Читать книгу Romantic Thriller Sommer 2020: 9 Romane um Liebe und Geheimnis - Alfred Bekker - Страница 12

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„Miss Jessica, so wachen Sie doch auf, bitte.“ Eine beharrliche Stimme holte mich aus den Tiefen eines totenähnlichen Schlafes in die Wirklichkeit zurück.

Henson stand an meinem Bett und mühte sich redlich mich zu wecken. Mein Blick fiel auf die Uhr, und ich unterdrückte einen lauten erschreckten Ruf. Da hätte ich doch fast verschlafen.

„Sie sind ein Schatz, Henson“, rief ich, sprang aus dem Bett und verschwand in Windeseile im Bad. Noch war es früh genug, um in aller Ruhe dem üblichen morgendlichen Ritual nachzugehen, Dank sei dem ewig fleißigen und aufmerksamen Butler.

Ich streifte gerade einen Pulli über, als mein Blick wie magisch angezogen wurde von einem Gegenstand auf dem Nachtisch.

Eine schwarze Rose!

Ganz bestimmt hatte nicht Henson die hinterlassen. Die Ereignisse der vergangenen Nacht fielen mir schlagartig wieder ein. Ich hatte nicht geträumt. Und diese Geister besaßen auf irgendeine Art doch die Möglichkeit etwas zu berühren und zu bewegen, sonst hätte diese Rose da nicht gelegen.

Ich nahm sie auf. Die Blüte verbreitete einen betäubenden Duft, und ich konnte sehen, dass die Farbe nicht völlig schwarz war. Ein tiefdunkles rot, eine Farbe, die ein Züchter nur durch jahrelange Kreuzungen erreichen konnte, und die immer selten bleiben würde. Hier auf dem Anwesen gab es jedenfalls keinen Rosenstock in dieser Farbe. Ich wollte auch gar nicht so genau wissen, woher die Blume kam.

Darunter befand sich ein Blatt Papier, wie ich erst jetzt sah – nein, ein Blatt Pergament. Verwundert nahm ich es auf und versuchte zu entziffern, was da stand. Eine alte Sprache, Latein, jedoch in einer seltsam abgewandelten Form. Kopfschüttelnd versuchte ich mich daran zu erinnern, was ich gelernt hatte. Man verlor den Zugang zu einer Sprache ziemlich schnell, wenn man sie nicht täglich benutzte. Und mir waren höchstens noch die medizinischen Diagnosen geläufig. Vielleicht konnte mein Vater etwas damit anfangen.

Im gleichen Moment, da ich diese Überlegung hegte, verwarf ich sie auch schon wieder. Eine innere Stimme riet mir davon ab, meinem Vater von der nächtlichen Begegnung zu berichten. Er sollte damit nicht belastet werden, redete ich mir ein, doch ich wusste, dass es noch einen anderen Grund gab, den ich mir selbst nicht eingestehen wollte. Die Geister hatten gesagt, er hätte die Hilfe abgelehnt. Wenn er nun etwas davon erfuhr, dass man mich gebeten hatte, bestand die Möglichkeit, dass er mir abraten würde. Und ich wollte meine Entscheidung allein treffen, wie ich es bisher immer gehalten hatte.

Ich verbarg das Blatt Pergament in meiner Handtasche, schnupperte ein letztes Mal an der wunderschönen Blume und legte sie in meinen Nachttisch. Niemand sollte etwas davon wissen.

Mein Vater saß am Frühstückstisch und studierte die Zeitung, alles wirkte wie jeden Morgen, es gab keinen Hinweis darauf, dass in dieser Nacht etwas Ungewöhnliches geschehen war. Nur mein Herz pochte allein bei dem Gedanken daran wie wild, und das Pergament in der Tasche schien heiße Strahlen auszusenden, die ich selbst durch das Leder hindurch spüren konnte. Kaum gelang es mir, mich so unbefangen zu geben, wie ich es gern wollte.

„Wie geht es deinem Arm, mein Liebes?“, fragte mein Vater mitfühlend, als ich nur mit Vorsicht eine Tasse Tee in der Hand hielt.

„Ach, das wird schon wieder“, gab ich wegwerfend zurück und bemerkte seine prüfenden Blicke.

