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2. 5. Der Leviathan

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2. 5. 1. Entstehung und Inhalt

Die erstmals 1938 in der Pariser Tageszeitung veröffentlichte Erzählung zu etwa 30 Seiten trägt ursprünglich den schlichten Titel „Der Korallenhändler". In Buchform findet sie Publikation im Verlag Allert de Lange kurz nach Roths Tod auf Betreiben Hermann Kestens unter „Die Legende vom Leviathan“. Der Bezug zur Legende bzw. Mythologie ist nicht nur durch den Titel indiziert. Schon der erste Satz im ersten von acht Kapitel belegt den märchenhaften Grundton: „In dem kleinen Städtchen Progrody lebte einst ein Korallenhändler, der wegen seiner Redlichkeit und wegen seiner guten, zuverlässigen Ware weit und breit in der Umgebung bekannt war“.65

Der Schauplatz ist im Gegensatz zu Lopatyny zwar fiktiv, klingt aber lautmalerisch an Brody an. Der letzte Satz schließt gleichfalls legendär mit einer seelischen Beheimatung, da der Chronist den Meeresgrund als wirkliche Heimat des Protagonisten angibt und schließt: „Möge er dort in Frieden ruhn neben dem Leviathan bis zur Ankunft des Messias.“

Neben Hiob und Tarabas wird keine Geschichte so sehr vom regionalen Brauchtum des Chassidismus geprägt. Der Leviathan ist eine religiöse Legende, die fast schon einem Bekenntnis zum Judentum gleichkommt. In der Retroperspektive dominiert Melancholie über eine verlorene Welt, einen Zeitgeist. Bewusst wendet sich Roth von der Neuen Sachlichkeit und vom Expressionismus ab, obschon er thematisch dem Motiv der verlorenen Generation treu bleibt.

Der Grundton ist elegisch, doch von besonderer Wehmut, weil sie nicht anklagt oder verklärt, sondern einzig festhält, dass sich viele Menschen in der neuen Ordnung nicht zurechtfinden. Über den orthodox-jüdischen und zunehmend unglücklichen Korallenhändler Nissen Piczenik sagt der Chronist: „Er war nicht einfach ertrunken wie die anderen. Er war vielmehr … zu den Korallen heimgekehrt, auf den Grund des Ozeans, wo der gewaltige Leviathan sich ringelt.“66 Seiner letzten Ruhestätte geht eine Transformation voraus, die aus dem kontinentalen, seiner ostgalizischen Scholle eng verbundenen Händler einen reisenden Vagabunden macht. Seelisch ist der Korallenverkäufer mit dem Grund des Ozeans verbunden „er sehnte sich nach dem Meere.“

Es bestehen drei Möglichkeiten, das Geschehen zusammenzufassen. Zunächst unter dem Aspekt Antagonismus zwischen Tradition und Moderne.

Der Protagonist Nissen Piczenik ist ein frommer, integrierter und geachteter Jude der wie alle Dorfbewohner nach alten Gesetzen und Brauchtum lebt. Spätestens seit dem Radetzkymarsch integriert der Autor den Genuss von Schnaps als soziales Kulturgut, das alle Menschen zu Brüdern macht: „und es gibt keinen Unterschied zwischen Bauer und Händler, Jud' und Christ; und wehe dem, der das Gegenteil behaupten wollte!“67

Der Zusammenhalt diverser Ethnien vor Ausbruch des Krieges und der Frieden zwischen den Bewohnern endet mit dem Auftauchen des Verführers Gorodotzki, der ihnen den Weg zum schnellen Geld durch billigen Tand weist. Die Profitgier des Fabrikanten wirkt wie eine Adaption von Walter Benjamins Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935).

Der Umgang mit Korallen und Kunst führt zum Wertekonflikt zwischen dem Handwerk Nissens und der Massenware des Petersburger Perlenhändlers.

