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Meine vier Leben

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Mit 19 schleppte mich mein damaliger Freund, der Ernstl Haas, zu einer Wahrsagerin. Das war für damalige Zeiten nicht weiter ungewöhnlich, mein Vater zum Beispiel war besessen von solchen Orakeln. Wenn die Zukunft unsicher ist, hält man sich offenbar an den absurdesten Rettungsseilen fest.

Die Dame war in eingeweihten Kreisen durchaus bekannt und angesehen. Was sie sagte, hatte Gewicht und wurde – natürlich! – geglaubt.

Die Prophezeiung fand unter kuriosen Umständen statt: Der Raum, in dem sie saß, war voll mit Leuten, und ich sah nicht zu ihr hin. Ernstl sagte: »Ruf ihr doch zu, vielleicht nimmt sie dich.« Ich rief mein Geburtsdatum, und obwohl sie mich ebenfalls nicht sah, nahm sie mich dran. Sie kam zum überaus praktischen Schluss, mein jetziges Leben sei nicht weniger als meine Erfüllung. Die Schule des Lebens läge hinter mir, und würde ich eines Tages mein aktuelles Dasein beenden, müsse ich nicht noch ein weiteres Mal zur Welt kommen, sondern dürfe eingehen in die ewigen Jagdgründe. Sie zauberte mir meine drei bisherigen Leben vor, und merkwürdigerweise haben alle in irgendeiner Form einen Bezug zu meinem aktuellen Dasein.

In meinem ersten Leben war ich die Tochter eines Kaufmanns in der Zeit der Renaissance. Der Kaufmann war ungeheuer reich und wollte, dass ich einen ehrenwerten Beruf erlerne. Aber ich war wie üblich dagegen und ging stattdessen lieber ins Theater. Dadurch wurde ich so etwas wie eine wunderbare Inspiration, die von allen geliebt wurde. Das Theater ist heute für mich Inspiration und Therapie in einem.

In meinem zweiten Leben war ich blind. Durch einen Arzt bekam ich mit 14 Jahren das Augenlicht wieder zurück. Heute sehe ich im Dunkeln immer noch klar, was vor allem hinter der Bühne sehr hilfreich sein kann, wo es manchmal stockdunkel ist und Kollegen wie blind hin- und hertapsen.

Mein drittes Erdendasein verbrachte ich in Ungarn, hatte zwei Söhne und ritt leidenschaftlich, was ich als Kind und Jugendliche ebenso gern tat.

Jetzt Erfüllung. Wenn es stimmt, ist es wunderbar. Ich persönlich finde, vier Leben sind nicht gerade viel, um das Nirwana oder sonst einen Platz zu erreichen, von dem man sich absolute Ruhe verspricht. Empfinde ich mein hiesiges Leben als Erfüllung? Manchmal ja, manchmal nein. Ich für meinen Teil wäre auf jeden Fall froh, müsste ich kein Karma mehr erleben.

Es gab noch eine zweite Wahrsagerin, ihr Name war Zuckriegl. Als ich noch ein Butzerl war, sagte sie zu meinem Vater: Ihre Tochter wird Künstlerin, da können Sie machen, was Sie wollen.

Und weil der Papa auf die Zuckriegl schwor, meinte er fortan, dass ich Künstlerin, oder falls der unwahrscheinliche Fall eintreten würde und das doch nicht klappt, zumindest Lehrerin werden solle. Er schickte mich in Wien in die Krauss-Schule, benannt nach ihrem Gründer, dem Burgschauspieler Helmuth Krauss. Die Schule, heute in der Weihburggasse im ersten Bezirk, befand sich damals schräg vis-à-vis der Oper. Berühmte Absolventen waren Oskar Werner, Aglaja Schmid und Karlheinz Böhm. An eine große Karriere glaubte mein Vater nicht. Er hoffte vielmehr, ich werde dort stehen, gehen und sprechen lernen, und die Schule würde mich aus meinem Gammlerleben herausholen. Schaut mehr dabei raus, gut – wenn nicht, könne ich immer noch Lehrerin werden. Ich trug ein paar Gedichte vor, Krauss nahm mich sofort. Ich war 15 und somit die jüngste.

