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12. Kapitel

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Der Wind peitschte die Schneevorhänge weniger heftig gegen den Hang, und im Windschatten der hohen Felsbrocken war es zeitweilig sonderbar still.

Die kleine Karawane hatte eine Rast eingelegt. Conroy lehnte mit dem Rücken an einem Stein und war mit seinen Gedanken allein. Im ersten Licht des frühen Morgens waren sie von Salhée aufgebrochen und hatten die gefahrvolle Reise über den alten Trampelpfad den Berg hinauf angetreten. Sie waren sechs Stunden ununterbrochen aufgestiegen, als das Wetter umschlug und binnen Minuten starker Schneefall einsetzte. Das Schneetreiben war zeitweilig so stark gewesen, dass ihre Führer beschlossen hatten, eine Rast einzulegen, bis das Schlimmste überstanden war.

Jetzt sagte der SY.N.D.I.C.-Agent: »Wenn wir uns nicht bald auf den Weg machen, dann erreichen wir nicht einmal den Startplatz. Das Wetter wird doch besser. Was hält uns noch?«

Tinlé, einer der Führer, kauerte grinsend neben Tsamcho, kaute an einem Stück rohen Jakfleisches und blickte in das Schneetreiben. Er schüttelte den Kopf. »Das Wetter wird eher schlimmer als besser, weißer Mann. Eigentlich sollten wir hier kampieren und erst morgen weiterziehen. Der Platz ist gut.«

»Nichts da«, bestimmte Tsamcho, der Conroys Miene richtig deutete. »Wir gehen weiter. Wenn wir den Weg über die Bergflanke weitermarschieren, stoßen wir genau auf das Ringmo-Plateau. Dort befindet sich eine alte Schutzhütte. In ihr können wir Unterschlupf vor dem Wetter finden und uns ausruhen. Ich bin sicher, am Abend lässt der Sturm nach. Es sind nur noch wenige Kilometer.«

Tinlé zuckte die Schultern. »Wie Ihr meint, Herr. Alles steht bei Buddha.«

Zehn Minuten später verließ die kleine Karawane den geschützten Rastplatz.

Tinlé führte den Zug an, der zweite Bergführer bildete die Nachhut. Tsamcho und Conroy stapften in der Mitte des Zugs. Die Jaks sanken tief in den Schnee ein. Morton Conroy hielt den Kopf gegen den böigen Wind gesenkt und war mit der Frage beschäftigt, wie die Tiere bei diesen Verhältnissen mit nahezu traumwandlerischer Sicherheit den Pfad zu finden imstande waren.

Der Wind war wieder stärker geworden – ganz wie Tinlé vorhergesagt hatte – Schnee und Eis bedeckten die Gesichter der Männer mit einer dicken Schicht.

Der Sturm pfiff ihnen um die Köpfe und biss in ihre Gesichter, bis die Haut so gefühllos wurde, dass man keinen Schmerz mehr spürte. Stunden schienen zu verstreichen.

Conroy duckte sich vor einem wütenden Windstoß. Sein Verstand arbeitete nur noch mit halber Kraft; krampfhaft hielt er sich an dem kurzen Seil fest, das ihn mit dem voraustrottenden Jak verband. Er war sich sicher, sollte das Tier ins Leere treten, er würde ihm folgen. So schnell würde er gar nicht mehr reagieren können.

Nach Ewigkeiten kamen sie an einer Felsnadel vorbei, die wie ein regungsloser Wächter im weißen Nichts stand. Nach Tinlés Worten musste die Schutzhütte nicht mehr weit sein. Aber »weit« war in dieser weißen Hölle ein relativer Begriff, konnte Minuten bedeuten oder Stunden. Unter Umständen eine Ewigkeit.

Plötzlich trotteten die Jaks schneller – und kurz darauf tauchte die Hütte aus dem Schneetreiben auf.

Sie war niedrig. Aus groben Steinblöcken errichtet. Mehr eine Höhle, halb unter einen überhängenden Felsen gebaut. Aber sie bot Schutz vor dem Wetter, wenn auch das Platzangebot sehr beschränkt war – die Tiere nahmen mehr als die Hälfte des vorhandenen Raums ein.

