Читать книгу Lassen Sie mich in Ruhe - Doris Priesching - Страница 22

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Es war allerhöchste Zeit. Am Morgen bekam meine Mutter Besuch von einem russischen Offizier. Er hatte wohl eine Vorliebe für Musik und befahl ihr, sie solle sich ans Klavier setzen und Wiener Walzer spielen. Mein Vater und ich standen daneben und schauten zu. Am Abend kam er wieder und suchte mich, vermutlich, um mich zu vergewaltigen, aber ich war schon weg, im Hochhaus.

Diese Bekannte pflegte ziemlich enge Kontakte zu den russischen Offizieren. Sie kamen zu ihr, brachten Essen mit und soffen die ganze Nacht. Und ich? Immer dabei. Meinen ersten Walzer tanzte ich mit einem Russen.

Die Offiziere waren im Großen und Ganzen okay. »Was bist du?«, fragten sie mich. »Artistka«, antwortete ich. »Artistka!«, riefen sie und jubelten. Einer hob mich hoch, schupfte mich in die Luft und fing mich wieder auf. Er war völlig aus dem Häuschen und kriegte sich gar nicht mehr ein. Als es mir zu toll wurde, lief ich in die Küche, holte einen Kochlöffel und klopfte ihm auf den Kopf: »Lass das jetzt!« Da lachte er noch mehr: »Artistka!« Sie liebten mich, diese Trunkenbolde, die erst gefährlich wurden, wenn sie wirklich zu viel hatten – und das konnte dauern.

Zu dem Zeitpunkt lag ich meist schon im Bett und hörte sie rufen: »Wo ist Fraulein?« Dann wusste ich, jetzt heißt’s aufpassen. Ich kletterte vom achten Stock durch ein Gangfenster und versteckte mich, sonst hätten sie mich gepackt. Aber abgesehen davon waren sie sehr lustig.

1944 trat ich zur Abschlussprüfung bei Krauss an, und auch dort wäre ich fast durchgefallen, weil ich die Kommission nicht mit »Heil Hitler« grüßte. Krauss erzählte mir danach, wie er sich für mich eingesetzt habe, indem er den Prüfern erklärt habe, ich hätte sicher aus Aufregung den Hitlergruß vergessen. So kam ich schließlich durch.

Diese Angelegenheit wurde für Krauss später wichtig. Nach dem Krieg hoffte jeder, unter der Nazizeit etwas getan zu haben, das sich jetzt vielleicht positiv auswirken könnte. Krauss selbst war Nationalsozialist, nichts Besonderes, ein Mitläufer wie viele. Ich half ihm, als seine Vergangenheit ihn längst eingeholt hatte.

Mein Vater steckte mich nach dem Krieg in einen Ami-Offiziersklub, in dem ich kellnern sollte. Für mich war das okay, denn die Amis dort waren in Ordnung.

Der Offiziersklub war in einer Seitengasse der Kolingasse. Schräg vis-à-vis gab es ein kleines Theater, das »Theater in der Kolingasse«. Zu der Zeit war ich mit Helmut Qualtinger schon dick befreundet. Er trat auf, ich gab Lesungen. Ich stand am Fenster und warf Helmut Pfannkuchen hinüber, und er und Ernstl fingen sie auf. Es ging sich genau aus.

Über den Offiziersklub kam man zu den viersprachigen Identitätsausweisen, mit denen man über die Demarkationslinie nach Enns in den Westen konnte. Später überquerte ich die Sperre einmal im Kofferraum, ich quetschte mich hinein, damals war ich noch nicht klaustrophobisch. Ich wollte reisen, die Welt sehen, Menschen kennenlernen, das war mir enorm wichtig.

Dieses Mal, es war 1946, verschaffte ich mir Ausweis und Mitfahrgelegenheit in einem Lastwagen voller Ami-Soldaten. Der Fahrer war ein grauenhafter Typ, ein fürchterlicher Primitivling, der kaum ein Wort sprach, doch ich fühlte mich sicher mit meinem Ausweis und all den Soldaten. Aber es wurde eine grausige Geschichte.

