Читать книгу Frozen Hearts: Arctic Wild - Annabeth Albert - Страница 10
Kapitel 6
ОглавлениеDie Stille brachte einen kalten Wind mit sich, der die Temperatur um weitere zehn Grad zu senken schien, als Toby einschlief und Reuben mit seinen Sorgen und Gedanken und dem Regen, der auf ihren Wetterschutz prasselte, allein ließ. Es gefiel ihm, Toby zu halten, obwohl er sich wünschte, die Umstände wären anders. Es war eine Weile her, seit jemand neben ihm eingeschlafen war, und er hatte vergessen, wie gut es sich anfühlen konnte, dieses Vertrauen und das warme, beschützerische Gefühl dabei, die andere Person beim Schlafen zu beobachten. Allerdings verspürte er selbst nicht einen Deut Müdigkeit. Zu viel Adrenalin nach dem Absturz, zu große Sorge um Tobys mögliche Gehirnerschütterung und seine anderen Verletzungen, zu große Angst davor, was es bedeuten könnte, wenn sie nach dem Absturz doch nicht rechtzeitig gefunden wurden.
Hinter dem Adrenalin lag auch ein unerwartetes Gefühl der Befriedigung. Er hatte hart gearbeitet, als er Toby in Sicherheit gebracht, ihre Ausrüstung geholt und den Unterstand gebaut hatte, und sich zum ersten Mal seit Ewigkeiten nützlich gefühlt. Es hatte ihn an einen früheren Punkt in seiner Karriere erinnert – als er seine eigenen Verträge und Mandate aufgesetzt, nächtelang die Details von Abkommen ausgearbeitet, mit ganzer Kraft dabei gewesen war und Dinge bewirkt hatte. Die letzten Jahre waren mit endlosen Meetings angefüllt gewesen, während andere, jüngere, hungrigere Untergebene den Großteil der praktischen Arbeit übernommen hatten. Er vermisste diese Arbeit.
Das Brennen in seinen Muskeln, nachdem er Toby getragen und den Unterstand gebaut hatte, erinnerte ihn außerdem an einen Sommer vor Jahrzehnten, als er auf dem College gewesen und für den Vater eines Freunds dabei geholfen hatte, ein Strandhaus in Jersey zu renovieren. Damals hatte er vor allem netzwerken wollen und gehofft, an derselben Elite-Universität Jura zu studieren wie der Hausbesitzer, aber die Arbeit an sich hatte etwas tief Befriedigendes an sich gehabt: den Garten umgraben, Fliesen verlegen, Wände streichen und so weiter.
Es war in so vielerlei Hinsicht ein sehr idyllischer Sommer gewesen – den ganzen Tag zu arbeiten, bis er verschwitzt und wund war, dann mit anderen jungen Leuten bis spät in die Nacht am Strand zu sitzen. Es war der letzte Sommer, an dem er wahrhaft frei gewesen war. Ich will das wieder haben. Nicht, dass er herumficken oder auf Baustellen arbeiten wollte, aber dieses Gefühl, zugleich nützlich und frei zu sein, war etwas, von dem er nicht einmal bemerkt hatte, dass er es vermisste. Aber jetzt, da er darüber nachdachte, vermisste er diese Erfahrung von Offenheit und der Zukunft, die sich endlos und mit allen Möglichkeiten vor ihm erstreckte. Im Camp hatte er das auch gehabt. Als Stadtjunge war er mit dem Stipendium angekommen, dessen intimster Kontakt mit der Natur der nächste Stadtpark gewesen war, in dem es mehr Asphalt als Gras gegeben hatte, und der mit großen Augen alles zum ersten Mal erlebt hatte.