Der zweite gesellschaftliche Topos besteht in der Entfremdung des Menschen Nissen von seiner Frau und Familie. Seine Reise nach Odessa führt zum Rollentausch: „Indessen lag, unfruchtbar und häßlich, seine Frau daheim, in Progrody. Sie verkaufte heute an seiner Statt Korallen. Konnte sie es überhaupt? Wußte sie, was Korallen bedeuten?“

In diesem Kontext wird der bislang bodenständige und sesshafte Händler verführt von dem Matrosen Komrower, die Gebote seiner Religion zu vergessen. Es sind die ersten Ferien für Nissen überhaupt. Das Spannungsfeld liegt folglich in der Kollusion kontinentaler Kontinuität nomadischen Abenteuern.

Der dritte Gesichtspunkt liegt im theosophischen Duell mit dem diabolischen Charakter Jenö Lakatos, dessen Name magyarisch Schlosser bedeutet und an dem alles unecht aufgesetzt erscheint: ein „junger Mann, mit glatten, blauschwarzen, pomadisierten Haaren – nebenbei gesagt der einzige Mann weit und breit in der Gegend, der einen glänzenden steifen Kragen trug, eine Krawatte und ein Spazierstöckchen mit goldenem Knauf.“

Für Nissen ist Metaphysik alles, für Lakatos beruht sie auf Nichts. Zwischen den beiden Männern herrscht ein Generationenkonflikt vor, zudem handelt Lakatos mit Imitaten, die chemisch gewonnen werden. Anstelle lebendiger Korallen verkauft er Kunststoff. Der infernale Vergleich ist deutlich: „Korallen, die bläulich brennen, wenn man sie anzündet, wie das Heckenfeuer, das ringsum die Hölle umsäumt.“

2. 5. 2. Die Koralle und das Motiv der Fälschung

Fast jede Erzählung Roths hat mindestens ein tragendes Symbol oder dingliches Leitmotiv. In Radetzkymarsch, Die Kapuzinergruft und Die Büste des Kaisers ist es bereits im Titel enthalten. Im Fall dieser Erzählung ist zwar auch der Leviathan von signifikanter Bedeutung, doch im Grunde als Wächter der Korallen: „Dem Leviathan aber, der sich auf dem Urgrund aller Wasser ringelte, hatte Gott selbst für eine Zeitlang, bis zur Ankunft des Messias nämlich, die Verwaltung über die Tiere und Gewächse des Ozeans, insbesondere über die Korallen, anvertraut.“68

Acht Nennungen des Leviathans in der Novelle stehen allein im ersten Kapitel achtunddreißig Erwähnungen der Koralle gegenüber, das Wort Korallenhändler nicht eingerechnet. Würde man alle Stellen zitieren, könnte man fast den Gesamttext kopieren. Das vom Griechischen korállion abgeleitete Nesseltier kommt ausschließlich im Meer vor und symbolisiert in seiner Sesshaftigkeit das Gegenteil des Nomaden . Dies kann beinahe lebenslang auch vom Händler Nissan behauptet werden, deren Abbild die Korallen sind. Sie sind mehr als bloßes Attribut des Meeresungeheuers oder terrestrische Entsprechung.

Seemannsgarn fließt als Korallen-Theorie ein: das Lebewesen erstellt sich auf Meeresgrund, um gefunden zu werden und als Schmuck für die Frauen veredelt, die Liebeslust der Männer zu erwecken. Demnach repräsentiert das Meeresgeschöpf von Anfang an sakrale Wertigkeit und einen divinen Charakter. „Denn die Korallen sind die edelsten Pflanzen der ozeanischen Unterwelt, Rosen für die launischen Göttinnen der Meere, so reich an Formen und Farben, wie die Launen dieser Göttinnen selbst.“

Die Farbe Rot und das Organische der Korallen formen Einheit und Synonyme für natürliche Erotik, allerdings auch für den Tod, handelt es sich um das Skelett des Meeresbewohners und magisches Indiz für den physischen Zustand seiner Trägerin: „Denn er sah mit eigenen Augen, wie seine rötlichen Korallenschnüre an den Busen kranker oder kränklicher Frauen allmählich zu verblassen begannen, an den Busen gesunder Frauen aber ihren Glanz behielten.“

Zusammenfassend sind drei Ebenen über die Korallen abgedeckt: Verwurzelung, Verführung, Echtheit: die natürliche Wahrheit über Körper, Geist und Seele. Darüber hinaus dient die Koralle als Gleichnis für die Kunst, das Absolute, auf das der alte Gott Jehova eifersüchtig ist: Die berufsbedingte Liebe zu den Korallen geht dem Händler über alles, Frauen und Kinder sind ihm darüber längst gleichgültig geworden. Möglicherweise gilt dies auch für Roth, dem wohl keine Frau so nahe gekommen ist wie das Schreiben.

