Читать книгу Das leere Grab - Arya Andersson - Страница 6

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Kapitel 1

Ich hätte sie hinauswerfen sollen – und meinen Bräutigam gleich dazu!

Jan war Mutter nie vorgestellt worden, dennoch kannten die beiden sich – aus dem Bett!

Während ich hilflos gegen den Schockzustand ankämpfte, stierten die zwei sich voll kalter Wut an. Das bildhübsche Gesicht meiner Mutter war vor grenzenloser Wut verzerrt und ihre dunkle sinnliche Stimme vibrierte unter ihrer mühsam aufrechterhaltenen Selbstbeherrschung.

„Wenn ich gewusst hätte, dass meine Tochter dich heiraten würde, dann hätte ich sie gewarnt.“

Jans Erwiderung kam prompt und bissig. „Kaum zu glauben, dass ausgerechnet du die Mutter der Liebe meines Lebens bist.“

„Das nennt man Ironie des Schicksals.“

Seine Brauen zogen sich gefährlich zusammen. „Ich würde es eher als eine böse Laune der Natur bezeichnen.“

In diesem Moment begriff ich endgültig. Schlagartig fühlte ich mich wie ein junger zarter Baum, welcher hilflos einem tosenden Orkan ausgesetzt war. Mit schwarzen tanzenden Punkten vor den Augen torkelte ich zum Büfett. Wie in Trance griff ich nach einem Sektglas und leerte es in einem Zug. Da es nicht sonderlich schmeckte, stürzte ich gleich ein Weiteres hinunter. Unversehens schob sich Jan zwischen mich und den Sekt.

„Franziska ...“

„Du warst ihr Geliebter!“ Eine eisige Klinge schien sich tief in meine Magengrube zu bohren und sich mit quälender Langsamkeit mehrmals herumzudrehen. Frostige Kälte kroch mir in die Finger, die Arme hinauf und schnürte mir die Luft ab. Röchelnd versuchte ich Sauerstoff in die Lungen zu saugen und schließlich schrie ich meinen Schmerz ungeachtet der Hochzeitsgäste hinaus. Die Ausgelassenheit der Gäste war schlagartig beendet. Die Gästeschar teilte sich in zwei Gruppen. Die einen schoben sich hastig, mit langgereckten Köpfen, nach vorne, um von dem sich anbahnenden Skandal nur ja nichts zu verpassen. Während die anderen ihre Wangen wie Bernhardiner nach unten sacken ließen, in der Hoffnung, nicht in die Schusslinie der Streitenden zu geraten. Mein Mann nahm mir den Sekt ab, noch ehe ich einen weiteren Schluck trinken konnte. Ich spürte wie die eisige Kälte in meinem Bauch langsam warm – nein heiß wurde. Etwas veränderte sich in mir. Ich ließ Jan keine Sekunde aus den Augen, während ich nach einem weiteren Glas griff.

Dieses Mal gebot mir meine Mutter Einhalt, indem sie mir das Getränk aus der Hand angelte. Mit einem reuigen Hundeblick begegnete sie den unkontrollierten Blitzen, welche aus meinen halbgeschlossenen Augenlidern schossen.

„Hätte ich gewusst, dass du ihn heiraten würdest, dann hätte ich es dir vorher gesagt.“ Ihre Stimme klang reumütig, was ich ihr keine Sekunde lang abkaufte.

Ich lachte bitter auf. „Da hat man die Schnauze von der Mutter voll, zieht ins Ausland, um ihr zu entkommen, heiratet einen Mann, um ein neues Leben zu beginnen, und stellt dann fest, dass es vor der mütterlichen Allmacht kein Entrinnen gibt.“

Meine Hand verirrte sich wie von selbst zu den Gläsern. Prompt wurde ich von Jan enteignet. Wie von der Tarantel gestochen, krallte ich mir ein Weiteres und schüttete das schäumende Getränk in das perfekt gemeißelte Gesicht meines Bräutigams, den ich vor noch nicht ganz zwei Stunden zum Mann genommen hatte.

„Wage es nicht, mir etwas zu verbieten!“ Zischend schleuderte ich das Glas auf den Rasen. Da es die unendliche Frechheit besaß, nicht zu zerbrechen, schmetterte ich den Fuß darauf. Das zermalmende Geräusch spornte meinen Zorn weiter an. „Wann hast du es ihr das letzte Mal besorgt?“

„Wir haben nicht miteinander geschlafen.“

„Lüg mich nicht an! Meine Mutter hat es sich zur Aufgabe gemacht, jeden potenziellen Geliebten von mir vorher zu prüfen!“

Jan zuckte unter meiner Stimmgewalt zusammen. „Franziska, könntest du bitte etwas leiser reden?“

Mein Blick irrte umher. Die Hochzeitsgäste machten sich nicht einmal die Mühe betreten wegzusehen. Ein hinterhältiges Kichern kroch in mir hoch.