Als sie am Fluss geangelt hatten, hatte die Erfahrung ein Prickeln in seinem ganzen Körper ausgelöst. Ein Teil davon war Tobys Nähe gewesen, der hartnäckige Funke der Anziehung zwischen ihnen, aber ein anderer Teil war einfach die Umgebung gewesen und die lang verlorene Freude daran, an der frischen Luft zu sein, die bei jeder Aktivität hier draußen zu ihm zurückkehrte. Jetzt würde er natürlich eine Menge dafür geben, drinnen zu sein – vorzugsweise in einem Krankenhaus, in dem Toby die Behandlung bekommen würde, die er brauchte.
Ab und zu regte Toby sich und jede Bewegung und jedes leise Stöhnen sprach von seinen Schmerzen. Reuben wollte sie ihm nehmen, wollte irgendwie seine Lasten schultern und nützlicher sein als nur ein menschliches Kopfkissen. Schließlich beschloss er, dass genug Zeit vergangen war – sein mitgenommenes Handy hatte zwar kein Signal, aber die Zeitanzeige funktionierte noch – und schüttelte Toby sanft.
»Toby? Kannst du aufwachen?«
»Mhm.« Toby blinzelte mit einem schläfrigen, verletzlichen Ausdruck im Gesicht, bei dem sich Reubens Herz zusammenzog. »Tut weh.«
»Ich hab irgendwo in meinem Gepäck was gegen Kopfschmerzen, aber ich glaube, wir sollten dir nichts geben, bis du einen Arzt siehst.«
»Glaube sowieso nicht, dass sie viel bewirken würden.« Wimmernd streckte Toby sich aus und Reuben spürte den Verlust seiner Wärme und Nähe, obwohl er auch jetzt nur wenige Zentimeter entfernt war. »Magen schmerzt auch. Medikamente könnten bewirken, dass ich mich übergebe. Aber hast du Hunger? In meiner Tasche sind Proteinriegel.«
»Wenn du nichts essen kannst, esse ich auch nichts.« Die Sorge vertrieb jegliches Hungergefühl aus Reubens Magen und füllte ihn mit kaltem Grauen. Gott, er hoffte, Toby hatte nicht auch noch innere Verletzungen.
»Du musst bei Kräften bleiben. Wir könnten noch lange hier sein – die Sonne geht um elf herum unter und das bedeutet zwar mehr Tageslicht für die Suchtrupps, aber es könnte genauso gut morgen früh oder später sein, bevor sie zu uns kommen. Der Regen wird auch ein Faktor für sie sein.« Toby beendete seine Rede mit einem tiefen Stöhnen. Gott, sie brauchten medizinische Hilfe und das schnell. In seinem Zustand konnte Toby nicht mehrere Tage warten.
»Verdammter Regen.« Außerhalb ihres kleinen Unterstands tröpfelte es stetig weiter und der Himmel war immer noch grau. Es war kein plötzlicher Schauer wie vorhin, aber genug, um Gedanken an ein Feuer zwecklos zu machen und wahrscheinlich auch genug, um Rettungsversuche zu behindern. Wenn überhaupt schon jemand nach ihnen suchte, aber Reuben musste einfach glauben, dass sie es taten.
»Du bist heiß, wenn du fluchst.« Toby schenkte ihm ein belustigtes, immer noch schläfriges Lächeln.
»Und du redest wirr.« Reuben legte die Hand auf seine Stirn und war nicht überrascht, als sie wärmer als seine eigene war.
