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Elend lange Einleitung

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Nun fragte man mich auch, wie ich zu einem Buch, wie dem ersten Teil der Mustertapete gekommen bin. Wie die Jungfrau zum Kind eben. Jeder könnte ein Buch schreiben. Aber nicht jeder tut es. Tja, wer den ersten Teil nicht kennt, hat die Welt verpennt? Quatsch, aber wie meine Therapeutin vor 6 Jahren schon sagte: "Der Mist muss in die Welt!" Und? Was mache ich? Ich gehe der Dame natürlich voll los und hau in die Tasten und konnte mich fast nicht mehr bremsen. Alles flog aus meinem Hirn in die Finger und dieser Zustand will einfach nicht aufhören. Weil die Pannen nicht aufhören. Wie jeder weiß, bin ich ja vor einigen Jahren von einem lieblichen, sabbernden, im Gesicht eingedellten Köter verschluckt worden. Man verzeihe mir gewisse Unarten in meiner Schreibweise und Tierschützer wissen bereits, wie sehr ich Tiere liebe. Ein großer Hund ist bei mir nun Mal ein Köter und ein kleiner, eine Fußhupe. Fertig. Der Zufall, warum gerade ich verschluckt wurde, ist eher seltsam. Führte aber zu einem Kurztrip in eine nah gelegene Klinik, wobei der behandelnde Arzt natürlich auch wieder mit Grinsen an mir rumdokterte, weil ich von dem Unfall erzählen musste. Während des Erzählens wurde eine Nähmaschine ins Behandlungszimmer gefahren. Darauf stand auch der größte Tacker aller Zeiten. Bevor der Arzt aber, mit diesem über mich drüber klackerte, musste ich erwachsenes Mädchen, völlig unter Schock stehend, erst noch eine prickelnde Show abziehen. Stotternd, zitternd, mit meinen Blicken voller Angst, ahnend den Raum nach Spritzen abscannend, erzählte ich in einem irrsinnigen Durcheinander von Köter, großes Maul, Zähne, Zaun, kein Herrchen in Sichtweite, Mundgeruch vom Köter und Fleischfetzen, Blut, Galopp, Sprung, Anlauf, Schwarz vor Augen. Eigentlich verstehe ich erst jetzt, wie das bei der Aufnahme im Krankenhaus angekommen sein musste. Die blutende Fleischwunde sagte mir natürlich, dass die rechte Hand auf jeden Fall genäht werden musste. Aus Filmen kannte ich Szenen, wo man Menschen Spritzen zwischen die Finger jagte. In einigen Horrorfilmen schossen die Dinger von den Fingern bis ins Hirn. Dann kann man den Doc doch mal fragen, ob er Horrorfilme schaut? Ob er Spaß dran hat, gewisse Szenen nach zu spielen? Ich erinnerte mich genau daaaa an den Film "SAW"! Für alle Unwissenden! Wer kennt noch Dracula? Der hat nur harmlos gebissen, ein bisschen gezischt und geflattert und die Blutbank leer geräumt. In heutigen Horrorfilmen wird direkt mit der Kettensäge akribisch genau drauf gehalten und Geschnetzeltes produziert. Genauso war es. Der Assistenzarzt lief mehrmals grinsend aus dem Behandlungsraum. Nachher erzählte man mir, das ich denen die Taschen voll gelabert hätte, mit kuriosem Zeug, weil ich unter Schock stand. Und … das man sich im Nebenraum belacht hatte und sich ständig kurz erholen musste. Währenddessen musste ich stur zur Decke geschaut haben, laut erzählend, ohne Punkt und Komma und auf den großen Pieks wartend. Gut, nun ja, man lasse sich erst von einem Monster verschlucken, schaue an sich runter, betrachte den offenen Torso, sieht sein Herz wabern und die Därme baumeln. Ist es da ungewöhnlich, dass man kurz vor dem Ausrasten ist, weil man Sorge hat, dass der Körper sich vorzeitig verabschieden will? Dann kommt die Panik vor der Spritze und die durfte doch immer nur der Onkel Doc, Graf Grob, mein bereits verstorbener Doktor, abschießen, und das nur in den Hintern! Dann kam sie, die Spritze und natürlich der Satz: "Es wird jetzt ein bisschen pieksen". Mir wurde nochmals schlecht. Und mein Wunsch, den Bestatter zu rufen und ganz viele Maße durchgeben, war groß. Dann bemerkte ich nach diesen Horror-Dreh-Szenen, wie man ausgerechnet meine rechte Hand verbindet. Ich fragte verblödet nach, wie ich in den nächsten Wochen duschen geschweige denn auf die Latrine gehen sollte. Geschweige denn am Arsch kratzen! Wieder grinsen von den Weißkitteln! Nach diesem ganzen Szenario meldete sich dann später zu Hause ein bunter Engel von der Unfallversicherung und wollte mir helfen. Ängste aufarbeiten, auf die Zukunft vorbereiten, denn ich würde ja wieder irgendeinem Köter begegnen. Völlig perplex nahm ich dankend an. Tja und die Fachtante für spezielle Fälle verlangte meine Lebensgeschichte, vielmehr wollte sie wissen, ob ich irgendwas Schlimmes in der Kindheit erlebt hätte und ich fing an zu grübeln. Neee! Kopfschütteln von mir. Da war nix, wo man hätte aufbauen können. Meinen Hirnschaden hatte ich schon immer und den konnte man nicht heilen. Also fing sie bei meiner Geburt an und sie war stolz wie Oskar, als ich erzählte, dass ich ein Unfall war. Hier konnte man ansetzen! Da gab es doch Mal den Schäferköter Rex, den mein Vater mit Beton in der Wiese festgemacht hatte. Nicht den Hund! Die Kette von dem Hund! Rex war also ein böser, ein ganz ein böser Hund und da musste jetzt aufgebaut werden. Aber das ging nicht, weil ich Rex als lieben, schwarzen Schäferköter in Erinnerung hatte und vor dem haben mich alle ständig gerettet, bevor ich zartes Kind in seinem Rachen landen konnte. Nööö ... keine Angst erlebt! Hier gab es nichts zu behandeln. Rex war auch eines Tages weg. Zu gefährlich für Klein-Peti. Ich erzählte aber mit viel Grübeln, wie ich die Kellertreppe ohne Geländer runter gestürzt bin, weil ich beim Buhmann, der im Keller wohnte, Sprudel holen sollte. Danach plumpsten bei mir alle Storys nacheinander raus und die Fachtante verfiel vom Grinsen in lautes Gelächter. Manchmal konnte sie sich gar nicht mehr einkriegen vor Lachen und ich muss sagen, die Therapie scheiterte vollends. Tja und so kam sie auf den irren Gedanken, dass ich alles aufschreiben sollte. Ich meine, wer kommt schon an einer Mustertapete zur Welt? Weil die Mutter schwanger wurde, wenn sie nur die Unterbuchse an die Wand hing? Wer hat einen Buhmann als Spielgefährten? Vor wem laufen die Versicherungsvertreter weg? Welche Pussi, äh Katze hatte 27 Leben und welche Mutti bekam kein Burn-out-Syndrom? Meine Mutti! Was die Frau noch erleben musste, als sie mich in die Welt schmiss, ist für mich heute fast unglaublich. Wenn ich bedenke, dass es damals keinen Therapeuten für irgendwelche Krankheiten gab. Keinen Ansprechpartner für kuriose körperliche "Ausrastellis". Es war doch alles Tabu. Kindererziehung war ein Klacks damals. Oder doch nicht? Als Mutti damals von den ersten Irrenanstalten hörte und von Gesprächstherapien und deren Ausgang, meinte sie immer verächtlich:

»Wenn ich schon das Wort Therapieee höre. Wenn jemand nen Knall hat, dann gehört dem der Arsch versohlt und dann isser wieder kuriert« Ich kannte einen Fall von Wahn oder Wahnsinn irgendwo aus der Gegend. Wobei sich mir gerade die Frage stellt, ob es bei Wahnsinn, also Hirnschaden auch einen Sinn gibt? Nee, besser nicht darüber nachdenken. Also, die Dame musste auch ab und zu in die Anstalt und erzählte danach schon Mal sorgsam davon. Mutti schüttelte dann mit dem Kopf und meinte: »Links und rechts eine geknallt und schon ist wieder alles klar im Kopf. Ich hab mein ganzes Leben keine Zeit gehabt für so einen Quatsch. Aber ich kann dir helfen, ich schüttel dich Mal ordentlich und dann ist wieder alles gut« So war meine Mutti. Mutti war eine Frau ... ja, äh, besonnen, freundliches Wesen, humorig bis in die letzte Ecke, konnte durchknallen, was ich von ihr geerbt habe und wenn sie ausrastete, dann ging sie vor die Tür. Brüllte mit weit aufgerissenem Mund, still in die Pampa und kam dann völlig beruhigt zurück und wollte es mit einem allerletzten guten Gespräch versuchen, wenn die Situation Mal wieder eskaliert war. Die Situation eskalierte ab und zu täglich. Das lag aber nicht immer an mir. Ich war einfach oft zufällig dabei. Sie meisterte alle Situationen in dieser Zeit, in der Großfamilien noch ein Ansehen hatten, und war stolz, ihre vielen Kinder ohne Hilfe und Atmungsübungen in die Welt "geschmissen" zu haben, wie sie es immer liebevoll betonte. Die Hebammen durften damals nur mit heißen Handtüchern helfen und brüllten die Gebärenden an, gefälligst zu drücken und nicht so ein "Geschiss" abzuhalten, wie man mir erklärte. Das war damals so und fertig. Auch der Satz, "Ich hab Kinder im Galopp verloren", hieß einfach nur, dass es eine einfache Geburt war. Nur mit dem kleinen Nesthäkchen hatte keiner gerechnet. Da war Mutti wohl schon aus dem Gebäralter raus und die Pille kam ins Land. Endlich konnte Mutti ihre Unterbuchse an die Wand nageln, ohne schwanger zu werden, wie sie mir erzählte. Aber die Pille wirkte wohl nicht richtig und dann kam ich! Der kleine Schisser! So nannte man mich erst liebevoll. Was man mir verschwieg damals, war die Tatsache, dass gerade die ersten Arschkarten erfunden worden waren. Davon zog ich wohl auch eine. Tja und das Malheur nahm seinen Lauf.

Schuld war nur die Mustertapete 2

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