Dieser Mensch brauste mitten durch Salzburg, das zur amerikanischen Besatzungszone gehörte. Dort mussten die Soldaten in die Kaserne. Als wir die Stadt hinter uns ließen, war es stockfinster, es gab keine Häuser, kein Mensch war unterwegs, um uns herum nur Wald, und ich rechnete mit dem Schlimmsten.

Schließlich landeten wir mitten in der Nacht in Hellbrunn. In der Ferne brannte ein Licht, dort fuhren wir hin. Wir kamen in einem Lager voller amerikanischer Soldaten an, die in Baracken untergebracht waren. Sie sprachen einen furchtbaren Slang, von dem ich kein Wort verstand. Es gab einen Offizier, den ich sogleich um Hilfe bat, aber dem war ich leider herzlich egal.

Der Lastwagenfahrer packte mich und schmiss mich in eine dieser Baracken. Es folgten eineinhalb Stunden Kampf. Ich schlug ihn, trat ihn, auch dorthin, wo man Männern hintritt, aber es nützte nichts. »What’s the matter with you?«, brüllte der Kerl. Er verpasste mir eine Ohrfeige, und ich musste mich auf ein Feldbett legen, zusammengekauert wie ein Hund.

Am nächsten Tag fuhr er mich nach Salzburg, ohne ein Wort zu sagen. Er war offensichtlich persönlich beleidigt, weil ich nicht mit ihm freiwillig schlafen wollte. Freiwillig. Das muss man sich vorstellen …

Man ging damals zu amerikanischen Partys, die alle im Hotel Regina in Wien stattfanden und ganz merkwürdig waren. Ich hatte immer das Gefühl, Ami-Offiziere sind alle durch den Krieg beschädigt. Was eigenartig war, denn sie waren von all den Alliierten am geschütztesten und am wenigsten den Kämpfen ausgesetzt. Ich empfand viele von ihnen ziemlich wirr im Kopf, vor allem, wenn sie Alkohol getrunken hatten.

Nach einer dieser Partys ergab es sich, dass einer der Offiziere mich heimbringen wollte. Allein zu gehen war gefährlich, und so sagte ich ja. Im Auto wurde er zudringlich, und als ich mich wehrte, verpasste er mir einen Tritt in den Hintern, sodass ich aus dem Auto fiel. Ich ging den Amis schon nach der Salzburger Geschichte möglichst aus dem Weg, ab jetzt mied ich auch die Partys.

Die Russen waren da anders. Mir zeigte einmal einer, wie ein Russe vergewaltigt. So schnell konntest du gar nicht schauen, dass deine Hände und Beine auseinander waren und er über dir war, und schon war’s so weit. Ich bin froh, dass der Ami in Salzburg es nicht auf die russische Art machte, aber sein Verhalten kann ich bis heute nicht verstehen. Die Abneigung, die ich in der Zeit entwickelte, hatte später Folgen für meine Karriere.

Peter Preses, Autor von Der Bockerer, sagte nach dem Krieg, als ich erste Erfolge im Film hatte: »Erni, du musst nach Amerika, so wie du ausschaust, du machst dort Karriere.« Es war die Zeit der Audrey Hepburn, ich wurde immer wieder mit ihr verglichen. Aber ich konnte nicht weg, weil mir die Amis einfach suspekt waren. Erst 1981, als ich das erste Mal in New York war und auf den Hudson River schaute, damals mit Peter Patzak für Die Weltmaschine, dachte ich mir: Das wäre die Stadt gewesen, die mir sehr gefallen hätte. Aber wahrscheinlich hätte ich vieles nicht überlebt und wäre heute schon längst tot.