»Hey, ich sage die Wahrheit. Vielleicht musst du deine Einstellung zu One-Night-Stands überdenken. Dich daran erinnern, dass du immer noch verdammt heiß bist, nicht so uralt. Etwas Staub aufwirbeln.«
»Ich bin ziemlich sicher, dass ein Absturz vom Himmel als genug Wirbel für dieses Jahr gilt«, antwortete Reuben trocken und widerstand dem Drang, über Tobys zweifellos fiebrigen Vorschlag zu lachen. »Und irgendetwas sagt mir, dass du das vielen deiner Touristen erzählst…«
»Nennst du mich gerade eine männliche Hure?« Tobys Lachen glich eher einem Husten, aber der Laut war trotzdem willkommen. »Den Touristen, klar, aber nicht so vielen meiner eigenen Kunden, wie andere vielleicht denken. Ich habe schon ein paar Prinzipien.«
»Ich weiß, dass du das tust.« Wenn Reuben am vorigen Tag bei Tobys subtiler Zurückweisung einen Stich verspürt hatte, war der inzwischen verblasst. Und wenn er anfangs falsche Vorstellungen von Toby gehabt hatte, waren auch die von dem realen Mann ersetzt worden, den er seitdem kennengelernt hatte. Der wirklich ein aufrichtiger Kerl zu sein schien – respektiert, seiner Familie treu ergeben und mit einem starken Rückgrat. Vielleicht sogar einem stärkeren als Reuben selbst, wenn er ehrlich war. »Ich habe eine Kollegin geheiratet, also kann ich mir nicht wirklich ein Urteil erlauben. Und fuck.«
»Was?«
»Sie ist immer noch mein Notfallkontakt auf den meisten Formularen. Was bedeutet, dass sie und Amelia von dem hier erfahren werden, vielleicht sogar heute. Ich hasse die Vorstellung, dass Amelia ganz ängstlich und besorgt ist, während Natalie versucht, die Auswirkungen für die Arbeit abzuschätzen.«
»Verdammt. Ja, mir geht's genauso. Nell ist gerade bei meinem Dad und ich mag es nicht, ihnen Sorgen zu bereiten. Oder meiner Chefin Annie. Glaube zwar nicht, dass sie mich deswegen feuern würde, aber der Verlust des Flugzeugs wird beschissen für das Unternehmen sein.«
»Sie haben bestimmt eine Versicherung.«
»Die verdammte Versicherung«, sagte Toby höhnisch. Nach dem Nickerchen klang seine Stimme jetzt kräftiger, aber er verzog immer noch bei jeder Bewegung das Gesicht. »Die werden irgendeine Ausrede erfinden, um nichts zahlen zu müssen. Die Krankenversicherung hat uns nach Dads Verletzungen verdammt im Stich gelassen und behauptet, dass es eine gefährliche, von der Versicherung ausgenommene Aktivität war, mit dem Schneemobil zu fahren, wie es jeder zweite Mensch in Alaska jeden verdammten Winter tut. Wir haben darüber nachgedacht, den Hersteller zu verklagen, aber der Anwalt, den wir gefragt haben, meinte, es gäbe keinen Fall, und wollte dann einen Haufen Geld für die Beratung. Und das zusätzlich zu all den Anwälten, die mit der Krankenversicherung gerungen haben. Nichts für ungut, aber dein Berufsstand ist manchmal ziemlich beschissen.«
»Da hast du nicht unrecht.« Reuben seufzte. »Ich wünschte, ich könnte etwas Nobles sagen wie, dass ich Jura studiert habe, um für das Gute in den Kampf zu ziehen, aber die Wahrheit ist, ich habe mir davon ein gutes, stabiles Einkommen versprochen, mit dem ich meine Familie unterstützen und aus meiner alten Nachbarschaft in die schöneren Gegenden ziehen konnte, auf die ich es abgesehen hatte. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich viel Geld verdienen wollte, und das habe ich dann auch. Und normalerweise entschuldige ich mich nicht dafür, aber ich bewundere durchaus die Anwälte, die im öffentlichen Interesse handeln und für die Menschen an erster Stelle stehen. Ich wünschte, es gäbe mehr von ihnen.«
»Nichts hält dich davon ab, jetzt einer von den Guten zu sein.« Toby klang pragmatisch, als wüsste er bereits, dass Reuben diese Änderung nicht verwirklichen würde. Und verdammt, Reuben wollte ihm das Gegenteil beweisen.
