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»Hier ist der Abortus«

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Es begann abenteuerlich.

Gemessen an den Umständen meiner Geburt hätte ich im Grunde genommen ein neuer Mozart werden müssen: Wie Klein Wolfgang Amadé erblickte ich gegen jede Vernunft das Licht der Welt, und wie er war ich später ein höchst merkwürdiges Kind. Trotzdem bin ich ziemlich eindeutig kein Musikgenie, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich, Erna Goldmann, kam am 26. Jänner 1927 im Gasthaus meiner Großeltern in Großweikersdorf, Niederösterreich, zur Welt. Vermutlich mag ich Wirtshäuser deshalb sehr gerne und fühl ich mich in ihnen sauwohl. Die Angelegenheit damals war allerdings wenig romantisch.

Meine Mutter hatte zum Zeitpunkt meiner Geburt sieben Abtreibungen hinter sich. Sie war 22, als sie mich bekam, und sehr »foin« und vornehm. Sie hatte das Sacre Cœur in Wien besucht und wollte ursprünglich Pianistin werden. Das Wort »Scheiße« wurde bei uns daheim nie gebraucht – das heißt, erst nachdem ich es von den Deutschen mit nach Hause gebracht hatte, und dann war es jedes Mal ganz furchtbar.

Die Abtreibungen hatten sie einen Batzen Geld gekostet. Dass sie ein Riesenglück hatte, überhaupt überlebt zu haben, dessen war sie sich nicht bewusst. Der Gedanke wäre ihr mit ziemlicher Sicherheit nie in den Sinn gekommen. So war sie eben, so war die Zeit. Kein Platz für Sentiment.

Abtreiben konnte man über die Hebamme. Illegal, versteht sich, das Ganze war streng verboten und musste höchst geheim stattfinden. Mama behauptete, sie hatte es machen müssen, weil sie Probleme mit der Lunge hatte. Ich bin nicht sicher, ob das stimmte. Oder war sie wirklich lungenkrank? Keine Ahnung. Es spielt heute keine Rolle mehr.

Jedenfalls war es so, dass meine Eltern zwar verhütet hatten, aber irgendwie musste ich trotzdem durchgeschlüpft sein. Die Geburt sollte in der Wiener Semmelweis-Klinik stattfinden, weshalb meine Mutter im dritten Monat in die Hauptstadt zu einem Kontrolltermin fuhr. Dort bekam sie überraschend Blutungen, und im Zuge dessen wurde so etwas wie Kuretage gemacht. Was die Ärzte da genau taten oder an welcher unzugänglichen Stelle ich im Mutterleib klebte? Ich weiß es nicht, aber offenbar hatte ich mich sehr geschützt.

Als meine Mutter die Klinik verließ, sagte man ihr, sie solle sich die nächsten Wochen schonen, schließlich habe sie einen Abortus hinter sich. Also fuhr sie nach Admont in die Steiermark, ging spazieren – und kotzte weiter, weshalb ihr klar war, dass sie doch noch schwanger sein musste. Sie wollte unbedingt, dass ich in Wien zur Welt kam, weil es ihr wichtig war, den Ärzten zu beweisen, dass sie mit der Fehlgeburt unrecht hatten.

Ich machte ihr ein zweites Mal einen Strich durch die Rechnung, denn ich kam einen Monat zu früh zur Welt und zwar bei einer Sauschlachtung am Hof meiner Großeltern, bei dem eine Gastwirtschaft angeschlossen war. Meine Mutter half beim Abstechen, als plötzlich das Fruchtwasser kam, und die Mutter meiner Mutter sagte: »Ja, du kriegst ein Kind.« Großes Tamtam, denn man sah ihr die Schwangerschaft kaum an. An eine Frühgeburt hatte überhaupt niemand gedacht.

Meine Mutter konnte es wohl selbst nicht glauben, dass es schon so weit war und wollte unbedingt noch zum Kirtag gehen und tanzen. Sie hatte sich von einem Freund abholen lassen, aber es war zu spät. Das Baby kam. Glücklicherweise war der Freund soeben mit seinem Medizinstudium fertig, er wusste, was zu tun war. Ich wurde sein erstes Neugeborenes auf dem Wirtshaustisch meiner Großeltern.

Es war keine leichte Geburt, Steißlage, in einem ziemlich strengen Winter. Ich wog gerade 2,5 Kilogramm und war 54 Zentimeter groß. Als mich mein Vater das erste Mal sah, rief er: »Mein Gott, ist das alles klein!« Wäre er nicht so gescheit gewesen und hätte sich damals nicht schon für Ernährung interessiert, hätte ich vermutlich nicht überlebt. In den 1920er-Jahren gab es neue Erkenntnisse über gesundes Essen, und er setzte sich sehr damit auseinander. Also wurde ich nicht nur mit Muttermilch genährt, sondern zusätzlich mit viel Gemüse.

14 Jahre später kam ich eines Tages nach Hause, und auf der Bank saß ein alter Mann mit weißem Haar: Es war der Chefarzt der Semmelweis-Klinik. Meine Mutter stellte mich ihm artig vor: »Herr Primar, hier ist der Abortus.« – »Aha. Ja, das gibt’s«, sagte er.

Die Geschichte meiner Geburt – entzückend, nicht?

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