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Kapitel 5

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Der Thain unterhält ein stehendes Heer, aber die Männer werden nicht in den Dienst gepresst. Sie haben die Wahl, wenn sie ihren dreijährigen Pflichtdienst abgeleistet haben, dem alle jungen Männer des Landes unterliegen, auch die Prinzen des Thainan, sie treten mit sechzehn ein, in den nächsten drei Jahren lernen sie, ein Soldat des Thain zu sein. Reiten, mit Schwert und Dolch kämpfen, ein Feldlager aufschlagen. Strategie, Taktik, sich zu verteidigen gegen ihre Angreifer auch ohne Waffe in der Hand. Einige dienen in der Einheit der Kuriere, wie es die Prinzen tun, andere werden zu Helfern der Ärzte ausgebildet, die ihnen beistehen, wenn sie verwundet werden. Zu Köchen, Pferdepflegern, Schmieden, die Aufgaben in einer Armee sind vielfältig. Und nach den drei Jahren entscheiden sie sich, ob sie sich verpflichten auf Lebenszeit, oder ob sie zurückkehren in ihr früheres Leben, was sie gelernt haben einsetzen zum Nutzen ihres Dorfes. Oft sind es die zweit- oder drittgeborenen Söhne einer Familie, die sich für den lebenslangen Dienst in der Armee entscheiden, diejenigen, die kein Erbe zu erwarten haben, weil der Hof, der Weinanbau, der Holzeinschlag, auf dem ihre Familie seit Generationen ihr Auskommen hat, nicht geteilt werden kann, sonst zu klein wird, um die Menschen zu ernähren, die von ihm abhängig sind. Aber auch die, die zurückkehren in ihr altes Leben, bleiben der Armee verpflichtet. Jede der fünf Provinzen, aus denen Beth’anu besteht, und auch die Baran, hält Übungen ab in jedem zweiten Jahr, damit sie es nicht wieder verlernen, immer zu einer Zeit, wenn wenig zu tun ist auf dem Land. Meist in den beiden Monden vor der längsten Nacht, wenn die Ernten eingebracht sind, der Saft der Beeren sich in Wein verwandelt, die schweren kaltblütigen Pferde die Baumstämme nicht mehr aus dem Wald ziehen können, ohne bis über die Hufe im Schlamm zu versinken.

Es hat sich seit Generationen bewährt, der Thain hat genug Männer, um sein Reich zu schützen, das Land genug Hände, um es zu ernähren und mit allem zu versorgen, was die Menschen brauchen, die hier leben. Aber Beth’anu wird selten bedroht, es ist ein großes Land, mit natürlichen Grenzen, die es schützen. Im Norden die unendliche Wüste, im Osten Drat’kalar. Ab und zu überwindet einer der Pferdeherren, die auf den Ebenen dahinter leben, mit einer wilden Horde einen der niedrigen Pässe, geht auf Raubzug nach süßen Früchten, Eisen für Waffen oder ein paar hübschen Mädchen, um ihr Blut aufzufrischen, aber die Garnisonen zu Füßen der Berge vertreiben sie meist schnell. Und auch die Männer der Dörfer sind wehrhaft, unter jedem Bett liegt ein Schwert, sie nehmen sie mit, wenn sie ihren Pflichtdienst beendet haben, sie sind für ihre Hand geschmiedet. Die wilden Horden treffen auf erbitterten Widerstand, sie nehmen selten mit, weswegen sie gekommen sind.

Aus dem Süden droht keine Gefahr, die Thaini von Beth’anu ist die Schwester des Mar’thain von Beth’nindra, Thainan und Maran sind verwandt. Die einzigen Gefechte, die sie austragen, sind die Scharmützel der Kinder, wenn sie sich gegenseitig besuchen, und sie werden oft genug gemeinsam von den Köchen der Festen mit dem hölzernen Rührlöffel durch die Küche gejagt, weil sie versucht haben, Pasteten oder Kuchen zu stehlen. Tenaro ist bei einer dieser Jagden einmal in einen Trog mit süßem Teig gefallen, der Thain hat vorgeschlagen, ihn gleich so wie er ist in den Backofen zu schieben, das wird ihn lehren, die Finger aus dem süßen Brei zu halten, aber der Mar’thain hat ihn begnadigt, das Gelächter der Köche und Küchenmägde ist ihm Strafe genug erschienen. Er ist erst sieben gewesen, er hat sich nicht verletzt dabei, aber seine Würde als Sa’Rimar hat doch sehr gelitten, als ihn die Hunde des Mar’thain allzu genüsslich abgeschleckt haben. Und er hat Kasrim, dem Erstgeborenen des Mar’thain, grausame Rache geschworen.

