Читать книгу Studieren und Forschen mit Kind - Annette Caroline Cremer - Страница 8
1.3 Die Konkurrenz um die Ressource Zeit
ОглавлениеDer zentrale Konflikt zwischen den Bedürfnissen der Familie und den Anforderungen der Universität dreht sich um die Ressource Zeit. Stand vor dem ersten Kind noch die Ausbildung oder das Forschen und Lehren an erster Stelle, konkurrieren nun Familie und Universität um Priorisierung und um den größtmöglichen Anteil an der Lebenszeit von Mama und Papa, von Student/in und Forscher/in. Während jedoch das Kind ein bedingungsloses Anrecht auf die Aufmerksamkeit der Eltern hat, drängen existenzielle Notwendigkeiten oder auch der Wunsch nach Selbstverwirklichung die Eltern gleichzeitig zu Studium oder zu Forschung und Lehre.
Trotz der bestehenden Unterschiede in den Anforderungen der einzelnen Qualifikationsstufen ähneln sich die grundlegenden strukturellen Bedingungen von Studium, Promotion, Habilitation und Professur. In Studium und Wissenschaft müssen sich Eltern mit Nichteltern als Kollegen und Kolleginnen vergleichen, denen weit mehr Ressourcen zur Verfügung stehen. Eltern sind weniger flexibel, fallen öfter aus, brauchen mehr Zeit für vergleichbare Leistungen und sind meist älter als die Studierenden/Promovierenden oder Habilitierenden ihrer Vergleichsgruppe. Betroffene haben oft den Eindruck, ‚dreimal so gut‘ sein zu müssen, um für potenzielle Arbeitgeber ihr Manko der Inflexibilität wettzumachen. Der Erfolgsdruck und die Belastung können dadurch sehr hoch werden.
Die Krux und der einzige Weg, Familie und Studium/Wissenschaft für alle zufriedenstellend und erfolgreich zu bewältigen ohne dabei in eine Überforderungsspirale zu gelangen, liegt in einer bewussten Priorisierung und einer effektiven Arbeitsorganisation. Die dem Buch zugrunde liegende Idee ist die tatsächliche Vereinbarkeit von Studium/Wissenschaft und Familie. Dies bedeutet, der Familie den gebührenden Platz einzuräumen und die Anforderungen von Studium und Forschung in den wechselnden Lebensphasen der Kinder auf ein pragmatisch-handhabbares Niveau zu bringen.
Die Erkenntnisse der letzten Jahre zeigen, dass Eltern nicht in signifikant höherem Maß zu den Studien- oder Promotionsabbrechern, jedoch überproportional zu Wissenschaftsaussteigern gehören. Das bedeutet, dass die Vereinbarkeit mit dem zunehmenden Druck als schwierig eingeschätzt wird.
Eltern arbeiten meist effizient, sind diszipliniert und zielorientiert. Trotzdem sind für das Gelingen von Studium, Promotion und Forschung mit Kind verschiedene Faktoren ausschlaggebend. Dazu gehören eine sichere finanzielle Grundversorgung in jeder Phase, ein stabiles soziales Umfeld, gesicherte Kinderbetreuung und eine verständnisvolle akademische Unterstützung. Trotz der Gleichstellungsbemühungen existiert nach wie vor ein eklatanter Unterschied zwischen Müttern und Vätern, da alte Rollenmuster noch greifen und die Mütter meist die Hauptsorge für das Kind tragen und damit weniger Zeit für ihr Studium und ihre Forschung aufwenden können. Die Ausbildungsförderung von Frauen in der Wissenschaft ist dank der Bemühungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft in den letzten Jahren verstärkt in den Blick genommen worden. Besonders die Frauenförderpläne, das Professorinnenprogramm zur Erhöhung des Anteils von Frauen in der Forschung, aber auch die Exzellenzinitiativen als Best-Practice-Beispiele und nicht zuletzt der eingangs erwähnte demografische Wandel und die wachsende Kinderlosigkeit der Bildungseliten haben in diesem Zusammenhang zumindest zu einer Sensibilisierung gegenüber dem Themenfeld „Wissenschaft und Familie“ geführt.[1]