Читать книгу Die Seepriesterin - Dion Fortune - Страница 6

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Nun möchte ich aber weitererzählen. Ich hatte Ihnen erklärt, ich würde immer besser mit meinen Reinkarnations-Fantasien. Das ist richtig und wiederum auch nicht. Diese Fähigkeit entwickelte sich schubweise. Eine Weile passierte gar nichts, und plötzlich kam ich einen Schritt vorwärts, dann wieder eine Weile Stillstand, und dann erneut ein Schritt nach vorn.

Bei den Theosophen habe ich gelesen, die beste Möglichkeit, sich an vergangene Inkarnationen zu erinnern sei, abends im Bett zu liegen und den Tag zurückzuverfolgen. Ich habe es versucht, glaube aber nicht, dass es so funktioniert. Man denkt nicht wirklich zurück, sondern erinnert sich an eine Reihe zusammenhangloser Bilder rückwärts, was nicht dasselbe ist. Zumindest versuchte ich es. Wenn jemand eine bessere Idee hat, würde ich sie gerne erfahren. Ehrlich gesagt glaube ich, dass vieles Augenwischerei ist.

Ich war immer schon vom alten Ägypten fasziniert, und da es im Reich der Fantasie ja nichts kostet, amüsierte es mich, mir nun einzubilden, in einer vergangenen Inkarnation ein Ägypter gewesen zu sein; also eine ganz schöne Zeitspanne zwischen jetzt und damals, während ich bei den Würmern schlief – eine langweilige Beschäftigung! Und so entschied ich mich, auch ein Alchimist gewesen zu sein, der, ich brauche es eigentlich nicht zu erwähnen, den Stein der Weisen entdeckte.

Eines Sonntagabends ging ich mit der Familie zur Kirche, wie ich es gelegentlich um des lieben Friedens willen und aus geschäftlichen Gründen tue, man muss sich schließlich anpassen, wenn man in einer kleinen Stadt lebt. Ein Gastpfarrer hielt die Predigt, und das nicht schlecht. Bisher war mir nicht aufgefallen, wie wundervoll die Bibelversion von 1611 ist. Es ging um die Flucht nach Ägypten, um Gold, Weihrauch und Myrrhe, und um die Drei Heiligen Könige, die von einem Stern geleitet wurden. Ich war beeindruckt. Als ich nach Hause kam, suchte ich die Bibel, die ich bei der Taufe geschenkt bekommen und nie mehr angeschaut hatte, außer unter Zwang, und las alles nach, über Moses und die Weisheit der Ägypter, und über Daniel und die Weisheit der Babylonier.

Wir hören eine Menge über Daniel in der Löwengrube, aber wir erfahren nichts über seine offizielle Tätigkeit als Belsazar, Hauptmagier beim König von Babylon und Statthalter von Chaldäa. Auch die eigenartige Geschichte von der Schlacht im Tal der Könige, vier gegen fünf, interessierte mich – Amraphel, König von Shinar; Arioch, König von Ellasar; Chedorlaomer, König von Elam, und Tidal, König der Nationen. Ich wusste nichts über sie, aber ihre Namen waren wundervoll und spukten in meinem Kopf herum. Dann die noch eigenartigere Geschichte von Melchisedek, König von Salem, Priester des allerhöchsten Gottes, der sich aufmachte, Abraham zu suchen, der Brot und Wein brachte, nachdem der Kampf vorüber war und die Könige in den Schlammgruben versunken waren. Wer war dieser Priester eines vergessenen Kults, den Abraham verehrte? Es wird viel Aufhebens um die Helden des Alten Testaments gemacht. Im Allgemeinen finde ich sie nicht bewunderungswürdig. Aber diese hier faszinierten mich. So fügte ich eine Inkarnation in Chaldäa in den Zeiten Abrahams meiner Sammlung bei.

Dann erlitten meine Bemühungen einen Rückschlag. Auf einem Plakat entdeckte ich die Ankündigung eines Vortrags über Wiedergeburt. Veranstalter war die Loge der Theosophischen Gesellschaft am Ort; ich ging hin. Der Vortrag war gut. Am Ende der Diskussion stand eine Dame auf und verkündete: „Ich bin die wiedergeborene Hypatia!“ „Das ist nicht gut möglich“, hielt ihr der Vorsitzende entgegen, „Mrs. Besant ist es!“

Da begann die Dame zu argumentieren. Um ihre Stimme zu übertönen, hämmerte jemand auf dem Klavier herum. Ich ging bedeppert nach Hause und warf Chedorlaomer und Co. in den Papierkorb.

Eine Zeitlang mied ich die Reinkarnations-Fantasien und nahm meine früheren Versuche, mit dem Mond in Verbindung zu treten, wieder auf. Der kleine Fluss unter meinem Fenster hatte Flut, und wenn ich genau hinhörte, wusste ich, was die Flut unten an der Küste anrichtete. Direkt über unserem Garten war ein Wehr, es markierte das Ende des Tidenwassers. Wenn die Flut hoch stand, war es ruhig, war sie niedrig, gab es einen hübschen silbrigen Wasserfalleffekt. Es lag dann ein anderer Geruch, nach dem Meer, in der Luft, den ich sehr mochte, auch wenn er wahrscheinlich ungesund war. Es erstaunte den Doktor immer wieder, wieso ich, ein angeblicher Asthmatiker, so nahe am Wasser wohnen konnte, und er erklärte es sich damit, dass es sich um Salzwasser handelte. Ich aber glaube, dass mein Asthma durch das Theater mit meiner Familie ausgebrochen ist, und es wurde zum ersten Mal besser, nachdem ich die Tür hinter mir zugeschlagen hatte und in die Ställe gezogen war. Schließlich ist Asthma nicht dasselbe wie Bronchitis.