Im Westen ist es der Kalar’terla mit seinen grausigen Bewohnern, der die Grenze des Landes schützt, Beth‘kalar liegt an seinem Ufer, das Ostufer des Abflusses des Sees, der aus seinem südlichen Ende fließt, bildet die natürliche Grenze, bis sie auf das Gebiet von Beth’nindra trifft. Steinig und wild zuerst, dann wird ein ruhiger Fluss daraus, es gibt nur drei natürliche Furten und eine alte morsche wackelige Holzbrücke. Sie werden bewacht von zwei Hundertschaften Reiterei aus Beth’kalar, hier kommt es immer mal wieder zu Scharmützeln und kleineren Gefechten, es sind die Nadelstiche, mit denen der Fürst von Beth’narn seinen Anspruch auf die Provinz am Ostufer des Sees unterstreicht. Und von dieser Grenze kommen die Nachrichten, die den Barar von Beth’kalar und den Thain von Beth’anu in höchste Alarmbereitschaft versetzen. Der Heermeister von Beth’narn stellt eine Armee auf, und er versammelt sie an der Grenze zu Beth’terla, dem grünen Land, der Provinz, die südlich liegt von Beth‘kalar am Ufer des Flusses, der die Grenze bildet.

Die Nachrichten erreichen sie schon seit dem fünften Mond, die Press-trupps des Heermeisters sind unterwegs in Beth’narn, und sie nehmen jeden mit, der älter ist als vierzehn, auf zwei Beinen steht und zwei Hände hat, um ein Schwert zu halten. Oder einen Spieß, einen Dolch, irgendetwas, das man in den Mann stechen kann, der einem gegenübersteht. Sie reißen sie aus den Armen ihrer Mütter und Frauen, holen sie von den Feldern, die sie bestellen, aus den kleinen Werkstätten, die sie betreiben. Die Schmieden in Beth’narn arbeiten Tag und Nacht, manchmal sind die Waffen noch warm von dem Feuer, in dem sie geschmiedet worden sind, wenn sie den neuen Rekruten in die Hand gedrückt werden. Sie werden gedrillt, viel lernen müssen sie nicht. Nur wie man zuschlägt, zusticht, ein Leben auslöscht. Es ist kaum geerntet worden in Beth’narn während der hellen Zeit, die Männer müssen dienen in der Armee, die Frauen und Kinder schaffen es nicht allein. Getreide verdorrt auf den Äckern, Gemüse verfault auf den Feldern, Früchte verschimmeln an den Bäumen. Und viel von dem Wenigen beschlagnahmt der Fürst für seine Armee. Händler, deren Boote Holz und Wein über den See bringen, werden noch im Hafen enteignet, sie werden verprügelt, als sie ihre Bezahlung einfordern. Sie berichten davon, als sie zurückkommen nach Beth’kalar, der Barar lässt den Hafen am Ostufer sperren, es wird nichts mehr über das Wasser gebracht. Es wird ein harter Winter werden in Beth’narn, an allem fehlen, sie werden wenig zu essen haben, keine getrockneten Binsen zum Heizen, keine warmen Kleider, um sich zu schützen vor der Kälte der Nächte.

Der Barar gibt die Grenze auf, die zwei Hundertschaften Reiterei werden zurückbeordert, die weiten Grasebenen dahinter sind wie leergefegt. Die Hirten, die sie durchstreifen mit den Herden, die Beth’anu mit Fleisch, Leder, Käse und Wolle versorgen, haben sich zurückgezogen ins Innere des Landes oder über die Grenze nach Beth’nindra. Der Mar’thain lässt es zu, so ist es schon immer gewesen, sie sind ein wanderndes Volk, Grenzen bedeuten ihnen nichts. Und es verbessert die Bestände auf beiden Seiten, es bringt neue Blutlinien hinein, es ist gesundes und robustes Vieh daraus entstanden. Die Hirten kennzeichnen die Jungtiere, die geboren werden, einmal im Jahr, wenn die Einjährigen aussortiert werden, gibt es ein fröhliches Fest an der Grenze. Rinder, Ziegen, Schafe, Pferde, sie gehören entweder hierhin oder dorthin, aber sie alle fressen das gleiche saftige Gras, das sich meilenweit zu beiden Seiten der Grenze erstreckt.

Auf diesen Ebenen sind auch die kleine Stute geboren, die Tenaro in die Sicherheit von Metús Armen getragen hat, und Griud, sein großer schwarzer Hengst. Die Pferde, die der Mar’thain von Beth’nindra züchtet, sind klein und zierlich, sie werden von den Frauen als Reitpferde bevorzugt, weil sie leicht zu handhaben sind. Andere Rassen sind größer und schwerer, sie ziehen Kutschen, und sie haben manchmal ihren eigenen Kopf, was den Reiter angeht, den sie auf ihrem Rücken dulden. Fast immer dunkel, braun oder schwarz, es gibt wenig helle oder rote unter ihnen. Charakterfest, kaum aus der Ruhe zu bringen, manchmal eigenwillig, immer schnell, und treu bis in den Tod. Und Tenaro würde schwören, sie können lächeln, er sieht es manchmal an Griud, wenn sie nach einem aufregenden Ritt über die Feldwege rund um die Feste zurückkehren in die Gemütlichkeit des Marstalls in der Feste.