»Guter Punkt. Und ich habe schon vor diesem Absturz darüber nachgedacht, in welche Richtung ich in Zukunft gehen soll«, gestand er. Bis zu diesem Moment hatte er sich nicht damit auseinandersetzen wollen, aber es stimmte und vielleicht war es ein Grund, warum er dieser Reise überhaupt erst zugestimmt hatte. Seit seiner Trennung von Dan war er rastlos gewesen und untypisch unsicher, seit er das Angebot des Buy-outs bekommen hatte. »Die Kanzlei wird umstrukturiert und ein Ruhestandspaket liegt auf dem Tisch. Natalie will, dass ich es annehme, und ich… ich schätze, ich bin nicht mehr so sicher, was ich will. Ich will nicht einer dieser Kerle sein, die ihre Arbeit nach zehn Jahren in einen Herzinfarkt treibt und die dann den Weckruf über Prioritäten und all den Kram bekommen.«
»Das habe ich schon ein oder sieben Mal gesehen. Manche kommen nach dem großen Schreck hierher und stürzen sich mit voller Kraft in die Reiseerfahrung.«
»Genau. Und vielleicht könnte das hier mein Moment sein, der mich aufweckt. Ich bin nicht ganz sicher, was ich mit all diesen Erkenntnissen tun werde, aber ich verstehe schon, was du sagen willst.«
»Vielleicht ist es schon etwas, einfach darüber nachzudenken. Und manchmal gibt das Leben dir eine neue Möglichkeit, wenn du gerade nicht hinsiehst. Ich wollte zum Beispiel nie Reiseführer werden, aber dann hatte mein Dad seinen Unfall, meine Mom hatte noch zwei Kinder zu Hause und die Familie brauchte schnell irgendein Einkommen. Ich habe das Fliegen geliebt – wollte Luftfahrttechnik studieren und hatte schon einen Pilotenschein, nachdem ich mich im vorherigen Sommer für die Stunden fast um den Verstand gearbeitet hatte. Also habe ich mit Fracht- und Kurzstreckenflügen für Annie angefangen, aber es hat nicht lange gedauert, bis sie mir Touristen anvertraut hat. Und jetzt mache ich das bald zehn Jahre lang. Fuck. Ich hoffe wirklich, dass ich noch einen Job habe, wenn das alles vorbei ist.«
»Ich wette, das wirst du.« Reuben wünschte, er könnte ihm ein definitiveres Versprechen geben. »Du bist gut darin, was du tust. Es wäre dumm von ihnen, dich nicht zurückzunehmen. Aber hast du nie daran gedacht, wieder auf die Uni zu gehen? Deinen Abschluss zu machen?«
»Ach nein. Die Familie braucht mich, jetzt auch noch. Nell ist mit zwanzig noch ziemlich jung und weiß noch nicht, was sie machen will. Und Hannah studiert jetzt Medizin. Sie hat eine Menge Stipendien, aber manche Dinge werden davon nicht abgedeckt. Ich habe Mom versprochen, dass sie die Uni abschließen würden.«
»Das ist ziemlich großzügig von dir.« Tobys Loyalität seiner Familie gegenüber erfüllte Reuben mit Demut. Und seltsamerweise machte diese Hingabe ihn weit attraktiver als die Rolle des lässigen, verspielten Reiseführers.
»Mann, ich bin kein Prinz. Das ist es, was eine Familie füreinander tut.«
»Ja. Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich meiner Mum eine bessere Wohnung beschaffen konnte. Es fühlte sich an, als hätte ich es wirklich geschafft, sowohl als Anwalt als auch als Mann.« Reuben schüttelte den Kopf. »Kann gar nicht glauben, dass ich all das mit dir teile.«
»Hey, was sollen wir sonst tun? Und du bist eine gute Ablenkung. Erzähl mir noch etwas, irgendetwas darüber, wie du tickst, das niemand von dir weiß.«
»Ein Geheimnis oder so?« Reuben konnte den Zweifel nicht aus seiner Stimme heraushalten. Es war nicht gerade seine Gewohnheit, viele von denen mit anderen zu teilen – oder überhaupt zu hüten.
