Читать книгу Die Seepriesterin - Dion Fortune - Страница 9
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Natürlich trat das Unvermeidliche ein: Ich bekam eine fiebrige Erkältung und einen neuen Asthmaanfall.
Miss Le Fay Morgan rief im Büro an, um eine weitere Verabredung zu treffen. Scottie sagte ihr, ich wäre krank und bot sich selbst an. Sie wimmelte ihn ab und fragte nach Einzelheiten meiner Symptome. Scottie verriet sie ihr nicht, zumal er sie aus tiefstem Herzen ablehnte. Schließlich hing einer von beiden den Telefonhörer ein, aber ich habe nie herausgefunden, wer es war.
Scottie suchte Headley auf und malte ein Bild in den schwärzesten Farben, aber Headley riet ihm, den Mund zu halten und die Sache anders zu betrachten: „Sie können nichts beweisen und sollten es besser auch gar nicht erst versuchen. Ohne Leiche keine gerichtliche Untersuchung!“ Eine Leiche gab es, soweit wir wussten, nicht. Wenn es eine gab, dann spazierte Miss Le Fay Morgan lebendig in ihr herum. Ich habe den Verdacht, dass Scottie Headley auch zu den möglichen Auswirkungen Miss Morgans auf meine Moral konsultierte, wobei ich jedoch glaube, dass Headley die Sache mit anderen Augen sah. Jedenfalls machte Scottie auf der ganzen Linie einen Rückzieher und kam schlechtgelaunt zurück. Er wollte mit mir sprechen, aber ich gab nur ein Schnaufen von mir und tat so, als ob ich halb bewusstlos wäre. Wenn man schon Asthma hat, dann muss man wenigstens auch seine Vorteile nutzen.
Aus der erhitzten einseitigen Unterhaltung entnahm ich, dass niemand von mir verlangen würde, Miss Le Fay Morgan anzuzeigen, um einer abstrakten Gerechtigkeit zu dienen, für die ich nicht die geringste Begeisterung hätte aufbringen können.
Scottie ging, durch die Unterredung besänftigt, ins Büro zurück und machte wahrscheinlich nun dem Bürojungen das Leben schwer. Der Bürojunge gab ihm das auf unerwartete Art und Weise zurück, und in einer Form, die für mein Geschäft weitreichende Folgen hatte.
Aufgabe eines Bürojungen ist es, die Telefonzentrale zu bedienen; ist ein Junge dafür intelligent genug, dann ist er auch intelligent genug, sich für den Inhalt der Gespräche zu interessieren. Als Scottie und Miss Morgan einander anfauchten, hatte der Bürojunge offenbar gelauscht und seine eigenen Schlüsse gezogen. Als am nächsten Nachmittag eine nette Dame das Büro betrat und nach mir fragte, verwies er sie nicht an Scottie in dem hinteren Büro, sondern handelte auf eigene Verantwortung und erzählte ihr alles, was er wusste, und eine Menge von dem, was er nicht wusste. Es würde mich auch nicht wundern, wenn eine halbe Krone ihren Besitzer gewechselt hätte. Nun, der Bürojunge schwänzte die Chorübung am Abend und ging ins Kino. Ich weiß es, weil der Vikar mich über meine Schwester bitten ließ, mit ihm zu sprechen, was ich ablehnte, weil es mich nichts anging, und es war jedenfalls ausgesprochen gemein, so gegen den Jungen vorzugehen.
Weder meine Schwester noch der Vikar noch Scottie erfuhren jemals etwas über Miss Le Fay Morgan. Der Junge war in Ordnung.
Ob es die halbe Krone war oder Ritterlichkeit, werde ich nie erfahren, und es ist auch nicht so wichtig. Zudem hätte ich wahrscheinlich ohnehin nicht die Wahrheit herausbekommen. Der Bürojunge führte also die nette Dame durch die Büsche in den Hinterhof ins Erdgeschoss zu meiner Wohnung. Er steckte den Kopf durch das Küchenfenster und rief nach Sally, wie es seine Gewohnheit war, wenn er die Post brachte. Sally entriegelte die Tür und bat ihn herein, wie sie es immer tat, und so spazierte der junge Mann die Treppe herauf und führte Miss Le Fay Morgan in mein Zimmer, ohne Rücksicht darauf, ob ich besuchsfein war oder nicht.