Sie sind in Sicherheit gebracht worden, der Heermeister von Beth’narn wird wenig vorfinden auf seinem Weg über die Grenze. Der Fürst war gar nicht begeistert von dem Ausgang des letzten Überfalls vor drei Jahren, sie haben sich gegen eine Übermacht verteidigen müssen, selbst die Hunde haben nicht viel ausrichten können. Die Soldaten des Thain haben dazugelernt, seit sie sie das erste Mal erlebt haben in einer Schlacht, viele haben Halsbergen getragen und Armbänder aus dickem Leder um die Gelenke. Hälse und Handgelenke sind nicht mehr so leicht zu durchbeißen gewesen, und der Thain hat mit Pfeilen auf sie schießen lassen. Den Schwertern können sie ausweichen, den hinterrücks heranfliegenden Pfeilen nicht, sie sind trotzdem kaum einmal getroffen worden und wenn, hat es ihnen nicht viel geschadet. Die Schützen sind zu weit entfernt gewesen, das Fell der Hunde ist dicht und rau, sie sind kaum durchgedrungen bis dahin, wo sie wirklich Schaden anrichten, der Schmerz hat die Hunde nur noch wütender gemacht.

Diesmal will der Fürst es geschickter anfangen, er hat die Anzahl seiner Soldaten vervierfacht. Auch wenn die neuen nicht viel können, sie werden den Feind beschäftigt halten. Es werden nicht mehr drei von ihnen gegen einen von ihm stehen, das Verhältnis wird ein wenig ausgewogener sein. Und er wird diesmal nicht den direkten Weg zum Haus des Barar nehmen, über die Brücke und dann am Ufer des Sees entlang, dort wird sich ihm die Armee von Beth’anu in den Weg stellen, er wird weiter südlich vordringen und dann in einem weiten Bogen von Osten her auf sie treffen, das bringt ihn fast in ihren Rücken. Und während die kaum ausgebildeten Männer seiner Armee die Einheiten von Beth’anu beschäftigt halten, wird er mit ein paar ausgewählten Hundertschaften auf den Hafen vorrücken, das Haus des Barar erobern und Beth’kalar wieder zu dem erklären, was es von alters her ist. Eine Provinz von Beth’narn. Der Barar und seine Familie werden in seiner Gewalt sein, er ist der jüngere Bruder des Thain, er wird nichts tun, was sein Leben gefährdet. Er wird seine Grenzen schließen, sie haben dann keinen Zugang mehr zum See, nur noch über die Wüste ganz im Norden. Und er wird ihnen keine Ruhe lassen, er wird Beth’anu erobern, Provinz um Provinz, Garnison um Garnison, und wenn er vor den Toren der Feste des Thain steht, wird die Schmach getilgt werden, die sein Heermeister ihm angetan hat. Den Sohn des Thain, den Sa’Rimar in Händen zu haben und ihn fast unversehrt entkommen zu lassen.

Aber sein Plan wird verraten, es ist die Nachricht, die er darüber erhält, die den Thain bewogen hat, die Rückkehr des Sa’Rimar zu befehlen. Es ist ein Kommandierender in der Armee von Beth’narn, der sie überbringt, er steht schon seit vielen Jahren im Dienst des Thain. Er ist dabei gewesen, als sie Tenaro gefangen genommen haben, er hat das Siegel erkannt, ihm ist fast der Atem gestockt vor Entsetzen. Ihm ist es zu verdanken, dass der junge Prinz das Ufer des Sees unbehelligt erreicht hat in der Nacht, er hat die Patrouille der Stadtwache umgeleitet. Und als seine Einheit verlegt worden ist, hat er sich im Schutz der Dunkelheit davongemacht. Erst über die Grenze nach Beth’nindra, ein Stück daran entlang nach Osten, dann hat er sich wieder nach Norden gewandt. Er ist Meilen um Meilen geritten, bis er auf eine Patrouille des Thain gestoßen ist, sie haben ihn gefangen genommen, er trägt den blauweißen Überwurf der Krieger aus Beth’narn. Aber kein Kommandierender des Thain wird einen Mann als Spion hinrichten, der den vollständigen Namen des Sa’Rimar kennt, Tenaro ab‘Daikim, und den Spruch, der in blauer Schrift auf seinem Schulterblatt eingeritzt ist. Sie haben ihn vor den Thain gebracht, der Plan ist verraten, sie treffen ihre Vorbereitungen, um ihn zu vereiteln. Und diesmal wird sich der Thain nicht damit zufriedengeben, die Eindringlinge aus dem Land zu werfen. Diesmal ist der Fürst von Beth’narn zu weit gegangen, er wird dafür bezahlen. Mit dem Verlust seines Titels, seines Fürstentums, und der älteste Sohn des Heermeisters mit seinem Leben. Aber erst, nachdem er ihnen verraten hat, wohin sie die junge Frau mit den dunklen Haaren und den jadingrünen Augen verschleppt haben.