»Genau. Wem soll ich es schon verraten? Und ganz ehrlich, wahrscheinlich vergesse ich es wieder, wenn sie mich mit Schmerzmitteln vollpumpen.«
Bei der Erinnerung daran, welche Schmerzen Toby litt, wollte Reuben helfen, auch wenn er ihn nur ablenken konnte. »Ehrlich gesagt arbeite ich hart, um keine Geheimnisse zu haben – ich mag den Stress dabei nicht, Dinge zu verbergen. Aber lass mich nachdenken… Bei Amelias Geburt habe ich geweint. Ich glaube, nicht einmal Natalie weiß das – sie war ziemlich weggetreten, aber sie haben mir dieses kleine Bündel gegeben und sie war so winzig… Ich habe mich nie so hilflos gefühlt.«
»Das ist süß.« Toby schenkte ihm ein schiefes Lächeln, das wahrscheinlich zur Hälfte benommen von den Schmerzen und zur Hälfte mitfühlend war. »Ich glaube, du bist wahrscheinlich ein besserer Dad, als du denkst. Aber was noch? Erzähl mir etwas Aufregendes.«
»Etwas Aufregendes? Hast du es auf intime Geheimnisse abgesehen?« Reuben musste blinzeln. »Tut mir leid, dich zu enttäuschen, aber ich habe keine. Kein Kink-Verlies oder irgendetwas in der Art.«
»Verdammt. Du kommst daher wie ein wandelnder Anzugporno und hast keine Fifty Shades of Reuben in deinem Repertoire?«
»Leider nicht. Das Komischste an mir ist wahrscheinlich das, was Natalie mit der Zeit in den Wahnsinn getrieben hat und Dan nach einer Weile auch.«
»Aha? Jetzt bin ich neugierig.«
»Ich… äh…« Gott. Wie sollte er das erklären, ohne dabei wie ein kompletter Idiot zu klingen? »Ich mag es, mich um andere zu kümmern. Sehr. Dinge für sie zu tun. Und so weiter.«
Toby neigte den Kopf. »Wie ein Sub? Du magst es, Leute zu bedienen?«
»Nein.« Reubens Gesicht wurde heiß. »Nicht, dass das irgendwie falsch wäre, aber ich mag es, das Kommando zu haben, sowohl im Bett als auch außerhalb. Es ist eher so… Ich mag es, anderen zu geben, was sie brauchen. Sie zu befriedigen und glücklich zu machen. Natalie war – ist – sehr unabhängig, also hat es eine Menge Reibereien gegeben, weil ich mich um sie kümmern wollte. Und Dan hat oft darüber gescherzt und mich einen Service Top genannt, was auch immer das bedeutet, aber er war… abenteuerlustiger im Bett, wollte es rauer haben, schätze ich. Meinte, ich wäre zu nett. Ich bin nicht sicher, was er damit gemeint hat.«
»Manchmal wird Kink überbewertet.« Toby lachte warm, nicht so, als würde er sich über ihn lustig machen. »Und es ist gar nichts dabei, dem Partner Lust bereiten zu wollen und so. Ich bin es eher gewöhnt, dass ich diese Aufgabe selbst übernehme, als dass sich jemand um mich kümmert, aber ich bin… interessiert, könnte man wohl sagen. Eigentlich klingt es irgendwie schön.«
Ich würde es dir gern zeigen. Reuben verbiss sich die Worte. Toby war verletzt und dieses Gespräch sollte ihn ablenken, nicht erregen. Er brauchte keine Anmache. Stattdessen sagte er locker: »Das kann es sein. Wie auch immer, das ist mein großes, schmutziges Geheimnis. Ich weiß nicht, ob ich noch andere habe. Vielleicht solltest du mir ein paar von deinen verraten.«
»Ich…« Toby öffnete den Mund, um etwas zu sagen, dann schluckte er abrupt und runzelte die Stirn. »Hörst du etwas?«
Während er seine Ohren anstrengte und auf Geräusche horchte, die Rettung ankündigen könnten, durchströmte Reuben unwillkürlich eine Welle der Hoffnung. »Ich sehe nach.«
Er kroch aus dem Unterstand hervor. Der Regen hatte endlich nachgelassen. Er sah in den Himmel und suchte nach Spuren eines Flugzeugs oder Helikopters. Irgendetwas.
