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Das Sauna-Paradies
ОглавлениеBeide waren richtig aufgedreht durch den Bericht des Mediziners. Sie waren sich einig, dass sie noch nicht nach Hause gehen und sich in Erding bei einem Italiener einen ruhigen Platz suchen wollten, um über das gerade Gehörte zu sprechen und sich ihre weiteren Schritte zu überlegen.
Alois Kreithmeier hatte es nach ihrem Besuch in der Pathologie den Appetit verschlagen, er bestellte sich nur ein Bier, während Melanie sich auf eine Pizza Quattro Stagione freuen durfte.
Sie saß ihrem Kollegen gegenüber und spielte mit ihrem Smartphone.
»Was machst du denn, bist du schon wieder am Daten?«, fragte Alois etwas genervt, weil die Aufmerksamkeit seiner Kollegin nicht ihm, sondern dem kleinen schwarzen Teil in ihrer Hand galt.
»Aber Hallo. Ich suche im Internet nach Markus Backhaus. Ein etwas ungewöhnlicher Name. Findest du nicht auch?«
»Mag sein. Bairisch klingt er auf jeden Fall nicht.«
»Das stimmt allerdings. Es gibt eine Menge Markus Backhausen, aber Markus Backhaus gibt es relativ wenige.«
»Ist wohl nur die Light Version.«
»Quatsch. Der Name Backhaus ist ziemlich bekannt. Es gibt natürlich einige Bäckereien unter dem Namen. Insgesamt 2,5 Millionen Einträge. In Kassel. In Wilhelmshaven, in ...«
»Fass dich bitte kurz!«
»Also gut«, sagte sie schließlich. »Es gibt einen Markus Backhaus in Freising. Und zwar mit einen Facebook Account und einen Wikipedia Eintrag.«
»In Facebook ist ja jeder drin und in Wikipedia? Ist er denn so berühmt?«
»Wie man es nimmt. Dieser Mann ist ein Schriftsteller. War mal Journalist bei der Süddeutschen, bei der FAZ und hat auch für die Zeit geschrieben. Investigativer Journalismus.«
»Also ein Paparazzi, ein Sensationsreporter.«
»Nicht direkt Alois. Außerdem soll er sich aus diesem Metier zurück gezogen haben und nun mehr oder weniger erfolgreich Bücher schreiben.«
»Bücher? Was für Bücher?«, fragte er.
»Geister- und Gespenstergeschichten und vor allem Zombieromane.«
»Von der FAZ zum Groschenroman. Wie kommt denn so was?« Kreithmeier lachte.
»Er wird eben mit seinen Büchern mehr Geld verdienen.«
»Wer liest denn so einen Scheiß: Zombies, Geister und Vampire.«
»Mehr als genug«, entgegnete sie bissig, »wie du ja am eigenen Leibe heute feststellen durftest. Das Kino war voll. Und Stephenie Meyer verdient Millionen damit.«
»Mit diesem Stuss?«, fragte er gelangweilt.
»Stephenie Meyer soll zu den hundert weltweit einflussreichsten Menschen gehören. Es wird behauptet, sie schicke sich an, die Nachfolgerin der Harry Potter - Autorin Joanne K. Rowling zu werden.«
»Die schreibt auch so einen Mist.«
»Und sie haben beide Erfolg damit.« Melanie holte tief Luft. »Und die Rowling ist eine der reichsten Frauen der Welt.«
»Und unser toter Geisterautor?«
»Sicher nicht. Ich habe noch nie etwas von ihm gehört, bevor ich ihn nicht tot auf der Bahre im Leichenschauhaus gesehen habe. Und gelesen habe ich auch noch nichts von ihm.«
Kreithmeier blickt auf ihr Smartphone. »Was schreibt er denn so?«
»Unter anderem: „Ich habe dich zum Fressen lieb.“, „Bleib doch bitte zum Abendessen“ oder „Ich bin schon tot.“ Vielleicht kennst du ja auch das Buch „Interview mit einem Zombie“?«
Kreithmeier lachte. Das war zu viel. Er trank einen Schluck Bier um sich zu beruhigen. »Und das steht da alles in deinem kleinem Dingsbums da?« Er deutete mit dem Zeigefinger verächtlich auf den kleinen Bildschirm.
»Ja! Und noch ein paar andere Bücher. Ich denke, die Titel brauche ich dir nicht vorlesen. Aber sie gehen alle in diese Richtung. Ich habe mal nach seinem Verlag gesucht. Und da wird auf der Internetseite für die Buchmesse im Herbst in Frankfurt eine neue Reihe von Markus Backhaus angekündigt. Es soll um Vampire und Werwölfe gehen.«
»Der kleine Schreiberling will an dem Run mitverdienen. Vampire?«
»Kleiner Schreiberling?«, konterte Melanie. »Ich weiß nicht, er hat immerhin schon 16 oder 17 Romane veröffentlicht. Der muss ganz schön fleißig sein. Und wenn es eine Klientel für dieses Genre gibt, kann er doch auch nicht so schlecht verdienen.«
»Also gut. Zombies und in Zukunft Vampire. Und wer bringt den armen Tropf um? Ein Geschöpf aus seinen Schundromanen?«, fragte Kreithmeier kleinlaut.