„Irgendetwas stimmt aber nicht mit dir“, stellte er hellsichtig fest. Nun ja, mein Vater liebte mich und kannte mich wahrscheinlich viel zu gut. Er würde es immer bemerken, wenn mich etwas bewegte oder bedrückte. Es widerstrebte mir ihn zu belügen, aber die Wahrheit konnte ich ihm auch nicht sagen, obwohl das vielleicht einiges leichter gemacht hätte. Nur ich durfte ihm nichts sagen, ich hätte ihn sonst vielleicht sogar in Gefahr gebracht. Diese neue Erkenntnis war nichts, was mir besonders gefiel, vor allem auch deswegen, weil ich nicht hätte sagen können, woher ich das wusste.

Ich zwang mich zu einem beruhigenden Lächeln und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Du bildest dir da etwas ein, Dad. Ich habe schlecht geschlafen, und natürlich schmerzt der Arm auch noch etwas. Aber du wirst sehen, morgen ist alles schon wieder besser.“

Er runzelte die Stirn. „Willst du nicht lieber heute hierbleiben? Dein Kollege kann doch sicher auch mal die Arbeit einen Tag lang allein schaffen.“

„Aber, Dad, was denkst du nur? Ich kann doch meine Tiere nicht allein lassen. Du würdest doch auch deine Hundemeute nicht ohne die Aufsicht ihres Herrn lassen.“

Er lächelte verständnisvoll. „Ich glaube, der Vergleich hinkt, Jessica. Meine Tiere sind hier vor Ort, und es gibt genügend Personal, das sich um die Meute kümmert. Fühlst du dich wirklich wohl?“

„Aber ja, nun hör endlich auf mich wie eine Amme zu bemuttern“, schalt ich liebevoll. „Und jetzt musste ich los. Bis heute Abend. Es kann sein, dass ich später komme.“ Auf keinen Fall wollte ich ihm erzählen, dass ich im Anschluss an die Arbeit noch einen bekannten Historiker aufsuchen wollte. Der konnte mir hoffentlich helfen das seltsame Pergament zu entziffern.

Als ich in mein Auto stieg und startete, umgab mich plötzlich ein intensiver Duft. Auf dem Armaturenbrett lag wiederum eine schwarze Rose. Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken. Welche Macht besaßen die Geister wirklich?

Wie unter Zwang holte ich das Pergament aus der Tasche und versuchte selbst noch einmal, die Worte zu entschlüsseln. Einen rechten Sinn ergab das aber nicht für mich, nur hier und da konnte ich einzelne Worte übersetzen. Ich fuhr in den Zoo, und wie immer führte mein erster Weg zu Sheena.

Die Gepardin schaute mir aufmerksam entgegen. Ich spürte ein sanftes vorsichtiges Tasten im Gehirn und zuckte zusammen. Was war das denn? Das Tier streckte eine Pfote aus und legte sie auf meinen verletzten Arm.

„Ich wollte dir nicht wehtun. Du musst sehr gut auf dich aufpassen. Hüte dich vor demjenigen mit dem Wissen um das Vergangene.“

Das Tasten hörte auf, und zum zweitenmal innerhalb von vierundzwanzig Stunden zweifelte ich an meinem Verstand. Ich strich Sheena vorsichtig über das Fell und spürte tief in dem geschmeidigen Körper ein leichtes Kollern, es war eine besondere Art von Schnurren und ein großes Geschenk für mich. Ich musste mich getäuscht haben, als ich glaubte, ich hätte etwas gespürt.

Gleich darauf holte mich die Realität auch wieder ein, denn es gab eine Menge zu tun. Der Umgang mit Pflegern und auch Besuchern holte mich wieder ganz auf den Boden der Tatsachen zurück. Zum Glück war keines der Tiere schwer erkrankt, es gab nur die ganz normale Routine, und die konnte aufreibend genug sein, wenn man Schulklassen durch den Zoo führte und unzählige Fragen beantwortete. Die Zeit verging wie im Flug, und ich hielt ab und zu inne, wenn mir der unglaubliche Duft der schwarzen Rose in die Nase stieg, ohne dass überhaupt eine Blume in der Nähe gewesen wäre.