Conroy hockte sich eine Ecke und sah zu, wie die beiden Jaktreiber ein Feuer aus den vorhandenen Vorräten machten. Bald dampften ihre Pelzmäntel in der Wärme.

Draußen heulte der Sturm und häufte Schneewehen an den Mauern auf. Es war erst Nachmittag, aber bereits so dunkel, dass man ohne Licht nichts sah. Tinlé entzündete eine Butterlampe und stellte sie in die Nische gegenüber dem Eingang. In ihrem trüben Lichtschein kochten sie heißen Tee.

Der Wind heulte zeitweise so ohrenbetäubend um die Hütte, als käme er geradewegs aus der tiefsten Hölle. Ein gespenstisches Requiem für all jene, die hier oben auf dem Dach der Welt ihr Leben gelassen hatten. Conroy schüttelte sich unwillkürlich. Dann hockte er sich zu den anderen ans Feuer und trank kochendheißen Tee.

»Sie vermuten, dass sich eine Katastrophe in Basis Alpha zugetragen haben könnte«, sagte Tsamcho plötzlich auf englisch, »nicht wahr?«

Conroy verschluckte sich fast, so unerwartet kam die Frage.

»Es hat den Anschein«, erwiderte er zurückhaltend. »Allerdings – in einem Labor geschehen immer wieder mal Unfälle. Wahrscheinlich ist bei den Experimenten etwas schiefgelaufen.« Er verschwieg dem tibetanischen Adeligen seine tatsächlichen Vermutungen.

Tsamcho lächelte nachsichtig. »Kommen Sie, Morton. Sie vergessen, dass ich kein Hirte bin. Und selbst den könntet Ihr Männer aus dem Westen nicht mehr so ohne weiteres hinters Licht führen. Auch wir Nomaden sind inzwischen in der Lage, einen Computer zu bedienen und uns in der virtuellen Welt zu bewegen, lassen Sie sich das gesagt sein. Es muss einfach mehr dahinterstecken.« Tsamcho nahm einen Becher Tee von Tinlé entgegen. Dann wandte er sich wieder Conroy zu. »Weiß Gott, der westliche Verstand ist so etwas Kompliziertes, dass ich ihn manchmal beim besten Willen nicht begreifen kann.«

Morton grinste und sagte: »So ergeht es mir mit dem östlichen.«

Tsamcho seufzte. »Habe ich Ihnen übrigens schon gesagt, dass ich in Oxford auch Russisch studiert habe? Ich habe also verstanden, was dieser Agent des Eurasischen Commonwealth gesagt hat. Und Begriffe wie Schwarzschild-Radius, Entropie, Einstein-Rosen-Brücke oder Kerr-Tunnel sagen mir zumindest, dass es sich offensichtlich um Schwerkraftforschungen handelt, die man in der Basis Alpha betreibt.«

»Ausgeschlossen ist nichts«, versetzte Conroy, »doch das werde ich erst wissen, wenn ich in der Basis bin.« Er legte sich auf den Rücken, den Kopf auf seinem Reisesack, und zog die Pelzschuba bis ans Kinn. »Wann sagen Sie, wird der Schneesturm aufhören?«

»Noch vor Mitternacht.«

»Ich denke, ich werde jetzt ein bisschen schlafen.«

Als er erwachte, starrte er eine Weile zu der niedrigen Decke auf und versuchte sich zu erinnern, wo er eigentlich war. So viele Plätze hatte er in so kurzer Zeit gesehen. Nur – wo war er jetzt?

Die Erinnerung kam ganz plötzlich. Er setzte sich auf. Die beiden Führer schienen zu schlafen; die Jaks standen in ihrer Ecke und bewegten sich hin und wieder. Tsamcho war nicht zu sehen. Conroy beugte sich vor, um das Feuer ein wenig zu schüren. Als die Flammen hochzüngelten, trat der Dolpo-Pa in die Hütte. Er lächelte.

