Читать книгу Die Hüter der vier Elemente - Das Land der Schatten - Dagmar Winter - Страница 6
LEANDER
ОглавлениеAaron hätte nicht gedacht, dass er in dieser schweren und belastenden Situation und mit dieser großen Aufgabe im Nacken den Flug auf Nagual, seinem Greifer, so genießen würde. Er schloss die Augen und breitete seine Arme aus. Die kalte Nachtluft blies ihm ins Gesicht. Er atmete tief ein. Aaron wusste, dass er bald wieder nach Hause, in seine Welt würde zurückkehren müssen. Die Sommerferien waren in zwei Wochen - nach ihrer Zeitrechnung - vorbei. Bis dahin mussten sie es geschafft haben, Kratos zu besiegen. Aber was wäre wenn nicht? Würden sie dann weiterhin in Nimoron bleiben können? Wollte er überhaupt wieder zurück? Natürlich vermisste er seine Mum und Judy, aber hier war er seit Langem wieder richtig glücklich gewesen.
Aaron öffnete die Augen und schmiegte seinen Oberkörper flach an den Hals des Greifers. Nagual gab ein zufriedenes Brummen von sich.
»Es wird alles gut gehen. Sei zuversichtlich!« hörte Aaron nun Naguals Stimme in seinem Kopf. »Du kannst jederzeit nach Nimoron zurückkehren. Auch wenn wir Kratos besiegt haben. Bis zu deinem dreißigsten Geburtstag, erst dann musst du dich entscheiden!« Aaron nickte, wohlwissend, dass der Greifer es nicht sehen konnte. Er vergaß nur allzu gerne, dass Nagual seine Gedanken lesen und spüren konnte. Natürlich hatte er all seine Sorgen von vor ein paar Minuten sehen können. Liebevoll streichelte er den Hals des Tieres.
Er drängte seine Gedanken bei Seite. Es war der falsche Zeitpunkt darüber nachzudenken. Jetzt musste er sich erst einmal auf ihre Aufgabe konzentrieren. Schon bald würden sie die Grenze nach Gorgon überschreiten und Aaron hatte keine Ahnung, was sie dort erwarten würde.
Er blickte hinüber zu Moe. Da es noch recht dunkel war, konnte er lediglich die Umrisse des Drachens und von Moe erkennen. Er ließ seinen Blick weiter an den prächtigen Drachen, dessen Schuppen im Mondlicht rot schillernten hinunter in die Tiefe gleiten. Er musste ihn schärfen und sich konzentrieren, um dort Summer, Jules, Loén und Nabiel auf ihren Einhörnern erkennen zu können. Arox, mit seinem schwarzen Fell, konnte er jedoch trotz aller Mühe nicht ausfindig machen. Kein Wunder, dass er sich mit seinem Rudel am liebsten in der Nacht durch den Wald des Vergessens bewegte.
Wenn die Sonne aufging, würden sie das Feld- und Wiesenvolk erreichen. Dort würden sie sich kurz stärken und dann zusammen mit dem weiteren Weggefährten die Reise zu den Feuerbergen fortführen.
Das Schloss hatten sie bereits vor einiger Zeit hinter sich gelassen. Aaron war ein Schauer über den Rücken gelaufen, als er dort die Spuren des letzten Angriffs von Kratos entdeckt hatte. Rund um die Stadtmauer, die das Schloss umgab, lagen Trümmer, abgebrochene Pfeile und Schwerter, Baumstämme, mit denen man wohl versucht hatte, das Tor zu durchbrechen, zudem aufgesprengte Erde von abgeprallten Magieangriffen und rote dunkle Flecken, die die Erde getränkt hatten: Blut. Es war Zeit, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Kein unschuldiger Nimoraner sollte mehr in Angst leben oder gar sterben müssen.