Jedenfalls mochte ich den Duft nach Seetang, der bei Niedrigwasser bis zu mir hinaufkam. Der Nebel, der aus dem Wasser der tiefen Schlucht emporstieg und nie meine Fenster erreichte, bildete eine Landschaft aus Teichen und Lagunen, vom Licht des Mondes übergossen, und die Bäume ragten heraus wie Schiffe unter vollen Segeln. Wenn die Flut sich an der Bucht zurückzog, das Salzwasser frisches Wasser zurückbrachte und bis zum Wehr hochdrückte, sodass sich die Schleusen beim Wechsel der Flut öffneten, mischte sich eine seltsame Stimme in das gurgelnde und strudelnde Wasser, wie eine unaufhörlich streitende Stimme, als ob sich Land und See in den Haaren lägen.

Oft lauschte ich dem Versuch des Landwassers, das Seewasser zurückzudrängen und erinnerte mich an das, was ich von unserem hiesigen Archäologen gelesen hatte: Dieser Teil der Welt war überschwemmtes Land gewesen. Wenn die Flut hochstand, erhoben sich die Kuppen wie Inseln aus der salzigen Marsch und den Wasserläufen im Schlamm, denn die ganze Erde hier ist Schlick, von den Hügeln in Wales herabgeschwemmt. Wenn die Seedämme bis an die Bucht gingen, wäre das Schwemmland sechs Fuß tief. Wilhelm von Oranien baute die Dämme; einmal brachen sie, und das Wasser kam hinauf bis zur Kirche. Deshalb gibt es in Dickmouth Schleusen, die sich nur bei Halbtide öffnen.

Zwischen uns und der See liegt salzige Marsch; die Stadt steht auf der ersten Anhöhe. Dahinter erhebt sich ein bewaldeter Kamm, über den die Straße führt. Wenn man in der Dämmerung nach Hause kommt, sieht man die neblige Marschlandschaft viele Meilen weit. Im Mondschein wirkt sie wie Wasser, und man könnte glauben, die See wäre erneut gekommen, das Land zu überfluten.

Die Geschichte der legendären Stadt Lyoness, die mit ihren Kirchen im Wasser versunken ist und deren Glocken aus der unergründlichen Tiefe läuten, hat auf mich immer eine seltsame Faszination ausgeübt. Ich bin von Dickmouth aus im Ruderboot draußen gewesen und habe durch das klare ruhige Wasser einer Nippflut deutlich die Mauern und Türme eines alten Klosters gesehen, das überflutet wurde, als der Fluss in einer Sturmnacht über die Ufer getreten war.

Oft habe ich auch an die bretonische Legende der verlorenen Stadt Ys und ihrer Magier gedacht, wie in einer Nacht durch Verrat die Schlüssel übergeben wurden, und wie die See hereinkam und alles überschwemmte. Ich stellte Vermutungen über das Rätsel von Carnac an, über unser Stonehenge und über die Menschen, die es einst gebaut haben und warum. Dabei kam mir der Gedanke, es müsste zwei Kulte geben, einen Sonnenkult und einen Mondkult, und dass meine Liebe zum Mond und zur See die ältere war, und sie für die einen dasselbe bedeutet wie das andere für uns. Ich konnte mir gut vorstellen, dass die Druiden, die Priester des Sonnenkults, auf die seltsamen Seefeuer eines vergessenen Kults geschaut hatten wie wir auf ihre Hügel und Hünengräber.

Irgendwie, ich weiß nicht warum, kam mir in den Sinn, dass die, die den Mond anbeteten, bei Niedrigwasser große Feuer anzündeten, die bei hereinkommender Flut mitgerissen wurden. Ich sah vor mir, wie einmal im Jahr ein Scheiterhaufen auf dem nackten Felsen brannte: schwarzer Felsen, bedeckt mit Schlamm aus der tiefsten Tiefe, und riesiger Tang und große, aus der Tiefe emporsteigende Schalentiere, die keinen Fischer fürchteten. Ich sah den hohen Haufen brennend herabtreiben, mit blau züngelnden Salzflammen, und als die Flut stieg, beleckten ihn die langsam heranrollenden Wellen. Es zischte und wurde unten schwarz, bis der hohe feurige Kamm schäumend ins Wasser stürzte. Dann war wieder alles ruhig, außer den langsamen ruhigen Schlägen der dunklen Wellen gegen die Felsen, die den riesigen Tang und die großen Schalentiere mit sich zurück in die Tiefe nahmen. Manchmal waren diese Visionen des nach innen schauenden Auges seltsam wirklich und echt, und dann gelang mir das, was in einem Traum selten geschieht: Ich hatte den eigentümlichen bitteren Geruch des brennenden, vom Salzwasser gelöschten Holzes in der Nase…

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Die Seepriesterin

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