Читать книгу Jedes Kind kann schlafen lernen - Annette Kast-Zahn - Страница 8
Was passiert eigentlich im Schlaf?
ОглавлениеVor über 50 Jahren entdeckten die beiden amerikanischen Wissenschaftler Aserinsky und Kleitman, dass der Schlaf kein gleichförmiger Ruhezustand ist. Im Schlaflabor kann man mit Hilfe des EEG (Elektroenzephalogramm, eine Methode zur Aufzeichnung der Hirnströme) genau messen, wie sich die Aktivität des Gehirns im Laufe der Nacht verändert.
Man kann deutlich zwischen zwei sehr verschiedenen Schlafarten unterscheiden. In der Fachsprache heißen sie Nicht-REM-Schlaf und REM-Schlaf. In der Alltagssprache sagen wir Tiefschlaf und Traumschlaf.
Wenn wir einschlafen, fallen wir zunächst in den ruhigen Tiefschlaf. Wir durchlaufen nacheinander alle vier Stufen des Tiefschlafs – als gingen wir langsam eine Treppe hinab und fielen mit jeder Stufe in noch tieferen Schlaf. Angekommen auf den Stufen drei und vier wird die Atmung sehr ruhig. Das Herz schlägt gleichmäßig, das Gehirn »ruht sich aus«. Im EEG ist das erkennbar an großen, langsamen Wellenlinien, den so genannten Delta-Wellen. Da das Gehirn in dieser Phase nur wenige Impulse zu den Muskeln schickt, bewegen wir uns nicht viel. Es kann jedoch passieren, dass wir beginnen zu schnarchen.
Aus den Stufen drei und vier können wir nur schwer geweckt werden, zum Beispiel durch laute Geräusche wie Telefonklingeln. lm ersten Moment sind wir dann ganz durcheinander und müssen uns erst wieder zurechtfinden. Dieser Effekt ist verwandt mit bestimmten kindlichen Schlafstörungen (Nachtschreck und Schlafwandeln), auf die wir ab ⇒ genauer eingehen.
Nach zwei bis drei Stunden wird der Tiefschlaf zum ersten Mal vom Traumschlaf abgelöst. Der wissenschaftliche Name REM (rapid eye movements = schnelle Augenbewegungen) sagt aus: Während dieser Schlafphase bewegen sich die Augen hinter den geschlossenen Lidern recht schnell. Gleichzeitig werden Herzschlag und Atmung heftiger und ungleichmäßiger. Der Körper verbraucht mehr Sauerstoff. Das Gehirn wird plötzlich aktiv. Wir träumen! Würde uns in dieser Phase jemand wecken, könnten wir unseren letzten Traum wahrscheinlich genau erzählen.
Traumhaft entspannt
Bis heute weiß man nicht genau, warum wir eigentlich träumen. Sicher ist nur: Schlafwandeln oder um sich schlagen kann man im Traum nicht. Die Muskeln sind im Traumschlaf fast alle ruhig gestellt. Das Gehirn »feuert« zwar viele Reize Richtung Muskeln. Diese Reize kommen dort jedoch nicht an, sondern werden im Rückenmark gestoppt. Nur so ist es möglich, dass wir auch beim aktivsten Traum fast regungslos im Bett liegen und uns im Schlaf erholen. Wenn Hände und Gesicht ein wenig zucken, steht das allerdings möglicherweise im Zusammenhang mit unseren Träumen.
Vom Baby zum Erwachsenen: Wie sich der Schlaf verändert
Traumschlaf und Tiefschlaf wechseln sich mehrmals in der Nacht ab, bei Babys ebenso wie bei Erwachsenen. Allerdings macht der REM-Schlaf (Traumschlaf) bei Frühgeborenen 80 Prozent der Schlafzeit aus, bei voll ausgetragenen Neugeborenen nur 50 Prozent, bei dreijährigen Kindern ein Drittel und bei Erwachsenen nur noch ein Viertel. Schlafforscher haben sich Gedanken darüber gemacht, warum der REM-Schlaf beim Kind im Mutterleib und beim Neugeborenen eine so große Rolle spielt. Einige kamen auf die Idee, dass Kinder im Schlaf etwas für die Reifung ihres Gehirns tun: Die Reize durchlaufen dieselben Nervenbahnen wie später zum Beispiel beim Hören oder Sehen. Vielleicht werden die vielen Stunden, die das Kind im Mutterleib und in den ersten Lebenswochen im aktiven REM-Schlaf verbringt, sinnvoll so genutzt: Das Gehirn wird auf die Wahrnehmung vorbereitet. Das Kind »lernt« im Schlaf.
Ob der REM-Schlaf des Neugeborenen etwas mit Träumen, wie wir sie kennen, zu tun hat? Das ist wohl kaum herauszufinden. Schon zweijährige Kinder berichten aber von Träumen, wenn man sie nach dem REM-Schlaf weckt.
