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Drittes Kapitel

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Lars wanderte wortlos durch die großen Zimmer auf Høgstad. Seine Frau, die ihn liebte, wenn auch stets nur unter Zittern und Zagen, wagte sich nicht einmal zu zeigen. In Haus und Hof mußte es gehen, wie es wollte, dafür nahm jedoch der Wust von Briefen zu, die zwischen Høgstad und der Gemeinde sowie Høgstad und der Post hin- und hergingen. Denn Lars stellte sowohl an den Gemeinderat Forderungen, die nicht anerkannt wurden, weshalb er gegen ihn einen Prozeß anstrengte, als auch an die Sparkasse, die sie ebenfalls nicht anerkannte, weshalb er auch gegen sie prozessierte. Äußerungen in dem sich daraus ergebenden Briefwechsel riefen seinen Ärger hervor und führten ebenfalls zu Prozessen, diesmal gegen den Vorsitzenden des Gemeinderates sowie gegen den Direktor der Sparkasse. Zur gleichen Zeit erschienen in den Zeitungen bösartige Artikel, die dem Gerücht zufolge von ihm stammten und in der Gemeinde viel Zwietracht hervorriefen und Nachbar gegen Nachbar aufbrachten. Mitunter war er wochenlang verschwunden, niemand wußte, wo er war, und wenn er dann wiederkam, lebte er ebenso zurückgezogen wie zuvor. In der Kirche war er seit jenem Auftritt im Gemeinderat nicht mehr gesehen worden.

Da brachte der Pfarrer eines Samstagsabends die Nachricht mit, daß die Eisenbahn nun doch durch das Dorf und über den alten Friedhof führen sollte. Diese Neuigkeit schlug wie ein Blitz in alle Häuser ein. Das einstimmige Auftreten des Gemeinderates war vergebens gewesen. Lars Høgstads Ansehen hatte sich als stärker erwiesen. Das also hatte hinter seinen Reisen gesteckt, das also hatte er zuwege gebracht! Unwillkürlich dämpfte die Bewunderung für diesen Mann und seine zähe Ausdauer den Ärger über die eigene Niederlage. Und je mehr man darüber redete, desto besser fand man sich damit ab, denn das Geschehene hat stets seine Gründe in sich selbst, die man, wenn es nun einmal nicht anders sein kann, nach und nach herausfindet.

Am Tag darauf versammelte man sich bei der Kirche, und ob man nun wollte oder nicht, man mußte lachen, wenn man einander begegnete. Und gerade als die ganze Gemeinde, jung und alt, Männer und Frauen, ja auch die Kinder, als sie alle gerade über Lars Høgstad sprachen, über seine Fähigkeiten, seinen eisernen Willen, seinen großen Einfluß – da kamen er und all seine Hausgenossen dahergefahren, vier Wagen hintereinander! Zwei Jahre lang hatte er sich nicht mehr in der Kirche gezeigt. Er stieg aus und ging durch die Menge, und ohne zu zögern grüßten sie ihn alle, er aber sah weder nach rechts noch links und erwiderte auch keinen einzigen Gruß. Seine schmächtige Frau ging totenbleich hinter ihm her. In der Kirche war die Verwunderung so groß, daß jeder bei seinem Anblick zu singen aufhörte und nur noch Augen für ihn hatte. Knud Aakre, der vor Lars saß, merkte, daß etwas im Gange war, und da er vor sich nichts Auffälliges entdecken konnte, drehte er sich um. Da sah er Lars, der sich über sein Gesangbuch beugte und den angezeigten Vers suchte.

Seit jenem Sitzungsabend hatte er Lars nicht mehr gesehen, doch eine solche Veränderung hätte er nie für möglich gehalten. Das war kein Sieger! Das feine, weiche Haar war stark gelichtet, das Gesicht mager und verbissen, die Augen eingefallen und fiebrig, der hünenhafte Nacken zu Sehnen und Runzeln eingeschrumpft. Knud verstand augenblicklich, was dieser Mann durchgemacht hatte, plötzlich erfaßte ihn tiefes Mitleid, ja er empfand wieder etwas von der alten Zuneigung. Er bat Gott um seinen Segen für Lars und nahm sich fest vor, nach dem Gottesdienst zu ihm zu gehen. Doch da war Lars schon verschwunden. Knud wollte ihm noch am selben Abend besuchen. Seine Frau hielt ihn jedoch zurück. Lars sei einer von jenen, sagte sie, die es kaum ertragen könnten, jemandem Dank zu schulden. „Halt dich weg, bis er dir einmal einen Dienst erweisen kann, und dann kommt er vielleicht von allein.“

Doch er kam nicht. Er zeigte sich dann und wann in der Kirche, sonst aber nirgendwo und verkehrte auch mit niemandem. Dafür kümmerte er sich nun mit einem solchen Ungestüm um seinen Hof und die übrigen Geschäfte, als wolle er in einem Jahr wieder gutmachen, was er jahrelang versäumt hatte. Einige meinten, daß er das auch nötig habe.