Es dunkelte schon, als ich meine Arbeit hinter mir ließ und in die Stadt fuhr. Hoffentlich würde ich Professor James Hagen überhaupt noch antreffen. Er hatte vor etwa zwei Jahren intensiv bei uns auf Rosemont Hall nach Unterlagen gesucht und sich dabei lange mit meinem Vater unterhalten. Ich hoffte, er würde sich noch an den Namen erinnern.

Durch eine kurze Anfrage per Telefon wusste ich bereits, dass er bis gegen Abend im Archäologischen Institut zu finden war. Vielleicht etwas ungewöhnlich für einen Historiker, der eher damit beschäftigt war, in Büchern und anderen Unterlagen zu kramen. Aber wie viel Ahnung hatte ich schon von dieser Arbeit, um beurteilen zu können, wo die Historie aufhörte und die Archäologie begann? Auf jeden Fall wies mich ein freundlicher Pförtner in die erste Etage, wo ich Professor Hagen in einer Röntgenkammer fand. Er machte mit seinem Assistenten Aufnahmen von alten Papyrusstücken und Rollen.

„Wer stört?“, fragte er unwillig, als ich klopfte und den Kopf durch die Tür steckte.

„Jessica of Glencraven. Sie haben vor einiger Zeit bei uns...“

„Ich weiß, wer Sie sind. Was gibt es denn?“

„Ich habe bei uns ein Pergament gefunden, aber ich kann die Schrift nicht ausreichend lesen“, sagte ich, etwas eingeschüchtert von der barschen Art.

Professor James Hagen war ein recht gutaussehender Mann mittleren Alters mit klugen grauen Augen hinter einer starken Brille. Kurz geschnittenes braunes Haar umrahmte ein schmales Gesicht, der Körper war sportlich und durchtrainiert, auch wenn noch nie jemand gesehen hatte, dass Professor Hagen Sport betrieb.

Er hielt jetzt einige Fetzen Papyrus in den Händen, arrangierte sie auf einer Platte und legte eine Glasscheibe darüber.

„Für einen solchen Unsinn stören Sie mich? Das ist eine Zumutung, junge Frau, auch wenn ich Ihnen in irgendeiner Form zu Dank verpflichtet sein sollte. Was ich nicht bin. Ich hätte die fehlenden Unterlagen damals auch woanders bekommen können. Besorgen Sie sich ein Wörterbuch.“

Mir lief schon wieder eine Gänsehaut über den Rücken, dieses Mal aber vor Wut. Was bildete dieser Kerl sich eigentlich ein? War ich ein Bittsteller, der demütig darauf wartete, dass der gnädige Herr mir einen Blick und eine Sekunde seiner Aufmerksamkeit schenkte? Nein, ganz sicher nicht. Lady Jessica of Glencraven musste sich nicht mit Almosen abweisen lassen. Und dieser Ton war eine Frechheit, selbst wenn ich nur ein ganz normaler Mensch gewesen wäre.

Ich trat einen Schritt in den Raum hinein und blickte den Mann stolz an.

„Ich wollte Ihre kostbare Zeit nicht mit Kleinigkeiten vergeuden, Professor. Selbstverständlich ist es eine Zumutung für Sie, sich mit einem nur fünfhundert Jahre alten Pergament abzugeben. Ich bin sicher, dass Professor Elisabeth Havelock etwas Zeit erübrigen kann. Einen guten Tag wünsche ich.“

Seine grauen Augen trafen auf meine grünen, und ich sah so etwas wie Respekt aufleuchten. Er zuckte die Schultern, wirkte aber nicht im Geringsten verlegen, als jetzt ein verschmitztes Lächeln in seinem Gesicht auftauchte.

„Habe ich mich so sehr daneben benommen? Verzeihen Sie bitte, Lady Jessica. Doch dieses Papyrus hier ist fünftausend Jahre alt und birgt noch einige Geheimnisse mehr. Ich bitte, dafür etwas Verständnis zu haben. Mein Assistent Gordon McBride kann Ihnen aber weiterhelfen – wenn Sie sich damit zufrieden geben würden“, setzte er voller Ironie hinzu. Offenbar hatte die kleine Spitze mit seiner ärgsten Konkurrentin gefruchtet.