»Zombies beißen dich, damit du einer von ihnen wirst.«
»Ich dachte, das machen die Vampire?«
»Oder auch die Vampire. Ist auch egal. Was machen wir beide denn als Nächstes?«, überlegte Melanie.
»Wir sollten uns einmal in der Therme umhören, ich würde gerne den Saunamenschen befragen, der für den tödlichen Aufguss verantwortlich war. Und wir sollten in die Wohnung des Toten fahren. Apropos, hat jemanden schon seinen Wagen sicher gestellt?«
»Keine Ahnung«, antwortete Melanie, »und wenn, dann nur die Erdinger Kollegen. Du solltest mal den Lindner danach fragen. Wem gehört jetzt eigentlich der Fall?«
»Gefunden wurde der Tote in Erding. Wohnen tut er in Freising. Ich nehme an uns. Ich hoffe es.«
»Gut, dann sollten wir uns morgen früh sofort in seiner Wohnung umsehen. Du hast die Schlüssel und die Adresse.«
»Ja. Die Wohnung oder sein Haus ist im Neustift. Das Viertel oberhalb vom Landratsamt.«
»Weißt du was, Kreiti, trink aus, wir schauen uns da heute noch um. Weil richtig müde bin ich wirklich noch nicht.«
»Ohne die Spurensicherung?«
»Willst du den Rainer oder den Josef heute Abend noch von der Glotze wegreißen?«
»Besser nicht. Gut zahlen wir, gehen wir, fahren wir.«
Das Haus von Markus Backhaus war in der Eckerstrasse, einer kleinen Wohnstraße im Viertel Neustift. Es war seitlich nach hinten von der Straße versetzt und nur über eine separate Zufahrt zu erreichen. Melanie parkte den Wagen vorne auf der Straße unter einer Laterne. Der Weg zum Haus war unbeleuchtet und führte sie direkt ins Dunkel. Kein Bewegungsmelder schaltete eine Straßenbeleuchtung oder einen Strahler am Mauerwerk an. Vor ihnen lag, nur leicht vom Mondlicht beleuchtet, ein rechteckiges Einfamilienhaus mit einem Stockwerk und Flachdach, ganz im Stil der modernen Bauhausarchitektur.
Kreithmeier pfiff durch die Zähne: »Das Bauhaus vom Backhaus!«
Melanie gab ihm einen Stoß mit ihrem Ellbogen in seine Rippen, was so viel heißen sollte, er sollte leise sein. Zu Läuten wäre sicherlich ein überflüssiges Unterfangen, und so schlichen sie beide am Haus vorbei in den Garten.
Alles war dunkel und alle Fenster und Türen verschlossen.
»Dann lass uns mal hinein gehen«, sagte Kreithmeier leise. »Ich bin gespannt, wie der Herr Schriftsteller so zu leben gedachte. Wenn ich mir das Haus anschaue, weiß ich sofort, dass ich den falschen Beruf habe. Ich sollte auch anfangen zu schreiben. Hexenromane vielleicht. Melanie, die wilde Hexe aus dem Thüringer Wald. Huhuhuhuaaa...«
Melanies Blick sagte alles. Kreithmeier biss sich auf die Zähne, dass er nicht losprustete. Mit einem unterdrückten Lachen sperrte er die Haustüre auf und schaltete das Licht ein.
Ein Flur führte direkt in eine offene Küche mit freistehender Arbeitsplatte mit Kochfeld. Direkt im Anschluss ein heller Esstisch mit 6 Freischwingern aus Edelstahl und weißem Leder. Dahinter das Wohnzimmer mit Leseecke, breitem schwarzen Ledersofa und einem Flachbildschirm, der fast die gesamte Wand einnahm.
»Ich habe wirklich den falschen Beruf«, stöhnte Melanie neidisch.
»Das sieht nicht wie gemietet aus«, sagte Alois, »Das Haus muss ihm gehören und das, was ich hier vor mir sehe, sind annähernd 80.000 Euro. Der Backhaus hat mit seinen Romanen nicht schlecht verdient. Ich wusste gar nicht, dass Freising so einen berühmten Sohn hat.«
»Er schreibt nicht unter seinem richtigen Namen. Er benutzt ein Pseudonym. Deswegen ist er hier nicht bekannt. Schau!«
Melanie hielt ihrem Kollegen ein Buch unter die Nase.
»Das Blut der Toten Seelen. Black Beth.«
Kreithmeier schlug das Buch auf und las Melanie leise daraus vor.
»Ich zitterte am ganzen Körper. Mein Herz pochte und die Angst ließ meine Nackenhaare aufstehen. Hatte ich denn überhaupt eine Chance? Durch ein Loch in meinem Verschlag sah ich sie auf mich zukommen, die lebenden Untoten. Ihren Gestank konnte ich bis zu mir riechen. Ich entsicherte mein Schrotgewehr und bereitete mich seelisch schon darauf vor. In wenigen Sekunden würde ich hochspringen und mein ganzes Magazin in die fauligen und wurmigen Körper dieser Zombies schießen. Immer darauf bedacht, ihnen den Kopf wegzusprengen, denn das war die einzige Möglichkeit, sie endgültig zu töten und ihren verwünschten Seelen die Chance auf einen dauerhaften Frieden zu geben......«
Kreithmeier legte das Buch zurück auf den Küchentisch.