Als Nagual mit dem Sinkflug begann, tauchten bereits die ersten Sonnenstrahlen die Welt unter ihnen in einen zarten rosa-blauen Ton. Aaron staunte nicht schlecht. Soweit das Auge reichte erkannte er bewirtschaftete Felder mit Raps, Mais, Getreide und Rüben sowie Wiesen mit einer nahezu überwältigenden Blumenpracht. Im Gegenzug zu Arc Mirantan, Elfstadt oder die Gegend rund um das Schloss, gab es hier keinerlei Berge und keine Wälder. Nur Felder und flaches Land.
Am Horizont erblickte Aaron Windmühlen. Er erinnerte sich an Noah, den sie auf ihrer Reise zu den Elfen kennengelernt hatten. Noah hatte ihnen von seinem Vater erzählt, dem die größte Mühle in ganz Nimoron gehörte und das er selbst eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters treten sollte. Aaron fiel die letzte Aufgabe ein, die Noah erwähnt hatte, ein Haus für sich und seine zukünftige Frau zu bauen. Ob er damit wohl schon begonnen hatte?
Je näher sie den Mühlen kamen, desto mehr entdeckte er: Eine kleine Stadt, gebaut aus Häusern aus Holz und mit Strohdächern gedeckt lag nun vor ihnen in ein wenig Entfernung zu den Mühlen. Die Stadt erinnerte Aaron an einen Ort, den er einmal im Urlaub gesehen hatte. Die Stadt umgab keine Stadtmauer. Sie lag völlig frei inmitten der Felder. Die Häuser hatten verschiedene bunte Farbanstriche. Die Farbe der Elemente: knalliges Rot, dunkles Blau, sattes Grün oder elegantes Weiß. Aaron merkte, wie ihm diese Farbenpracht direkt gute Laune bereitete. Nur schade, dass sie kaum Zeit haben würden hier zu verweilen.
Aaron winkte Moe zu und deutete ihm zu landen. Moe nickte und kurz darauf setzten beide Gefährten zur Landung an und gruben kurz darauf ihre Krallen in den Wiesenboden unweit der ersten Häuser der Stadt.
Aaron glitt von Nagual herunter, landete sanft auf der duftenden Wiese und sah sich um. Von den anderen war noch nichts zu entdecken. Aber Arox hatte bereits angekündigt, dass er bei so einer weiten Reise kleine Pausen ab und an benötigen würde. Sie würden daher sicherlich bald eintreffen. Plötzlich vernahm Aaron Stimmen und blickte an seinem Greifer vorbei in Richtung der Wohnhäuser. Überall aus den Straßen kamen Kinder mit ihren Müttern heraus und liefen, vor Freude kreischend, auf die beiden Hüter und ihre Gefährten zu. Aaron warf einen verdutzten Blick zu Moe, der ebenfalls überrascht dreinblickte.
»Lass sie nur«, raunte Nagual Stimme in Aarons Kopf. »Sie bekommen so selten einen Greifer oder einen Drachen zu Gesicht!«
Aaron lächelte verlegen und nickte. Im ersten Moment hatte er geglaubt, dass die Aufregung ihm und Moe gegolten hatte. Jetzt schämte er sich für diesen eingebildeten Gedanken, denn Nagual behielt recht. Als die Kinder bei ihnen eintrafen, blieben sie ehrfürchtig stehen und bestaunten die beiden mächtigen Tiere mit weit aufgerissenen Augen
»Sie sind beide nicht gefährlich für euch! Ihr dürft gerne näher kommen!«, rief Aaron und winkte die Kinder heran. Moe tat es ihm gleich. Ein paar mutige Kinder liefen sofort los zu ihnen herüber und tätschelten das Gesicht des Gefährten, als hätten sie nie etwas anderes getan. Die Gefährten senkten ihre Köpfe möglichst weit nach unten, so dass die Kinder problemlos herankamen, und genossen sichtbar die Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten. Andere Kinder waren ein wenig zurückhaltender und klammerten sich weiter an die Beine ihrer Mütter und beobachteten alles aufmerksam aus geringer Entfernung. Als ein Kind jedoch unbemerkt den Rücken des Drachen erklommen hatte und dieser vor Verwunderung eine Rauchwolke in die Luft ausstieß, schrien einige Kinder auf und beinahe alle liefen zurück zu ihren Müttern.
