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Kapitel 4

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Während er versuchte, sich an seinen Vorsatz zu erinnern, hier Spaß zu haben, beäugte Reuben das Flugzeug. Toby bereitete gerade alles für den Nachmittagsflug nach Brooks Falls vor, einen Ort innerhalb des Katmai-Nationalparks, der offenbar für seine Bärensichtungen bekannt war. Da es lediglich ein zwanzigminütiger Flug sein würde, gab es keinen Grund, genauso nervös zu werden wie gestern.

»Wenn dir das Angeln gefallen hat, dann wirst du das lieben«, versicherte Toby ihm, während er die Luke öffnete. »Es ist nicht ungewöhnlich für uns, ein Dutzend oder noch mehr Bären zu sehen, vor allem im Juli. Da es erst Juni ist, gibt es vielleicht nicht ganz so viele, aber ich wette, wir sehen ein paar. Und der Weg zur Aussichtsplattform ist leicht und kurz. Rein mit dir.«

»Das Angeln war nicht schlecht«, stimmte Reuben zu, während er ins Flugzeug kletterte. Das war sogar noch untertrieben. Ein paar Urlaubssaisons vor dieser hatten Craig und Leticia ihm eine Massage in einer lokal gerühmten Therme geschenkt. Reuben hatte sich verpflichtet gefühlt, den Gutschein einzulösen, und die Erfahrung war angenehm gewesen. Als er jedoch an diesem Morgen draußen in der Sonne gestanden hatte, während eisiges Wasser gegen ihre Wathosen geplätschert war und sie Forellen gefangen und wieder freigelassen hatten, hatte er sich weit entspannter und friedlicher gefühlt, als es selbst die kompetente Masseurin von damals geschafft hatte.

Und er hatte Amelia wirklich vermisst und das auf eine Art, die er lange nicht erlebt hatte. Er hatte das kleine Mädchen vermisst, das so gerne Dinge mit ihm unternommen hatte, dessen abenteuerlustige, neugierige Seite noch nicht von der mürrischen Verwandlung der letzten Jahre vertrieben worden war. Dieses Mädchen, an das er sich erinnerte, wäre vor dem Abflug auf der Stelle gehüpft, um die Bären zu sehen, hätte es geliebt zu angeln, hätte über seine Fehler gelacht und seine Erfolge bejubelt. Er hatte nicht gelogen – er war kein Typ, der viele Fotos schoss, aber er hatte zu seinem eigenen Erstaunen gemerkt, dass er die Erfahrung teilen wollte.

Auch wenn er es Amelia nicht zeigen konnte, war es alles andere als schrecklich, den Tag mit Toby zu teilen. Er war gute Gesellschaft und hatte Reuben sogar dazu gebracht, von seinen Sorgen als Vater zu erzählen, wie es nicht einmal Natalie oder Leticia geschafft hatten. Toby konnte genauso gut entspannt schweigen, wie er Reuben mit Geschichten von anderen Angelausflügen und Touren unterhielt. Und ja, Reuben würde lügen, wenn er nicht zugeben würde, dass das subtile Flirten und das Wissen um Tobys Bisexualität seinem Vergnügen auch keinen Abbruch tat.

Nicht, dass er irgendetwas mit dieser Anziehung anstellen würde, aber allein ihr leises Summen unter der Oberfläche war belebend – wie Training für seine eingerosteten Flirtfähigkeiten.

»Los geht's.« Tobys Stimme erklang knisternd über das Headset, als sie über den kleinen See glitten und gefühlt in wenigen Sekunden in der Luft waren, sodass die beeindruckende Landschaft unter ihnen lag. Dann hatte er kaum genug Zeit, um die in der Gegend verstreuten Lavafelder und vielen kleinen Seen zu betrachten, bevor sie schon wieder landeten.

Brooks Falls war offenbar ein beliebtes Touristenziel, denn Flugzeuge von anderen Reiseunternehmen hatten bereits am Ufer angedockt und auf dem kurzen Wanderweg trafen sie auf viele Touristen. Sie hielten zweimal an, um Ranger und andere Reiseführer zu begrüßen, die Toby kannte, und Reuben war ein wenig beeindruckt, wie viel Respekt seine Kollegen Toby entgegenzubringen schienen. Er wusste bereits, dass Toby charmant war, aber als er sah, wie andere auf ihn reagierten, schätzte Reuben seine Kompetenz noch etwas mehr.

