Читать книгу Weisheit der Wechseljahre - Christiane Northrup - Страница 15
Ich heirate meine Mutter
ОглавлениеZurückblickend sehe ich, dass ich, als ich meinen Mann heiratete, heimlich und weitgehend unbewusst ein Gelübde ablegte: Ich versprach, alles zu tun, was nötig war, damit diese Ehe funktioniert, und die Frau zu sein, die er sich meiner Meinung nach wünschte – solange ich gleichzeitig der Arbeit nachgehen konnte, die ich liebte. Ohne es zu merken, schuf ich mit meinem Mann ein Szenario, das viele Aspekte meiner unbewältigten Beziehung zu meiner Mutter enthielt, eine Tatsache, die mir erst ungefähr 22 Jahre später zu dämmern begann, als ich in die Wechseljahre kam.
Bis dahin spielte ich in meiner Ehe weiterhin die Rolle des Kindes von einst, das sich bemüht, zu gefallen und es allen recht zu machen, während mein Mann den Part meiner kühlen, emotional unzugänglichen Mutter übernahm. Als das ruhige, empfindsame Kind in einem Haushalt voller kontaktfreudiger, sportlicher Geschwister, die es liebten, jeden Augenblick des Lebens mit voller Geschwindigkeit Berge hinauf- und Skihänge hinunterzurasen, war ich immer der Typ gewesen, der gern verschwand und sich in eine ruhige Ecke zurückzog, wo ich Musik hören und Märchen lesen, träumerisch vor einem Feuer sitzen oder aufs Meer hinausblicken konnte. Meine Mutter, die viel mehr auf die anderen Mitglieder unserer großen, geschäftigen Familie eingestimmt war, schien immer zu beschäftigt, um mich wahrzunehmen. Und obwohl mein Vater meine strebsame Seite unterstützte, überließ er, wie die meisten Männer seiner Zeit, die aktive Kindererziehung meiner Mutter.
Da ich mich nach der Anerkennung meiner Mutter sehnte, versuchte ich, ihre Liebe zu gewinnen, indem ich ein braves Mädchen war. Daher arbeitete ich hart und lernte fleißig, machte niemals Ärger und verwandelte mich in Mutters kleine Helferin, kochte, machte sauber, bastelte Tischschmuck – alles, was mir in den Sinn kam, um meinen Wert zu beweisen. Da ich intuitiv erfasste, dass meine Mutter litt – wenn es auch noch viele Jahre dauern sollte, bis ich die Art ihres Schmerzes verstand –, versuchte ich, ihr Trost und Stütze zu sein, genauso wie ich später in meiner Ehe versuchen sollte, die Kindheitswunden meines Mannes zu heilen und ihm genug Liebe zu geben, um es ihm zu ermöglichen, seine frühkindlichen Ängste und Verletzungen zu überwinden.
In der Zwischenzeit suchte ich bei meinen Lehrern nach dem Beifall, den ich zu Hause nicht bekommen konnte. Meine Suche nach Anerkennung machte mich zu einer klassischen leistungsorientierten Schülerin, ein Muster, das sich durch meine gesamte medizinische Ausbildung bis in meine Ehe zog. Gerade so, wie ich mich meinen Lehrern zugewandt hatte, um die Unterstützung und die Anerkennung zu erhalten, die ich zu Hause nicht bekam, sollte ich mich eines Tages anderen Menschen als meinem Mann zuwenden, um meine emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen. Aber bis ich den Prozess der Selbsterkenntnis begann, der in der Demontage meiner Ehe gipfelte, akzeptierte ich einfach die Tatsache, dass mich mein Mann ebenso wie meine Mutter nicht so sehen oder schätzen konnte, wie ich wirklich war. Tatsächlich erwartete ich das auch niemals von ihm. Ich ging davon aus, dass ich es im Grunde nicht wert sei, von einem derart besonderen Menschen geliebt zu werden.
Hätte ich mich liebenswerter gefunden, hätte ich niemals jemanden wie meinen Mann geheiratet. Mehrere der jungen Männer, mit denen ich befreundet war, bevor ich ihn traf, bewunderten und schätzten mich tatsächlich. Aber wenn Ihre Arbeitshypothese ist, dass man sich Liebe verdienen muss – verdienen, indem man in seinem eigenen Leben besonders viel leistet und indem man einen anderen von seinem Schmerz heilt –, dann werden Sie sich zu einem Menschen hingezogen fühlen, in dem sich Ihre Überzeugungen spiegeln. Zwangsläufig waren die jungen Männer, die mich unterstützten, nicht diejenigen, die ich haben wollte. Ich wollte genau die Art emotionaler Unnahbarkeit, bei der ich mich am meisten zu Hause fühlte – und ich bekam sie.
Meine Kollegin Dr. Doris Cohen, klinische Psychologin und Autorin eines Buches über Tod und Wiedergeburt, meint dazu, dass das Wiedererstehenlassen alter emotionaler Wunden nichts Neurotisches an sich habe. Im Gegenteil: Auf diese Weise werden wir gesund. In den Wechseljahren stellt sich die Frage der Heilung mit großer Wucht.
In diesem Sinne war mein Mann ein echter Seelenverwandter, und ich kann ihm nicht die Schuld für das zuschieben, was zwischen uns ablief. Erst als ich meine Seele, mein tiefstes Inneres von Grund auf zu verändern vermochte, hörten wir auf, Lebensgefährten zu sein. Rückblickend sehe ich ihn als einen meinen größten Lebensschätze, als jemand, der mehr zu meinem persönlichen Wachstum beigetragen hat, als ich je zu träumen gewagt hätte.
Auf der anderen Seite haben meine Mutter und ich uns nach meiner Scheidung durch die meisten unserer alten Konflikte hindurchgearbeitet und stehen uns heute näher als jemals zuvor.