Der Thain ist erleichtert, als ihm die Ankunft des Sa’Rimar gemeldet wird, und nachdem er ihn zur Begrüßung umarmt hat, schickt er ihn erst einmal ins Bett. Tenaro ist todmüde, er kann die Augen kaum noch offenhalten. Er ist jetzt seit zwei Tagen und zwei Nächten auf den Beinen, erst hat er Echsen gejagt am Kalar’terla, dann den Oberbefehl über eine Einheit übernommen, sie sind noch einmal an den See zurückgekehrt, damit die Männer die Handhabung der Draq’ir’lai erproben konnten, sie haben noch sechs der gierigen Bestien erlegt, nach der Abendmahlzeit hat er sich auf den Heimweg gemacht. Ist die ganze Nacht scharf geritten, im Morgengrauen, nachdem sie auf die Hundertschaft aus Beth’anu getroffen sind, hat er mit dem Offizier gesprochen, hastig etwas gegessen und sich gleich wieder auf den Weg gemacht. Ist wieder den ganzen Tag geritten, am Abend haben sie bei einer Garnison haltgemacht und die Pferde gewechselt, es hat noch fast die ganze Nacht gedauert, bis sie in der Feste angekommen sind. Jetzt soll er sich erst einmal ausschlafen, es genügt, dass er hier ist, noch ist der Thain nicht abgerückt. Und wenn Tenaro ausgeschlafen hat, wird er ihm die Regentschaft über das Thainan übertragen, den Oberbefehl über die Entsatz-armee, ihn zum Abschied umarmen und sich an der Spitze seiner Armee auf den Weg machen, um den Plan des Fürsten von Beth’narn zu vereiteln.

Die Boten sind schon unterwegs im Land mit dem gelbroten Banner mit dem Siegel des Thain und den roten Bändern, jeder Mann zwischen fünfunddreißig und fünfundvierzig greift unter das Bett nach seinem Schwert, küsst seine Frau zum Abschied und macht sich auf in die Garnison, aus der er entlassen worden ist. Das ist der Sinn der Übungen, die die Provinzen in jedem zweiten Jahr abhalten, die Männer bilden das Entsatzheer, wenn die Armee des Thain geschlagen oder zu sehr ausgedünnt ist, um noch erfolgreich zu kämpfen. Früher sind es einfach nur zwei lustige Drittteile für die Männer gewesen, ohne keifende Frauen, ohne jammernde Kinder. Sie haben im Freien in Zelten geschlafen, über das Essen der Feldköche geschimpft, Scheingefechte mit Holzschwertern ausgetragen, Garnison gegen Garnison, der Gewinner hat sich mit goldenen Bändern schmücken dürfen. Es ist eine Abwechslung gewesen für die Bauern und Handwerker, Holzfäller und Erzsucher, es hat selten Verletzte dabei gegeben, und danach sind sie zurückgekehrt in den Schoß ihrer Familien, haben ihren Frauen vielleicht noch ein Kind gemacht, damit es noch einen Soldaten mehr gibt im Heer des Thain. Erst der erste Überfall auf Beth’kalar vor dreizehn Jahren hat ihnen wieder zu Bewusstsein gebracht, dass es auch einen ernsthaften Hintergrund dafür gibt. Es ist kein Spiel, sie sind es, die die letzte Verteidigungslinie bilden, wenn die Armee des Thain geschlagen oder aufgerieben ist. Sie sind es, die sich dann den Angreifern in den Weg stellen, Haus und Hof und ihre Familien verteidigen gegen den Schrecken des Krieges. Und seit dem zweiten Angriff vor drei Jahren, in dem schrecklichen Jahr, in dem sie fast ihren Sa’Rimar verloren haben, sind die Schwerter unter ihren Betten immer scharf.

