Читать книгу Lassen Sie mich in Ruhe - Doris Priesching - Страница 19
ОглавлениеHin und wieder streute ich Sand in die Maschinen. Das war’s. So waren immer drei oder vier Maschinen kaputt. Alle meine Kollegen wussten, dass ich es war. Keiner verriet mich, was ich schon damals bemerkenswert fand.
Sehr bald hatte ich von dieser Arbeit genug. Also ließ ich mir eine große Warze am Daumen wegnehmen und schüttete Salzsäure in die Wunde, damit sie nicht zuheilt. Die Narbe sieht man heute nicht mehr, damals brannte es höllisch, aber die wunderbare Sache war, dass ich nicht mehr zu Siemens & Halske musste.
Als die Bomben auf die Stadt fielen, war ich aber noch dort, und eines Tages erfuhr ich, dass sie in der Rembrandtstraße, wo wir wohnten, detoniert waren. Das hätte unser Haus sein können, und ich durfte heim. Man musste sich ein Tuch vors Gesicht halten, weil alles voller Staub war. Am Ring sah ich die Menschen vor der Oper weinen. Es war der 12. März 1945, und die Staatsoper brannte nach amerikanischen Bombardements, die eigentlich der Raffinerie in Floridsdorf gegolten hatten. Die Menschen weinten um ihre Oper. Mich ließ das völlig kalt, ich konnte ihre Trauer nicht verstehen. Mein Gott, das ist ein Gebäude, was stellt ihr euch so an? Es gab damals weitaus grausigere Sachen.
Eines Nachts ging ich nach Hause und blieb am Schottentor bei einem großen Bombentrichter stehen. Ich sah in dieses Loch hinein, und plötzlich standen zwei junge Burschen neben mir. »Was schauen Sie so? Gestapo!« – Rotzlöffel. – »Zeigen Sie mir Ihr Abzeichen.« – Sie schlugen den Kragen um, ich sah das Zeichen. – »Kommen Sie mit.«
Ich musste mitgehen, was hätte ich machen sollen? Wir gingen den Ring hinunter zum Hauptquartier der Gestapo. Ich musste hinein und saß zwei Stunden fest. Ich wusste: Mach jetzt das Maul nicht auf, bleib ruhig und verhalte dich brav. Es gelang. Sie befragten mich, und danach ließen sie mich nach Hause gehen. Schikane, nichts sonst.
Ein andermal brannte unser Haus tatsächlich. Wir saßen im Keller, und mein Vater war hinaufgelaufen, um einen kleinen Kanari in einer der Wohnungen zu retten. Gott sei Dank bemerkte er so die schwarzen Trümmer, die beim Fenster hinunterfielen – Brandbomben.
Ich war die Einzige, die sich auf das Dach klettern traute, und als ich oben stand, sah ich den Stephansdom brennen. Über meinem Kopf sausten die Kugeln, »tüüüh, tüüüh, tüüüh«. Ich musste das Haus löschen und fand das alles ungeheuer aufregend. Die Leute rannten eimerweise und holten Wasser, und ich löschte die Feuerstellen. Fortan trug ich im Haus den Beinamen »die Jungfrau vom zweiten Bezirk«.
Die Jungfrau musste eines Tages unbedingt ins Burgtheater. »Sie können nicht hinein, heute ist die Napola da drinnen«, wies man mich vor den Toren ab. Ich versteckte mich und kam irgendwie doch hinein.
Als ich drinnen war, hätte mich fast der Schlag getroffen. Da saßen sie, die jungen Burschen, alle in Uniform, die eine hohe Schulbildung bekamen, weil sie später als Gauleiter oder für andere hohe Ämter vorgesehen waren. Das Bild, das sich mir bot, schockierte mich – diese grauenhaften Uniformen! Sie trugen alle die gleichen Krawatten, alle das gleiche Gewand, ich war gleichzeitig abgestoßen und fasziniert. Nur junge Gesichter, das Haus bummvoll wie beim Opernball, und alle hatten das Gleiche an. Ein furchtbarer Anblick, den ich nie vergessen werde.
1945 war im Augarten eine SS-Division stationiert, da schlich ich mich hinein. Die SS-ler kamen auf mich zu, luden mich auf Sekt ein, und ich hörte mir an, was sie zu erzählen hatten.