„Es sind doch alles deine Freunde, Jan. Vor seinen liebsten Mitmenschen hat man keine Geheimnisse, nicht wahr?“

Mit einem harten Griff packte er meinen Oberarm und zog mich an seine Seite. „Können wir das nicht heute Abend besprechen?“ Seine Augen schweiften verzweifelt über die anwesenden Köpfe hinweg. Mit ungeahnten Kräften entriss ich ihm meinen Arm. „Nein, können wir nicht! Ich möchte es jetzt wissen! Wann hast du das letzte Mal mit meiner Mutter gevögelt?“

„Also nein, deine Ausdrucksweise. Was ist nur in dich gefahren, Täubchen?“

Steif wie eine Marionette drehte ich mich mit Siebenschläfgergeschwindgkeit zu meiner Mutter herum.

„Hast du vielleicht irgendetwas zu verheimlichen, Mama?“ Mein beißender Ton peitschte auf Mutter hernieder. Ihr tapfer aufrecht erhaltenes Lächeln verrutschte leicht.

„Franziska! Das ist wirklich nicht nötig.“ Die ermahnende Stimme meines Mannes ließ den Zorn in mir in ungeahnte Höhen schnellen.

„Allzeit ihr loyaler Geliebter.“

„Franziska.“

„Wann, Jan? WANN!“ Mit angehaltenem Atem stierte ich ihn an.

Er schwankte, konnte sich jedoch nicht zu einer Antwort durchringen. Es war Mutter, die sich meiner erbarmte. „Wir lernten uns vor zwei Monaten kennen.“

Leiser hätte sie kaum noch sprechen können, aber für mich kamen ihre Worte einem legendären Urdonner gleich. Ein schwindelerregender Sog, der beinahe einer Ohnmacht gleichkam, näherte sich meinem Verstand. Ich musste mich mit beiden Händen am Büfett abstützen, um nicht zu fallen. Tränen rannen mir über die Wangen, ohne dass ich es bemerkt hatte. „Und du hast mir gesagt, es wäre eine Geschäftsreise.“ Ich erkannte meine eigene Stimme nicht wieder. Sie klang schwach, resigniert, ja, schon beinahe leer.

Jan rieb sich müde über das Gesicht. „Ich brauchte etwas Zeit, Franziska. Ich musste herausfinden, was ich wollte. Doch dann wurde mir bewusst, dass ich mit dir mein Leben verbringen möchte.“

Ich brauchte alle Kraft der Welt, um mich zu diesem treulosen Mann umzudrehen. „Hätte die Erkenntnis dich nicht treffen können, bevor du mit meiner Mutter ins Bett gestiegen bist?“

„Ich wusste nicht, dass sie deine Mutter ist.“

Also doch! Er hatte die Anschuldigung nicht von sich gewiesen. Sie hatten miteinander geschlafen. Die Arme schienen Tonnen zu wiegen, als ich nach meinem Kopf griff. Er saß bedenklich wackelig auf den Schultern. „Und wenn sie Miss World persönlich gewesen wäre, du hättest dich vor deinem Abenteuer entscheiden müssen.“

„Damals wusste ich doch noch gar nicht, dass wir heiraten würden. Erst danach ahnte ich, wie sehr ich mir ein gemeinsames Leben mit dir wünsche. Daher habe ich dir einen Heiratsantrag gemacht.“

„Nachdem du dich von den Qualitäten meiner Mutter überzeugt hast?“ Meine Stimme schoss eine Oktave nach oben. Mir war schlecht und ich hatte das Gefühl, high zu sein. Eine Katastrophe war über mich hereingebrochen, doch irgendwie fühlte sich das Ganze lächerlich an. Wären nicht die betroffenen Gesichter um uns herum gewesen, dann hätte ich wohl laut gelacht. So aber wurde ich von dem Wunsch beseelt, eine dramatische Vorstellung zu liefern. „Wenn ich noch einmal alles zusammenfassen dürfte: Du beteuerst mir deine endlose Liebe, reist nach Ulm zu einem Ärztekongress, lernst dort meine Mutter kennen, steigst mit ihr ins Bett, verlängerst deinen Aufenthalt um ein paar Tage, damit du mit dir ins Reine kommen kannst, und machst mir dann einen Heiratsantrag?“ Plötzlich zuckte ein ganz anderer Gedanke durch meinen Kopf. „Hast du deinen Aufenthalt wegen ihr verlängert?“ Mit der Frage stellte ich mich auf die Zehenspitzen und bohrte meinen Blick in seine aufgerissenen Augen.

