Читать книгу Staatsjugendorganisationen – Ein Traum der Herrschenden - Anne Neunzig - Страница 23
5.6 Feste und Feierlichkeiten
ОглавлениеFeste und Feierlichkeiten waren fester Bestandteil im kulturellen Jahresablauf von HJ und BDM. Auch sie standen unter dem Leitbild der NS-Ideologie.202 Laut Kinz konnten durch sie „Verpflichtungen, Bekenntnisse, politisches und völkisches Erlebnis, aber auch Geselligkeit und Frohsinn im Leben der Gemeinschaft verankert werden.“203 Die meisten Feiern sollten die Menschen emotional erfassen und ihnen die Wichtigkeit des Aufbaus und Erhalts des Vaterlandes sowie die Rolle des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft vor Augen führen. So gab es beispielsweise den Tag der Machtergreifung (30.1), den Geburtstag des Führers (20.4.), den Muttertag (am 2. Mai-Sonntag, ab 1934 am 3. Maisonntag), den Feiertag der Deutschen Arbeit (1.5), das Fest der Jugend zur Sommersonnenwende und den Heldengedenktag. Hinzu kamen das Erntedankfest im Herbst sowie das Fest zum Gedenken an die Gefallenen der NS-Bewegung am 9.11.204
In der Vermittlung kultureller Identitäten spielte der musikalische Bereich eine wesentliche Rolle, eigneten sich doch Lieder und Musikstücke hervorragend dazu, auf emotionale Weise nationalsozialistisches Gesinnungsgut zu vermitteln. Die Wichtigkeit des Liedes sowie des Singens und die damit verbundene propagandistische Möglichkeit der Indoktrination kleiner, aber auch größter Gruppen, kann an folgendem Zitat nachempfunden werden: „Im Lied, im Singen findet der junge Mensch Einkehr in das Empfinden der Gemeinschaft. In dem Gefühl, das ihn dabei trägt, verliert er das außerhalb der Gemeinschaft liegende Individuelle, schwingt er ein in ihr Denken und verliert sich in eine herrliche Einheit.“205
In der Staatsjugendorganisation wurde das Lied als Mittel der Beeinflussung bei fast jeder Gelegenheit eingesetzt, so bei Festen und Feierlichkeiten, beim Sport und zu den wöchentlichen Heimabenden.
Abb. 13: Feste und Feierlichkeiten
Abb. 14: HJ-Zug in Wintersdorf 1938
Die gesungenen Lieder können in drei unterschiedliche Genres eingeteilt werden: das politische Lied, das Kampflied sowie das alte und neue Volkslied. Besonders den glorifizierenden Kampf- und Marschliedern als „Erbe der Kampfzeit“206 wurde eine hohe Bedeutung beigemessen, sollten sie doch den Hitlerjungen auf den Krieg einstimmen. Besonders stimulierend wirkten hierbei Rhythmus und Melodie dieser Lieder, die zum Mitsingen und Marschieren anregten und damit die Gemeinschaft der Singenden stärkte. Der Inhalt der Lieder war geprägt von Themen wie Tod, Sieg und Untergang.207 Als Beispiele können das von Baldur von Schirach verfasste und in der Staatsjugendorganisation häufig gesungene Lied 'Vorwärts, vorwärts' angeführt werden, wie auch das Lied 'Es zittern die morschen Knochen'208 des wohl bekanntesten Lieddichters der HJ Hans Baumann. Letzteres enthielt die berüchtigten Liedzeile: „Heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt“. Obgleich Baumann um 1936 das 'gehört' in 'hört' umänderte, gilt das Stück bis heute als Paradebeispiel chauvinistisch-hegemonistischen Liedguts der NS-Zeit.
Abb. 15: Lied: Vorwärts, Vorwärts
Abb. 16: Lied: Es zittern die morschen Knochen
Eng verwandt mit dem Kampflied war das politische Lied, durch welches den jungen Menschen eine einheitlich politische Haltung vermittelt wurde. Besonders häufig beinhalteten diese Lieder Wörter, welche die ideologische Weltanschauung und den Krieg heroisierten, so unter anderem Volk, Vaterland, Führer, Glaube, Fahne. Das Wort Fahne spielte eine gewichtige Rolle und wurde, fast wie ein Religionsersatz, über das eigene Leben gestellt, ablesbar etwa im Refrain des Liedes 'Vorwärts, vorwärts' in dem es heißt: „Ja die Fahne ist mehr als der Tod!“. Wichtige Beispiele dieses Liedgenres sind weiterhin die Lieder von Horst Wessel 'Die Fahne hoch', oder 'Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit'.209
Auch alte und neue Volkslieder, darunter Gemeinschafts- und Hausmusik sowie deutsche Meisterwerke wurden an die Jugend herangetragen, in denen sich erneut häufig die Begriffe „Vaterland, Volk, Führer“ wiederfanden. Sie hatten die Aufgabe, die Jugend „zur Ehrfurcht vor dem schöpferischen Genius unseres Volkes zu erziehen.“210, so unter anderem in dem Lied 'Die Morgenfrüh ist unsere Zeit'. Hinzu kamen neue Volkslieder, welche während des Nationalsozialismus geschrieben wurden. Sie thematisierten meist das propagierte Jugendleben dieser Zeit.
Auch Liedgut aus der Zeit der Jugendbewegung wurde übernommen, jedoch nur Lieder, die sich im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie nutzen ließen. Ansonsten wurden bündische Lieder verboten, beispielsweise im 'Verordnungsblatt der Reichsjugendführung II/25 – HJ. Stabschef' vom 01. 12. 1934, dass neben sowjetrussischen Stücken wie 'Eisbrechermannschaft' auch solche wie 'Heijo, der Fahrtwind weht' vom Nerother Wandervogel aufführte. Gleichzeitig wurde den HJ-Dienststellen der Bezug von Liederbüchern aus dem noch bestehenden bündischen Verlag Günther Wolff in Plauen untersagt. Nach einer Durchsuchung des Verlags im Jahr 1938 durch die Gestapo wurde der Verlag zwangsgeschlossen, da weiterhin im Geheimen aus dessen Lagerbeständen bezogen wurde.211
Jazzmusik spielte, obwohl offiziell als entartet verboten, auch in der Zeit des Nationalsozialismus für viele Jugendliche eine wesentliche Rolle. Ihre swingende Rhythmik, die sich leicht in die allgemeinen Hörgewohnheiten der Menschen einlagerte, fand vor allem durch US-amerikanische Filme Verbreitung, deren amerikanische Titel in unverfängliche deutsche übersetzt wurden.
Abb. 17: Lied: Es dröhnen Trommeln durch das Land
So fanden sie ihren Weg auch ins Radio oder wurden auf Tanzveranstaltungen gespielt, wie bei der Swing-Jugend212 erkennbar wird.
Zu den wichtigsten und einflussreichsten Liedkomponenten gehörte, unter anderem der bereits erwähnte Hans Baumann. Erst 1933 trat er, vom katholischen Schülerbund kommend, der HJ bei und wurde schnell zum berühmtesten HJ-Lieddichter. Er fertigte für alle Bereiche Gebrauchsmusik an, darunter Tageszeitenlieder, Marschlieder, Weihnachtslieder, Vaterlands-, Ostlands- und Soldatenlieder.
An dieser Stelle können noch Werner Altdorf als Verfasser kämpferischer Lieder, Heinrich Spitta für feierliche Gesänge und Georg Blumensatt, verantwortlich für Marschstücke, aufgeführt werden.