War die Krauss-Schule eine gute Schule? Ich kann es heute schwer beurteilen. Singen und Fechten gab es als Fächer nicht, soweit ich mich erinnere. Meine Haltungsschäden verbesserten sich zweifellos nachhaltig, und neben meinem Dialekt eignete ich mir Hochdeutsch als erste Fremdsprache an. Ich sprach am Reinhardt-Seminar vor, weil ich gehört hatte, dass man sich dort von dem ganzen Hitlerzeug zurückziehen konnte, was ich mir sehr viel angenehmer vorstellte. Dem war aber überhaupt nicht so, denn dort saßen sie erst recht. Beim Vorsprechen sagte ich wie gewöhnlich »Guten Tag« und nicht »Heil Hitler«. Ja, und weil ich Goldmann hieß, war die Sache schnell erledigt. Sie meinten, ich sei »menschlich nicht so weit« und lehnten mich ab.

Ein Jahr später, ich war erst ein Jahr in der Schule, gab es einen Fragmentabend mit dem Stück Das kleine Dreieck. Dabei sah mich Hans Olden. Ich gefiel ihm, und er verschaffte mir mein Debüt im Wiener Renaissancetheater. Nebenbei ging ich noch in dieses Knödelgymnasium, denn ich sollte ja die Option auf Lehrerin haben. Daraus wurde vorerst nichts.

1944 erhielt ich ein Engagement bei den Salzburger Festspielen. Ich spielte eine Kellnerin in Lumpazivagabundus und lernte Hans Holt, Paul Hörbiger und Theo Lingen kennen. Lingens Ehefrau war Halbjüdin, Hörbiger hatte sich zu der Zeit schon vom Nationalsozialismus abgewandt. Das Merkwürdige war, dass sie mich – vielleicht, weil ich Goldmann hieß – einweihten: »Erni, du musst den Mund halten«, sagte Theo Lingen. »Da oben – siehst ihn? Da steht der böse Geist. Der denunziert.«

Dass sie mich warnten, fand ich großartig. Ich fühlte mich bei ihnen sauwohl und eingebettet. Umso trauriger war ich, weil es nie zu einer Aufführung kam. Nachdem Goebbels den »Totalen Krieg« erklärte, wurden sämtliche Vorstellungen abgesagt.

»Da oben« stand übrigens Karl Ehmann, ein heute beinahe in Vergessenheit geratener Wiener Schauspieler, der damals aber gut bekannt war und nach dem Krieg in vielen Filmen mitspielte, die so außerordentlich wichtig waren für die »nationale Identität«: Die Trapp-Familie, Der Förster vom Silberwald, Kronprinz Rudolfs letzte Liebe, Sissi und so weiter. Ich kam in den 1950er-Jahren in den »Genuss«, mit ihm an der Josefstadt zu spielen.

Bis September 1953 war die Wiener Innenstadt Internationale Zone. Ich konnte mit den Russen besser als mit den Amis. Das war allerdings Zufall, denn die Leute hatten große Angst vor ihnen. Um die Jungen zu schützen, wollten die Älteren uns in den Keller einsperren. Spitzenidee, wenn uns die Russen dort gefunden hätten, hätten sie mich und die anderen geholt, und wir wären wie viele andere in der Straße garantiert vergewaltigt worden. In den Keller ging ich also nicht.

Meine Eltern brachten mich zu einer Bekannten ins Hochhaus in der Herrengasse. Sie wohnte im achten Stock und hatte ein kleines Zimmer für mich. Um vom zweiten in den ersten Bezirk zu kommen, durfte man möglichst nicht als junge Frau erkannt werden, deshalb verkleideten sie mich, gaben mir alte Kleider, damit ich aussah wie eine Siebzigjährige. Wer genauer geschaut hätte, hätte natürlich schon bemerkt, dass ich ein junges Mäderl war. Ich schaffte den Umzug unbeschadet.

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