»Und mit solch einem Stuss kann man Geld verdienen? Da hat ja der Film um Bella Swan und Edward Cullen noch eine richtige Handlung gehabt. Ich muss ihnen den Kopf wegsprengen, den moderigen, Wurm zerfressenen Schädel. Hua ahua. Was für ein Scheiß.«
»So, wenn du dich wieder eingekriegt hast, wäre es nett, wenn du dich auf die Arbeit konzentrieren könntest. Noch schreibst du keine Bücher. Und zieh bitte Handschuhe an! Ich will dich morgen nicht als Tatverdächtigen verhaften müssen«, ermahnte Melanie ihren Kollegen.
»Ist ja schon gut. Also was haben wir denn hier?«
»Eine hübsche Einrichtung, bezahlt oder nicht, auf jeden Fall mit Geschmack. Und entgegen meiner Vorstellung, wie ich mir die Einrichtung eines Gruselautors eingebildet habe.«
Kreithmeier lachte: »Du hast an alte Kerzenleuchter, Spinnweben, Ritterrüstungen und Zombiefiguren gedacht.«
»Nicht ganz, aber fast. Hier sieht es eher aus wie bei einem Schönheitschirurgen oder einem erfolgreichen Rechtsanwalt.«
»Hast du denn schon mal eine Wohnung eines Schönheitschirurgen von innen gesehen. Ich dachte an dir wäre alles echt.«
»Blödmann. Komm! Sehen wir uns weiter um.«
Alois sah sich um und fragte Melanie: »Wo arbeitet denn der Herr Schriftsteller, oder besser gesagt, wo hat er denn gearbeitet?«
»Also hier nicht. Vielleicht im oberen Stockwerk. Schauen wir nach, ob es dort ein Arbeitszimmer gibt.«
Über eine helle Holztreppe schritten sie vorsichtig in den ersten Stock. Doch alle Vorsichtsmaßnahmen waren überflüssig, sie waren allein im Haus. Markus Backhaus musste hier auch allein gelebt haben, denn in seinem Kleiderschrank fanden sie nur Herrenkleidung in Größe 48. Nicht einmal eine zweite Zahnbürste war im Badezimmer zu entdecken. Und alles war sauber, super sauber, für einen alleinstehenden Mann fast zu sauber.
»Der hat sicher eine Putze. Wie das alles hier glänzt«, merkte Melanie neidisch an, als sie das hell geflieste Badezimmer untersuchte.
Der letzte Raum ihrer Entdeckungsreise durch die Gemächer des Toten, war das Arbeitszimmer. Ein riesiger grauer Schreibtisch, ein großer Monitor, einige Bücherregale mit Romanen von Black Beth, Joanne K. Rowling, Stephenie Meyer und Stephen King und von ein paar unbedeutenderen Schriftstellern, wie Thomas Plischke und Max Brooks. Aber alles Fantasie oder Horror.
»Hier brütete also Markus Backhaus alias Black Beth seine Fantasien aus. Auch wenn er hier gearbeitet haben soll, es sieht alles so unbenutzt aus. Wie schreibt er denn seine Manuskripte, mit Bleistift oder Kugelschreiber per Hand und auf Briefpapier?«
»Du hast Recht, Alois, das sieht alles so aufgeräumt aus. Hier steht nicht mal ein Rechner oder ein Laptop herum.«
»Das stimmt. Hier kommen wir erst einmal nicht weiter. Kann es sein, dass Backhaus seinen Laptop in seinem Wagen hat?«
»Das werden wir überprüfen müssen. Wenn hier nicht alles so sauber wäre, würde ich sagen, es ist uns jemand zuvor gekommen, hat den Rechner des Toten mitgenommen und was weiß ich noch alles, und dann hier Klar Schiff gemacht. Es gibt kein einziges Staubkörnchen im ganzen Haus. Klinisch rein. Wer lebt so?«
»Ein Spinner. Sicher kein Messie.«
»Gehen wir Alois, es ist spät. Ich hatte gedacht, wir finden etwas.«
»Schicken wir Zeidler und Schaurig hin. Sie sollen sich morgen viel Zeit nehmen.«
»Schurig, Alois, Schurig, heißt er.«
»Obwohl der Name Schaurig zu unserem Fall besser passen würde.«
Nach den üblichen Formalitäten, einem kurzen Gespräch mit der Staatsanwältin Claudia Lehner und der Entsendung der Spurensicherung ins Haus des Toten, machten sich Alois und Melanie am nächsten Tag ein weiteres Mal nach Erding auf, um dem Sauna-Paradies einen Besuch abzustatten.
Doch so leicht, wie sie sich das vorstellten, war es nicht. Die Dame an der Kasse wollte sie auf keinen Fall ohne Badebekleidung oder Bademantel in die Wellness Oase hineinlassen.
Kreithmeier plusterte sich wie ein Pfau vor ihr auf und drohte sogar mit der amtsärztlichen Schließung der Sauna-Anlage, doch die Dame gab nicht klein bei.
»Da könnte ja jeder kommen. Sprechen Sie mit unserem Geschäftsführer. Ich lasse Sie auf jeden Fall nicht rein. Nur über meine Leiche.«
»Damit würde ich im Moment nicht spaßen. Das kann schneller kommen als Sie es wollen. Eine Leiche haben Sie ja schon«, zischte der Kommissar.