Vor dreizehn Jahren ist Tenaro erst acht gewesen, noch ein Kind, kein Heerführer, der halbwegs bei Sinnen ist, übergibt den Oberbefehl über eine Armee, auch wenn es nur eine Entsatzarmee ist, an einen Achtjährigen, dessen größtes Vergnügen es ist, auf der Landstraße zu Pferd Hühner zu jagen. Damals hat der Marschall des Thain das Amt in seinem Namen übernommen. Vor drei Jahren hat er selbst gedient in der Armee, er war schon achtzehn, er ist nicht mit den Sechzehn- und Siebzehnjährigen in der Garnison zurückgelassen worden, um sie vor dem Grauen der Schlacht zu bewahren. Und er ist auch da noch zu jung gewesen, um wirklich befehlen zu können, wieder hat es der Marschall für ihn übernommen. Jetzt ist er einundzwanzig, im Kronsaal als Thronfolger vorgestellt worden, dieses Mal übernimmt er die Aufgabe selbst. Mit Metú an seiner Seite, einem hohen Kommandierenden als Stellvertreter, und dem Yen-Meister als Berater. Auf seinen eigenen Wunsch, auch er schätzt Rat und Weisheit des älteren Mannes.

Viel gibt es noch nicht zu tun für ihn, die Männer sammeln sich noch in den Garnisonen, dann werden ihre Kommandierenden sie in das Feldlager führen, das auf halbem Weg nach Beth’kalar für sie vorbereitet wird. Wenn sie dort eingetroffen sind, wird ein Kurier ihn informieren, er wird sich zu ihnen begeben, sie inspizieren, dann werden sie gemeinsam auf die Nachricht des Thain warten. Auf den Befehl, ihm zu folgen, weil die Dinge schlecht stehen, oder das Lager aufzulösen, weil der Krieg gewonnen ist. Tenaros jüngerer Bruder Mereno dient bei den Kurieren, er hofft, dass er es ist, der die Nachricht überbringt, es wird ihn so oder so in Sicherheit bringen. Tenaro ist nicht nur sein Bruder, er hat auch den höheren Rang, er kann ihm einfach befehlen, bei ihm zu bleiben. Oder ihn mit einer Nachricht zur Thaini schicken und dem Befehl, die Verteidigung der Feste für sie zu übernehmen. Oder in die Berge, um Baumhörnchen für ihn zu jagen. Er wird ihn schon heraushalten aus dem Schlachtengetümmel, es wird ihm nicht ergehen wie ihm selbst.

Auch die Regentschaft wird ihm nicht viel Arbeit machen, das Land befindet sich im Krieg, es gibt nichts zu entscheiden, der Thain hat sein Haus bestellt, bevor er abgerückt ist. Keine Gesetze zu verabschieden, die Steuern und Abgaben auf die diesjährige Ernte sind festgelegt, ein wenig höher als im letzten Jahr, es ist ein gutes gewesen für Beth’anu. Die Gerichtsbarkeit der Krone ruht, der oberste Richter wird ihm nur die Fälle vorlegen, deren Bestrafung ausschließlich in den Händen des Thain liegt. Majestätsbeleidigung, Hochverrat, Landesverrat, sie sind sehr selten in Beth’anu. Der Thain sieht es nicht als Beleidigung an, wenn ihn jemand einen Deppen schimpft, weil er vom Pferd gefallen ist, wie es ihm bei der letzten Jagd passiert ist, als sein Pferd vor einem auffliegenden Vogel gescheut hat. Die Thaini liebt ihren Mann zu sehr, um ihn zu hintergehen. Und die Bewohner von Beth’anu lieben ihr Land zu sehr, um es zu verraten. Er ist anwesend als Regent des Thain, das genügt. Und wenn er sich zu der Entsatzarmee begibt und sein Amt als ihr Oberkommandierender antritt, wird die Thaini in seinem Namen die Regentschaft übernehmen. Das hätte sie auch gleich tun können, sie hat es die letzten beiden Male auch getan, aber er ist nun einmal der Sa’Rimar, es ist seine Aufgabe, das Land zu regieren, wenn der Thain nicht anwesend ist.

Der Kurier trifft ein, die Männer sind versammelt im Feldlager. Es liegt auf halbem Weg zwischen der Feste und der Grenze zu Beth’kalar, neben der großen Straße, die sie verbindet, der Thain hat den Platz strategisch gewählt. Hier decken sie beide Richtungen ab, sie sind schnell bei ihm, wenn er es nicht schafft, den Feind mit Hilfe seiner Armee zu stellen, aber sie sichern auch das Land hinter ihnen, die Familie des Thain, die Dörfer und Ansiedlungen bis an den Fuß des Drat’kalar. Das Land vor ihnen ist leer, die Dörfer verlassen, die Felder abgeerntet, das Vieh weggetrieben. Die Bewohner in Sicherheit gebracht, untergekommen bei Verwandten weiter im Osten, einquartiert in leerstehende Garnisonen, es werden keine Opfer zu beklagen sein unter der Landbevölkerung. Und wenn sie es nicht schaffen, den eindringenden Feind zum Stehen zu bringen, ihn in eine Schlacht zu zwingen, die die Entscheidung bringt, wenn auch das Entsatzheer nicht verhindern kann, dass sie weiter und immer weiter vorrücken in Richtung der Berge, dann werden sie sich in ihr Schicksal ergeben. Dann ist es Melaks Wille gewesen, dass sie verlieren, und sie werden ertragen, was immer es ihnen bringt.