»Es ist kurz vor vierundzwanzig Uhr. Der Wind ist schwächer geworden und es hat zu schneien aufgehört. Jetzt müsste es möglich sein, mit dem Drachen zu starten.«

Er weckte die beiden Tibetaner und befahl ihnen, die Jaks nach draußen zu führen.

Conroy zog seine Schuba aus, zerrte seinen nachtschwarzen, gefütterten Flugoverall aus dem Reisesack und zog ihn über. Er überprüfte die Ooni MDK rasch und präzise und steckte sie in das Schulterholster. Dann schloss er den Overall, in dessen aufgesetzten Arm- und Schenkeltaschen Ersatzmagazine und eine ganze Reihe weiterer nützlicher Dinge steckten. Er setzte den Helm auf, ließ das Visier aber offen und ging hinaus.

Der Himmel war wolkenlos, die Sterne schimmerten in unglaublicher Schönheit. Der Mond spendete genügend Licht, so dass sie ohne Lampen auskamen. Der Wind blies sanft, aber stetig. Ideale Voraussetzungen für sein Vorhaben.

Die Jaks schnaubten und stießen weiße Wolken aus ihren Nüstern. Conroy ging zu Tinlé hinüber und half ihm, die Verschnürung zu lösen. Dann schulterte er das Paket mit dem Drachen und trug es ein paar Schritte zur Seite. Er riss den Reißverschluss der Ummantelung auf und zog die Einzelteile aus dem Sack. Sein Atem dampfte, und seine Gesichtshaut war von der Kälte bereits wieder gefühllos geworden. Doch seine Finger in den dünnen Handschuhen bewegten sich bereits wie selbständige Lebewesen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit breiteten sie das knapp fünf Kilo schwere graphitschwarze High-Tech-Gewebe des pfeilförmigen Gleitsegels aus, stießen die federleichten CfK-Stäbe in die Taschen und klemmten sie unter Spannung fest; schon jetzt bekam das Segel eine leicht gewölbte Tragflächenform. Dann verschwanden die dünnen, unzerbrechlichen Nasenleisten in den gepfeilten Vorderkanten des Segels. Als Conroy die Leinen spannte, entfaltete sich das Segel zu einem Tragflügel. Unter den neugierigen Blicken der Tibetaner steckte er das Steuertrapez zusammen und befestigte es am hohlen, durchgehenden Hauptholm. Dann kippte er den Drachen nach vorn und drückte ihn mit der Spitze in den Schnee, um zu verhindern, dass sich der Wind unter ihm fangen konnte. Als letztes schlüpfte er in das Oberteil des schotenförmigen Flugsacks mit dem Haltegeschirr – und bot plötzlich den Eindruck einer ins Riesenhafte mutierten Fangheuschrecke.

Dann drehte er sich um.

Für einen langen Moment fingen sich Conroys Augen in denen von Tsamchos.

Der SY.N.D.I.C.-Agent hob die Hand. »Hier trennen sich vermutlich unsere Wege«, sagte er. »Ich danke Ihnen für alles.«

Tsamcho nickte.

»Buddhas Wege sind unerforschlich, mein Freund«, sagte er auf englisch. »Das Schicksal hat uns anscheinend bestimmt, einen kleinen Teil unserer Reise gemeinsam zurückzulegen. Legen wir die Zukunft in seine Hand.«

Conroy nickt. »So machen wir es.« Er gab sich keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Er trat unter den Drachen, klinkte den Flugsack in die Halterung und hob die Querstange des Steuertrapezes an. Dann balancierte er den Drachen aus, neigte ihn leicht gegen den Wind – und lief los.

Der Startplatz vor der Schutzhütte war relativ schmal. Conroy benötigte nur wenige wuchtige Schritte, dann stieß er sich kraftvoll über die Kante hinaus in den unermesslichen Abgrund.

Das Gefühl des Sturzes ins Bodenlose ließ seinen Magen revoltieren. Doch dann schob er das Steuertrapez leicht nach vorn – der Drachen richtete sich auf. Conroy schlüpfte mit den Beinen in das Unterteil des Tragsackes und zog den breiten Verschluss nach oben. Er schloss den Helm und aktivierte die Flugkontrollen.