Im Tal begann man schon sehr bald mit den Arbeiten für den Bau der Eisenbahn. Da die Strecke direkt an Lars’ Haus vorbeiführen sollte, riß er den Teil des Hauptgebäudes, der den Gleisen zugekehrt war, ab, um an seiner Stelle einen großen und schönen Vorbau zu errichten, denn der Hof sollte sich sehen lassen können. Man war gerade bei dieser Arbeit, als ein vorläufiges Gleis für die Beförderung von Schotter und Schwellen gelegt und eine kleine Lokomotive herangeschafft wurde. An einem schönen Herbstabend sollten die ersten Waggons mit Schotter durch das Tal kommen. Lars stand auf der Treppe seines Hauses, um das erste Signal zu hören und die erste Rauchsäule zu sehen. Alle Leute des Hofes umstanden die Treppe. Er blickte über das Dorf, das im Licht der untergehenden Sonne lag, und er fühlte, daß man seiner gedenken würde, solange ein Zug durch das fruchtbare Tal brauste. Da zog Versöhnung in seine Seele ein. Er sah zum Friedhof hinüber, auf dem einen Teil standen noch Kreuze, die sich der Erde zuneigten, während der andere Teil nun Bahndamm war. Als er sich eben über seine Gefühle klar werden wollte, ertönte das erste Pfeifsignal, eine Weile später arbeitete sich der Zug langsam heran, Rauch stieg auf, vermischt mit Funken, denn man feuerte noch mit Kiefernholz. Der Wind stand auf das Gehöft zu, so daß sie dort bald alle von einer dichten Rauchwolke eingehüllt waren. Doch als sie sich allmählich verzog, sah er, wie sich der Zug, einem starken Willen gleich, durch das Tal kämpfte.

Zufrieden ging er ins Haus, wie nach einem langen Tagewerk. Das Bild seines Großvaters stand in dieser Stunde vor ihm. Der Großvater hatte die Familie einst aus dem Elend zu Wohlstand emporgehoben. Gewiß, dabei war auch ein Teil seiner bürgerlichen Ehre draufgegangen, aber er war doch vorangekommen! Sein Fehler war ein Fehler jener Zeit gewesen. Er lag in den damaligen unsicheren Moralbegriffen begründet. Jede Zeit hat ihre unsicheren Grenzgebiete und ihre Opfer, die sie erst sicher machen.

Ehre seinem Andenken, er hatte gelitten und gearbeitet! Friede seiner Asche, es mußte guttun, endlich ausruhen zu dürfen! Aber der ungeheure Ehrgeiz seines Enkelsohns ließ ihm ja keine Ruhe. Mitsamt Steinen und Kies war er nun wieder ausgegraben worden. – Ach, dummes Geschwätz! Es müßte doch jetzt für ihn direkt eine Freude sein, daß die Arbeit des Enkelsohns über seinen Kopf hinwegführte.

Unter diesen Gedanken hatte er sich ausgezogen und war zu Bett gegangen. Das Bild des Großvaters tauchte wieder vor ihm auf. Sein Blick war nun strenger. Die Müdigkeit läßt uns schwächer werden, und Lars machte sich jetzt Vorwürfe. Aber er verteidigte sich auch. Was wollte der Großvater denn noch? Nun mußte er doch zufrieden sein. Die Ehre seiner Familie brauste gleichsam über sein Grab hinweg. Welcher andere hatte schon einen solchen Grabstein?

Aber was ist das? Diese beiden ungeheuren feurigen Augen, dieses Fauchen und Sausen, das ist ja gar nicht mehr die Lokomotive, das biegt doch von der Bahnlinie ab! Das kommt vom Friedhof herüber und in ungeheurer Folge, Reihe auf Reihe, direkt auf das Haus zu. Die feurigen Augen sind die des Großvaters, und der Zug dahinter sind all die Toten. Näher und immer näher kommen sie dem Hof, lärmend, brausend, funkelnd. Das Fenster loht schon im Widerschein all der toten Augen ...

Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung nahm er sich zusammen, denn das war ja bloß ein Traum, natürlich, bloß ein Traum, wartet nur, bis ich wach bin! ... Seht her, nun bin ich wach, nun kommt nur, ihr armseligen Kerle!

Doch siehe da, sie kommen wirklich, kommen vom Friedhof herüber, fallen über den Bahndamm, die Schienen, die Lokomotive und den Zug her, so daß das Ganze mit mächtigem Dröhnen in die Erde sinkt. Dann verwandelt sich alles wieder in eine grasbewachsene Fläche mit Kreuzen und Gräbern, und alles ist ganz still. Sie selbst aber kommen, groß wie Riesen, geschritten, und vor ihnen her braust der Choral „Laßt den Toten ihre Ruhe“.