»Um was geht es denn?«, fragte der Geschäftsführer mit einem überhöflichen Lächeln auf den Lippen als er die Ausweise der beiden Kriminalbeamten genauestens untersuchte.
»Folgen Sie mir bitte in den Verwaltungstrakt. Wir sollten die Angelegenheit nicht vor unseren Gästen besprechen.«
Er führte sie in sein Büro und bat sie, sich zu setzen.
»Was kann ich für Sie tun, und wieso sind Sie von der Kriminalpolizei? Der Verstorbene kam doch durch einen natürlichen Tod ums Leben. So schlimm und so traurig das alles für uns ist – die lokale Presse ist heute voll davon – was hat das nun mit Ihnen zu tun?«
»Was wir jetzt besprechen muss in diesem Raum bleiben. Es wäre besser für Sie und auch besser für unsere Ermittlungen.«
Der Geschäftsführer lehnte sich zurück und fragte besorgt: »Ermittlungen? Was für Ermittlungen? Ich denke, es ist alles in Ordnung.«
»Das ist es leider nicht. Nun zurück zu meiner Frage. Bleibt alles in diesem Raum: Ja oder Nein?«
»Um Himmelswillen, natürlich. Warum auch nicht. Um was geht es denn?«
»Es gibt Hinweise dafür, dass Markus Backhaus, der Mann, der in Ihrem Solestollen verstorben ist, nicht eines natürlichen sondern eines unnatürlichen Todes gestorben ist.«
Der Mann sah den Kommissar an und sagte nichts. Er blickte ihn unverständlich an. Melanie sagte daraufhin: »Und jetzt das Ganze nicht in Beamtendeutsch. Der Mann ist ermordet worden. Basta.«
Jetzt hatte er es begriffen und beugte sich konspirativ zu ihnen vor.
»Mord? Ein richtiger Mord? Hier in der Therme? Sie machen Scherze?«
»Leider nicht. Verstehen Sie jetzt, dass das alles unter uns bleiben muss?«
»Ja selbstverständlich. Um Gotteswillen. Würde die Presse davon Wind bekommen, das wäre ein Desaster.«
»Oder auch nicht«, feixte Melanie, »das könnte auch eine gute Marketingstrategie sein: Aufguss des Todes. Wer will nicht mal an einem echten Tatort sein?«
»Frau Schütz, wie können Sie nur .....«
»War nur so eine Idee. Entschuldigung.«
»Kommen wir zurück zu unserem Anliegen«, sagte Kreithmeier und blickte den Geschäftsführer forschend an, »wir wollen uns einmal den Tatort näher anschauen, und zwar unauffällig, wenn es geht. Und wir wollen den jungen Mann sprechen, der gestern um 12 Uhr die Verantwortung für den Salzaufguss hatte. Hat der heute Dienst?«
»Nun, zu dem jungen Mann, da muss ich in den Dienstplan sehen, das lässt sich sehr leicht vereinbaren. Wenn er heute Schicht hat, dann lasse ich ihn hier in mein Büro bringen, da sind sie ungestört mit ihm. Was aber den Tatort betrifft, und ich wiederhole noch einmal Ihre eigenen Worte – unauffällig – da kann ich sie nur bitte, mit Saunabekleidung den Wellness Bereich zu betreten. Wie würde das denn aussehen, wenn zwei Leute mit Straßenkleidung durch unseren FKK Bereich stolzieren. Ich helfe Ihnen aus mit zwei Bademänteln und zwei Handtüchern. Mehr kann ich nicht tun. Ihre Straßenkleidung bleibt draußen. Basta.«
»Aber....«
»Kein Aber. Und wenn Sie mit der ganzen Polizeidienststelle kommen. Wir haben heute über 2.000 Gäste im Haus. Nehmen Sie mein Angebot an oder lassen Sie es. Sie kommen mit normaler Kleidung nicht rein.«
»Und wenn wir ...«
»Der Herr Polizeipräsident ist übrigens ein guter Freund von mir und ein Stammgast unseres Hauses. Auch Staatsanwältin Lehner beansprucht immer wieder mal eine Suite im Royal Daily Spa.«
Seine letzten Worte hatte er betont langsam ausgesprochen und Alois Kreithmeier hatte schließlich eingesehen, dass es nichts bringen würde, brachial wie mit einer Brechstange die Staatsmacht durchzusetzen. Er gab sich geschlagen.
»Gut schicken Sie uns den jungen Mann und dann geben Sie halt jedem von uns einen Bademantel. Und der junge Mann soll uns führen, wenn wir mit ihm gesprochen haben. Und etwas zu Trinken. Bitte.«
Der Geschäftsführer nickte zufrieden und verließ das Büro.
»Wolltest du wirklich den Betrieb schließen lassen?«, fragte Melanie ihren Kollegen.