Moe lachte und tätschelte seinem irritierten Gefährten den Hals.
»Genug der Kuscheleinheiten!«, rief Moe und kam zu Aaron rüber.- »Lass uns schon mal in die Stadt gehen und uns stärken! Vielleicht finden wir bereits unseren letzten Begleiter bis die anderen eintreffen. Wie hieß er noch gleich…?«
»Ich glaube, Istariel meinte, er hieße Leander«, antwortete Aaron nach einer kurzen Pause, in der er überlegt hatte
Moe nickte: »Leander, ja das kann sein. Dann lass ihn schon mal suchen gehen, damit wir nachher weniger Zeit verlieren. Vor allem aber muss ich etwas essen!«
Nachdem sie einen der Mütter gefragt hatten, wo sie etwas zu essen finden könnten, folgten sie der Wegbeschreibung in die Stadt hinein. Ihre Gefährten wollten derweil jagen.
Aus der Nähe betrachtet wirkten die Häuser noch viel hübscher als ohnehin schon. Ihre Farben leuchteten in der Morgensonne und überall an den Fenstern hingen Blumen in voller Blütenpracht. Es war ein geschäftiges Treiben in den Straßen und die Bewohner liefen emsig umher. Von Aaron und Moe nahmen sie nicht wirklich Notiz. Das war hier auch wesentlich einfacher als zuvor im Elfenwald, denn als Menschen fielen sie zwischen dem Feld- und Wiesenvolk beinahe nicht auf. „Das hier könnte auch eine normale kleine Stadt zu Hause sein“, ging es Aaron durch den Kopf. Von Elfen, Kobolden oder anderen Kreaturen, die Aaron bislang eher als Fabelwesen bezeichnet hätte, war hier weit und breit nichts zu sehen. Überhaupt hatte man hier nicht das Gefühl, dass Kratos den Krieg gegen Nimoron bereits begonnen hatte. Es wirkte alles so makellos und ruhig. Richtig idyllisch.
An einem größeren Platz hielten sie inne und sahen sich um. In der Mitte des Platzes stand, aus Stroh erbaut und mit Blumen geschmückt, ein riesiger Drache. Sicherlich war er kleiner als Moes Gefährte, aber dennoch beachtlich anzusehen. Es war erstaunlich, was man mit ein wenig Geschick aus Stroh alles Formen konnte. Auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes lag der kleine Laden, der ihnen empfohlen worden war. In grüner Farbe war ein Holzschild angebracht, dass ein Brot und ein paar Ären zeigte. Als sie das Geschäft betraten, erklang anstelle einer Klingel als Signal, dass jemand den Laden betreten hatte, ein quietschendes Geräusch. Ein Fiepen, wie von vielen Mäusen. Aaron und Moe blickten sich irritiert um. Bis auf den großen Verkaufstresen und die Regale voller frisch gebackener Brote, Lebensmitteln und ein paar Stühlen und Tischen war der Laden leer. Es raschelte und kurz darauf erklang das Piepen erneut. Aaron folgte dem Geräusch und näherte sich einem Weidenkorb. Vorsichtig hob er den Deckel einen Spalt an und blickte hinein. Viele kleine Augenpaare starrten ihm entgegen. Erschrocken ließ er den Deckel fallen.
»Die sind harmlos«, erklang eine freundliche Frauenstimme hinter ihm. »Du kannst den Deckel ruhig öffnen!«
Aaron fuhr herum und erblickte eine Frau, die soeben den Raum betreten haben musste und ihm freundlich lächelnd zunickte. Aaron begrüßte sie freundlich und blickte dann zu Moe, der nach einer kurzen Begrüßung an die Frau gerichtet neben ihn getreten trat. Vorsichtig hob Aaron den Deckel erneut an und staunte nicht schlecht, als er den Inhalt des Korbes sah.