Noch eine Besonderheit gibt es beim neugeborenen Baby: Es fällt nach dem Einschlafen zuerst in den REM-Schlaf. Ab dem dritten Lebensmonat kommt dann immer zuerst der Tiefschlaf. Dieser ist in den ersten Lebenswochen noch nicht ganz ausgereift, erst ab dem sechsten Monat sind alle vier Stufen des Tiefschlafs deutlich zu unterscheiden. Nun gleicht der Baby-Schlaf schon sehr dem Erwachsenen-Schlaf. Das Gehirn ist bei einem sechs Monate alten Baby so weit entwickelt und das Schlafmuster so ausgereift, dass das Kind neun bis zehn, manchmal sogar elf Stunden lang schlafen kann – am Stück! Warum das trotzdem so oft nicht klappt, erfahren Sie im nächsten Abschnitt.
Das Schlafmuster: Einschlafen, Aufwachen, Weiterschlafen
Bereits in den 80er Jahren hat Professor Ferber (siehe auch ⇒) den Zusammenhang zwischen dem Ablauf des Schlafs und den so verbreiteten kindlichen Schlafstörungen überzeugend erklärt. Auf seinem Modell beruht die Grafik ⇒. Hier können Sie ablesen, wie der Schlaf bei einem mindestens sechs Monate alten Kind, das ein ausgereiftes Schlafmuster hat, in etwa abläuft.
Die Nacht in diesem Beispiel dauert von acht Uhr abends bis ungefähr sechs Uhr morgens. Wenn Ihr Kind früher oder später ins Bett geht, wird das Muster dadurch nur nach vorn oder hinten verschoben, aber nicht verändert.
Sie können in der Grafik auch die beiden ⇒ beschriebenen Schlafarten REM-Schlaf (Traumschlaf) und Nicht-REM-Schlaf (Tiefschlaf) unterscheiden. Den Tiefschlaf haben wir in der Abbildung ⇒ etwas vereinfacht und nur in zwei Stufen dargestellt: leichter und tiefer Tiefschlaf.
Der tiefe Tiefschlaf findet in den ersten zwei bis drei Stunden nach dem Einschlafen und noch einmal kurz in den frühen Morgenstunden statt. Für den Rest der Nacht wechseln sich Traumschlaf (REM-Schlaf) und leichter Tiefschlaf (Nicht-REM-Schlaf) mehrmals ab. Dazwischen sehen Sie immer wieder Pfeile. Diese Pfeile bedeuten: kurzes Aufwachen. Die ersten beiden Pfeile um 21.30 Uhr und um 22.30 Uhr bedeuten: unvollständiges Erwachen aus dem Tiefschlaf.
In unserem Beispiel wird das Kind gegen 20 Uhr ins Bett gelegt. Es dauert zwischen 5 und 15 Minuten, bis es tief und fest schläft. Einmal im tiefen Tiefschlaf angelangt, sind kleine Kinder nur schwer zu wecken. Die Eltern können den Staubsauger anstellen, das Licht einschalten, das Baby aus dem Auto in sein Bett bringen oder es vielleicht sogar wickeln – es wird trotz allem friedlich weiterschlafen.
Bloß nicht einschlafen!
An dieser Stelle erheben einige Eltern Einspruch: »Unser Kind schläft aber nicht schnell ein! Das dauert manchmal über eine Stunde lang. Es kommt uns vor, als ob es sich dagegen wehren würde, einzuschlafen.« Ist das bei Ihrem Kind auch so? Ein Grund dafür könnte sein, dass Ihr Kind schlicht und einfach noch nicht müde genug ist, wenn Sie es in sein Bettchen legen. Seine »innere Uhr« ist einfach noch nicht auf Schlafen eingestellt. Was Sie in diesem Fall tun können, erfahren Sie ab ⇒.
Viele Kinder zeigen alle Anzeichen von Müdigkeit, kämpfen aber nach Kräften gegen das Einschlafen. Wie ist das zu erklären? Die betroffenen Eltern haben sich meist angewöhnt, ihrem Kind mit mehr oder weniger aufwändigen Mitteln zum Einschlafen zu verhelfen. Sie legen es nicht wach ins Bett, sondern tun irgendetwas mit ihm, bis es schläft.
Das Zubettbringen könnte dann so aussehen wie bei Kilian (ein Jahr alt). Er wurde zum Einschlafen herumgetragen. Sobald seine Mutter ihn ins Bett legen wollte, wurde er wieder wach.
Oder wie bei Marika (neun Monate): Die Mutter blieb abends zwei, drei Stunden lang bei ihr, immer im Blickkontakt, hielt Händchen und nahm sie zwischendurch mehrmals auf den Arm.