»Ich sehe n… Warte. Da. Aber es ist weit weg. Komm schon, komm schon. Hier drüben.« Aber der Fleck hörte nicht auf ihn und wurde kleiner statt größer. »Verdammt.«
»Es ist trotzdem gut«, sagte Toby und klang viel schwächer, als es Reuben lieb war. »Sie suchen. Sie werden uns finden.«
»Ja.« Reuben wünschte, er wäre ebenso sicher. Es gefiel ihm wirklich nicht, wie blass Toby plötzlich war. Dann ruckte Toby vor, lehnte sich halb aus dem Unterstand und übergab sich.
Oh fuck, nein. Erbrechen. Mögliche Kopfverletzung.
Das war schlecht.
***
Irgendetwas stimmte nicht, so viel wusste Toby. Und in seinem Erbrochenem nach Blutspuren zu suchen, war nicht gerade, was er in diesem Moment tun wollte. Fuck. Es war beschissen, nicht zu wissen, ob er wegen des Adrenalintiefs oder etwas Ernsterem einen flauen Magen hatte. Nicht, dass ein wahrscheinlich gebrochenes Bein und ein verletzter Arm kleine Verletzungen waren, aber die konnte er wenigstens sehen, den Schmerz messen. Und ja, der Schmerz, der in Wellen kam, von denen einige manchmal schlimmer waren als andere, hatte zweifellos etwas mit seiner Übelkeit zu tun.
»Haben wir eine Wasserflasche?« Reuben sah vom Himmel weg und kramte ihr Gepäck durch, bis er Tobys Not-Feldflasche fand und ihm an die Lippen hielt. »Hier. Sieh mal, ob das hilft.«
»Okay.« Toby nahm einen kleinen Schluck. »Wenigstens lässt der Regen nach.«
»Was glaubst du, was auf der anderen Seite des Sees ist?« Reuben hatte die Stirn tief gerunzelt und seine Stimme war ernster, als Toby sie je gehört hatte. »Irgendeine Chance, dass es dort einen Weg geben könnte? Etwas, dem ich folgen könnte?«
»Du gehst nirgendwohin«, sagte Toby fest.
»Mein Handy hat noch etwas Akku. Dachte, ich sollte irgendwohin gehen, wo es Empfang gibt, und auf der anderen Seite sieht es höher aus.«
»Nein. Schalt das Handy aus. Wir haben die Signale und auf die Uhr zu schauen, hat keinen Sinn.« Er betonte seine Worte mit einem langen Gähnen, da ihn das Reden inzwischen erschöpfte.
»Schläfst du schon wieder gleich ein? Ich brauche es, damit ich weiß, wann ich dich wecken soll.« Reuben klang, als würde er Toby gleich anflehen, wach zu bleiben, als er sich wieder unter den Wetterschutz zwängte, und Toby hasste es, dass er ihm nicht einmal wach Gesellschaft leisten konnte, aber er konnte seine schweren Lider und seine verschwimmenden Gedanken nicht leugnen.
»Tut mir leid. Alles tut weh. Was für ein beschissener Geburtstag für dich. Tut mir leid.«
»Ich weiß. Und hör auf, dich zu entschuldigen.« Reuben streckte die Hand aus und strich die Haare aus Tobys Stirn zurück, sanfter und langsamer, als wenn er nach Fieber getastet hätte. Seine Finger wanderten hinab, streichelten Tobys Wange und einen Augenblick lang glaubte er, Reuben würde ihn küssen, aber dann richtete er sich mit großen Augen auf. »Warte. Jetzt höre ich etwas.«
Ein fernes Dröhnen, das neben den normalen Waldgeräuschen von Wind und Geraschel kaum zu hören war, erregte auch Tobys Aufmerksamkeit. »Kein Flugzeug oder Helikopter.«
»Verdammt.« Reubens Enttäuschung war so greifbar, dass Toby ihn mit seiner guten Hand tätschelte.