Tenaro reitet ihre Reihen ab auf Griud, einige der Männer, die aus Dörfern in der Umgebung der Feste stammen, grinsen, als sie ihn sehen, sie kennen den schwarzen Teufel nur zu gut. Schnell wie der Wind, und geritten, als ob es kein Morgen gibt. Mit und ohne Sattel, lang hingestreckt auf dem Rücken des großen Pferdes, die eine Hand am Zügel, die andere in die Mähne gekrallt, und immer mit einem Lachen im Gesicht. Oder einem reumütigen Grinsen, wenn es mal wieder ein Huhn nicht geschafft hat, den donnernden Hufen zu entkommen. Kindern weicht er aus, Hunde überspringt er, Katzen sind schnell genug, ihm aus dem Weg zu gehen, nur Hühner landen oft im Kochtopf, wenn Tenaro den Weg durch ihr Dorf nimmt. Er entschädigt sie dafür, er zahlt den Preis, den sie auch auf dem Markt für das Huhn erhalten, fünf Kupferplättchen, aber seine Art zu reiten hat schon so manches Federbett gefüllt. Heute tut er es nicht, er ist sich seiner Würde als ihr Oberkommandierender bewusst. Er reitet ihre Reihen im Schritt ab, angetan mit seinem gelbroten Überwurf, die Brosche mit dem Rangabzeichen des höchsten Kommandierenden, das Siegel des Thain über zwei gekreuzten goldenen Schwertern, auf der rechten Schulter, sie hält den roten Umhang, der hinter ihm auf der Kruppe des Pferdes liegt. Er trägt keinen Helm, sein hellbraunes, von sonnengebleichten Strähnen durchzogenes Haar fällt lang auf seine Schultern, seine linke, mit einem ledernen Reithandschuh bedeckte Hand hält den Zügel. Er verdeckt die goldene Hand, aber jeder Mann weiß, was sich darunter verbirgt. Und es ist nicht einer unter ihnen, der sich zurück wünscht in die Sicherheit von Heim und Hof. Tenaro ab‘Daikim, er ist ihr Sa’Rimar, ihr zukünftiger Thain, er hat gelitten für sein Land und damit auch für sie, wohin er sie auch führt, sie werden ihm folgen. Bis in die Hölle zu den Demoni, und wieder hinaus, wenn es Melaks Wille ist.

Sie richten sich ein in ihrem Lager, noch ist keine Nachricht des Thain gekommen. Es ist erst zehn Tage her, dass er die Feste verlassen hat, um sich an die Spitze seines Heeres zu setzen, und auch er hat sich unter dem Torbogen herabgebeugt von seinem Pferd und seine Thaini zum Abschied geküsst. Es hat ihr fast das Herz gebrochen, aber sie hat es sich nicht anmerken lassen. Sie liebt ihn von Herzen, er ist ihr ein guter und zärtlicher Mann, sie wird sehnsüchtig auf seine Rückkehr warten und jeden Abend zu Melak beten, dass er ihn sicher zurückbringt zu ihr. Und sie weiß ihn gut beschützt.

Tenaro hat vor dreizehn Jahren ehrfürchtig und mit großen Augen zu ihm aufgeschaut, als er ihn das erste Mal in seiner traditionellen Kriegerkleidung hinter seinem Vater hat stehen sehen, damals, als sie sich aufgemacht haben auf den Eilmarsch, um Beth’kalar Hilfe zu bringen. Er hat ihn fast nicht erkannt, er kennt ihn nur in seiner Alltagskleidung oder dem zweiteiligen Anzug aus ungebleichter Strauchwolle, den er trägt, wenn er sie die Kampfkunst ohne Waffen lehrt. Er ist ein Meister, selbst der Thain verbeugt sich vor ihm, wenn er den Übungsraum betritt. Kaum größer als er, aber breiter gebaut, mit gestählten Muskeln, und er wirkt noch breiter in dem langen geteilten Rock, dem Hemd, das über der Brust übereinandergelegt ist, und dem offenen Wams aus gestepptem Leder mit den überstehenden Schultern. Er hat einen breiten Stoffgürtel zweimal um seine Mitte geschlungen, darin stecken gekreuzt zwei Schwerter, wie Tenaro sie noch nie gesehen hat. Lang und schmal, mit bläulich schimmernden Klingen, ohne Handschutz, nur eine kleine ovale Scheibe als Trennung zwischen Heft und Klinge. Eine ehrfurchtgebietende Gestalt, mit einem Gesicht, das keine Regung zeigt, er steht etwas seitlich versetzt hinter dem Thain mit den Händen auf den Heften der Waffen, bereit sie gegen jeden zu ziehen, der dem Mann vor ihm Böses will. Und er zieht sie blitzschnell, schneller als eine Schlange zuschlagen kann.