Im Gehen erzählte Toby ihm von den archäologischen Aktivitäten in der Gegend und den neuntausend Jahre alten Artefakten, die in der Nähe gefunden worden waren. Seine Ehrfurcht vor der Fundstelle beeindruckte Reuben noch mehr. Er beneidete diese tiefe Verbindung zum Land und seiner Geschichte. Und er genoss es so sehr, Toby erzählen zu hören, dass es ihn sogar noch mehr überraschte als der Funke der Anziehung. Er genoss es aufrichtig, Toby um sich zu haben, wie er lange keine Gesellschaft mehr genossen hatte, nicht einmal die seiner Freunde.

Der Wasserfall war ein breiter Streifen rauschenden Wassers, der die gesamte Breite des Flusses einnahm. Da der Weg an den hölzernen Aussichtsplattformen endete, konnten Touristen nicht direkt ans Ufer heran. Zuerst bemerkte Reuben lediglich die unberührte Schönheit der Umgebung.

»Sieh nach links, auf etwa zehn Uhr. Zwischen den Blättern«, riet Toby.

»Ist das… ein Bär?« Eine verschwommene, runde Gestalt war gerade so zwischen dem dichten Pflanzenwuchs zu sehen. Der bärenähnliche Schemen war selbst aus dieser Entfernung größer, als Reuben erwartet hatte.

»Jepp. Wenn wir jetzt warten, kommt er vielleicht heraus und hat möglicherweise Kumpel oder Junge bei sich.«

Gestern hätte Reuben mit dem Fuß auf den Boden getippt, bis er weitergehen konnte, aber in den letzten vierundzwanzig Stunden hatte sich etwas in ihm geändert. Warten war jetzt keine Herausforderung mehr, nicht, solange es all diese Details zu betrachten gab – Baumstämme, die im Wasserfall hinabstürzten, andere interessante Schemen am Fluss, die zu Tieren gehören könnten, der wunderschöne Kontrast zwischen dem tiefblauen Fluss und dem strahlend blauen Himmel.

Ich habe das vermisst. Er merkte erst, dass er den Gedanken tatsächlich ausgesprochen hatte, als Toby ihn anlächelte und nickte.

»Komisch, dass so viele Leute irgendwann zu beschäftigt für die Natur sind und fast vergessen, dass sie noch da draußen ist«, sagte er verständnisvoll.

»Ja.« Erinnerungen strömten auf Reuben ein – das Camp als Kind, dann als Student die Sommer am Meer in Jersey, danach kurze Ausflüge und Urlaube, aber irgendwo hatte er den Jungen verloren, der er gewesen war, als er im Camp zum ersten Mal aus dem Bus gestiegen war und über die sich endlos erstreckenden Bäume und die verschiedenen Gerüche und Geräusche gestaunt hatte. Und vielleicht war es das, was er meinte – nicht, dass er das hier vermisste, einen Ort, an dem er noch nie gewesen war, sondern dass er dieses jüngere Ich vermisste und die Freude, die er früher aus der Natur geschöpft hatte.

Während er darüber nachdachte, tappte der Schatten am Ufer aus den Bäumen heraus. Es war ein großer Braunbär und Toby hatte tatsächlich recht gehabt, denn er wurde von einem weiteren, etwas kleineren Bären begleitet. Sie wateten ins Wasser hinaus.

»Sie sind so groß. Und es ist erstaunlich, wie sie das Wasser aushalten.« Das wenige, das in Reubens Wathose gesickert und auf seine Haut gespritzt war, war eiskalt gewesen. Er könnte auf keinen Fall darin schwimmen.

