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Explodieren und die eigene Meinung sagen

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Eines Abends, einige Wochen nachdem ich mit der Einnahme des GnRH-Agonisten begonnen hatte, war die gesamte Familie einschließlich unserer Haushälterin und früherem Kindermädchen, das ich Lida nennen will, vor dem Fernseher versammelt und sah eine Folge von Emergency Room. Gegen Ende der Folge forderte eine der Krankenschwestern einen Besucher auf, ins Krankenzimmer zu kommen und mit seinem Freund zu reden, der so schlimme Brandverletzungen aufwies, dass er dem Tode nahe war.

Lida, die bemerkte, dass die Krankenschwester dem Besucher verschwieg, wie schlimm es um seinen Freund stand, fragte mich daraufhin: »Bringen sie euch in der Ausbildung bei, euch so zu verhalten?« – »Uns wie zu verhalten?«, fragte ich zurück. »Bringen sie euch bei, die ganze Wahrheit zurückzuhalten, wenn die Lage sehr ernst ist?«, präzisierte sie. Nach kurzem Nachdenken antwortete ich ihr, dass unter unseren medizinischen Dozenten tatsächlich die unausgesprochene Überzeugung herrschte, Patienten (und deren Familie und Freunde) seien nicht in der Lage, mit der Wahrheit umzugehen, und dass diese Überzeugung ihre Ursache in vielen Dingen, die ungesagt blieben, habe – eine Tatsache, die durch das, was wir gerade im Fernsehen gesehen hatten, wunderbar illustriert wurde.

In diesem Augenblick stand mein Mann auf, erhob sich zu seiner ganzen, durchaus eindrucksvollen Größe und erklärte: »Natürlich bringen sie dir so etwas nicht bei. Ich weiß gar nicht, wovon du redest!« Irgendetwas in mir zersprang. Nach all den Jahren, in denen ich meine persönliche Wahrheit nicht deutlich ausgesprochen hatte, um von meinem Mann und vergleichbaren Autoritätspersonen im medizinischen Ausbildungsbetrieb akzeptiert zu werden, konnte ich keine Minute länger schweigen.

Ich erklärte ihm, dass ich – wie alle Übrigen – auf tausenderlei nichtverbale Weise dazu angehalten worden war, mit meinen Patienten auf eine gewisse Art zu reden, und dass diese Art einen beträchtlichen Teil der Wahrheit ihrer und meiner Erfahrung ausließ. Natürlich gab es keinen Kurs mit dem Thema »Sprich nicht mit Patienten«, aber ich hatte aus persönlicher Anschauung gelernt, dass eine Hand an der Türklinke oder der Anblick eines Arztes, der bei seinen Visiten von Bett zu Bett eilt, den Patienten viel darüber sagt, was sie im Hinblick auf Kommunikation und Kontakt mit ihrem Arzt erwarten bzw. nicht erwarten konnten.

Als die Diskussion heftiger wurde, zogen sich mein Mann und ich ins Schlafzimmer zurück, um den anderen unseren Streit zu ersparen. Und während der nächsten vierzig Minuten fühlte ich, wie ich an meiner eigenen Wahrheit wuchs und wuchs. Ich sagte meinem Mann, was ich dachte – über die medizinische Praxis, über unsere Beziehung, über die ungleiche Lastenverteilung, die in den ganzen Jahren unserer Ehe geherrscht hatte –, und ich entschuldigte mich weder für das, was ich sagte, noch versuchte ich, irgendetwas zu beschönigen.

Dies war einer der erstaunlichen eruptiven Ausbrüche, zu denen es von Zeit zu Zeit kommt, wenn plötzlich all die Dinge hochkochen, um die wir wissen, über die wir aber nicht reden können, weil wir weiblich sind und überleben müssen, indem wir Autoritäten dazu bringen, uns zu mögen. All das, was wir zu ignorieren versucht haben und krampfhaft unter dem Deckel halten wollten, bricht dann mit aller Macht hervor. Am Ende wirkte mein Mann nicht mehr so groß wie zu Anfang, und er sprach leise und entschuldigend mit mir. Das war der Wendepunkt in unserer Ehe. Es gab kein Zurück mehr. Was in dem Moment passierte, als ich plötzlich den Entschluss fasste, meine Meinung zu sagen, statt wie üblich zu schweigen, war das direkte Resultat meiner künstlichen Wechseljahre. Normalerweise setzt das Klimakterium natürlich langsam ein. Aber wenn es wie in meinem Fall aufgrund von Medikamenten oder wie bei anderen Frauen aufgrund einer Operation bzw. von Bestrahlungen mehr oder minder abrupt dazu kommt, dann können die plötzlichen hormonellen Schwankungen zu Einsichten über unser Leben führen, die ebenso dramatisch und unerwartet sind wie die Hitzewallungen, die uns oft in dieser Zeit plagen. Obwohl mein eigenes vorzeitiges Klimakterium nicht von Dauer war und die Hitzewallungen endeten, sobald ich aufhörte, Medikamente zu nehmen, war die innere Veränderung, die dieses kurze klimakterische Intermezzo mit sich brachte, von Dauer. Sie brachte all die verborgenen Konflikte in mir und meiner Ehe an die Oberfläche.

Weisheit der Wechseljahre

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