Sein Name ist Kan’to, er ist ein Schwertmeister aus einem Land sehr weit entfernt im Osten, noch jenseits der Betain’it’Dromar, der Mauer um die Welt, und er ist der Mann, der den Thain beschützt. Er ist geflohen aus seiner Heimat vor dreißig Jahren, er hat sich verliebt in eine junge Frau, die ein Mitglied der höchsten Familie war. Sie hat seine Liebe erwidert, aber sie sind verraten worden. Der Tokai`ren hat ihn zum Tod durch den Strang verurteilt, ein schändlicher Tod für einen Schwertmeister, seine Familie hat ihm zugeredet zu fliehen. Beendet hat er seine Flucht vor den Toren der Feste von Beth’anu, der alte Thain hat ihn zum Beschützer des Sa’Rimar bestimmt, nachdem er gesehen hat, was Kan’to zu tun imstande ist mit den beiden schmalen bläulich schimmernden Schwertern in seiner Hand. Aus dem Sa’Rimar ist ein paar Jahre später der Thain geworden, Kan’to ist sein Beschützer geblieben.

Und auch Tenaro hat gesehen, was Kan’to vermag mit seinen Schwertern, bei einem Ausritt an den Rand der Wüste, als er zwölf gewesen ist. Eine der Patrouillen, die entlang der nördlichen Grenze verhindern sollen, dass sich allzu Wagemutige in dem See aus Sand verlaufen, hat Nachricht geschickt an den Thain. Sie haben den Kadaver eines Tieres gefunden, es sieht aus wie eine der wilden Katzen, die hoch oben in den Hängen des Drat’kalar leben, aber sein Fell ist nicht gefleckt, es ist gelb mit schwarzen Streifen. Und das tote Tier ist groß, grösser als jede der wilden Katzen, die je erlegt worden ist. Der Thain hat es in Augenschein nehmen wollen, Tenaro und sein Bruder haben gebettelt, der Thain gelacht und sie mitgenommen. Ein gemütlicher Ritt von zehn Tagen, sie haben im Freien geschlafen und ihr Essen am Lagerfeuer gekocht, den Thain hat es fast ein Bein gekostet. Wenn Kan’to nicht gewesen wäre.

Sie haben den Kadaver gefunden und bestaunt, das ist wirklich eine große Katze, mit einem mächtigen Gebiss mit scharfen Reißzähnen. Sie muss aus der Wüste gekommen sein, verdurstet auf dem Weg, ausgetrocknet durch die Hitze, auch der Kadaver ist nicht verwest, er ist vertrocknet. Kan’to hat vorgeschlagen, das Fell und den Kopf mit dem beeindruckenden Gebiss mitzunehmen, es macht sich bestimmt gut als Teppich auf den Stufen im Thronsaal. Der Thain hat gelacht, und alle werden sich fragen, wo er ihn nur herhat, er hat sich umgedreht, um seinen Dolch zu holen, da hat sich plötzlich eine braune Sandviper aus dem Sand vor ihm erhoben. Lang und groß und gefährlich. Nicht so gefährlich wie die kleinen gelben, ihr Gift tötet nicht, aber es zersetzt das Fleisch auf den Knochen. Es wird schwarz und beginnt zu stinken, und wenn das Bein oder der Arm dann nicht schnell entfernt werden, breitet sich der Brand unter unerträglichen Schmerzen über den ganzen Körper aus, die wenigstens überleben, und die, die es schaffen, sind gezeichnet für ihr Leben. Der Thain ist erstarrt, die Schlange hat ihn angezischt und zugeschlagen, aber plötzlich ist ihr abgetrennter Kopf im hohen Bogen davongeflogen. Keiner hat gesehen, wie er es gemacht hat, keiner hat ihn seine Klingen ziehen sehen, aber jetzt steht Kan’to ruhig neben dem Thain und wischt sie mit einer Handvoll Sand sauber. Tenaro hat es Metú nicht geglaubt, als er ihm erzählt hat, dass der Schwertmeister einen der riesigen Hunde aus Beth’narn im Sprung in zwei Hälften geteilt hat, jetzt hat er es selbst erlebt. Kan‘to zieht seine Klingen schneller als eine Schlange zuschlagen kann. Auch Tenaro weiß seinen Vater gut beschützt.