Aber jetzt war ich erstmal in Salzburg. Dass ich die Stadt erreichen würde, hatte ich schon nicht mehr geglaubt. Der Ernstl hatte keinen Schein, aber er schaffte es ebenfalls. In Enns hievte er sich auf das Dach der Straßenbahn und kam so in den amerikanischen Sektor.

Ich hatte gehört, dass es in Salzburg Wurst und Käse geben soll, was stimmte, aber zu meiner großen Enttäuschung gab es kein Brot. Ich erinnere mich, wie verzagt ich war, weil ich lieber Brot gehabt hätte als Wurst.

Als ich an der Salzach spazieren ging, stieß ich zufällig auf Helmuth Krauss, meinen Lehrer, dem ich noch einen Gefallen schuldete. Er war verzweifelt. »Es tut mir alles so leid, ich war ja gar nicht so ein Nazi!«, jammerte er und hörte gar nicht mehr auf. Er sei ohne Engagement, keiner würde ihn mehr nehmen.

»Erni, kannst du nicht Raoul Aslan ansprechen und ihm sagen, dass ich gerne wieder an die Burg kommen würde? Bitte, Erni, bitte, hilf mir, dass er mich zurückholt!«, flehte er mich an. Im Übrigen habe er mir damals auch geholfen, fügte er rasch hinzu.

Aber Aslan? Die Burgtheaterlegende, den großen Aslan, zu dieser Zeit Direktor der »Burg« im Ronacher. Den sollte ich ansprechen, einfach so?

»Mein Gott, Herr Krauss! Wie stellen Sie sich das vor? Wie soll ich das machen?« Jetzt war ich verzweifelt.

Aber Krauss hatte bereits einen Plan: »Der Aslan geht jeden Morgen über die Herrengasse ins Burgtheater. Da fragst du ihn.«

Na gut, ich fasste mir ein Herz und ging, als ich wieder in Wien war, des Morgens in die Herrengasse.

Aslan kam, ich hielt meinen Vortrag: »Der Krauss möchte so gern zurück an die Burg. Es geht ihm so schlecht, und überhaupt, bitte, Herr Direktor, haben Sie ein Einsehen.«

Aslan hörte sich alles an, aber während ich redete und redete, wurde er sichtlich unruhiger, bis er plötzlich mit seiner irrsinnslauten Theaterstimme losdonnerte: »Ja, was kann denn ich dafür, dass er ein Nazi war!«

Seine Worte hallten durch die ganze Herrengasse, und man konnte sofort erkennen, wie alle, die dort gingen, in der Sekunde kleiner wurden. Sie zuckten zusammen, weil sich jeder Einzelne von ihnen angesprochen fühlte. Rundherum nur Nazis, die nie welche gewesen sein wollten.

Aslan holte Krauss schließlich zurück an die Burg. So wäscht eine Hand die andere, das bekam ich schon als Jugendliche spitz.

Aslan mochte mich sehr. Über Susi Nicoletti kam ich für ein Stück zu ihm. Wir spielten in einer Produktion des Burgtheaters bei den Bregenzer Festspielen 1954 Shaws Der Kaiser von Amerika. Es war furchtbar, denn bei den Proben quälte mich der Regisseur Ernst Lothar schrecklich. Ich musste als Orinthia mit dem Rücken auf einem Holzring liegen und schaukeln, aber es war ihm nie gut genug. Ich rieb mir den Rücken blutig, bis Aslan, der den König Magnus spielte, rief: »So lass sie doch in Ruhe!« Und schon war es gut. Seiner Autorität wagte sich niemand zu widersetzen. Später erzählte er jedem, der es hören wollte, dass er bei der Premiere des Stücks – wieder einmal – einen Hänger gehabt und ich ihm eingesagt hätte.