Natürlich war ich im Schlafanzug und im Morgenmantel, aber immerhin rasiert.
„Da ich die Ursache Ihrer Krankheit bin, dachte ich, ich sollte Ihnen sagen, wie leid es mir tut“, erklärte Miss Le Fay Morgan.
Ich war so verdutzt, dass ich sie nur wortlos anstarrte. Ich hatte eine Portion Drogen intus, was für den Verstand nicht gerade förderlich ist, obwohl es unter gewissen Umständen die Zunge lockert, wie ich noch erfahren sollte.
Als ich den Versuch machte, höflich zu sein und vom Sofa aufzustehen, drückte sie mich wieder in die Kissen und deckte mich wie eine Mutter zu. Dann ließ sie sich neben mir auf dem großen Puff nieder, der für mein Tablett bestimmt war.
„Warum sind Sie nicht im Bett“, fragte sie.
„Weil ich es hasse, im Bett zu liegen“, sagte ich, „ich stehe lieber auf und wandere herum.“
Eigentlich bin ich ein unkonventioneller Mensch, aber da ich nie etwas mit unkonventionellen Frauen zu tun gehabt hatte, geriet ich völlig aus der Fassung und benahm mich so steif wie ein Pastor. Weil mein Kopf von den Drogen noch benebelt war, wusste ich nicht, was ich als Nächstes sagen oder tun sollte. Mit dieser unkonventionellen Frau allein, fühlte ich mich wie ein Antialkoholiker auf seiner ersten Cocktailparty. Miss Le Fay Morgan begann mit einem Lächeln:
„Ist es gegen das Berufsethos, mit einem Kunden Freundschaft zu schließen?“, fragte sie.
„Nein“, antwortete ich“, „gegen das Berufsethos ist es nicht, aber wer das tut, ist ein Narr.“
Sie sah mich verdutzt an, und nachdem ich es ausgesprochen hatte, tat es mir leid. Ich hatte eine Gelegenheit verpasst, die nie mehr wiederkommen würde, und genau deshalb hatte ich doch nach London gehen wollen, aber es war mir nicht gelungen, und nun kam mir das Glück auf halbem Weg entgegen. Vermutlich waren es die Betäubungsmittel, die mich so reagieren ließen. Sie scheinen alles Verborgene ans Tageslicht zu bringen. Zumindest bilde ich mir ein, ein wenig taktvoller gewesen zu sein, wenn ich hätte klarer denken können.
Miss Morgan sah mich scharf an. Wahrscheinlich erkannte sie, dass ich nicht ich selbst war. Sie nahm jedenfalls meine Unhöflichkeit nicht krumm und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung, wofür ich ihr sehr dankbar war.
„Was für ein hübsches Zimmer Sie haben. Ich habe mich oft gefragt, wie jemand, der alles über Häuser weiß, wohnt.“
Ich dachte: ‚Wenn sie Scotties Wohnung sehen könnte oder unser Hauptgebäude, dann wäre sie enttäuscht.‘
Sie ging umher und stöberte in meinen Büchern herum, und ich fühlte mich unbehaglich. Ich hasse es, wenn sich fremde Leute für meine Bücher interessieren. Ganz besonders aber missfiel es mir, dass es Miss Morgan war, die sie in die Hand nahm, denn ich war sicher, sie war äußerst kultiviert und gebildet – im Gegensatz zu mir. Meine Bücher sind ein Sammelsurium. Sie bemerkte meine Verlegenheit – sie war eine gute Beobachterin –, wandte sich von den Büchern ab, ging zum Fenster und schaute hinaus. Für die Landschaft bin ich nicht verantwortlich, und so störte mich das nicht.
Dann hörte sie die Geräusche des Wehrs.
„Ist das der Fluss dort unten?“
Ich bestätigte es.
„Der von Dickmouth kommt?“
Ich bejate erneut.