»Hör mal. Es wird lauter.« Obwohl er sich selbst anhielt, sich keine Hoffnungen zu machen, brach Tobys Puls trotzdem in Galopp aus. »Vielleicht ein Quad…«
Er erinnerte sich an den Streifen, der eine Straße hätte sein können, den er während ihres rapiden Absturzes erblickt hatte, und erlaubte sich zum ersten Mal den Wunsch, dass sie näher an Zivilisation waren, als er geschätzt hatte. Bitte. Bitte. Bitte.
Gerade als er das Geräusch auf eine gemeinsame Halluzination schieben wollte, erschienen dunkle Schatten am Waldrand gegenüber der Absturzstelle.
»Wir sind hier!« Reuben kroch aus dem Unterstand und winkte mit den Armen. »Wir sind am Leben!«
Ja, ja, das waren sie. Und Toby hatte vor, es zu bleiben, auch wenn er dafür gegen die Schmerzen und den Drang ankämpfen musste, in das Summen in seinem Kopf zu sinken, das sogar noch lauter war als die Motoren der Quads. Und das waren sie, Quads, sie kamen näher und die behelmten Fahrer trugen scheinbar Ranger-Uniformen.
»Oh fuck, zum Glück«, hauchte er, während sein ganzer Körper kribbelte. Und an den Ausdruck reiner Erleichterung auf Reubens Gesicht, mit offenem Mund und Tränen in den Augen, würde er sich den Rest seines Lebens erinnern.
»Die Signale müssen funktioniert haben.« Reuben winkte dem schnell herankommenden Duo weiterhin zu.
Die Fahrzeuge hielten zwischen der Absturzstelle und ihrem Unterstand an und die zwei Ranger stiegen ab und nahmen ihre Helme ab. Der Mann, vermutlich in den späten Dreißigern, sah mit seinem abgerissenen Look aus wie laufende Werbung für den Parkdienst und bellte in sein Funkgerät. Eine Frau mit kurzen dunklen Haaren, ungefähr im selben Alter, schenkte ihnen ein Lächeln, das Toby an seine Mutter erinnerte. Er musste an seiner Unterlippe kauen, um irgendwie die seltsamen Emotionen zu unterdrücken, die in ihm aufwallten.
»Na, was sind wir froh, Sie zu sehen!« Die Frau ging schnell zu ihnen hinüber. »Die Alaska Air National Guard hat uns um Unterstützung gebeten – sie haben einen Notruf von einem kleinen Flugzeug empfangen, aber die dicken Wolken und dieser Wind behindern die Suche der Helikopter. Zu Ihrem Glück sind Sie innerhalb der Parkgrenzen abgestürzt und sie haben uns losgeschickt, um mögliche Absturzstellen abzufahren. Also, wie steht es mit Verletzungen?«
»Toby ist schwer verletzt.« Reuben führte sie zum Unterstand hinüber. »Arm und Bein sind möglicherweise gebrochen und ich glaube, er hat eine Gehirnerschütterung. Benommenheit. Müdigkeit. Erbrechen.«
»Du klingst, als wolltest du für eine Arztserie vorsprechen«, beschwerte sich Toby. »Es geht mir gut. Bringt uns einfach nach Hause.«
»Quill?«, rief die Frau zum anderen Ranger, während sie sich neben Toby kniete. »Sag ihnen, wir haben ernsthafte Verletzungen. Sie müssen unbedingt versuchen, einen Heli hierher zu bekommen. Mir gefällt nicht, wie das aussieht, ich glaube nicht, dass wir einen Transport über Land versuchen sollten.«
Toby wollte protestieren und sagen, dass er auf dem Quad mitfahren konnte, aber die Schmerzen waren zu groß. Sogar Sprechen tat weh, fast als hätte der Schmerz darauf gewartet, dass sie entdeckt wurden, bevor er ihn überflutete, und sein Arm und Bein pochten im Takt mit seinem Kopf.