Rot, röter noch als rot, sind die wertvollsten Korallen. Die der Konkurrenz, speziell des Lakatos, sind das nicht, doch der Wert der Schönheit verliert zunehmend an Bedeutung, weil Gewinn und Effizienz wichtiger werden. Die materille Täuschung erfasst die Seele, bald niemand vermag niemand das Unechte vom Echten zu unterscheiden. Das natürliche Leben verschwindet und mit ihr die instinktive Urteilskraft der Menschen. „Er mischte Echtes mit Falschem – und das war noch schlimmer, als wenn er lauter Falsches verkauft hätte. Denn also geht es den Menschen, die vom Teufel verführt werden: an allem Teuflischen übertreffen sie noch sogar den Teufel.“

Nissan unterliegt diesem Taschenspielertrick, um sein ökonomisches Überleben zu sichern, „Verrat übend an sich selbst“. Folglich besitzen Korallen eine philosophische Dimension, da sie nach dem Wert der Wertigkeit fragen, wie viel ein Mensch täuschen darf, bis er die Grenze zum Unveränderbaren überschritten hat. Lakatos, Leiter eines amerikanischen Imperium mit Sitz in New York personifiziert mit seinem Hinkebein, Mausezahn, Schwefelgeruch und Brandröte den leibhaftigen Teufel. Er bringt den Zeitgeist auf den Punkt: „Die Bauern merken nichts … Echte Korallen können nicht so schön sein.“

Nicht nur der schöne Schein, die Illusion, verkauft sich gut, auch die mangelnde Bereitschaft zur Reflexion spielt dem Bösen in die Karten. Technik und Globalisierung sind nicht aufzuhalten, ihnen gehört die Zukunft. Nissen gehört der untergehenden Epoche; er fühlt, dass seine Zeit abläuft ist. Seine natürlichen Korallen will niemand, seine Ethik der Balance zwischen Natur und Kultur gilt als rückständig, seine Kunst als altbacken.

Entsetzt stellt der jüdische Korallenhändler fest, dass ihn die roten Brustwarzen der Prostituierten an das Rot der Korallen erinnert: „Und er, der nie in seinem Leben eine andere Frau gekannt hatte als seine nunmehr tote Ehefrau, er, der niemals eine andere Lust gekannt hatte als die, seine wirklichen Frauen, nämlich die Korallen, zu liebkosen, zu sortieren und zu fädeln, er fühlte sich manchmal in der wüsten Schänke Podgorzews anheimgefallen dem billigen weißen Fleisch der Weiber, seinem eigenen Blut …“

2. 5. 3. Tiefe und Rätsel

Die Tiefe des Meeres, im Hiob und in Der Leviathan von zentraler symbolischer Bedeutung, steht für die Unergründlichkeit des Glaubens. Der Genesis wird vom Himmel ins Meer, die Schöpfung auf den Meeresgrund verlegt. Gleichzeitig symbolisiert es mit seinen Korallen das Unbewusste; mehrfach gebraucht Roth Formulierungen wie „unter der Oberfläche seines Bewußtseins“ oder: „Denn der ewige Wind weht über das Meer, ja es scheint, daß aus dem Meer selbst ein Wind kommt, ein Wind aus den Tiefen des Wassers.69

Das Spiel mit den Elementen erzeugt den archaischen Rückgriff auf den aus Lehm und Wasser geformten Golem. Das Meer ist gleichzeitig Rätsel der Schöpfung als auch zum Selbst. Seine Wellen sind Anfang, Zugang und Ende der Zeit.

