Читать книгу Der Tod des Houke Nowa - Eike Stern - Страница 6
4. Kapitel
ОглавлениеUm von den Kykladen nach Egypten zu gelangen, mussten sie südwärts segeln und überquerten das Mittelländische Meer. Die Nacht, die folgte, war lau, der Mond eine dünne Sichel, da näherte sich die Bireme der Küste des Pharaonenreiches. Um diese Jahreszeit hatte der Nil in der Mündung eine ungeheure Breite, beide Ufer erstreckten sich in nebelhafter Ferne, hielt man sich in der Mitte des Stromes.
Semiris verbrachte die dritte Nacht bei Pollugs und Houke unter der Kielflosse. Weil sie nach einem bösen Traum nicht wieder einschlafen konnte, schlug sie die Decke zurück und stand auf. Sie konnte leise das Schnalzen der Dünung wahrnehmen und dazu vereinzelt ein leises Schnarchen von verstreut Schlafenden. So geisterte sie ziellos über das Deck. Plötzlich wurde sie unter dem Mastbaum drei Gestalten gewahr, die Schatten gleich im Flüsteron miteinander stritten. Da sie keine Notiz von ihr nahmen, drückte sich Semiris in eine nahe Nische und hockte sich auf ein verknülltes Segeltuch, und sie spitzte neugierig die Ohren. Ein hochgewachsener Mann in knielangem Schuppenhemd sprach in einem assyrischen Akzent.
„Der Alte sagte, wer sich an den Frauen vergreift, wird kielgeholt“, entfuhr dem Mann, und da er sich umdrehte, um ein Auge aufs ferne Gestade zu werfen, wo bald die Pyramiden auftauchen mussten, fiel Semiris auf: er trug die langen Haare zusammengebunden im Nacken.
„Eben, ich lebe zu gern und bin nicht von Sinnen“, unkte ärgerlich ein hagerer Kerl, den sie, der dunklen Haut nach, zuerst für den Nubier hielt. „Also lassen wir das.“
„Du verstehst nicht, Habiru“, beschwichtigte ihn der Assyrer.
Auch Semiris wusste schon, dass Habiru ein übles Schimpfwort für die Egypter war, und auch, wen alle so nannten.
„Pass auf“, erklärte ihm der Assyrer. „Die kleine Frau mit den Schlitzaugen und der platten Nase versteht kein Punisch. Was immer wir ihr antun, sie kann sich nicht mitteilen. Sobald einmal ihre Freundin nicht bei ihr ist, werde ich nach Pollugs rufen. Und kommt er, greifst du der Kleinen unter das Kleid. Wirst staunen, was die für ein Geschrei anstimmt.“
„Oh nein, nein, nicht ich!“ Habiru wehrte händefuchtelnd ab. „Hast du Suteman vergessen, Sanherib? Sie werden mich kielholen!“
Sanherib hieb die Faust an den Mast und sah mit geballter Rechter himmelwärts, stöhnte auf. „Großer Baal, warum hast du diesen Mann nicht als Huhn auf die Welt geschickt? Wenn er schon mit dem Gehirn eines Huhnes ausgestattet wurde.“
Er rieb sich nervös über das Kinn. „Dann leite ich es ein und du holst Suteman. Aber so muss es ablaufen.“
Habiru starrte ihn ungläubig an. „Dann werden sie dich kielholen. Suteman hat gesagt, wer den Frauen Gewalt antut, wird ...“
Die Hand des Assyrers fasste auf seine Schulter und schüttelte ihn leicht. „Nein“, unterbrach er den Kleineren. „Ich werde nicht kielgeholt. Du hättest ja zuvor Pollugs gerufen, und ich werde, wenn Suteman hinzukommt, den beschuldigen.“
„Der Alte wird die Kleine ausführlich befragen“, mischte sich der Schwarze ein.
„Na soll er doch“, versetzte der Assyrer und lachte leise. „Ich werde ihr die Worte im Mund umdrehen, und ihr werdet bezeugen, was ich sage. Nicht ich, sondern Pollugs wird kielgeholt.“
„Ohne Pollugs wird der Neue beim nächsten Kaperzug draufgehen“, folgerte der Egypter.
„Genau das wird geschehen, Habiru. Und dann wird ein Wurf nach dem roten Strich entscheiden, wer eine der Frauen abkriegt."
