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Bildung mit Mao Tse-tung auf der Latrine

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Thema Nummer 1, das Latrinenthema. Gerne immer wieder nach den Essen, vor dem Essen, mit Gästen auf Feiern, privat oder einfach so besprochen, prägte sich ebenfalls bei mir ein. Wenn das Thema dran war, gab es keine Tabus. Da wurde gewitzelt, gescherzt und sich über Kamikazeaktionen einzelner Spezies lustig gemacht. Die längste Sitzung wurde ausgiebig prämiert und gewürdigt und wenn mal wieder einer die Kacheln zu Wackeln brachte, war das immer wieder einen Kalauer wert. Da meine Eltern das Grundstück von meinen Großeltern erbten, wurde das Haus groß genug gebaut, sodass man auch auf jeder Etage ein WC besaß. Während die Familienmitglieder mit Krieg und Frieden auf der Latrine saßen, war man selbst froh, dass mehrere dieser Einrichtungen im Haus vorhanden waren. Oft hörte ich, wenn andere nach gefühlten 1,5 Stunden Sitzung aufstanden, wie der Klodeckel aufschlug. Die Hautfasern eines Hinterns hatten sich im harten Plastik verewigt. Ich befand es also für völlig normal, meine Sitzungen ebenfalls in die Länge zu ziehen. Auf der Latrine konnte man Sprachen lernen und das eigene Gesangstalent testen. Auf einem alten Holzschränkchen im Bad lagen Zeitungen mit bunten Bildern und Bücher. Manchmal ging mir der Text beim textlosen Singen aus, da ich ja keine Englischkenntnisse besaß und nur von der Schwester die Songs nachahmen konnte. Die Bücher, die auf dem Holzschränkchen lagen, interessierten mich immer mehr und so beschloss ich, da mal näher rein zu schauen und eventuell, mein Wissen aufzubauen. Man bedenke, dass ich zu der Zeit gerade den Inhalt meiner ersten Schultüte aufgefuttert hatte und ich das ABC erlernt hatte. Ok, ein bisschen weiter war ich schon. Aber das war schon alles schwierig genug für mich, da ich ja von Mutti Zweisprachig erzogen wurde. Wenn sie mit mir Diktat übte und vorlas, musste ich das im Siegerländer Platt vorgelesene, noch ins Hochdeutsche übersetzen und aufschreiben. Es kam auch vor, dass Mutti beim Überprüfen des Diktates in lautes Gelächter ausbrach. Nun ja, man bedenke, dass Mütter sich Gedanken machten, wenn Texte aus der Schule für sie keinen Sinn machten und dann laut darüber nachdachten. So kam es vor, das sie beim roten an kritzeln erst doof aus der Wäsche guckte und dann zu mir. Ich wie ein Flitzebogen angespannt und hoffnungsvoll auf das Ergebnis wartend, erlebte dann, wie Mutti laut auflachte und sagte:

»Wenn ich nebenher sage: „Watt soll der Stuss denn?“ Dann musst du datt doch net mitschreiben! Und wenn ich ein Komma laut lese, dann schreibst du nur das Komma hin und nicht: jetzt kommt ein Komma nach dem Wort« So kam es vor, dass auch meine Geschwister mit mir Diktat übten und von Mutti den Auftrag bekamen, ausschließlich nur den Text zu lesen, der da im Lesebuch stand und sonst keinerlei Regungen zu machen! Denn ein:

»Is mir warm, kann man mal datt Fenster öffnen?«, wurde von mir sorgsam mit Tinte aufs Blatt verewigt. Spätestens jetzt kapierte jeder, warum bei mir auch immer das Wort „Komma“ im Text stand, anstatt Satzzeichen. Ebenso vermied man es, beim Dreisatz Hühner zu erwähnen. Nach dem Motto: Es laufen 10 Hühner auf der Rennbahn los und eins davon fällt während dem Rennen um. Welche Geschwindigkeit hatte das Huhn …? Denken wir gar nicht weiter! Mir lief der Sabber und ich war geliefert. Einem Heißhunger ausgeliefert und mit Rechnen hatte es sich dann erledigt. Kommen wir zurück zu Petis Eigeninitiative, dem Lesen von Büchern auf der Latrine. Da ich keinen Wert auf Hanni und Nanni legte und den anderen Bildungsbestrebenden Familienmitgliedern nachäffen wollte, besorgte ich mir eines Tages vom Dachboden Bildungslektüre der besonderen Art. Ich fand einen dicken Schmöker nach dem anderen in einer Kiste. Und auf einem stand oben drauf Volksrepublik China, Mao Tse-Tung. Ich pustete den Staub vom Buch, welches schwerer war als mein Mäkelkörper und stieg die knarrende Holzleiter nach unten und ging mit Vorfreude, meine Bildungslücken zu schließen, Richtung Latrine. Mein lieber Herr Gesangsverein. Das Buch wog einige Tonnen und grub sich mit dem Umschlag in meine zarten Oberschenkel. Hier erfand ich das erste Branding, wie man heute so schön sagt. Die Buchstaben des Titels waren grob geprägt und gruben sich in meine noch junge Haut. Jetzt hatten Mutti, Papa und die anderen ein richtiges Problem bekommen. Das Kind las, ein nicht kindgerechtes Buch. Wie ging man jetzt damit um? Verstand ich, was da drin stand? Ich meine, jede Mutter würde sich freuen, wenn ihr Kind von selbst ein Buch in die Hand nimmt und frühzeitig mit Lernen beginnt. Aber Mao Tse-Tung und Peti? Es ging hier nicht darum, dass ich am Ledereinband rumknabbern würde und mir das schaden könnte. Nein, ich wollte ja darin lesen. Man überprüfte sogar nach meinen Sitzungen, ob ich nur drin gemalt hatte und das durfte ich nicht! Ich hatte auch keinen Papierflieger aus dem Lesezeichen gebastelt. Sie mussten sich damit abfinden, dass ich wirklich darin las. Es war eine schwere Lektüre für mich. Natürlich wurde ich lächelnd getestet, wenn ich von der Latrine kam. Man glaubte mir offenbar nicht, dass ich so einen Schinken „durchkaute“, wie man bei uns zu sagen pflegte. Mit langsamen Schritten schleppte ich mich nach meiner Sitzung bis zur Küche und gab dabei die Hoffnung nicht auf, dass die Beine und der Bobbes irgendwann mal wieder aufwachen würden. Aber Bildung war mir wichtig und ich wollte alles von der Welt wissen. Da die Volksrepublik China wirklich ein hartes Thema war und der Kommunist in diesem dicken Buch ausführlich beschrieben wurde, konnte ich auf Fangfragen sehr gut und konkret Antwort geben. Mutti schlug es die Fassung aus dem Gesicht. Papas Gesicht drehte sich entsetzt zu mir rum und meinen Geschwistern fiel die Kinnlade vor Staunen runter. Das Kind las das Buch ja wirklich? Es kam noch schlimmer. Ich lieh mir oft das Vokabelbuch meiner Schwester aus und lernte mit meinem fotografischen Gedächtnis Englisch. Mister Pim änd Billy Bool ar kucking in se kitschen. Misses Pim wos going tu se Bäkeri. Jepp und das ganze Kauderwelsch musste meine Schwester dann danach mit mir ausarbeiten. Ging aber zügig und man merkte, dass ich sprachbegabt war. Meine Mutti entsorgte umgehend diese Zeitschriften wie Revue oder Praline, damit ich nicht noch frühzeitig aufgeklärt würde und kapierte, wozu die nackenden Weiblein in der Zeitschrift dienten. Was, wenn ich die Texte unter diesen Bildern verstehen würde? Hätte ich damals ein Telefon auf der Latrine gehabt, wäre ich in der Lage gewesen, meiner Mutti beim Blättern im Versandhaus-Katalog, endlich ihren lang ersehnten Pelzmantel zu bestellen. Nun da ich der Familie langsam etwas unheimlich wurde, versuchte jeder auf seine Weise, mit der noch nicht erkannten Hochbegabung, meinerseits umzugehen. Das hört sich jetzt hochtrabend oder arrogant an, aber ich will nur deutlich machen, dass es Zeiten gab, in denen ich beim Familienrat ausgeschlossen wurde! Nicht nur das! Viel später merkte man sich, dass ich mir alles behielt und nichts vergaß. Ich gab sogar Unterhaltungen wieder und konnte die Szene dazu erklären. Mutti musste mir ab und zu die Klappe abdichten, weil ich mich oft selber prüfte und Dinge offenbarte, die nicht gerade da hingehörten, wo ich sie ausplaudern wollte. Leider betraf dies nur mein Langzeitgedächtnis und wirkte sich nicht positiv in der Schule aus. Herrschaftszeiten! Multitasking war noch nicht erfunden. Aber man machte sich diese völlig unerwartete Begabung zunutze. Mein Bruder z. B. hatte gerade eine Prüfung in Erdkunde und musste die größten Länder und deren Hauptstädte dazu lernen. Dazu den längsten und größten Fluss benennen. Ich wurde herbeizitiert. Ich schaute ihm neugierig zu und er bemerkte meine Wissbegier. Dann übergab er mir den Atlas und zeigte mir auf den bunten Bildern die Staaten unserer Erde. Die Erde war also rechteckig! Ich wusste es! Nickend und voller Verständnis, nahm ich die Infos zu den einzelnen Bundesländern der Staaten auf. Bald darauf wusste ich, wo Indien lag und was der Ganges, Euphrat und Tigris waren. Selbst Sibirien war mir plötzlich so geläufig wie Papas bevorzugte Kippensorte und Kommunismus und Regenwald waren für mich keine Fremdworte mehr. Und nun kam es dicke. Ich verlängerte meist am Wochenende meine Sitzungen auf der Latrine. Erst kam Mao dran, dann ein wenig Englisch und dann ackerte ich die Weltkarte im Atlas durch. Eines Sonntags löste ich mal wieder die Hautporen meines Bobbes vom Latrinensitz und versuchte die Lähmung aus meinem unteren Torso zu beseitigen. Heidewitzka, heute war es aber auch wirklich lange geworden. Tausende von Ameisen schossen in meine Füße, als ich versuchte gerade zu stehen. Nachdem ausgiebigen Lüften und Händewaschen, wobei ich immer noch in Deckung gehen musste, weil die Kacheln an der Wand bedenklich wackelten … Stopp! Das Letzte gehört nicht hierher. Also süffisant bemerkt vermeide ich es zu beschreiben, wie entsetzt aufgebrüllt wurde, wenn ich die Latrinentür geöffnet und schnell wieder verschlossen hatte. Entschlossen, wie ein TÜV-Prüfer, ging ich halb gelähmt in den Beinen, mit dem Atlas ins Wohnzimmer zu meinem Bruder und knallte ihm das Ding auf den Tisch. Mein Zeigefinger auf Südkorea liegend und die Worte:

»Fang an mich zu fragen!«, grinste ich ihn an. Mit einem plötzlichen diebischen Lächeln in seinem Gesicht, befahl er mir, mich rum zu drehen, sodass ich nicht auf den Atlas gucken konnte, um eventuell zu mogeln, fing er an zu fragen. Erst die großen Hauptstaaten, bis ins Eingemachte. Ich nannte die Hauptstädte, und da der Spaß immer größer wurde, drehten wir die Sache um und ich befragte ihn. Wir wurden beim gegenseitigen Befragen immer schneller und immer schneller schossen die Antworten aus uns raus. Um uns rum, fiel alles, was in irgendwelchen Händen gelegen hatte, auf den Boden und erstaunte Gesichter waren zu sehen. Da mein Bruder und ich einen großen Spaß daran hatten uns gegenseitig zu testen, machten wir uns die Sache schwieriger und nannten uns nur noch die Städte. Dazu mussten jetzt die einzelnen Staaten genannt werden. Ab und zu gab es ein Lautes:

»Haaaaa ... falsch!« Oder:

»Jepp … Klugscheißer« Richtig schwierig wurde es in Afrika. Meine Güte, dort wo sonst Kamele grasten, gab es also auch Zivilisation. Hätte es damals schon diese Wettsendung gegeben, ich wäre Wettkönig geworden. Man bedenke, dass ich in Latzhose und kleinwüchsig am Tisch stand und von der großen Welt erzählte. Ich kannte plötzlich von Politikern die Namen und deren Funktion und als man mir eine Mundharmonika an den Mund hielt, blies ich meiner Mama den ersten Tinnitus in die Gehörmuschel. Da wirklich Töne zu hören waren, holte man das Tonband und sang mir was vor. Ich trällerte gekonnt nach und man befand … Der Pop Titan musste erfunden werden, das Kind hatte Stimme. Ich bekam eine Flöte und lernte in Null-Komma-Nix alle Weihnachtslieder. Meine Mutter schaute mich immer komischer an. Ich meine ja nur, ich ging draußen im Schlamm spielen, heulte, wenn ich mich verletzt hatte, brauchte meine Schmusestunden, jammerte, wenn ich kein Softeis bekam und dann knallte ich mit Bildung in diese Familie. Zum Glück entwickelte ich mich einigermaßen normal und zeigte draußen in der Welt keine weiteren Auffälligkeiten. Selbst in der Schule war ich eher schlecht und Mathematik war für mich ein schlimmes Wort. Das hat sich übrigens nach der Schule bei Weiterbildungsmaßnahmen drastisch geändert. Geradezu erstaunt war ich, als ich meine Zeugnisse in der Arbeits-und Schulwelt bekam, und musste lächeln. Ganz doof war ich also nicht. Rein massemäßig auf 1400 Gramm im Kopf begrenzt natürlich. Zurück zum Anfangsthema: Bildung auf der Latrine Volksrepublik China. Jetzt weiß jeder, wer etwas über die Welt wissen will, muss sich nur als Kind auf die Latrine begeben, die Stempelkarte dort drücken und einfach entspannen. Aber bitte, liebe Leser, tut mir den Gefallen und installiert jetzt keine Stempeluhr auf euren Latrinen und bitte testet eure Kinder nicht auf dem Klo aus. Das hab ich von ganz alleine gemacht, geprägt durch mein Umfeld. Große Grüne Neune, stellt euch vor, mein Vater wäre Albert Einstein gewesen! Kleines Chemielabor während der Sitzungen?

Schuld war nur die Mustertapete 2

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