»Wahrscheinlich eher nicht, doch wie die dumme Kuh sich an der Kasse aufgeführt hat.«
»Sie hat doch nur ihren Job gemacht. Das musst du doch verstehen. Und ich würde uns auch nicht in Straßenschuhen hineinlassen. Das geht doch nicht. Und du warst ganz schön pampig.«
»Und wie sich der Herr Geschäftsführer aufgespielt hat. Aaah, der Herr Polizeipräsident macht sehr gerne bei uns mit seiner Gattin einen Aufguss. Und Frau Staatsanwältin beehrt uns mit ihrem jungen kroatischen Knackarsch. Die gute Frau bucht immer wieder sehr gerne bei uns die Sodom und Gomorrha Suite, natürlich nur, wenn die Fetischsuite besetzt ist. Aaaaaahhh.«
»Hör auf jetzt herumzublödeln. Lassen wir das jetzt. Konzentrieren wir uns auf den Saunajünger. Er ist im Moment der einzige Anhaltspunkt. Wir sollten es nicht vergeigen.«
»Schon gut, schon gut, schon gut.«
Die Tür öffnete sich und ein junger Mann in knappen Shorts und T-Shirt kam herein und sagte knapp: »Ich soll mich bei Ihnen melden.«
»Bitte setzen Sie sich. Herr ... Herr ...?«
»Martin Wildgruber.«
»Herr Wildgruber, bitte.«
Kreithmeier zeigte auf einen leeren Besucherstuhl. Der junge Mann kam der Aufforderung nach und schaute neugierig auf die beiden Polizisten. Es war ihm noch nicht klar, warum er hier war.
Melanie begann die Befragung: »Sie wissen anscheinend noch nicht, warum wir Sie sehen wollen.«
Er schüttelte mit dem Kopf.
»Wir sind von der Mordkommission. Und wir haben einige Fragen an Sie.«
»Mordkommission?«
»Ja. Es geht um den gestrigen Tag. Und zwar um den Aufguss im Solestollen um 12 Uhr. Denn haben Sie doch durchgeführt. Richtig?«
»Ja, das habe ich. Geht es um den toten Mann in der Sauna?«
»Die Fragen stellen wir«, antwortete Kreithmeier. Ein verschärfter Blick Melanies gab ihm ziemlich deutlich zu verstehen, er solle sich etwas zurückhalten.
»Sie haben vollkommen Recht«, sagte sie. »Es geht um diesen Mann. Wenn Sie uns bitte einmal aus Ihrer Sicht der Dinge erzählen könnten, was am Montag so alles geschehen ist.«
»Nun, ich bin wie immer pünktlich zum Dienst erschienen. So gegen halb Zwölf habe ich dann im Personalbereich das Salz für den Aufguss zusammengemischt. Meersalz und ein Öl aus Eukalyptus und Menthol. Es brennt zwar leicht auf der Haut, befreit aber die Atemwege und entschlackt den Körper.«
»Hat jemand anderes Zutritt zu Ihrem Personalbereich?«
»Jeder, der hier arbeitet. Man braucht dazu aber einen Schlüssel.«
»Erzählen Sie bitte, wie ging es weiter.«
»Das Übliche. Nichts Besonderes.«
»Bitte!«
»Ich habe die Glastür zum Stollen geöffnet«, fuhr der junge Mann fort, »habe mit dem Handtuch frische Luft hineingefächert, dann eine kurze Begrüßung an die Gäste: Vorstellung, Regeln und Ablauf. Türe auf, den Eimer genommen und mit einer Holzkelle jedem Salz auf die Hand geschaufelt.«
»Hat der Mann auch Salz von Ihnen bekommen?«
»Mit Sicherheit, aber speziell an ihn kann ich mich nicht so genau erinnern.«
»Haben Sie gesehen, wie er sich mit dem Salz eingerieben hat?«
»Das Licht ist im Vorraum gedämmt. Da ist es schwierig, etwas exakt zu erkennen.«
»Wer hat dem Mann den Rücken eingerieben?«
»Ich bin mir nicht sicher, aber er war allein da. Er saß in der Sauna neben zwei jungen Frauen. Die gehörten nicht zu ihm. Ich glaube, er hat sich von einem anderen Gast den Rücken einreiben lassen. Das ist bei uns so üblich, wenn man alleine kommt, und es nicht selbst machen kann oder will.«
»Und wer war das?«, fragte der Kommissar und unterbrach Melanies Befragung.
»Ich glaube eine Frau.«
»Herrgott noch einmal. Ich glaube, ich glaube, ich glaube. Glauben kann man in der Kirche. Haben Sie denn etwas gesehen?« Kreithmeier wurde ungeduldig und fauchte Martin Wildgruber giftig an.
Melanie beschwichtigte ihn sofort: »Bitte strengen Sie sich an. Das kleinste Detail könnte uns helfen.«
»Es war eine Frau. Eine Schwarzhaarige.«
»Na geht doch«, blökte Kreithmeier.
»Alois, bitte. Herr Wildgruber, können Sie die Frau beschreiben?«
»Sie war bildhübsch. Dunkle Augen. Schwarzer Lippenstift. Schwarzer Nagellack. Sie saß in der Sauna auf einem der heißesten Plätze, direkt neben dem Ofen. Genau gegenüber dem Herrn. Wie war sein Name noch mal?«
»Wir haben ihn noch nicht genannt. Er hieß Markus Backhaus.« Melanie ließ den Namen einen kurzen Moment wirken, dann fragte sie: »Kennen Sie ihn oder besser kannten Sie ihn?«
»Nein, den Namen höre ich heute zum ersten Mal. Ich habe auch den Mann vorher noch nie gesehen.«
»Und die Frau?«
»Das kann schon sein. Sie trägt an der Hüfte am Rücken ein kleines Tattoo. Eine schwarze Lilie.«
»Warum ist Ihnen das aufgefallen?«, hakte Melanie nach.