Sie richten sich ein in ihrem Lager, auch in einer Entsatzarmee, die im Feld liegt, gibt es immer etwas zu tun. Die Feldschmiede hat gut zu tun, Schwerter werden gerichtet, Scharten ausgewetzt, einige auch neu geschmiedet. Sie werden für die Hände der Männer gemacht, die sie schwingen, es hat keinen Nutzen, jemandem ein Schwert in die Hand zu geben, das zu schwer für ihn ist, dessen Heft nicht in seine Hand passt, das er nicht ausbalancieren kann. Während ihrer Ausbildung, wenn sie ihren Pflichtdienst ableisten, kämpfen sie mit hölzernen Übungswaffen, wenn sie achtzehn werden, erhält jeder von ihnen ein Schwert, das der Waffenschmied für ihn gemacht hat. Damit sie auch zurechtkommen damit, wenn sie sich einem Feind ihres Thain in den Weg stellen. Sie üben auch den Kampf ohne Waffen, selbst Griud zuckt manchmal nervös mit den Ohren, wenn ihre Kampfschreie über das Feld dröhnen. Der Meister hat Männer ausgebildet in seiner Kunst, er zeichnet sie mit roten Gürteln aus, wenn sie den Stand erreicht haben, der sie befähigt zu lehren. Es hat schon manches Leben gerettet auf dem Schlachtfeld, weil sie gewusst haben, wie sie den Mann mit dem Schwert in der Hand ausschalten können, wenn sie ihr eigenes verloren haben. Und wenn es ihnen nur die Zeit verschafft, es wieder an sich zu nehmen, es hilft.

Ihre Kommandierenden lassen sie jeden Morgen und jeden Abend antreten zum Appell, dann reitet Tenaro ihre Reihen ab. Sie tragen keine Über-würfe, ihr Stand als Soldat des Thain wird angezeigt durch eine breite gelb-rote Schärpe, die auf der Schulter von einer Brosche gehalten wird. Das Siegel des Thain, der Ring um die drei Sterne, ohne die Buchstaben darum, sie sind der Familie des Thain vorbehalten, dem Thain und dem Sa’Rimar, der nach ihm Thain wird. Auch Tenaros Umhang wird von einer solchen Brosche gehalten, hinterlegt mit zwei goldenen gekreuzten Schwertern, das Zeichen des Oberkommandierenden. Er wird sie auf das Schlachtfeld führen, aber er ist immer noch um so vieles jünger als die Männer, die mit ernsten Gesichtern vor ihm stehen. Es sind die Fünfunddreißig- bis Fünfundvierzigjährigen aus den Dörfern und Ansiedlungen, jung genug, um noch die Kraft zu haben, sich erfolgreich zu schlagen, aber alt genug, um schon eigene Kinder zu haben, Söhne, die ihren Müttern zur Seite stehen bei der Arbeit auf dem Auskommen, das sie zurückgelassen haben. Und es bleiben genug Männer in den Dörfern zurück, um ihren Familien beizustehen, es ist ein Privileg, in der Armee des Thain zu dienen, auch wenn es nur die Entsatzarmee ist. Sie erhalten den gleichen Sold wie die Männer des stehenden Heeres, er wird an ihre Familien ausgezahlt einmal in jedem Drittteil, die Kuriere des Schatzmeisters des Heeres haben die ersten silbernen und kupfernen viereckigen Plättchen schon verteilt, die Zahlmeister der Garnisonen geben sie an die Frauen. Und ihre Witwen werden nicht mit Armreifen abgespeist, wenn ihre Männer nicht zurückkehren, sie sind nicht auf die Gnade oder Ungnade der Markthändler angewiesen, wie es in Beth’narn der Fall ist. Drei kleine Brote, ein Kohlkopf, drei Eier, zwei Äpfel. Manchmal genommen aus den Körben mit der Ware, die zum Verkauf steht, oft genug aus dem Korb unter dem Stand, in dem das liegt, was nicht verkauft werden kann. Die Brote vom Vortag, der Kohlkopf von Mäusen benagt, die Eier geknickt, die Äpfel angeschlagen. Sie leben nicht gut, die Frauen und Kinder, die ihre Männer und Väter der Kriegslust ihres Fürsten geopfert haben. In Beth’anu ergeht es ihnen besser, die Familien der Soldaten erhalten eine Rente, wenn der Mann, der Vater nicht zurückkehrt. Und sie erhalten Unterstützung von der Dorfgemeinschaft, es ist eine Verpflichtung, die der Thain ihnen auferlegt, beim Bestellen der Felder, bei der Ernte der Früchte, bei der Versorgung der Tiere. Der Thain von Beth’anu dient seinem Volk auch damit, dass er für die sorgt, die ihm ihr höchstes Gut geopfert haben.


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