»Sie sind es gewohnt. Und siehst du, wie sie spielen?« Toby deutete zu dem größeren, der jetzt auf der Klippe vor dem Wasserfall stand, sicher ausbalanciert mitten im reißenden Wasser. »Sie suchen sich ihr Abendessen, aber sie haben auch Spaß.«

Reuben spürte es ebenfalls – die Tiere strahlten eine starke Zufriedenheit aus. Nicht, dass er näher kommen und testen wollte, wie gutmütig sie tatsächlich waren. »Sind wir ihr Abendessen?«

Tobys Lachen über seinen schlechten Witz fuhr Reuben mitten in die Brust. Er hatte ein großartiges Lachen, voll und tief, und in seinen Augenwinkeln bildeten sich Lachfältchen. »Heute nicht. Die Ranger sorgen dafür, dass hier alles gut überwacht und gesichert bleibt. Normalerweise ist es so, dass du dich vom Bären fernhältst und er sich im Gegenzug auch von dir fernhält, aber du kannst auch einige Dinge tun, um dich zu schützen.«

»Zum Beispiel?« Es überraschte Reuben, wie wichtig ihm die Antwort war. Er war nicht länger nur höflich und stellte weiterhin Fragen über Sicherheit und Bären, während sie zum Flugzeug zurückwanderten. Toby erzählte ihm mehrere Geschichten über heikle Begegnungen, die er über die Jahre hinweg mit verschiedenen Reisegruppen gehabt hatte, und als sie wieder beim Flugzeug ankamen, hatte Reuben vergessen, wegen des kurzen Rückflugs zur Hütte nervös zu sein.

Und als sie gelandet waren, merkte er, dass er nicht unbedingt gleich ein Handysignal suchen, sondern sich stattdessen noch nicht von Toby trennen wollte.

»Haben wir vor dem Abendessen noch Zeit?«, fragte er.

»Ein wenig. Vielleicht nicht genug für ein Nickerchen, aber mehr als genug für eine Dusche oder einen Vorgeschmack auf die Sauna oder den Whirlpool auf der Terrasse der Haupthütte.«

»Vielleicht nehme ich den Whirlpool«, gab er zu. »Was ist mit dir? Nutzt du die Anlagen hier überhaupt?«

»Das habe ich schon getan, ja«, sagte Toby langsam.

»Würdest du dich zu mir gesellen?« Zu spät erkannte Reuben, wie direkt das klang, und seine Stimme war leiser als beabsichtigt.

»Ich sollte nicht.« In Tobys Lachen schwang leichtes Unbehagen mit.

Reuben war gegen die Grenze zwischen ihnen gestoßen – das war nicht der Beginn einer Freundschaft, egal, wie angenehm es sich anfühlte. Toby wurde bezahlt, um zu jedem freundlich zu sein, und brauchte wirklich keine Anmache von einem alten Kerl wie Reuben.

»Entschuldige«, sagte er schnell. »Ich wollte nicht andeuten…«

»Ach nein, kein Problem.« Toby tat Reubens Sorge mit einem Winken ab. »Ich muss in Fishhook anrufen und unsere Pläne für morgen bestätigen. Aber es ist nicht… nicht so, als wäre es nicht verlockend, weißt du?«

»Ich verstehe. Dann gehe ich wohl zu meiner Hütte.«

»Klingt gut.« Toby bedachte Reuben mit einem prüfenden Blick, der sich anfühlte, als könnte er tief in ihn hineinsehen, und etwas wanderte zwischen ihnen hin und her, ein kurzes, heißes Knistern – ein wortloses Anerkennen der gegenseitigen Anziehung, bei dem Reuben die Wärme ins Gesicht schoss. Aber in Tobys Augen stand auch Bedauern.

Und Reuben verstand es wirklich. Toby hatte Prinzipien, aber das änderte nichts daran, dass Reuben doch etwas enttäuscht war, während er allein zu seiner Hütte ging. Er musste über sich selbst lachen. Craig würde das bestimmt urkomisch finden. Er hatte Reuben gesagt, dass er Spaß haben sollte, aber damit hatte er wahrscheinlich nicht gemeint, dass er sich nach dem Reiseführer verzehren sollte wie ein Junge, der im Sommerlager für die Betreuerin schwärmte.

Aber ihr seid beide unabhängige Erwachsene… Reuben konnte Craigs Einwand fast hören. Und ja, das waren sie. Prinzipien waren wunderbar und Reuben konnte sie respektieren, aber er spürte immer noch die Wärme dieses Blicks. Etwas war da, köchelte zwischen ihnen dahin, und egal, was es war, es machte die restliche Reise plötzlich viel interessanter.