Oder es könnte aussehen wie bei den zahlreichen Eltern, die sich mit dem Kind ins Bett legen »müssen«, bis es fest schläft. Wehe, sie versuchen zu früh, sich hinauszuschleichen! Dann ist die oder der Kleine wieder hellwach – und das Spielchen beginnt von neuem.
All diese Beispiele haben eins gemeinsam: Kinder, die sich gegen das Einschlafen wehren, können sich nicht entspannt und schlafbereit in ihr Bett kuscheln. Während sie einschlafen, geschieht etwas mit ihnen. Irgendeine Art von Zuwendung wird ihnen entzogen.
Sie als Eltern würden sich so ähnlich fühlen, wenn Sie mit der Gewissheit ins Bett gingen: »Wenn ich einschlafe, klaut mir jemand die Bettdecke.« Wahrscheinlich würden Sie ziemlich lange wach bleiben, um das zu verhindern. So ähnlich »denkt« auch Ihr Baby: »Wenn ich einschlafe, schleicht sich jemand raus. Da gibt’s nur eins: Bloß nicht einschlafen!« Zum Glück reagieren nicht alle Babys so. Bei vielen besiegt das Schlafbedürfnis die Wachsamkeit.
Normale Wachphasen
Zurück zur Grafik ⇒: Irgendwann schläft jedes Kind. Für die meisten Eltern heißt das: »Nun haben wir ungefähr drei Stunden Ruhe!« Die Pfeile in der Grafik, die jeweils »kurzes Aufwachen« bedeuten, erscheinen erst nach 23 Uhr – nämlich dann, wenn die erschöpften Eltern selbst gerade in ihren tiefsten Tiefschlaf gefallen sind.
Manche Kinder weinen jedoch schon nach 20 oder 30 Minuten zum ersten Mal. Das kann bedeuten, dass sie noch gar nicht richtig eingeschlafen waren. Völlig normal ist ein Halb-Wachwerden aus dem Tiefschlaf nach einer bis eineinhalb Stunden. Meist bemerken die Eltern gar nichts davon. Das Kind dreht sich vielleicht um, kaut, schmatzt, reibt sich die Augen oder murmelt etwas – danach schläft es sofort weiter. Ausgelöst wird dieses »halbe Erwachen« durch eine Veränderung der Gehirnströme: Im EEG erkennt man in diesem Moment, dass sich plötzlich alle Schlafmuster miteinander vermischen. Die ersten beiden Pfeile in der Grafik (21.30 Uhr und 22.30 Uhr) zeigen genau diesen Zustand an. Das Kind scheint gleichzeitig zu schlafen und wach zu sein.
Manche Kinder reagieren nicht so »normal«, sondern eher ungewöhnlich: Sie stehen auf und geistern im Zimmer oder der Wohnung herum – sie schlafwandeln. Andere bekommen regelrechte Schrei-Attacken, die mit Um-sich-Schlagen einhergehen und bis zu 20 Minuten dauern können. Dies nennt man Nachtschreck (Pavor nocturnus). Bei kleinen Kindern ist das keine psychische Störung, sondern es wird verursacht durch eine verzögerte Reifung des Schlafablaufs. Wie Sie damit umgehen können, erfahren Sie ab ⇒.
In über 90 Prozent der Fälle haben Schlafstörungen aber etwas mit Schlafgewohnheiten zu tun. Für die Entstehung dieser Schlafstörungen ist entscheidend: Was passiert, wenn ein Kind schon drei Stunden lang tief geschlafen hat? In unserem Beispiel tritt die erste REM-Phase (der Traumschlaf) gegen 23 Uhr auf, danach folgen sechs weitere. Sie erkennen es an den Pfeilen in der Grafik: Nach jedem REM-Schlaf wacht ein Kind kurz auf, bevor es zurück in den (nicht mehr ganz so tiefen) Tiefschlaf fällt. Dieses Aufwachen aus dem Traumschlaf, manchmal auch aus dem leichten Schlaf, passiert also ungefähr siebenmal jede Nacht. Besonders oft ab drei Uhr morgens. Viele Eltern erkennen genau die Zeiten wieder, zu denen auch ihr Kind sich regelmäßig meldet.
Kein Kind schläft wirklich durch
Alle Kinder – wie auch alle Erwachsenen – werden nachts mehrmals wach. Der Unterschied ist: Die einen schlafen schnell wieder ein, ohne dass die Eltern überhaupt etwas bemerken. Die anderen dagegen werden richtig wach und fangen an zu weinen. Mama oder Papa werden aus ihrem Tiefschlaf gerissen, müssen sich aufrappeln und ihren Liebling wieder zum Schlafen bringen. Wenn sie Glück haben, weint ihr Kind nur ein- oder zweimal pro Nacht. Es kann aber auch sein, dass es sich nach jeder Traumphase, also insgesamt siebenmal oder noch öfter, meldet! Mit bösen Träumen hat das nichts zu tun. Es ist ganz normales erlerntes Verhalten.