»Weil sie eine Freundin hat, die hat die gleiche Blume, nur in weiß.«
»Eine weiße Lilie, auch über dem Po?«
»Ja.«
»Wieso interessieren Sie sich so für Tattoos?«
»Weil ich selbst tätowiert bin und gerne am ersten Donnerstag im Monat Dienst habe.«
»Warum denn das?«, fragte Kreithmeier erstaunt.
»Weil dieser Tag so ein inoffizieller Treffpunkt für Tätowierte und Gepiercten in der Therme ist. Da geht es hier drinnen ganz schön ab.«
»Was Sie nicht sagen?« Kreithmeier konnte es nicht unterlassen, einen knappen Kommentar loszuwerden. »Was heißt das denn, hier geht es ziemlich ab?«
»Lauter hübsche Frauen, tolle Tattoos. Die ganze Therme knistert dann nach purer Lust und Erotik.«
»Sie meinen die Therme verwandelt sich dann zu einem Swingerclub?«
»Nein, nein, wo denken Sie hin. Das ist hier streng untersagt. Da passen wir schon auf. Nur es gibt einige Frauen, die genießen es, an diesen Abenden ihre Haut öffentlich zur Schau zu tragen. Nicht puritanisch in ein Handtuch gewickelt, sie laufen dann nur noch nackt herum. Und genießen es.«
»Und da haben Sie diese Frau mit der schwarzen Lilie schon einmal gesehen.«
»Ja! Das habe ich.«
»Und ihre Freundin?«
»Auch! Sie trägt auch schwarze Haare, aber eine weiße Lilie als Tätowierung.«
»Zwei kleine Lilien sind ja keine großartigen Tattoos, die ich an einem solchen Tag auf meinem nackten Körper zeigen muss. Da gibt es doch sicher ganz andere.«
»Das stimmt. Es gibt Frauen, die sind von Kopf bis Fuß bemalt. Aber diese beiden Frauen haben von allen, den meisten Sexappeal, wenn ich das mal so sagen darf. Ihre erotische Ausstrahlung ist nicht von dieser Welt.«
»Sagt Ihnen der Name Black Beth etwas?«, drängelte sich Kreithmeier dazwischen.
»Black Beth? Ja, natürlich. Black Beth, oder die Schwarze Elisabeth ist eine der begnadetsten Schriftstellerinnen für Horrorliteratur. Ich kenne fast alle ihre Bücher.«
»Ich werde Ihnen jetzt ein Geheimnis verraten, sie wird leider keine Bücher mehr schreiben.«
»Wieso denn das?«, fragte Wildgruber entsetzt.
»Weil sie am Montag in Ihrer Sauna gestorben ist. Markus Backhaus ist Black Beth, die Schwarze Betty. Es war sein Pseudonym. Und er ist jetzt tot. Oder sie ist jetzt tot. Egal. Alle beide sind jetzt tot.«
Der junge Mann blickte erschrocken auf. Er stotterte: »Ddddas habbbee ich nnnnicht gegegeewusst. Die Black Beth ist ein Mann?«
»Ja! Und er ist tot. Und warum?«
»Das weiß ich doch nicht.«
Melanie führt das Verhör weiter fort: »Ist das nicht komisch, dass ein Horrorschriftsteller während Ihrer Arbeitszeit ermordet wird, während der Arbeitszeit eines seiner größten Fans?«
»Sie glauben doch nicht ....«
»Wir glauben im Gegensatz zu Ihnen gar nichts. Wir orientieren uns an Hand der Fakten. Und die sprechen im Moment gegen Sie. Wer sagt uns denn, dass Sie nicht der Lady in Black mit dem Tattoo auf dem Po, vergiftetes Salz gegeben haben, damit sie damit den Backhaus zu Tode reibt.«
Martin Wildgruber sprang auf und schrie: »Das können Sie nicht ...«
»Ganz ruhig«, versuchte Melanie den Aufgebrachten zu beschwichtigen, »Ganz ruhig! Wir verdächtigen Sie ja nicht. Noch nicht. Aber es ist doch eigenartig. Oder? Setzen Sie sich bitte wieder.«
Der plötzliche Widerstand des jungen Mannes brach genauso schnell zusammen, wie er hochgekommen war. Er setzte sich wieder, zitterte aber am ganzen Körper.
»Erzählen Sie uns mehr von dieser Frau«, fragte Kreithmeier.