***

Toby hätte fast Ja gesagt, wäre fast mit Reuben in den Whirlpool gestiegen, und war selbst am Morgen danach noch nicht sicher, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er hatte es zwischen ihnen nicht noch komplizierter machen wollen und so gut es sich auch anfühlte, mit Reuben zu flirten, zögerte er doch, diese Grenze zu übertreten. Reuben war ein Anwalt, jemand mit einem klar definierten Verhaltenskodex, und Toby wollte ihn… nun ja, beeindrucken hörte sich verzweifelt an, was nicht der Fall war, aber Reubens Meinung von ihm war ihm wohl nicht komplett egal und er wollte nicht, dass Reuben den Eindruck bekam, dass er ständig etwas mit Kunden anfing.

Aber jetzt, als er draußen im Fluss stand und Reuben dabei beobachtete, wie er schon in seiner zweiten Unterrichtsstunde wie ein routinierter Profi angelte, bereute er diese Entscheidung. Reuben, der gerade entdeckt hatte, dass er etwas gut konnte, war so attraktiv, dass er durchaus süchtig werden könnte. Reubens scheinbar natürliche Selbstsicherheit und Führungsqualität war von all der Unsicherheit der unbekannten Umgebung gedämpft worden, was Toby mehr als ein wenig niedlich gefunden hatte. Aber jetzt, da er sich etwas gefangen hatte, hatte sich Reuben von niedlich in umwerfend verwandelt.

»Ich glaube, ich verstehe, warum Leute das so gerne machen.« Reuben schenkte ihm ein Grinsen, in dem nicht eine Spur von Unmut wegen gestern Abend lag. Wenn er enttäuscht gewesen war, hatte er es gut verborgen und war sowohl beim Abendessen als auch heute Morgen gut gelaunt und freundlich gewesen. Tatsächlich hatten sie gestern nach dem Essen noch lange geredet. Reuben hatte weitere Fragen über Bären und andere Wildtiere gestellt und ihm weitere Geschichten entlockt. Es hatte etwas so Leichtes an sich, mit Reuben Zeit zu verbringen, etwas, das Toby dazu bewegte, mehr mit ihm zu teilen, weit über den Punkt hinaus, an dem er normalerweise die Bremsen zog und das Gespräch zwar unterhaltsam, aber unpersönlich und distanziert gestaltete.

»Willst du, dass ich den Abflug verschiebe? Wir müssen hier nicht dieselben straffen Zeitpläne einhalten wie kommerzielle Fluggesellschaften, daher kann ich dem Mittagsstopp einfach Bescheid sagen, dass wir uns Zeit lassen. Wir werden mehr als genug Tageslicht haben, also können wir unser Tempo selbst bestimmen. Und es ist dein Geburtstag – du solltest wirklich tun, was du willst.« Toby hatte die Hütte in Fishhook bereits kontaktiert, um zu bestätigen, dass es eine Torte geben würde. Mr. Ich-feiere-nicht würde sich damit abfinden müssen. Toby wollte Torte und Geburtstage sollten gefeiert werden. Er würde sichergehen, dass Reuben einen guten Tag haben würde, auch wenn er ihn sanft dazu zwingen musste. »Es ist etwas Wind vorhergesagt, aber so oder so rechne ich damit, dass das Wetter halten wird.«

»Hmm«, machte Reuben nachdenklich und das Blut schoss Toby in den Schritt. Fuck. Gestern Abend war er vielleicht standhaft geblieben, aber jetzt war er nicht sicher, ob er für Reubens restlichen Aufenthalt auf seine Willenskraft zählen konnte. »Vielleicht noch ein paar Fänge? Ich habe nichts gegen ein späteres Mittagessen.«

»Wir machen noch einen richtigen Angler aus dir.« Toby klopfte ihm auf die Schulter, nachdem er eine neue Fliege an der Schnur befestigt hatte. »Pass bloß auf, bevor du dich's versiehst, bist du nächstes Jahr wieder hier, brutzelst dir deinen Fang über dem Feuer und fragst mich nach all den guten Stellen aus…«