Von Offizieren wurde man ja nicht angemacht, so auch dieses Mal nicht. Sie betrachteten Mädchen als Schmuck, mehr nicht. Ich selbst konnte sie damals nicht einschätzen, ich dachte, ja, das ist wieder einmal etwas Neues. Ich wusste nicht, wie gefährlich diese Unterhaltung war. Sie hätten misstrauisch werden können, weil ich so neugierig war. Ich dachte, ich müsse sie aushorchen, wie sie sich die Zukunft vorstellen, es war ja schon klar, dass alles vorbei war.
Am nächsten Tag bogen die Russen ums Eck. Ich stand wieder beim Augartentor, weil die Nazis dort mit der Panzerdivision hinausfuhren. Sie riefen mir zu: »Mädel, komm, komm rauf, auf’n Panzer, sonst schneiden dir die Russen die Brüste ab!« Ich war der Meinung, es sei besser dazubleiben und nicht aufzusteigen, und mit den Brüsten – das werden wir erst sehen.
Um mich standen ein paar Soldaten, wie bestellt und nicht abgeholt. Plötzlich packt mich einer von denen und schmeißt sich auf mich drauf, und ich brülle ihn an: »Heast, bist du übergeschnappt! Was fällt dir denn ein? So eine Frechheit!« Es war aber weniger eine Frechheit als schlicht und ergreifend meine Rettung, denn in der nächsten Hundertstelsekunde ging’s »tock-tock-tock-tock«. Ein Feindflieger schoss über uns hinweg. Mein Vater erwischte mich und zog mich entsetzt nach Hause.
Die Soldaten ließen buchstäblich alles liegen und stehen. In der Nähe war ein Haus, das voll mit Lebensmitteln war, die sie nicht mitgenommen hatten. Die Leute plünderten die ganze Bude und ich mittendrunter.
Wir trugen halbe Kühe weg. Ich schaute vor allem, dass ich für meine Eltern etwas heimbringen konnte. Ich erinnere mich, dass ich damals über den ersten Toten meines Lebens stieg. Er war mit Papier zugedeckt und lag bei den Vorratsräumen. Ich stieg einfach über ihn. Mein Vater freute sich, dass ich Essbares nach Hause brachte. Er ging später selbst, um sich etwas zu holen. Bis die Russen kamen, war nichts mehr da.
Meine Eltern gewöhnten sich an, auf mich zu hören. Als der Krieg fast zu Ende war, wollten sie zurück aufs Land ziehen, weil sie Angst vor den Russen hatten. Ich wollte unter keinen Umständen zurück, also blieben wir. Was gut war, sonst wären meine Mama und ich garantiert vergewaltigt worden.
Und dann waren sie da, die Russen. Wir standen in der Rembrandtstraße, und sie winkten uns zu. Mein Vater packte mich und zog mich ins Haus. Wir wussten, diese erste Partie, das sind die Kämpfer, die machen nichts. Erst die zweite Garde, das sind die Vergewaltiger.
Es passierte einiges im zweiten Bezirk. In der Rembrandtstraße sollte ursprünglich jeder zweite erschossen werden, hieß es, wegen der Denunziationen. Die Russen wollten ein Exempel statuieren.
Sie machten es schließlich doch nicht, brauchten es wahrscheinlich nicht. Denn Denunzieren war man ja gewohnt unterm Hitler, so wurde es weiterhin praktiziert. Wenn sie irgendein Nazigerücht über irgendjemanden hörten, dauerte es nicht lange und derjenige war weg. Die Russen schickten alle Verdächtigen sofort nach Sibirien.
Die Jungfrau vom zweiten Bezirk wiederum hatte ihren eigenen Plan und begann, Philosophie zu studieren. Als es an der Uni 1945 wieder Vorlesungen gab, hatschte ich hinein. Die Vorlesungen waren bummvoll. Es interessierte mich – aber offen gestanden nicht allzu lange, irgendwie machte es mich recht bald nicht mehr so an. Logik strengte mich an.
Später ärgerte ich mich, weil es ein typisch männliches Vorurteil ist, dass Frauen nichts mit Logik anfangen können. Ich ließ es dennoch bleiben und stieg in den Intelligenzberuf Schauspielerei ein.