Wind fing sich unter dem Deltaflügel. Er stieg. Dann war es wie ein Sog, der den Drachen nach oben riss. Und er flog. Die Spannleinen sirrten.

Das integrierte Vario spiegelte Steigen und Fallen auf die linke Innenseite des Visiers, den Hauptteil aber nahm die virtuelle IR-Darstellung des Gebietes ein, über das Conroy flog. SY.N.D.I.C. hatte mit Hilfe der WATCHDOG-Satelliten eine exakte Topographie des Himalajas angefertigt. Die Daten justierten selbsttätig nach.

In weiten Spiralen glitt Morton durch die Nacht. Eine schwarze Harpyie unter den Sternen, die sich millionenfach über ihm wölbten.

Er flog schnell, hütete sich vor den Leewalzen im Windschatten der Berge und nutzte jede noch so geringe Möglichkeit, im Luv-Aufwind gewaltiger Schnee- und Gletscherhänge Höhe zu gewinnen, um dann im Bahnneigungsflug Geschwindigkeit und Strecke zu machen.

Er kam rasch voran.

Zuversicht erfüllte ihn.

Der Flug entsprach ganz seinen Vorstellungen.

Rechter Hand voraus konnte er bereits die Scheinwerfer der Passsperre in den Nachthimmel stechen sehen.

Sie würden ihn nicht einfangen. Er kam von der anderen Seite, von jenseits der alten, längst nicht mehr vorhandenen Grenze, die Tibet einst von China trennte.

Die Nacht hüllte ihn ein und verbarg ihn auch vor den kristallklaren Sternen.

Niemand würde ihn bemerken.

Er machte keine Geräusche.

Es war gut, lautlos anzukommen.

Als er den letzten Bergkamm in einer Höhe von nur sechzig Metern überflog, öffnete sich das Hochtal unter ihm. Sein Visier präsentierte ihm eine vollständige telemetrische Darstellung des Abstiegskorridors; hilfreich, aber nicht immer notwendig – nach Conroys Meinung. Er hatte schon wesentlich schwierigere Landemanöver ohne technische Unterstützung absolviert. Allerdings: Während im Osten über den Bergspitzen bereits das erste Grau heraufschimmerte, herrschte hier im Innern des Kessels noch tiefe Nacht. Und so ließ er sich von der IR-Telemetrie und dem Graph des Varios leiten, um nicht auf dem Boden aufzuprallen.

In einer weiten Linksspirale glitt er abwärts. Tauchte hinab wie der Schatten eines Raubfalken. Konzentrierte sich darauf, den inneren Sperrkreis nicht zu verfehlen, und warf immer wieder einen Blick auf den Höhenmesser. Mit kleinen Lenkbewegungen korrigierte er die Flugbahn und hörte das Rauschen der Luft, die an ihm vorüberströmte. Die Nacht schien kein anderes Geräusch zu haben.

Er überflog die Kuppel von Basis Alpha, legte den Drachen in eine Steilspirale, um nicht über den inneren Energiezaun hinauszufliegen, und richtete ihn dann auf.

Rasend schnell kam der Boden näher.

Längst hatte er die Beine aus dem Tragsack genommen und hing nur noch im Haltegeschirr.

Kurz vor dem Aufsetzen stieß er die Trapezsteuerung in kurzen, kräftigen Rucken nach vorn. Das Überbremsen nahm sofort die Fahrt weg. Die Gleitgeschwindigkeit fiel abrupt auf Null – und Conroy spürte Boden unter den Sohlen. Er lief vier, fünf Schritte, dann kippte der Drachen nach vorn und seitwärts.

Er war angekommen.

Basis Alpha lag vor ihm.

Das Tor zur Hölle, wie es die tibetanischen Schamanen nannten.

Ein kalter Luftzug wehte Morton Conroy an, als er sich aus dem Haltegeschirr löste, und erinnerte ihn mit leisem Grauen daran, dass die Schamanen vielleicht recht behalten würden mit dieser Prophezeiung.

Irgendwie sagte ihm sein Instinkt, dass jetzt erst alles begann...

ENDE

Sechs utopische Thriller

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