Ich durfte ihn in seiner Wohnung nahe der Strudlhofstiege besuchen. Sie war unglaublich angeräumt. Aslan begrüßte mich in einer Mönchskutte. Der Kittel war bestimmt praktisch zu Hause, und Aslan war damit eine imposante Erscheinung. Er war ein schöner Mann, soll sehr eitel gewesen sein, fast wie Gustaf Gründgens. Es gibt eine schöne Geschichte von den beiden. Sie hatten Streit, und Aslan warf Gründgens hin: »Ja, wissen Sie, der Unterschied zwischen uns beiden ist: Ich bin aus Byzanz – und Sie aus DÜSSELDORF!«

Der Kaiser von Amerika von George Bernard Shaw

Premiere: 12. August 1954

Weitere Aufführungen: 13. und 15. August 1954

Wiener Burgtheater

Besetzung

Inszenierung

Technische Einrichtung

Kostüme

König Magnus

Jemima

Orinthia

Prinzessin Alice

Proteus

Nicobar

Boanerges

Pliny

Crassus

Balbus

Amanda

Lysistrata

Sempronius

Pamphilius

Mr. Vanhattan

Ernst Lothar

Sepp Nordegg

Erni Kniepert

Raoul Aslan

Rosa Albach-Retty

Erna Mangold

Dolores Hubert

Alfred Neugebauer

Fred Hennings

Josef Meinrad

Wilhelm Schmidt

Hans Thimig

Otto Schmöle

Maria Eis

Helene Thimig

Karl Friedl

Tonio Riedl

Hermann Thimig

Eine große Rolle in einem großen Ensemble des Burgtheaters bei den Bregenzer Festspielen 1954

Salzburg konnte ich ziemlich schnell nicht mehr ausstehen. Ich hatte das Gefühl, dass es dort nur ums Geld ging. Bis zum Staatsvertrag 1955 war es so, dass es zwischen den vier Sektoren große Unterschiede gab. Der Westen – das waren die amerikanische (Oberösterreich, Salzburg, Salzkammergut), die britische (Kärnten, Osttirol, Steiermark) und die französische (Nordtirol und Vorarlberg) Zone – war privilegiert. Kam man hingegen nach Wien, glaubte man sich lange Zeit im tiefsten Russland. Es wurde nichts gebaut, alles blieb zerstört, wie es nach dem Krieg war. Das ist übrigens ein Grund, warum der zweite Bezirk bis heute einer der schönsten geblieben ist. Weil dort die Russen waren und ihnen der Wiederaufbau egal war. Bis 1955 passierte im zweiten Bezirk so gut wie überhaupt nichts, vieles blieb erhalten, was in anderen Stadtteilen weggeräumt wurde.

Ein weiterer Grund ist vielleicht, dass der Osten versperrt war. Irgendwo war hier das Ende. Die Leopoldstadt blieb vergammelt, wie eh und je. Eine kleine Gemeinde der überlebenden Juden zog viel später wieder ein, daneben entwickelte sich eine höchst überschaubare Rotlichtszene. Der Karmelitermarkt war bis vor Kurzem ein kleiner, entzückender Markt, einer der billigsten von Wien. Mittlerweile hat sich das Viertel sehr verändert.

Zwischen 1947 und 1951 besetzten wir den ersten Bezirk. Er gehörte uns. Es zählte allein die Freiheit, man hatte nie das Gefühl, dass einem etwas passieren kann.

Ich war in einer Blase aus Gleichgesinnten, aus der heraus wir die tollsten Sachen trieben. Wir waren wilde Teufel, Ernstl Haas, Helmut Qualtinger, Pauli Popp, Michael Kehlmann, Otto Kobalek und ein paar andere, an deren Namen ich mich nicht erinnere. Wir machten die Nacht zum Tag. Gemeinsam hatschten wir über die Ruinen, gingen in die paar Beisln, die es gab und in denen wir mordsmäßig tranken und noch mehr diskutierten. Pauli war ein guter Journalist und vertrug Unmengen an Alkohol. Wir waren aufgeregt, weil jetzt wieder jeder offen sagen konnte, was er dachte. Wir fragten uns, wie das alles weitergehen könnte, was für ein Leben jetzt kommen würde? Träume entstanden: Die Tabus sind vorbei, Barockengerln gibt es nicht mehr, die antiquierten Vorstellungen – alles weg! Wir brechen in eine neue Zeit auf, wunderbar! Wir diskutierten wie verrückt, redeten über die neue Linke, soziale Ideen und was uns am Kommunismus störte. Letztlich waren wir zu schwach, um wirklich etwas zu bewegen. Wir waren verspielt wie junge Hunde, alles war trallala, das Politische irgendwie auch.