„Das ist der ‚Narrow Dick’, der schmale Dick. Wo der ‚Broad Dick‘, der breite Dick, ist, habe ich nie herausfinden können, er ist auf keiner Karte eingezeichnet.“
„Es gibt keinen Broad Dick“, sagte sie, „der ursprüngliche Name des Flusses lautete River Naradek, Narrow Dick ist nur eine Verfälschung.“
„Woher wissen Sie das?“
„Weil ich mich für diese Dinge interessiere, ich habe es nachgelesen.“
„Wo haben Sie es gefunden?“, fragte ich, denn ich war selbst an der Geschichte dieser Gegend interessiert und glaubte, gut Bescheid zu wissen.
Sie setzte ein eigenartiges Lächeln auf. „Wenn ich es Ihnen sage, glauben Sie es mir ja doch nicht, genausowenig wie Sie mir glauben, dass ich Vivian Le Fay Morgan bin.“
Der Name kam mir so vertraut vor, dass ich für einen Augenblick abgelenkt war. Ich erinnerte mich nicht, wo oder in welchem Zusammenhang ich ihn bereits gehört hatte, dennoch war ich sicher, es wäre lebenswichtig, mich daran zu erinnern.
Miss Le Fay Morgan lächelte erneut.
„Ich nehme an, Sie wissen es nicht, aber obwohl Sie in Dickmouth meinen Namen richtig gehört haben, nennen Sie mich heute Miss Morgan Le Fay.“
Dann fiel es mir wieder ein: Morgan Le Fay war der Name von König Artus’ Hexenschwester, die Merlin all sein geheimes Wissen gelehrt hatte.
Sie lächelte erneut. „Ich bin zum Teil bretonisch, zum Teil walisisch. Mein Vater nannte mich Vivian nach Vivian Le Fay, der bösen jungen Hexe, die den alten Merlin im Wald von Broceliande verführt hat. Vielleicht hatte mein Vater recht. Aber Miss Morgan hätte mich nie so genannt, sie hasste den Namen; als sie mir ihr Geld hinterließ, bestimmte sie, ich sollte ihren Namen übernehmen. Ich frage mich, was sie wohl gesagt haben würde, wenn sie Ihre Version gehört hätte.“
Es ging mir gegen den Strich, sie so lügen zu hören. Ich würde mich damit abfinden, aber ich konnte ihr schlecht ins Gesicht sagen, dass ich ihr nicht glaubte. So gab ich keinen Kommentar und wechselte das Thema.
„Sie haben mir immer noch nicht Ihre Quelle für die Feststellung genannt, dass der Name Narrow Dick früher Naradek war.“
„Interessieren Sie sich für Archäologie?“
„Für die Archäologie in dieser Gegend, ja, sehr.“
„Dann können Sie mir vielleicht auch sagen, wo die Höhle unter Bell Knowle liegt, in der die Ebbe kommt und geht.“
Ich war drauf und dran, ihr zu sagen, wo die Höhle lag. Vor meinem geistigen Auge sah ich sie ganz klar und deutlich: Sie lag in einer Vertiefung auf der Seite des Hügels, die zum alten Flussbett ging, das ausgetrocknet war, wenn dort nicht nach einem Regenfall ein dünnes Bächlein Oberflächenwasser rieselte. Und dann erinnerte ich mich plötzlich, dass alles, was ich von der Höhle wusste, von dem seltsamen Traum herstammte, den ich von der Seepriesterin gehabt hatte, und dass die Frau vor mir genauso seltsam war wie die Seepriesterin.
Ich stützte mich auf den Ellbogen und starrte sie an. Ich konnte nicht sprechen, dazu war ich viel zu durcheinander.
Sie sah mich mit einem seltsamen Ausdruck an. Sie war wohl ebenfalls überrascht.
„Gibt es hier irgendwo eine solche Höhle oder eine überlieferte Geschichte über eine derartige Höhle?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“
„Warum haben Sie dann so heftig reagiert, als ich Sie nach der Höhle gefragt habe? Was wissen Sie darüber?“
Ich hatte die schlechteren Karten, und so konnte ich mich nur in meinen Kissen zusammenrollen und aus dem Fenster starren. Sie blieb schweigsam und wartete. Sie wusste, ich würde antworten – früher oder später, denn ich war in einer dieser Stimmungen, in denen mir alles egal ist. Immer haben die Drogen diese Wirkung auf mich. Ich lehnte mich daher zurück und sah sie wieder an.