»Träum weiter.« Reuben schüttelte den Kopf, als wäre Toby zu viel für ihn, was er vermutlich auch war, wenn er den Kerl weiter so neckte. Als ob er jemals einen weiteren Trip hierher machen würde. Diesem Kerl stand einmal und nie wieder dick auf die Stirn geschrieben und er würde nächste Woche um dieselbe Zeit zweifellos wieder bei seiner Arbeit sitzen, bestimmt in einem Eckbüro. Aber auch beim Frühstück hatte er sich besser verhalten – hatte mit den anderen Gästen geplaudert, anstatt auf sein Handy zu starren, also hatte Toby ihm vielleicht eine dringend benötigte Pause verschafft, wenn schon nichts anderes. Und deshalb blieb Toby mit ihm lange genug am Fluss, um flussabwärts einige Bären beim Fischen zu beobachten und noch ein paar erfolgreiche Fänge einzuholen.

Der Wind war stärker geworden, aber alle Wettervorhersagen meinten, es würde erst später am Tag regnen, und Toby war schon bei stärkerem Wind geflogen.

»Wird vielleicht etwas holprig«, warnte er Reuben, während er ein letztes Mal vor dem Abflug alles überprüfte. »Wir überfliegen Lake Clark und dann die Nancy Lakes-Gegend und den Hatcher Pass, bevor wir bei einer Hütte in der Nähe von Fishhook landen. Wenn das Wetter hält, erkunden wir nach dem späten Mittagessen die Gegend um den Matanuska und den Knik River aus der Luft.«

»Und wenn es nicht hält?« Reuben runzelte die Stirn. Toby hatte bereits gemerkt, dass er nicht gerne wartete, und die Aussicht auf Brettspiele in der Haupthütte würde Mr. Geschäftsmäßig nicht gerade begeistern.

»In der Hütte gibt es ziemlich sicher Handyempfang und WLAN mit einem Passwort für die Unterkünfte. Diese Hütten sind neuer und ziemlich luxuriös – alle unsere Kunden lieben sie.«

»Oh, gut. Wenn es regnet, sehe ich einfach nach, was sich im Büro tut.«

»Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt.« Toby schenkte ihm einen Blick, der hoffentlich streng und nicht zu flirtend wirkte. »Das Büro übersteht bestimmt noch einen weiteren Tag ohne dich.«

Reuben murmelte etwas in sich hinein, das Toby nicht ganz verstand, dann deutete er auf die Luke. »Können wir los?«

»Jepp.« Toby schloss die Türen des Flugzeugs und führte dann seine letzten Sicherheitschecks vor dem Start durch. Er hielt seine übliche Rede über die Seen, die sie passierten, aber der Wind forderte mehr von seiner Konzentration als sonst, daher wurde er immer wortkarger, während sich der Himmel verdüsterte.

»Wird es regnen?« Eine seltene Frage von Reuben erklang über das Headset.

»Ich denke schon. Allerdings sind wir jetzt nicht allzu weit von Fishhook entfernt, also mach dir keine Sorgen, auch wenn du Tropfen siehst. Ich bin schon einige Male im Regen geflogen.« Er hasste es zwar, aber wenn man kleine Maschinen flog, war das Wetter schlicht eine Tatsache. Er versuchte, nicht unter Bedingungen zu landen, bei denen die Sichtflugregeln nur mühsam oder gar nicht mehr eingehalten werden konnten. Während das Wetter umschlug, konzentrierte er sich mit allen Sinnen ganz auf die schnell wechselnden Bedingungen. Die Sicht war seine Hauptsorge, aber der Wind war auch nicht zu unterschätzen. Die Notwendigkeit, zur Hütte zu gelangen, musste gegen eine ungeplante Landung abgewogen werden, um das Ende des Sturms auf dem Boden abzuwarten.

Die firmeninternen Regeln besagten, dass sie nicht flogen, wenn der Wind mit über fünfundfünfzig Stundenkilometern wehte, und das Wetter war zwar anständig gewesen, als sie abgehoben hatten, aber jetzt schubste der Wind sie hin und her und die Turbulenzen waren so schlimm, wie er sie schon lange nicht mehr erlebt hatte. Der Sturm kam immer näher und er musste weitermachen, obwohl seine Sicht stark eingeschränkt war. Um sie herum zuckten erste Blitze über den Himmel.

