doch nicht wirklich, oder?“
„Nein, Hannes“, sagte der Gelehrte, „ich bin nicht der Lehrer Böckel, aber in Deinen Augen bin ich es doch. Die Augen sehen nicht wirklich, weißt Du, sie sehen nur das, was durch das Nichts manifestiert wurde, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Für Dich bin ich also nun der Lehrer Böckel, weil Dein Bewusstsein als Teil des Nichts mein Sein in dieser Person manifestiert hat. Ich erwarte nicht, Junge, dass Du das verstehst. Sag mir nur, wie Du Dich fühlst.“
„Das ist schon ziemlich verrückt hier, Herr Lehrer“, erwiderte Hannes, „und ich weiß gar nicht genau, wie ich mich fühle – außer wohl, dass ich großen Hunger habe und einen Durst auf einen Saft. Und heim will ich, wenn es Recht ist, schon bald will ich heim.“
„Es dauert nicht mehr lange, Hannes, dann wirst Du wieder zuhause sein und in Deinem Bettchen aufwachen. Es gibt nur noch eine Sache, die wir vorher tun müssen, um das Gleichgewicht zu schützen und unzählige Lebewesen vor dem sicheren Tod zu bewahren“, sagte der Gelehrte mit ruhiger Stimme. Dann nahm er Hannes an der Hand und beide gingen schweigend den Hügel hinauf, über den sie gekommen waren, bis sie wieder an dem komischen Raum mit den wackelnden Wänden angekommen waren. Kaum hatte der Lehrer Böckel Hannes Hand losgelassen, verschwand er im Nichts und Hannes stand wieder ganz allein vor dem Raum.
„Geh’ nur hinein“, sagte die Stimme. Hannes ging langsam durch die Wand des Raumes und sah ein kleines Mädchen auf dem Boden sitzen. Sie sah aus wie die Liesel, ein Mädchen aus seiner Schulklasse, aber nur so ähnlich. Das Mädchen sah Hannes an, stand auf, ging auf ihn zu und begrüßte ihn mit einem Küsschen auf die Wange, bevor er sich bewegen konnte. Hannes trat dann einen Schritt zurück und wischte sich schnell seine Wange mit dem Ärmel ab. „Vielleicht ist es doch die Liesel“, dachte er, aber ihre Haare waren heller und viel länger als sonst. Dieses Küssen ging ihm jedenfalls auch in der Schule schon immer auf die Nerven. „Männer werden nicht geküsst“, sagte sein Vater immer, „Männer küssen, wenn sie es wollen.“ Das Mädchen ging zielstrebig auf Hannes zu, stellte sich ganz nah vor ihn, nahm seine beiden Hände in ihre und sagte: „Schließe die Augen Hannes und lass’ uns gemeinsam in die Zukunft reisen.“
Kaum hatte sie dies gesagt, wurde Hannes schwarz vor den Augen und er hatte das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren. Dennoch stand er unverkrampft und sicher, Bauch an Bauch mit dem Mädchen inmitten des Raumes. Sein ganzes, zukünftiges Leben zog an ihm vorbei. Er sah sich selbst und Liesel in der Schule und ihren ersten, zärtlichen Kuss nach der Abschlussfeier. Er sah, wie sie gemeinsam die höheren Schulen besuchten, streng getrennt nach Geschlechtern, natürlich. Er spürte ihre gemeinsame, immer stürmischer werdende Liebe, sah, wie sie sich während des Studiums als Unverheiratete heimlich trafen und miteinander schliefen. Er erlebte in seinen Gedanken Liesels Schwangerschaft, wie sie unter Tränen ihr Studium abbrach, um Mutter zu werden, ihrer beider Heirat und den Schwur, den er Liesel gegenüber aussprach, immer für sie und das Kind da sein zu wollen, wenn sie ihm ermöglichte, sein Studium zu beenden. Er erlebte das zweite Kind und seine Promotion zum Doktor der Physik, seine Anstellung in den wissenschaftlichen Instituten in München und den Wohlstand, den er seiner Familie ermöglichen konnte. Als das Glück mit der dritten Schwangerschaft unendlich zu sein schien und die Liebe zu Liesel niemals größer war, sah er ihren plötzlichen Tod bei der Geburt des dritten Kindes und von dort an nur noch tief empfundenes Leid und Trauer. Die heranwachsenden Kinder konnten ihm kein Glück mehr schenken und waren nicht in der Lage, ihn noch zu erreichen. Er vertiefte sich immer mehr in seine Arbeit und in seine Forschungen, ignorierte den Rat der Ärzte, die ihn vor den Folgen seiner Überarbeitung warnten und schrieb unzählige Dissertationen, Aufsätze und Bücher über die wahre Beschaffenheit von Materie, bevor er sich in seinem Labor, vor einem Glasschrank auf dem Boden kniend an seine Brust greifen und sterben sah.
Dann wurde es wieder hell um ihn herum und Hannes war nicht mehr der kleine Junge. Er sah Liesel in die Augen, umarmte sie und hielt sie ganz fest, während ihm dicke Tränen die Wangen herunterkullerten. Von draußen rief der Gelehrte: „Kommt heraus, Kinder, es wird Zeit für Euch, nach Hause zu fliegen.“
Liesel und Hannes traten aus dem Raum heraus, wo schon zwei von diesen riesigen, schwarzen Vögeln warteten. „Also ist es doch die echte Liesel“, dachte sich Hannes, „wusste ich es doch.“ Kurz darauf, beide klammerten sich im Fluge an die Krallen der Vögel, schien die Zeit zu vergehen, aber es war ihnen nicht klar, in welche Richtung.
Es war ein wunderbarer Morgen. Hannes Krause, ein neun Jahre alter Lausbub, lief auf dem Weg zur Schule fröhlich pfeifend den Feldweg zwischen den Wiesen entlang, als er vom Pferdewagen des Bauern Schwarz überholt wurde.
„Ja, Hannes, was machst Du denn hier mitten in den Wiesen? Müsstest Du nicht längst in der Schule sein?“, fragte ihn der Bauer im Vorbeifahren.
„Ja, schon“, erwiderte Hannes, „ich beeil mich ja, aber die Mutter hat so lange gebraucht heut‘ Morgen mit dem Schulbrot“.
„Spring’ auf, Hannes!“, rief ihm der Bauer zu, „ich fahr’ ja eh’ nach Brazingen“.
„Dank’ schön, Bauer Schwarz“, rief Hannes zurück und schwang sich im Fahren auf die Ladefläche.