Er fuhr sich mit seinen Händen über sein Gesicht und wirkte dadurch unendlich müde. „Franziska! Ich wusste nicht, dass sie deine Mutter ist.“

Seine Antwort ließ mich meine Frage schlagartig vergessen. „Aber sie ist es!“ Schrill hallte die Stimme in meinen Ohren wider. Unvermittelt verlor sich der Hang zur Dramatik. Diese Umstände waren derart fatal, dass es keinerlei Theatralik mehr bedurfte. Der Gedanke, dass meine Mutter mit Jan geschlafen hatte - dass sie ihn besser kannte als ich - dass dieser Heiratsantrag nur eine lapidare Konsequenz dieser Affäre gewesen war, war mörderisch. Ich zwang mich ruhiger zu atmen und schraubte meine Stimme auf eine halbwegs normale Tonlage zurück. Das alles war so grotesk, dass mir nur noch staubtrockener Sarkasmus blieb. „Wenn ich vor der Hochzeit mit dir ins Bett gestiegen wäre, hättest du dann meiner Mutter den Antrag gemacht?“

Jans Stimme umwölkte sich augenblicklich. „Dein beißender Spott ist nicht angebracht!“

Wütend gab ich ihm eine Ohrfeige. „Beantworte meine Frage!“

Sein Blick sprühte vor Kälte und seine Miene wirkte ungnädig hart. „Hier geht es nicht um Sex, sondern um uns. Ich liebe dich!“

„Soll das heißen, dass du ohne mich nicht leben kannst, aber falls du Lust auf Sex bekommen solltest, ins Bett meiner Mutter steigen wirst?“

„Herr Gott, Franziska! Sie war nur irgendeine Frau an der Bar.“

„Warum hast du mich betrogen?“

Die Härte verschwand aus seinen Zügen. Er hob seine Hände etwas, ließ sie jedoch gleich wieder fallen. Er setzte ein paar Mal zum Reden an und schüttelte jedes Mal, wenn nichts über seine Lippen kam, leicht den Kopf. Es war, als würde ihn die Frage überfordern. Mit einem leisen Seufzer schloss er seine Augen. „Ich wollte dich schon früher bitten meine Frau zu werden, aber ich hatte Angst mich zu binden. Als ich Brigitte traf, war dies ein letzter Versuch, frei zu bleiben. Hinterher wusste ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte und dass ich ohne dich nicht leben kann. Als du den Antrag angenommen hattest, war es, als würde für mich ein neues Leben beginnen. Franziska, ich liebe dich, das musst du mir glauben.“ Mit dem letzten Satz öffnete er seine Augen. Eine einzelne Träne rann über seine Wange.

Sofort verspürte ich den Drang, meine Hand nach ihm auszustrecken, um sie fortzuwischen. Doch mitten in der Bewegung riss ich sie zurück. Ich fühlte mich entsetzlich leer. „Ich habe geglaubt, du wärst der Mann meines Lebens, ich habe darauf vertraut, dass ich dir die Welt anvertrauen könnte. Aber ich habe mich wohl geirrt.“

„Franziska ...“

„Nimm deine Finger weg!“ Hysterisch schlug ich nach seiner Hand. Tränen rannen über mein Gesicht und tropften auf das sündhaft teure Brautkleid, welches mir heute Morgen so viel bedeutet hatte, jetzt aber nur noch ein Fetzen Stoff war.

Meine Mutter legte mir die Hand besänftigend auf den Arm. „Franziska, Liebes. Nun beruhige dich doch wieder. Ich glaube nicht, dass dieser Ort geeignet ist, dieses Thema weiter zu erörtern. Wir sollten zu Hause darüber reden.“

Ich konnte die Mordlust, welche mir in den Augen geschrieben stand, spüren. „Darf ich überhaupt an der Erörterung teilnehmen oder muss ich vor der Schlafzimmertüre warten?“

„Nun wirst du aber gemein.“

„Gemein? Alles, was mir je etwas bedeutet hat, hast du zerstört. Du machst nicht einmal davor halt, mir die Hochzeit zu verderben.“ Bitter lachte ich auf. „Ja, natürlich – warum hättest du auch vorher mit der Sprache rausrücken sollen? Gott! Wie ich dich hasse! Ich bedaure aus tiefstem Herzen, dass mein Selbstmordversuch vor 15 Jahren nicht gelungen ist!“

Schlagartig setzte drückendes Schweigen ein. Geschockt starrte die Hochzeitsgesellschaft zu uns herüber. Stocksteif hielt ich in der Raserei inne und stierte atemlos auf meine Mutter, die kalkweiß geworden war. Mit einer gewaltigen Ohrfeige befreite sie sich aus ihrer Lähmung. Getroffen taumelte ich einen Schritt zurück. Meine Wange brannte wie Feuer.