„Wenn Mr. McBride in der Lage ist, das antike Latein zu entziffern und in eine verständliche Sprache zu übersetzen, habe ich nichts dagegen“, gab ich im gleichen Tonfall zurück. Ich spürte, dass Professor Hagen nicht besonders damit einverstanden war, wie ich mich ihm gegenüber benahm. Offensichtlich war er daran gewöhnt, dass alle Leute vor ihm katzbuckelten. Das hatte ich nun wirklich nicht nötig. Trotzig und energisch hielt ich seinem Blick stand. Ob ihn das beeindruckte? Er zuckte jedenfalls die Achseln. Was er konnte, war mir auch möglich, Erfolge auf einem bestimmten Gebiet rechtfertigten auf keinen Fall schlechte Manieren.

„Wenn er das nicht schafft, ist er bei mir mit Sicherheit an der falschen Stille zur Ausbildung. Das ist schließlich das Niveau vom Kindergarten.“

„Ach, tatsächlich?“, fauchte ich jetzt zornig. „Was sind dann eigentlich normale Menschen in Ihren Augen, die leider nur drei moderne Sprachen beherrschen? Barbaren?“

„Gut gekontert“, nickte er anerkennend. „Ich vergesse manchmal über meiner Arbeit, dass es auch noch eine Realität außerhalb dieser Mauern und eine normale Zeit gibt. Verzeihen Sie mir noch einmal?“ Plötzlich blitzte ein amüsiertes Lächeln in seinen Augen auf. „Gordon wird sich um Ihr Pergament kümmern, ich bin sicher, Sie werden schon bald mehr wissen. Und sollte wirklich noch etwas nicht klappen, stehe ich auch zur Verfügung – nach dieser Untersuchung hier.“

Er machte ein Zeichen zu dem Fenster hin, das einen zweiten Raum mit diesem hier verband. Gleich darauf kam durch die Tür ein jüngerer Mann, etwa in meinem Alter. Leuchtend blaue Augen, blonde Haare und ein fröhliches Gemüt. Auf Anhieb gefiel mir Gordon besser als der Professor, der offenbar nur für sich selbst und seine Wissenschaft lebte. Die blauen Augen strahlten mich an. Ich wurde taxiert. Was sah der Mann?

Eine Lady von 26 Jahren mit roten lockigen Haaren, einem schmalen Gesicht voll mit unzähligen Sommersprossen, die jedem Make-up widerstanden, und dunkelgrünen Augen, die manchmal goldene Funken besaßen. Ich gefiel ihm, das sah ich sofort, und er machte auch einen guten Eindruck auf mich. Besser als Professor James Hagen, oder?

Nein, nicht ganz. Irgendwie war der Mann faszinierend, trotz seiner Grobheit. Doch ich würde nichts mehr mit ihm zu tun haben, also konnte ich ihn auch gleich vergessen.

„Gehen Sie“, befahl der Wissenschaftler. „Sehen Sie zu, McBride, dass Sie wenigstens einmal in Ihrem Leben etwas für das unverschämte Gehalt tun, welches Ihnen die Fakultät großzügig als meinem Assistenten zahlt. Und dann kommen Sie zurück – falls Sie den Weg finden.“

Das war doch wohl der Gipfel der Frechheit. Musste man sich das in dieser Stellung tatsächlich gefallen lassen?

Gordon McBride nahm mich beim Arm und führte mich hinaus.

„Machen Sie sich nichts aus dem alten Brummbär. Alles, was jünger ist als zweitausend Jahre weckt nicht sein Interesse, weil er glaubt, er weiß schon alles. Wie kann ich Ihnen helfen Lady? – Jessica?“

Ich schaute mich um, wir waren unbeobachtet. Also holte ich das Pergament heraus und reichte es ihm. Es brannte in meiner Hand, und ich zögerte, es jemand anderem zu überlassen. Gordon grinste, er hatte bemerkt, dass ich nicht sicher war. Seine Augen flogen über die Schrift, und dann stieß er einen Pfiff aus.

„Das ist ja mal ein dickes Ding!“

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