»Was bitte ist denn das?« Lauter plüschige, tennisballgroße Wesen, mit großen Knopfaugen starrten ihm vergnügt entgegen und hüpften dabei aufgeregt auf und ab.
»Das sind Knuddler, kleine nützliche Wesen, die ausschließlich in unseren Feldern leben. Deshalb werden sie von den Handelskarawanen der Kobolde gerne mitgenommen, um sie im Rest des Landes gewinnbringend eintauschen zu können. Ich bin übrigens Milla, die beste Bäckerin im Land!«, sagte Milla mit einem freundlichen, wenn auch selbstsicheren Lächeln und strich sich ihre mehlbestäubten Hände an der Schürze ab um ihnen eine davon kurz darauf entgegenzustrecken. Aaron nahm ihre Hand als erster und schüttelte sie.
»Freut mich, wir sind …«
»Aaron und Moe nehme ich an …«, beendete Milla seinen Satz und lächelte, als sie Aarons verdutzten Ausdruck erblickte.
»Ich denke, ich kenne jeden hier vom Feld- und Wiesenvolk. Und da ihr keine Ähnlichkeit mit einem Elf, Kobold oder Troll habt, war die Schlussfolgerung leicht«, erklärte Milla und machte eine einladende Geste zu einem ihrer Tische.
»Außerdem«, ergänzte sie, als die Hüter Platz nahmen, »verbreiten sich die Geschichten eurer Abenteuer in Nimoron schneller als ein Drache fliegen kann.«
Moe wurde bei diesen Worten direkt ein wenig größer. Die Vorstellung, dass bereits Geschichten über sie in Nimoron erzählt wurden, schien ihm zu gefallen. Aaron grinste.
»Kann ich euch etwas zu trinken anbieten und eine Stärkung? Sicherlich müsst ihr bald weiter reisen!«
»Sehr gerne«, meinte Aaron, »jedoch haben wir nichts, was wir euch zum Tausch anbieten könnten!«
»So weit kommt es noch, das die Hüter in meinem Laden tauschen müssten!«, lachte Milla und machte eine wegwerfende Handbewegung
Mit diesen Worten verschwand sie in einem angrenzenden Raum hinter dem Tresen, der Aaron erst jetzt auffiel, und kam wenig später mit duftendem Tee, frischgebackenem Brot etwas Käse und Butter sowie einem Obstteller zurück. »Das duftet ja fantastisch!«, sagte Moe und reckte seine Nase schnuppernd in Richtung des Brotes. »Greift zu und nehmt euren Begleitern gerne auch noch ein paar Brote mit. Mein Mann sollte auch jeden Moment hier eintreffen.«
Aaron hielt mitten im Kauen inne und sah Milla fragend an. Woher wusste sie von den Begleitern? Er kam jedoch gar nicht dazu diese Frage zu stellen, als ein hochgewachsener, braungebrannter und vor Muskeln strotzender Mann den Laden betrat
Er grüßte freundlich in die Runde und ging dann zu Milla, der er einen dicken Kuss auf die Stirn gab. Dann blickte er die Hüter an.
»Wie ich sehe, hat Milla euch bereits gut umsorgt.« Er warf ihr einen liebevollen Blick zu und lächelte breit.
»Ich bin Leander, Millas Mann und der Besitzer der größten Mühle in Nimoron.«
»Dann seid ihr der Vater vom Noah!« Moe war so erstaunt, dass er wieder einmal sein Essen nicht erst hinunter geschluckt hatte
Diesmal war es Leander, der die beiden verwundert ansah. »Ihr kennt unseren Noah?«
»Wir sind ihm auf der Reise zum Elfenwald begegnet und haben uns mit ihm ein Nachtlager geteilt!«, erklärte Aaron.
Leanders Gesicht erhellte sich.
»Ja, mein Sohn hat ein paar große Prüfungen zu meistern, von denen er alle bisher mit Bravour bestehen konnte.« Der Stolz, der in Leanders Stimme mitschwang, war nicht zu überhören. »Hat er seine letzte Prüfung denn bereits begonnen?«, fragte Moe interessiert nach, nachdem er sein Essen hinuntergeschluckt hatte.