»Ich kenne sie nicht, nicht namentlich. Sie ist auch nicht aus Erding. Doch sie war ein paar Mal Donnerstags da.«
»Wann ist das nächste Treffen?«
»Da müsste ich im Internet nachschauen. Normalerweise am ersten Donnerstag im Monat. Nur nicht in den Ferien und an Feiertagen. Diese Leute wollen unter sich sein. Das wäre dann jetzt am Donnerstag.«
Melanie wurde langsam ungehalten. Sie verschärfte ihren Ton und sagte: »Also gut! Wir ziehen uns jetzt aus und begleiten Sie in den Saunatrakt. Dort können Sie uns alles vor Ort zeigen. Wo Sie gestanden sind, wo Sie Backhaus gesehen haben, und diese geheimnisvolle Frau. Okay?«
»Okay!«
»Und noch etwas«, betonte Sie eindringlich, »behalten Sie alles, was wir besprochen haben, für sich. Reden Sie mit niemandem darüber. Wir suchen einen Mörder, einen kaltblütigen Mörder, falls Sie das noch nicht verstanden haben. Und der tötet auf eine sehr perfide Art und Weise.«
»Ich habe verstanden. Ich rede mit Niemandem.«
Im Umkleidebereich zogen sich die Beamten aus und schlüpften in die für sie bereit gestellten Bademäntel. Obwohl Alois Kreithmeier die letzten Wochen auf seine Figur geachtet hatte und dank Melanies Hilfe einige Kilogramm um die Hüfte und am Bauch abgenommen hatte, fühlte er sich im Bademantel und im FKK Bereich nicht wohl. Er hatte Melanie zwar schon einmal kurz in der Unterwäsche gesehen, nach ihrem Rausch im Nachtcafé, als sie bei ihm übernachtet hatte, aber sie ihn bisher nicht. Er wickelte den Bademantel um den Körper und verknotete den Gürtel so fest, dass außer seinen Waden und seinen Füssen kein Stück nackte Haut zu sehen war. Dann folgte er Martin Wildgruber und seiner Kollegin die Treppe hinunter zum Solestollen.
Melanie zeigte sich nicht so verschlossen. Bei jedem ihrer Schritte, öffnete sich der Mantel im Schlitz ein wenig und ihre wohlgeformten Beine schienen durch. Sie zeigte nicht zu viel und nicht zu wenig und genoss ihren Gang durchs Sauna-Paradies. Um ihr Auftreten noch zu verstärken, warf sie bei jedem zweiten Schritt ihre blonde Mähne in den Nacken. Einige der Männer, die nackt oder nur mit einem Handtuch um die Hüfte bekleidet, an ihr vorbei gingen, drehten sich nach ihr um, in der Hoffnung etwas mehr als nur ihre Beine zu sehen.
»Spanner! Nichts als Spanner und Exhibitionisten!«, murmelte Kreithmeier leise brummig vor sich hin, dem die anbetungsvollen Blicke der männlichen Gäste nicht entgangen waren. Er wusste nicht, was er von diesem nackten Zirkus halten sollte. Die meisten Männer waren weit über seinem Alter, hatten den Zenit bereits überschritten und gaben ihre Rente hingebungsvoll im Nacktbereich aus, in dem sie jungen Frauen auf den Arsch und auf die Brüste starrten. Geistige Triebtäter! Das war nicht seine Welt.
Kreithmeier blickte bedrückt auf den Boden. Das Schlimmste wäre für ihn, wenn ihn gerade jetzt in diesem Aufzug jemand erkennen würde. Vielleicht sogar der Polizeipräsident. Doch der würde sich sicher nicht an ihn erinnern, obwohl er ihn vor wenigen Wochen höchst persönlich für seinen mutigen Einsatz im KZ Dachau gelobt hatte. Aus dem unbefleckten Freisinger Dorfpolizisten war über Nacht eine lokale Größe geworden. Selbst das Landeskriminalamt in München hatte ihm Anerkennung zukommen lassen. Aber wenn sie ihn jetzt so sehen würden, im Bademantel auf Mörderjagd? Alles wäre auf einen Schlag vernichtet, seine gesamte Reputation. Und wenn er den Saunabereich geschlossen hätte? Polizeieinsatz im Nacktbereich. Das wäre noch schlimmer gewesen. Razzia unter nackten Popos. Eine gefundene Schlagzeile für die Sensationspresse. Dann doch lieber im Bademantel auf Mördersuche.
»Hier habe ich das Salz vorbereitet«, unterbrach eine Stimme seine Gedanken. Martin Wildgruber hatte eine Tür zum Personalbereich geöffnet und mit dem Finger auf einen Eimer gezeigt, in dem noch Reste eines Salz-Ölgemisches am Rande klebten.
»Und dann?«, fragte Melanie, beugte sich ein wenig nach vorne, um besser in den Eimer schauen zu können. Mit der Rechten hielt sie den Mantel vorne zusammen damit nicht ihr Busen aus dem Frotteestoff heraus fiel. Kreithmeier schmunzelte. Ganz so offen und freizügig wie die junge Dame immer tat, war sie anscheinend doch nicht. Er konnte keinen Blick von ihrem nackten Busen erhaschen. Anständig sorgte sie dafür, dass alles brav bedeckt blieb.
»Dann habe ich den Eimer mitgenommen und bin ganz hinunter zum Solestollen.«
»Nehmen Sie den Eimer und tun Sie es. Bitte!«
Wildgruber schnappte sich den Eimer, hing ihn sich an den Arm, legte sich zusätzlich zwei Handtücher um die Schulter und schlürfte durch den Nassbereich zum Solestollen. Es war gerade kein Aufguss zu Gange, nur wenige Gäste verweilten auf den hölzernen Bänken. Freundlich bat Melanie sie zu gehen, es müssten einige Vorbereitungen und Ausbesserungen für den nächsten Salzaufguss gemacht werden. Die Saunagänger glaubten ihren Worten, schnappten sich ihre Handtücher und verließen ohne zu Murren den Stollen.