Seine erste Reise führt Nissan von Odessa nach Petersburg. Dabei interagieren Farben mit dem Meer. Die Farbe Rot hat die Funktion eines abwesenden Gottes: die ganz roten Korallen sind selten, doch rote Perlen existieren nicht Weil das Meer alles ist, deckt es sämtliche Farben ab: „Das Schwarze Meer ist gar nicht schwarz. In der Ferne ist es blauer als der Himmel, in der Nähe ist es grün wie eine Wiese.“

Seine Nichtzugehörigkeit zum Kommunismus verkündet der farbliche Kontrast: „Vor der strahlenden weißgoldenen Pracht des Offiziers nimmt er die schwarze Mütze ab, und seine roten geringelten Haare flattern im Wind. Judentum rot, Revolution rot.” Rot wird folglich auch zum Symbol jüdischen Blutes.

Zwei Ereignisse verdeutlichen dem Korallenhändler, dass er seine Heimat verlassen und seiner Bestimmung, über das weite Meer zu fahren, folgen muss. Der Tod seiner kranken Frau, den er als Erleichterung empfindet – es fällt nicht schwer, diesen Gedanken biografisch zu deuten, da Frederike Roth unheilbar krank für den Schriftsteller zu einer enormen Belastung geworden ist – und das Ausbleiben von Kundschaft, die sich alle für die künstliche Pracht der Konkurrenz entscheiden, bilden den Auslöser für seinen Exodus.

Das Schiff, auf dem er untergeht, heißt bezeichnenderweise Phönix. Der Tod findet ihn weder überrascht noch ist er Nissan unwillkommen, denn er kehrt heim zum Meeresgrund, als sei es die Rückkehr zum verlorenen Paradies.

Der Tod der Ehefrau, die auf spiegelglatten Eis vor dem Haus stürzt und sich eine Gehirnerschütterung zuzieht, wird mystifiziert: „Kein Mensch hatte gewünscht, daß sie am Leben bleibe, und also war sie auch gestorben.“

Rätsel oder Geheimnisse unter der Oberfläche durchziehen die legendenhafte Erzählung. So führt die mangelnde Lebensfreude von Nissens Frau, bedingt durch die Lieblosigkeit ihres Gatten, der sich an den Korallen mehr erfreut als an ihrer Nähe, zu ihrem Tod. Einzelne Elemente der Erzählung wie die schmelzenden Eiszapfen im Frühling, schmetternden Lerchen und quakende Frösche erinnern an Das falsche Gewicht, andere wie der Kampf mit dem Teufel, gegen Zins und Geldwucher an Hiob, Raben und Kastanien als Todesboten an Radetzkymarsch („dunkelgrünen Schatten der Kastanien“) und Die Kapuzinergruft. So entsteht dadurch eine Grundmelodie biblische Musik.

Der topografische Vergleich von Häusern mit Schiffen und der Weite des Meeres mit Landschaften verbindet seelische Beheimatung und Drang nach Flucht.70 Menschliche globale Heimat ist der Himmel für Roth. Entwurzelung und Sehnsucht nach Rück- oder Heimkehr bedingen sich immer wechselseitig. „So hat sich Roth in seinem epischen Werk eine verlorene Heimat wieder geschaffen, etwa jenes in jedem Detail so lebenswahre, lebensträchtige Österreich-Ungarn, … so bevölkerte er mit dem Personal seines Lebens seine Romane und Geschichten und lebte auch mit seinen erfundenen Figuren wiederum, als wären sie Komparsen seines eigenen Lebens.“71

Zweifel an der Identität und der Selbstverständlichkeit der naturgemäßen oder göttlichen Ordnung spiegelt sich in allen Werken, doch im Leviathan besonders komprimiert. Die Erzählweise Roths ist grundsätzlich von der Perspektive der Auswanderer, Flüchtlinge oder Kriegsheimkehrer getragen; sie vereint mitunter das vermeintlich Unvereinbare wie Rastlosigkeit und Geborgenheit, Verlust und Gewinn von Freiheit.72 Deshalb nennt Arthur Zimmermann in der Neuen Züricher Zeitung (Ausgabe 7./8.März 1992) auch einen „unbehausten Grenzgänger“, der Traum und Alp ineinander überführt, wenn Nissan sich den Tod durch Ertrinken ersehnt. Der Leviathan ist eine Figur aus dem Alten Testament, der Sünder auf dem Meeresgrund verschlingt.

Joseph Roth - Letzter Donauwalzer

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