„Sag das niemals wieder, hörst du? Nie wieder!“ Sie bebte am ganzen Körper und die Hand, welche mich geschlagen hatte, ballte sich zur Faust.

„Selbstmordversuch?“ Jans Stimme klang dünn, beinahe wie ein Wispern, als diese zu mir durchdrang. Niemand hatte bisher davon gewusst. Nicht einmal Jan. Nur meine Mutter, die letztlich der Grund dafür gewesen war. Ich riss eine Flasche Sekt vom Büffet und wandte mich um. Ich musste fort – sofort! „Franziska! Bitte nicht! Ich liebe dich!“ Für einen winzigen Moment verharrte ich in meiner Bewegung, dann schüttelte ich den Kopf und torkelte weiter. „Wo willst du hin?“

„Fort!“ Ohne weiter auf die verräterische Mutter oder den abtrünnigen Bräutigam zu achten, schwankte ich Richtung Schwager. Die Gäste senkten ihren Blick und gaben mir den Weg frei. Nicht aus Betroffenheit oder Fürsorge, sondern um ihre Skandalgier in ihren Augen zu verbergen. Mein Schwager schüttelte flehentlich seinen Kopf, als ich ihm die Schlüssel für das Brautauto entwand, doch er unternahm nichts, um sie mir zu verwehren. Niemand hielt mich auf, als ich wortlos meine eigene Hochzeit verließ. Wie in Trance ging ich über den grünen Rasen Richtung Parkplatz. Die Welt um mich herum war in einem seltsamen grauen Schleier versunken. Ich stieg ins Brautauto, verriegelte die Türen und drehte das Radio auf volle Lautstärke. Ich horchte kurz in mich hinein, doch ich fühlte nichts. Selbst mein Gehirn schien mal ausnahmsweise im Schlafmodus zu sein. Im Takt der polternden Musik trank ich die ganze Sektflasche leer, bis sich die ersten hoffnungslosen Schluchzer den Weg über meine Lippen bahnten. Warum hatte ich Mutter zur Hochzeit eingeladen? Warum nur hatte ich mich ihrer erbarmt und wieder Kontakt zu ihr aufgenommen? Auch wenn ich mich gegen den Gedanken wehrte, so wusste ich dennoch, dass ich übersprudelnd vor Glück, der eigenen Mutter endlich verzeihen wollte, um mit ihr – meiner einzig lebenden Verwandten – diesen Segen zu teilen. Wie dumm, wie blöd, war ich doch gewesen, ihr im Anfall der Sentimentalität zu schreiben. Ich wollte ihr vergeben und hatte dabei ignoriert, wer und wie sie war. Verzeihe, aber vergesse niemals! Wie hatte ich mir selbst nur so untreu werden können?

Unter Tränen ließ ich den Motor an. Der Traum von wärmender Geborgenheit hatte nur zwei Stunden angedauert. Wieder einmal musste ich einsehen, dass mir das Glück nicht vergönnt war. Ich blinzelte in den Himmel hinein. Irgendwie hoffte ich, dass das Wetter sich solidarisch zeigen und mit mir zusammen über diese Ungerechtigkeit weinen würde. Doch die Sonne strahlte voller Wärme hernieder – so wie jede Braut es sich für ihren Hochzeitstag wünschte. Ein kalter Stich jagte mir ins Herz.

Bitterlich weinend drückte ich das Gaspedal durch. Die entsetzten Schreie meines Schwagers drangen nicht zu mir durch und ich sah auch nicht Jans Gestalt, welche sich in hoffnungsloser Reue vor den Wagen stürzte. Blind durch den nie endenden Stich des Verrates, schoss ich auf die Straße hinaus. Ich sah nicht das Auto und hörte auch nicht das langgezogene schrille Hupen. Das Einzige, was zu mir durchdrang, war das entsetzlich laute Geräusch zweier aufeinanderprallender Autos. Als wäre ich nur eine Zuschauerin, eine Unbeteiligte des Geschehens, wunderte ich mich über die Finsternis, die in der Gestalt einer unüberwindbaren Mauer auf mich zuschoss und mein Bewusstsein in ihre unentrinnbaren Tiefen hinab zerrte.

Das leere Grab

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