Wir stiegen in die Villa eines Nazis ein und nannten das »Besetzung«. Helmut wusste, dass dort reiche Nazis gewohnt hatten. Einzubrechen war leicht, denn es gab ja keine Polizei. Wir verbrachten da eine Nacht, tranken und hatten eine spaßige Zeit. Wir gingen in den Keller, fanden schöne Stoffe, die ich mitnahm. Das durfte man, sagte ich mir, denn die Stoffe gehörten »Nazi-Schweinen«, und aufgrund dessen fand ich es völlig richtig, das zu tun. Meine Mutter nähte mir Kleider, und ich freute mich, denn so hatte ich etwas Hübsches anzuziehen.

Zu den Trümmerfrauen hatte ich keinen Bezug. Dieser gemeinsame Wille, zu schauen, dass das Werkel wieder rennt, interessierte mich – ich muss es ehrlich sagen – überhaupt nicht. Obwohl ich nicht auf Männeraffären aus war, war ich immer mit Männern zusammen. Sie waren abenteuerlustig, blieben abends länger auf, hatten mehr Standfestigkeit, gingen nicht nach Hause, und so war ich auch.

Man musste reisen. Ich wollte unbedingt wissen, wie es nach dem Krieg in meinem Heimatort Großweikersdorf aussah. Ernstl und ich fuhren hin, schliefen im Weingarten. In der Nacht gab es eine furchtbare Detonation, wir erschraken. Keine Ahnung, ob die Russen etwas in die Luft jagten oder die Österreicher es selbst waren, jedenfalls flog ein Waggon in die Luft, der mit Konservendosen beladen war. Diese Konserven flogen sehr hoch und landeten bei uns im Weingarten. Als wir in der Früh aufwachten, lagen rund um uns Konservendosen. Wir hatten einen Riesenhunger und freuten uns auf das Essen, das vom Himmel gefallen war. Aber der Tisch blieb leer: Wir brachten die Dosen nicht ums Verrecken auf, sosehr wir sie auch gegen Bäume und auf Steine schleuderten.

Eine Tournee der Josefstadt durch die Schweiz 1948 ist mir als Fressreise in Erinnerung. Ich war wie berauscht – von Kaffee. Ich kannte echten Kaffee nicht und war völlig hinüber.

Wir fuhren mit dem Zug, und ich sah wunderschöne Wiesen, Wälder, Häuser, die ganz waren. Ich war perplex: Ist das sauber! Bis dahin kannte ich nur Dreck und Schutt, aber eigenartigerweise fand ich das viel interessanter. Mich faszinierte diese Sauberkeit, aber ich dachte, eigentlich möchte ich hier nicht leben.

Als ich am Bahnhof in Zürich ankam, sagte man mir, ich könne das Gepäck stehen lassen, es würde keiner nehmen. Es war wirklich so, ich war sehr erstaunt, dass hier nicht gestohlen wird.

Ich bekam die erste Banane in die Hand, wusste nicht, wie man sie isst. Ich lernte junge Leute kennen und war völlig fertig, weil die Schweizer Jugend so ganz anders war, ganz anders dachte als ich. Sie hatten keinen Krieg erlebt. Sie waren ihrerseits mindestens ebenso fertig, weil sie mich als total ausgeflippt und daneben erlebten.

Ich überredete sie zum Nacktbaden im See, wir schwammen in der Nacht. Einer von ihnen war betrunken, dem rettete ich das Leben, weil er nicht mehr ans Ufer gekommen wäre. Am nächsten Tag kannten sie mich alle nicht mehr, weil dieses Nacktbaden offenbar so ungeheuerlich für sie war.