Ein uriges Bergwerksambiente strahlte der Solestollen für Kreithmeier aus, der wie ein Bergwerksstollen schmal und niedrig unter dem Themenbereich in die Erde gearbeitet war. Sein Blick schweifte von Hand gebeilten Kieferbohlen, die den Stollen abstützten, über Rosenquarzkristalle bis vor auf eine künstliche Felswand mit Bergkristallen, an der eine Sole leise plätschernd herunter floss.
Auf den rustikal gehobelten Bänken sollten die Saunagäste sitzend die fein vernebelte Sole einatmen, die ihren Atemwegen helfen sollte, sich gegen Erkältungskrankheiten zu schützen. Zusätzlich konnte man in Kombination mit dem darin enthaltenen Jod einen Salzaromaufguss genießen, der stündlich den Gästen angeboten wurde. Kreithmeier legte ein Badetuch auf die Bänke und setzte sich darauf. Melanie fuhr mit der Befragung stehend fort.
»Der Backhaus saß also hier neben zwei jungen Frauen«, erklärte Wildgruber.
»Und die schwarzhaarige Schönheit?«
»Die saß genau hier neben dem Ofen.«
»Und dann?«
»Dann habe ich frische Luft hinein gefächelt.«
»Tun Sie bitte alles so wie gestern. Okay?«
»Okay!«
Martin Wildgruber öffnete die Glastür und wedelte mit einen Handtuch vor der Tür in Kreisbewegungen frische Luft in den engen Raum. Die Luft tat gut, denn Kreithmeier spürte, wie er zu schwitzen begann. Sie hatten beide noch den Bademantel an, doch darunter sammelte sich bei ihm schon der erste Schweiß. Er konnte sehen, wie Melanie Wassertropfen vom Kinn auf ihre Brust sprangen und im Ausschnitt des Bademantels als kleines Rinnsal zwischen ihrem von Frottee verpackten Busen nach unten liefen. Ihr war heiß aber sie wollte sich keine Blöße geben und vor allem nicht den Mantel öffnen.
Martin Wildgruber packte nun den Eimer vor der Türe und tat so, als ob er den Saunagästen Salz auf die ausgestreckte Hand lud.
Melanie folgte ihm nach draußen. Für Alois das Kommando die heiße Enge ebenfalls zu verlassen.
»Wo stand Backhaus, wo haben Sie ihn gesehen?«, fragte er den jungen Mann.
»Dort in der Ecke, unter der warmen Brause.« Er deutete mit dem Arm in die Richtung.
»Und die Frau?«
»Sie war neben ihm.«
»Die ganze Zeit?«
»Nein, sie ist einmal kurz an die Haken für die Bademäntel gegangen, hat sich die Hände mit einer Creme eingeschmiert, das konnte ich sehen, weil die Haken hier im Hellen sind.«
»Und danach?«
»Ich glaube, sie hat dann Backhaus den Rücken mit Salz eingerieben.«
»Und ich glaube, ich werde noch wahnsinnig mit ihrem Scheiß ich glaube. Geht das denn nicht ein bisschen konkreter?«, maulte der Kommissar den Saunameister an.
»Also ich habe gesehen, dass sie ihm den Rücken eingerieben hat. Punkt.«
»Schon besser. Woher hatte sie das Salz?«
»Na von mir.«
»Sie haben gerade gesagt, sie hätte sich die Hände eingecremt, wo soll die dann das Salz gehalten haben, in ihrer Arschfalte?«
»Alois!!!«
»Ja ist doch wahr. Ich creme mir die Hände ein, wo habe ich solange das Salz?«
»Dann halt von Backhaus.«
»Oder ganz woanders her.«
»Wieso?«
»Weil der liebe Backhaus Steinsalz aus dem Himalaya auf dem Hintern hatte und kein Meeressalz wie Sie es benutzen. Punkt!«
Martin Wildgruber stand jetzt da, als ob ihm jemand eine Ohrfeige gegeben hatte.
»Das war jetzt wirklich zu viel für den armen Jungen. Kannst du dich mal abregen und vor allem keine Ermittlungsergebnisse ausplaudern, Alois.«
»Ist doch was. Hier passierte höchstwahrscheinlich ein kaltblütiger Mord vor zwei Dutzend Leuten und keiner hat was gesehen. Die Gäste sind schon lange weg, die Putzfrauen haben alles sauber gemacht und der Oberverantwortliche, unser lieber Saunameister hier, glaubt immer nur. Wir werden jetzt wieder zurück ins Büro Ihres Chefs gehen. Ich lasse von der Dienststelle einen Zeichner kommen und der wird auf Grund der Beschreibung des jungen Mannes hier ein Phantombild von der Frau mit dem Tattoo machen und dann sehen wir weiter. Mir ist heiß, ich schwitze, ich habe Durst und ich muss auf die Toilette. Räumen wir hier das Feld. Und Sie kommen mit. Ich möchte Ihre Aussage schriftlich. Und wann ist dieser ominöse Tattoo Treff?«
»Am Donnerstag.«
»Gut. Da werden wir ja sehen, ob wir diese Frau schnappen können. Sie ist im Moment unsere Haupttatverdächtige. Nur weshalb? Ein Motiv habe ich bis jetzt nicht. Und Sie ziehen sich jetzt an, wir haben noch Einiges vor.«
Kreithmeier schulterte das Badetuch und marschierte mit entschlossenem Schritt Richtung Umkleidebereich. Er wollte nur raus. Melanie und Martin Wildgruber folgten ihm.