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Prolog

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Eduard von Gehlen, 31 Jahre alt, ledig und ungebunden - war tot gewesen.

Nicht tot im übertragenen Sinne wie zum Beispiel bei »haha, ich lach mich tot« oder »ich will tot umfallen, wenn ich das nochmal mache«.

Nein, richtig tot. Mausetot ... wie unmittelbar vor einer Beerdigung.

Dem aufmerksamen Leser wird an der Formulierung auffallen, dass die Aussage: ›er war tot gewesen‹, impliziert, dass er es nun nicht mehr war. Richtig. Die Hintergründe dieser Aussage müssen selbstverständlich erläutert werden.

Eduard von Gehlen war schon immer sportlich gewesen und hatte sich eingebildet, relativ gesund zu leben. Er rauchte nicht, trank nur mäßig Alkohol und hatte einen relativ soliden Lebenswandel. Selten hatte er eine Nacht durchgemacht, exzessiv getrunken und am nächsten Morgen nicht mehr gewusst, was in der vergangenen Nacht passiert war. Sein Leben war weitestgehend in Ordnung. Der Job war erfüllend und er war sogar recht erfolgreich.

Als freier Journalist hatte er einige Aufsehen erregende Artikel über Industriespionage, Computerkriminalität und die geheime Hackergemeinschaft veröffentlicht. Sein Appartement in der Innenstadt von München war klein, schön eingerichtet und teuer. Aber er fühlte sich dort wohl und es war sein Rückzugsgebiet, wenn er von seinen Recherchereisen zurückkam. Dort konnte er sich erholen, seine Notizen aufarbeiten, schreiben und die nächste Reise vorbereiten. Dort war auch der Startpunkt, wenn er zu seinen regelmäßigen Joggingtouren aufbrach. Fünf Stationen mit der U-Bahn brachten ihn zum Olympiapark, wo seine Laufstrecke begann. Insgesamt waren es lediglich läppische zehn Kilometer, die er üblicherweise in etwa 45 Minuten lief – wenn er es nicht ausnahmsweise eilig hatte oder eine neue Bestleistung aufstellen wollte. An diesem heißen Nachmittag im August hatte er nicht das Gefühl, dass er einen Rekord aufstellen könnte. Die ungewöhnliche Schwüle machte ihm zu schaffen und schon nach einem Kilometer hätte er am liebsten aufgehört. Aber das ließ sein Stolz nicht zu. Manchmal musste man auch den inneren Schweinehund überwinden und irgendwann lief es dann wieder besser. Da musste man einfach durch.

Als er nach zwei Kilometern ein Stechen in der Brust bemerkte, verfluchte er sein ausgiebiges Frühstück, das er für das vermeintliche Seitenstechen verantwortlich machte. Es war zwar ungewöhnlich, aber er hatte von anderen Läufern schon mal Ähnliches gehört.

Nie wieder vor dem Joggen ausgiebig frühstücken, dachte er gerade, als er einen Schmerz verspürte, als habe ihm jemand ein Messer in die Brust gerammt. Der damit verbundene Schweißausbruch hatte nichts mit der sportlichen Aktivität zu tun. Es fühlte sich an wie der kalte Schweiß, der einem bei großer Übelkeit bisweilen ausbricht. Erst als ihm mit einem Mal die Luft wegblieb und die Knie weich wurden, kam ihm erstmals der Gedanke, dass es vielleicht doch etwas anderes als Seitenstechen sein könnte. Die Schmerzen, als er auf die Knie fiel, spürte er nicht, da das Stechen in der Brust so intensiv war, dass er sich mit beiden Händen dorthin fasste und seine Finger sich tief ins Fleisch krallten. Obwohl ihm das Wasser in die Augen schoss, sah er mit völliger Klarheit die Landschaft vor sich: den sich schlängelnden Weg zwischen den grünen Hügeln des Olympiaparks. Im Hintergrund das berühmte Olympiadach, dieses zeltartige Monstrum aus Glas und Stahl, das sich klar gegen den strahlend blauen Himmel abgrenzte. Er sah die Gruppen von Menschen, die sich in die verschiedensten Richtungen bewegten, Kinder, ältere Menschen, Pärchen, Touristen, Rentner, Eltern mit Kinderwagen, eine zerlumpte Frau unbestimmbaren Alters mit einem Einkaufswagen voller Plastikpfandflaschen, einen Asiaten mit mehreren umgehängten Video- und Fotokameras, zwei händchenhaltende Mädchen, die sich ...

Das Olympiadach begann langsam nach rechts zu kippen und auf einmal kam von links eine grüne Wiese in seinen Blick. Bevor er realisieren konnte, was da genau geschah, schlug er mit dem Kopf auf den Laufweg, was erstaunlicherweise nicht einmal schmerzte.

Er sah keinen Film seines bisherigen Lebens, ihm gingen keine Gedanken des Bedauerns oder die Frage nach dem Grund oder gar, warum es ausgerechnet ihn traf, durch den Kopf. Stattdessen wurde es einfach dunkel ... und er war tot.

Transplantierter Tod

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