Er kannte ihn, er war ihm in all diesen Jahren Tag für Tag durch die Seele gebraust, und nun sollte er zum Abgesang seines Lebens werden. Denn dies war der Tod mit seinen Visionen. Der Schweiß perlte ihm am ganzen Körper herab, näher und immer näher kamen sie ..., und sieh dort an der Fensterscheibe, dort lagerten sie nun, und er hörte sie seinen Namen rufen. Panisches Entsetzen lähmte ihn, krampfhaft versuchte er zu schreien, denn er war dem Ersticken nahe. Eine kalte Totenhand griff ihm schon nach der Kehle, da gelang es ihm endlich, ein gellendes „Hilfe!“ herauszubringen — und er erwachte. Das Fenster war von außen eingeschlagen worden, daß die Scherben zu ihm ins Bett geflogen waren, er fuhr auf, im Fenster stand jemand, und um ihn her Rauch und Flammen.

„Der Hof brennt, Lars! Jetzt holen wir dich heraus!“ Es war Knud Aakre.

Als Lars wieder zur Besinnung kam, lag er draußen, in dem scharfen Wind, der seine Glieder erstarren ließ. Kein Mensch war bei ihm. Zu seiner Linken sah er den Hof brennen, um ihn her weidete und brüllte sein Vieh, die Schafe drückten sich furchtsam aneinander. Überall lag Hausrat verstreut, und als er genauer hinsah, saß dicht bei ihm auf einem Erdhügel noch jemand und weinte. Es war seine Frau. Er rief ihren Namen. Sie fuhr zusammen.

„Herrn Jesu sei Dank, du lebst!“ Sie kam zu ihm und setzte sich, oder richtiger gesagt: sank vor ihm nieder. „O Gott, o Gott! Nun haben wir endlich genug von der Eisenbahn!“

„Eisenbahn?“ fragte er. Aber er hatte das Wort noch nicht ausgesprochen, als er schaudernd begriff. Natürlich, von der Lokomotive waren Funken in die Hobelspäne vor der neuen Seitenwand gefallen. Stumm und in sich gekehrt, blieb er sitzen, die Frau wagte kein Wort von sich zu geben. Sie suchte nach Kleidungsstücken für ihn, da das, was sie über ihn gebreitet hatte, als er lag, nun heruntergeglitten war. Er nahm ihre Fürsorge schweigend hin, als sie jedoch vor ihm kniete, um seine Beine wieder zu bedecken, legte er ihr die Hand auf den Kopf. Sofort barg sie ihr Gesicht in seinem Schoß und weinte laut. Endlich hatte er sie bemerkt.

Lars aber verstand sie und sagte: „Du bist der einzige Freund, den ich habe.“

Auch wenn es erst den Hof hatte kosten müssen, bevor sie diese Worte zu hören bekam, ihr war es gleich. Sie wurde so froh, daß sie Mut faßte, und während sie aufstand und ihn demütig ansah, sagte sie: „Denn kein anderer als ich versteht dich.“

Da schmolz ein hartes Herz. Er hielt seine Frau bei der Hand, und Tränen rannen ihm über die Wangen.

Nun hielt er mit ihr Zwiesprache wie mit seiner Seele. Und nun bekam er auch ihre Meinung zu hören. Sie sprachen auch darüber, wie dies alles zugegangen war, oder vielmehr: er schwieg, und sie berichtete. Knud Aakre hatte als erster das Feuer entdeckt, er hatte seine Leute geweckt, die Mägde ins Dorf geschickt, während er mit seinen Knechten und Pferden zur Brandstätte geeilt war, wo alle schliefen. Er hatte auch die Lösch- und Rettungsarbeiten geleitet und Lars selber aus dem brennenden Zimmer geholt und nach der linken Seite gebracht, woher der Wind kam – hierher auf den Friedhof.

Und wie sie so darüber sprachen, kam ein Wagen in rascher Fahrt den Weg entlang, bog zum Friedhof ab, wo der Kutscher abstieg. Es war Knud, der seinen Kirchwagen von zu Hause geholt hatte, mit dem sie so manches Mal zusammen zu Gemeinderatssitzungen und wieder zurück gefahren waren. Nun sollte sich Lars zu ihm auf den Wagen setzen und mit ihm nach Hause fahren. Sie reichten sich die Hand, Lars auf dem Hügel sitzend, der andere stehend.

„Jetzt kommst du mit!“ sagte Knud.

Ohne eine Antwort stand der andere auf, Seite an Seite gingen sie zum Wagen hinüber, man half Lars hinauf, Knud setzte sich zu ihm. Worüber sie während der Fahrt oder in der kleinen Kammer auf Aakre sprachen, wo sie sich bis zum nächsten Morgen aufhielten, ist nicht bekannt geworden. Aber von diesem Tag an waren sie wieder ebenso unzertrennlich wie früher.

Erst wenn ein Mann vom Unglück betroffen wird, begreifen alle, was er wert ist. Deshalb übernahm es die Gemeinde, Lars Høgstads Hof wieder aufzubauen, er wurde größer und stattlicher als irgendein anderer im Tal. Lars wurde auch wieder Vorsitzender im Gemeinderat, aber mit Knud Aakre an seiner Seite. Knuds Geist und Sinnesart wurden nie übersehen, und von diesem Tag an schlug nichts mehr fehl.

Ausgewählte Erzählungen - Band 2

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