»Er bereitet derzeit alles dafür vor. Er sammelt die entsprechenden Materialien und ist dadurch auch gerade nicht in der Stadt«, erwiderte Leander.
»Schade«, gab Moe zurück.
»Ich packe noch schnell ein paar Sachen zusammen«, bemerkte Leander »und dann sollten wir aufbrechen!«
Mit diesen Worten verschwand er durch die Tür hinter dem Tresen. Nun war Aaron auch klar, warum Milla von ihrer Mission und ihren Begleitern gewusst hatte.
»Milla«, sagte Aaron, als hinter ihm wieder das Piepsen erklang. »Du sagtest, dass diese kleinen Lebewesen dort hinten durchaus nützlich seien …«
»Ja so ist es« Milla nickte. Sie stand auf und ging zu dem Korb hinüber, in dem die Lebewesen saßen. Vorsichtig griff sie hinein und nahm einen der Knuddler heraus.
Das kleine Plüschknäuel hüpfte aufgeregt auf ihrer Handfläche auf und ab und quietschte vergnügt. Sie kam zum Tisch zurück und hielt es Aaron hin.
Aaron streckte vorsichtig seine Hand aus und hielt sie neben die von Milla. Sofort hüpfte der kleine quirlige Knirps auf seine Hand und gab erneut ein fröhliches Piepen von sich.
Aaron hob das Tier ein wenig näher an sein Gesicht.
Es war gerade mal so groß, wie seine Handfläche und es war so weich, wie ein Plüschtier. Unter dem samtigen Fell kamen vier kleine Arme hervor und zwei Fühler, die über seinen Augen ansetzten. Als der Kleine erneut hüpfte, sah Aaron auch zwei kleine und kurze Beinchen, die aber eher wie die Arme an den Seiten aussahen. Sie alle hatten anstelle von Füßen und Händen kleine Saugnäpfe, mit denen sich das Tier festzuhalten schien. Aaron streichelte vorsichtig mit einem Finger der anderen Hand über das Fell des Tieres, welches daraufhin vergnügt quietschte und die großen Augen zukniff. Es schien kitzlig zu sein.
»Zeig die bloß nicht Summer!«, lachte Moe. Die möchte sonst unbedingt einen haben.
»Oh, ihr werdet alle einen bekommen!«, sagte Milla lächelnd. »Der Korb dort ist für euch! Für jeden von euch und eure Begleiter einen!«
»Das ist wirklich sehr großzügig Milla«, begann Aaron, »aber ich denke da wo wir hinmüssen, ist es zu gefährlich …«
»Papperlapapp«, begann Milla und lachte herzlich »genau dafür sind sie doch da!«
»Ich verstehe nicht …«, begann Aaron.
»Setz´ ihn auf deinen Schoß, dann wirst du verstehen!«
Milla zwinkerte Aaron amüsiert zu.
Aaron sah erst Moe an, der ratlos mit den Schultern zuckte. Dann, ganz behutsam, setzte er den Knuddler auf seinem Schoß ab
Dieser beugte sich nach vorne, schien kurz zu schnüffeln und sich zu orientieren und marschierte dann schnurstracks auf Aarons Oberkörper zu. Mit seinen kleinen Fühlern schob er Aarons T-Shirt zur Seite und verschwand kurz darauf darunter.
»Hahaha, das kitzelt«, lachte Aaron und schüttelte sich, als er merkte, wie das kleine Kerlchen an seinem Bauch hochkroch und dann kurz über seinem Herzen zum Stehen kam.
Dann, spürte er ihn plötzlich nicht mehr. Stattdessen breitete sich eine wohlige Wärme in ihm aus und er fühlte sich fröhlich und unbeschwert. Erstaunt blickte er Milla an.