»Verlass mich nicht«, sagte er stattdessen und seine Angst wuchs zusammen mit dem Schmerz an. Er wollte nicht mit all diesem Schmerz allein sein und es gefiel ihm nicht, wie verletzlich und offen er sich fühlte. Seltsam, aber er vermisste beinahe die Nähe, die sie im Unterstand gehabt hatten, die Ablenkung von Reubens Geschichten.
»Auf keinen Fall«, antwortete Reuben, kniete sich neben die Frau und nahm Tobys gute Hand. »Wir werden dich hier rausholen. Mann, deine Hand ist wie Eis.«
Die Parkwächterin schnalzte mit der Zunge. »Wahrscheinlich ist Ihnen beiden zu kalt. Allerdings haben Sie mit diesem Unterstand gute Arbeit geleistet. Aber ich mache mir bei Ihnen beiden Sorgen um Unterkühlung – so warm ist es heute nicht und mit der Nässe und dem möglichen Schock müssen wir Sie unbedingt aufwärmen.«
»Mir ist nicht kalt. Eher heiß.« Toby konnte die leichte Panik nicht aus seiner Stimme heraushalten. Er wusste nicht, ob er seinem eigenen Körper noch trauen konnte, und ihm gefiel weder ihr ernster Ton noch ihre Miene, als sie seine Verletzungen untersuchte und mit jeder sanften Bewegung einen schmerzhaften Stich verursachte. »F—au. Au.«
»Schon gut. Ich bin da«, beruhigte Reuben ihn und ließ seine Hand nicht los, scheinbar ohne sich darum zu kümmern, was die Parkwächterin darüber denken mochte.
»Wir haben eine zusammenklappbare Trage dabei. Wir geben unser Bestes, um Sie auf den Transport vorzubereiten, während Quill versucht, einen Helikopter hierher zu bekommen.«
Transport. Oh fuck. Das bedeutete, er würde sich bewegen müssen. So weit hatte er noch nicht vorausgedacht und jetzt, da er es tat, stieg neue Sorge in ihm auf. Fuck. Genau wie seine Hoffnung hatte er auch verdrängt, das Ausmaß seiner Verletzungen und die anstehende Logistik richtig zu begreifen.
»Reuben. Mann. Versprich mir, dass du meine Chefin Annie anrufst. Sag ihr, sie soll meinem Dad sagen…«
»Du wirst es beiden selbst sagen.« Reuben drückte seine Hand.
»Es tut weh.« Er hoffte, dass er nicht allzu viel jammerte, aber es stimmte nun einmal und fuck, er wollte nicht noch größere Schmerzen haben, wenn sie ihn bewegten. Oder vielleicht war es die Erkenntnis, dass er hier nicht auf seinen eigenen Beinen herauskommen würde. Nein, er würde getragen werden und dann wer weiß wie lange im Bett liegen müssen. Sein Dad. Seine Familie. Sein Einkommen. Fuck. Er hatte vielleicht den Absturz überlebt, aber anders als Reuben, der in Folge des Absturzes offenbar irgendeine New Age-Erleuchtung erlebt hatte, verspürte Toby lediglich Grauen statt Hoffnung.
Alles war jetzt im Eimer. Alles. Und er hatte sich selten so hilflos gefühlt wie jetzt, während er dalag und zuhörte, wie die anderen Rettungsmöglichkeiten diskutierten, also klammerte er sich an Reubens Hand wie an die Rettungsleine, die sie für ihn auch war. Im Laufe ihrer Tortur hatte sich etwas verschoben. Vielleicht würde er für jeden, mit dem er gestrandet wäre, so empfinden, aber er spürte eine seltsame Verbindung zu Reuben, die über rein körperliche Nähe hinausging. Tiefer war. Als würde er Reuben damit trauen, seine Schmerzen zu lindern, die kommenden Stunden weniger höllisch zu machen. Reuben hatte ihm das Leben gerettet und ihn hierhergebracht.