„Nun gut, wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Ich hatte vor kurzem nach einer Morphiumspritze ein merkwürdiges Erlebnis. Ich träumte von der Gegend hier, wie sie in prähistorischen Zeiten gewesen sein muss. Auch wenn wir sie heute nicht mehr finden, weil die See zurückgegangen ist, der Fluss sein Bett geändert hat und die Höhle versandet ist – damals gab es diese Höhle. Ich habe sie gesucht, und sie ist wahrscheinlich immer noch da. Es war eigenartig, ihre Spuren in einer Felsspalte zu finden, aber man kann das auch mit dem Unterbewusstsein erklären. Noch seltsamer war es für mich, dass Sie davon gesprochen haben, denn ich habe das bisher keiner Menschenseele gegenüber erwähnt. Haben auch Sie davon geträumt? Oder ist sie historisch bekannt?“
„Ich habe nicht davon geträumt, ich sah diese Höhle in einem Spiegel.“
„Heiliger Bimbam“, stieß ich aus, „was soll das denn?“
„Das möchte ich auch gerne wissen“, entgegnete sie.
„Schauen Sie her“, brachte ich schließlich heraus, „ich habe eine Ladung Morphium an Bord und sollte besser die Klappe halten, ich rede nur Blödsinn.“
„Überhaupt nicht“, erwiderte sie, „was Sie sagen, hat Hand und Fuß, aber ich gebe zu, dass Sie sich Ihre Zuhörer aussuchen sollten.“
Ich lachte, als wäre ich halb beschwipst.
„Wenn ich Ihnen den ganzen Traum erzähle, werden Sie anders darüber denken. In diesem Traum sah ich Sie, und wenn Sie das glauben, dann glaube ich, dass Sie Miss Le Fay Morgan sind oder Morgan Le Fay oder wie auch immer.“
Sie sah mich an, und ihre Augen begannen zu leuchten wie bei unserer ersten Begegnung, als sie den Kragen zurückgeschlagen und meine Verblüffung bemerkt hatte.
„Ich weiß, dass Sie die Wahrheit sprechen“, sagte sie langsam, „Sie erkannten mich, als ich Ihnen mein Gesicht zeigte.“
„Ja, ich erkannte Sie“, sagte ich und lachte.
„Lachen Sie nicht so“, erwiderte sie, „Sie machen mich nervös.“
„Ich bitte um Entschuldigung“, erwiderte ich, „die Welt ist schon verrückt!“
„Nein“, sagte sie, „nicht verrückt, nur schwachsinnig. Sie und ich, wir sind nur ein bisschen vernünftiger als die meisten und haben das Glück gehabt, uns zu treffen. Lassen Sie uns die Karten auf den Tisch legen, ja? Ich werde Ihnen sagen, was ich weiß, wenn Sie mir sagen, was Sie wissen.“
Das war nicht der Vorschlag, den man einem Häusermakler machte, und schon gar nicht einem, der bei Scottie gelernt hatte. Aber ich war halb weggetreten, vollgepumpt mit Drogen, und meine Krankheit hing mir zum Hals heraus. Es wäre mir in dem Moment egal gewesen, wenn alles in Flammen aufgegangen oder zusammengebrochen wäre, oder wir alle in den ewigen Jagdgründen landen würden. Das muss als Entschuldigung reichen, wenn eine Entschuldigung notwendig sein sollte.
So erzählte ich ihr alles. Es war sehr schwierig, ihr die Geschichte zusammenhängend zu erzählen, und natürlich begann ich am falschen Ende, aber mit Fragen und Geduld gelang es ihr, das Puzzle zusammenzusetzen.
„Sie haben die Seepriesterin durch den Mond gesehen“, sagte sie, „denn der Mond herrscht über die See. Es sind nicht zwei getrennte Geschichten, sondern zwei aufeinanderfolgende Teile ein und derselben Geschichte. Und jetzt haben Sie mich! Ich bin der dritte Teil, der sie vollkommen macht, und das wissen Sie.“
Ich drückte vorsichtig auf die Stelle an meinem Arm, wo Beardmore, unser Arzt, die Nadel hineingestochen hatte.
„Ich habe eine große Portion Morphium intus“, sagte ich, „ich nehme an, Sie sind nur eine Halluzination.“
Sie lachte. „Nun werde ich Ihnen meinen Teil der Geschichte erzählen, und dann können Sie selbst urteilen.“
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