Ich aß 14 Tage Süßigkeiten, obwohl ich gar nicht so viel Geld hatte. Aber es gab ein probates Mittel: Ich wusste, dass jeder Schweizer ein schlechtes Gewissen hatte, weil sich das Land während des Krieges schändlich zu den Flüchtlingen verhalten hatte. Ich stand also vor der Konditorei und schaute ganz traurig auf die leckeren Süßspeisen in der Auslage. Da kamen ein Mann und eine Frau, sie sahen mich und sagten: »Liebes Kind, möchtest du gerne etwas davon?« Sie führten mich in den Laden, und ich durfte mir etwas aussuchen. Es funktionierte immer. Ich stand vor der Auslage, trauriger Blick, und mampfte Törtchen. Nie setzte sich einer zu mir, sie zahlten und gingen.

Auch eine lustige Geschichte: 15 Stunden fuhren wir von Wien nach Budapest auf dem Trittbrett. An der Grenze wurde ich beinahe von 40 Russen vergewaltigt.

Wir waren zirka zu zehnt unterwegs. Bei der Grenzkontrolle hielt die Bahn, man konnte aussteigen, und wir, müde vom Trittbrettfahren, vertraten uns die Beine.

Plötzlich kam ein Mann auf uns zu. »Kommt, hier kriegt ihr was zu essen!«, rief er uns zu, ein Jugoslawe.

Einer meiner Freunde und ich folgten ihm – und landeten schließlich in einem Waggon mit 40 Russen. Dankeschön! Die Russen kamen zu uns, genauer gesagt stellten sich rund um mich auf. Und dann begann ein merkwürdiges Spiel, fast wie in Zeitlupe: Sie schauten mich an, griffen in mein Haar, schauten mich wieder an, als sei ich die personifizierte Sexgöttin. Wohl um mich willig zu machen, gaben sie mir ein Achtel Wodka. Zu der Zeit vertrug ich Alkohol schon recht gut, ich trank das Achtel prompt und wurde entgegen ihren Erwartungen weder williger noch ohnmächtig. Danach stellten sie sich wieder um mich, griffen erneut in mein Haar, das Spiel fing von vorne an.

Irgendwann sagte der Jugoslawe, die Russen seien jetzt soweit: Alle 40, die hier rund um mich stünden, würden mich auf der Stelle vergewaltigen wollen. Würde ich allerdings ihn an mich lassen, brächte er uns hier raus. Ich versprach es ihm sofort, das war klar.

Als wir aus dem Waggon ausstiegen, führte ich ihn zu meinen Leuten, von denen er nichts wusste. Er fuhr mit uns weiter Richtung Budapest. Als der Ernstl von dem Arrangement erfuhr, wollte er den Jugoslawen vom Trittbrett werfen. Nur weil wir ihn zurückhielten, kam der Jugoslawe mit dem Leben davon – ich denke heute noch daran, wie schnell es damals zum Töten kommen konnte. Natürlich setzte bei uns etwas ein, und wir riefen: »Um Gottes willen, Ernstl, das kannst du doch nicht tun!« Er ließ ab, aber der Jugoslawe war für den Rest der Fahrt recht still und verließ uns bald.

In Budapest gab es einen wunderbaren Lammfellmantel, den ich mir kaufen konnte, weil ich von meinen Eltern etwas Geld bekommen hatte. Ich liebte den Mantel über alles und hatte ihn jahrelang. Er war für mich etwas sehr Wertvolles, der einzige Luxus, den ich in meinem Leben damals hatte, und völlig anders als die Sachen, die ich sonst trug. Ich kleidete mich für gewöhnlich ganz schrecklich – intuitiv, um mich vor den permanenten Zudringlichkeiten zu schützen.

Lassen Sie mich in Ruhe

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