Zeit für Plan B. Seine Bordelektronik umfasste Warnsysteme, die seine Lageerfassung unterstützten, aber für Intuition gab es keinen Ersatz und selbst ohne Hilfe der Elektronik traf er die Entscheidung, in der Nähe einen Landeplatz zu suchen. Er war über die Jahre hinweg in allen möglichen Wetterbedingungen geflogen, aber mit Blitzen legte man sich besser nicht an.

Flüsse und Seen gab es in dieser Region genug – außer jetzt, wenn er verzweifelt einen brauchte. Ja, an diesem Punkt würde er sogar Watt nehmen, aber der Boden unter ihnen war felsig und uneben. Außerdem waren sie so weit draußen, dass Umdrehen ebenfalls keine Option war. Nebenbei musste er auf seinen Motor achten, der zwar einwandfrei gewartet, aber nicht unfehlbar war, vor allem in schnell wechselnden Wetterbedingungen.

Die Geräusche, die die Maschine von sich gab, gefielen ihm gar nicht. Er überprüfte jedes einzelne Instrument auf seinem Pult und begann, noch einmal seine Vorflugcheckliste durchzugehen. Er war so konzentriert gewesen wie immer. Hatte er etwas übersehen? Gerade als er wieder hinsah, spielte alles verrückt – keines der Instrumente hielt still, nicht einmal der Druck oder Sprit. Verursachten die Blitze eine Funktionsstörung? Fuck.

»Ich bereite uns auf eine Landung vor, damit wir abwarten können, bis das Schlimmste vorbei ist«, sagte er über das Headset zu Reuben. »Die Landung wird wahrscheinlich schnell und ungemütlich werden, also halt dich gut fest, aber kein Grund zur Panik.«

Noch nicht. Diesen Teil ließ er ungesagt, als er den Kanal zu Reuben ausschaltete. Dann wurde seine Sicht noch schlechter und sein Verstand schrie ihn an, dass er sie jetzt runterbringen musste. Egal, wie nahe sie an Fishhook waren, sie würden es nicht schaffen, wenn er nicht entschlossen handelte und dabei sowohl auf seine Instrumente als auch auf seine Intuition hörte. Er überprüfte, ob sein Notsender eingeschaltet war, und schickte einen Hilferuf aus. Viele Piloten, die er kannte, würden versuchen weiterzufliegen, aber die Konditionen verschlechterten sich rapide und er würde kein Risiko eingehen.

Da. Endlich entdeckte er eine Art Tal, eine Spur Wasser. In der Ferne war vielleicht eine Straße, aber seine Sicht war zu schlecht, um sicher zu sein. Das Tal war seine beste Möglichkeit, also ging er tiefer und leitete die Landung ein. Eine weitere Bö warf sie herum und verwirrte ihn vorübergehend.

»Fuck. Fuck. Fuck«, fluchte er ins Cockpit, während das Flugzeug gefährlich tief absank.

Echte Angst überkam ihn und sein Magen sank zusammen mit dem Flugzeug ab. Das war nicht nur der Wind, der sie herumschubste. Mit Wind war er schon Hunderte Male fertiggeworden. Was auch immer es war, die Blitze oder die Funktionsstörung, die Situation verwandelte sich von nicht gut in sehr schlecht, während er mühsam versuchte, den Sinkflug unter Kontrolle zu bringen. Er hatte getan, was er konnte, und konnte jetzt nur versuchen, eine kontrollierte Landung hinzulegen. Aber es war gut möglich, dass er nicht einmal das schaffte, nicht, wenn sie an Motorleistung verloren.

Wir stürzen ab.

Er wollte es leugnen, während seine Gedanken rasten und er versuchte, die beste Landestrategie zu finden, die am wenigsten Schaden anrichten würde. Aber die Realität, dass er allmählich die Kontrolle über die Maschine verlor, war nicht zu leugnen. Er konnte nur hoffen, dass seine Bemühungen sie retten würden, war aber überhaupt nicht sicher, wie es tatsächlich ausgehen würde.

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