»Sie schenken einem innere Wärme und Zuversicht und machen einen glücklich. Genau das werdet ihr beim Durchschreiten der Schlucht und in Gorgon mehr als bitternötig haben. Die Schlucht wurde dazu konzipiert, dass alle, die sie durchkreuzen, den Verstand und sämtlichen Lebenswillen verlieren. Und Gorgon …« Milla schluckte schwer »ich kenne es natürlich nur aus den Erzählungen von Gefangenen. Aber dieser Ort ist wohl das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Es ist die Heimat allen Übels und der Tod wartet an jeder Ecke! Glaubt mir, diese Knuddler werden euch einen wertvollen Nutzen bringen!«
Aaron sah, wie Moe die Farbe aus dem Gesicht gewichen war, als Milla die Orte beschrieben hatte. Ihm selbst kam das alles gar nicht so angsteinflößend vor. Sicherlich ein großes Abenteuer, aber machbar! So zuversichtlich kannte er sich eigentlich nicht. Das musste an dem Knuddler liegen. Er zog den Kragen seines Shirts vor und sah unter sein T-Shirt.
Dort umarmte ihn das Tierchen, platt wie eine Flunder, einem plüschigen Unterhemd gleichend. Nur seine Augen wippten aufgeregt von links nach rechts und fixierten ihn.
»Komm her mein Kleiner«, sagte Aaron beinahe liebevoll und griff unter sein Shirt. Mit einem saugenden und schmatzenden Geräusch löste sich das Pelzknäuel von ihm und fiepte und hüpfte nun wieder aufgeregt auf und ab. Milla nahm ihn Aaron ab und setzte ihn zurück in den Korb.
Aaron merkte, wie seine Wirkung, unmittelbar nachdem er sich von ihm gelöst hatte, verschwunden war. Nun überkam auch ihn ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend bei dem Gedanken an Gorgon und die Schlucht. Jedoch hatte er nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn in diesem Moment kam Leander zurück in den Laden – über seiner Schulter ein gepacktes Bündel und an seinem Gürtel ein Schwert
Sie verabschiedeten sich von Milla, die ihren Mann lange mit besorgter und liebevoller Miene zugleich in den Arm schloss.
Nachdem sie sich von ihm gelöst hatte, drückte sie ihnen noch weitere Brote für die anderen in die Hand. Dann verließen sie den Laden. Leander trug den Korb mit den Knuddlern auf seiner Schulter, aus dem kein Laut mehr hervordrang.
»Wie findet ihr den Drachen?«, fragte Leander und nickte mit dem Kopf in Richtung der Strohskulptur, als sie den Platz überquerten.
»Wirklich sehr gelungen«, sagte Moe. »Wobei mir mein echter Drache da doch noch ein Stück lieber ist.«
»Du reitest also den Drachen der Hüter?«, fragte Leander aufgeregt und sah Moe mit weit aufgerissenen Augen
Moe schwoll die Brust erneut vor Stolz und richtete sich im Gang noch ein Stück weiter auf und nickte.
»Du musst wissen Moe, wir vom Feld- und Wiesenvolk, wir verehren die Drachen. Leider bekommen wir nur selten einen zu Gesicht. Und das, obwohl sie ja in den angrenzenden Feuerbergen leben. Aber sie bleiben lieber dort und unter sich! Ganz selten verirrt sich einer über unsere Felder auf der Jagd nach Nahrung. Wirklich imposante Tiere.«
Moe nickte. »Das erklärte auch, warum die Kinder weder vor dem Greifer noch vor dem Drachen große Angst gehabt haben, als wir gelandet sind.«
Leander nickte zustimmend. »Davon werden sie sicherlich ihren Lebtag erzählen!« Aaron grinste in sich hinein. Es stand außer Frage, bei wem Leander mitfliegen würde.
In Gedanken rief er Nagual: »Mein Großer, wo bist du? Wir müssen weiter!«
»Wir warten schon vor der Stadt auf euch. Die anderen sind auch eingetroffen«, kam die Antwort des Greifers postwendend in Aarons Kopf
Aaron grinste. »Sie warten schon auf uns! Unsere Reise kann weitergehen«