„Nicht übel der Plan, Sanherib“, gab der Schwarze heiser zu. „Aber was ist, wenn Pollugs das Kielholen überlebt? Der ist zäh.“
„Das liegt ganz bei uns“, gab ihm der Assyrer zu verstehen. „Wenn er unter dem Schiff ist, lassen wir das Seil los, an dem er hängt, und er wird ersaufen, ehe er wieder an die Luft geholt werden kann.“
Habiru räusperte sich. „Wenn das so ist, mache ich das, so wie du gesagt hast Sanherib. Und du rufst Suteman.“
„Na also, ich wusste doch, du bist brauchbar.“
Semiris wurde speiübel über das mitgehörte, und sie bekam einen trockenen Hals, so ging es ihr unter die Haut. Sie legte sich hinter dem am Heck aufgeschlagenen Baldachin auf die Planken, bemühte sich, nicht mit den Lidern zu zucken und den Anschein friedlichen Schlummerns vorzutäuschen, bis die drei Männer wieder ihre Schlafplätze aufsuchten. Dann schlich sie zum Heck zurück und rüttelte Houke hoch. „Sie wollen Pollugs umbringen“, berichtete sie aufgeregt.
Houke war sofort hellwach, und sie weckten Pollugs.
„Ihren Plan zu kennen“, stellte der fest, „Ist jetzt unser Vorteil. Jedoch nur, so lange sie von einer Zeugin nichts wissen.“
Zunächst berichteten sie es Kirsa und verabredeten, sobald sie schrie, würde Pollugs die Nähe von Suteman suchen und mit dem gemeinsam zu Hilfe kommen. Und gegen Nachmittag geschah es. Kirsa hielt sich allein am Mast auf, und Sanherib wähnte den Moment günstig und rief nach Pollugs. Aber Pollugs dachte nicht daran, gleich hin zu eilen. Habiru näherte sich ihr, ohne die Falle zu ahnen. Er baute sich mit einem frechen Grienen vor Kirsa auf und langte der ungehobelt zwischen die Beine. Kirsa strafte ihn mit einer schallenden Ohrfeige. Wie ihr Pollugs eingeschärft hatte, rief sie nach Suteman. Der rote Handabdruck auf des Egypters Wange sprach für sich, und Pollugs packte Habiru am Oberarm, worauf der es mit der Angst bekam. „Was ist denn hier passiert“, bellte Suteman und nickte grimmig, als sei ihm das durchaus klar. Sein Blick wurde streng. „Ich habe euch gewarnt“, fuhr er Habiru an. „Du wirst dich erinnern. Und du weißt: Ich bin kein Freund leerer Drohungen.“
Dadurch drohte das Kielholen nicht Pollugs, sondern Habiru wurden die Hände gebunden und die Füße zusammengeschnürt. Er wünschte sich, er hätte auf den eigenen Verstand gehört, doch gab es kein Erbarmen bei den Schwertfischern. Früh am Morgen legte man ein Seil vom Bug bis zum Heck und ließ es, mit Bleiklümpchen beschwert, von der Bordwand ins Meer sacken, bis es unter den Kiel griff. Er wurde daran gebunden und mit den Füßen voran unter den Bug gezerrt. Der Mannschaft fiel die Aufgabe zu, ihn mit vereinter Kraft unter das Schiff hindurch zu ziehen. Eile war geboten - alle gaben auf Deck ihr Bestes, ebenso Houke und Pollugs. Doch es war zuviel für den schwächlichen Mann vom Nil. Seepocken und Muscheln können schneiden wie Messer, und die triefende Leiche, die sie am Heck aus dem Meer zogen, war blutig, als hätte man sie den Tatzen eines Tigers entrissen. Nichts konnten sie mehr für den Armen tun und übergaben ihn dem Strom, der in seiner Heimat Welt und Unterwelt schied.
„Das habe ich nicht gewollt“, schluchzte Semiris.
„Ich auch nicht“, erklärte ihr Pollugs. „Der Falsche musste es büßen. Es war Sanheribs Plan und der von Anuhlada. Das kannst du mir glauben oder nicht. Habiru war bloß der Esel, den sie benutzten, es in die Tat umzusetzen.“
„Glaubst du, die geben jetzt Ruhe?“, fragte Houke leise.
Pollugs runzelte die Stirn. „Glaubst du das?“
„Nein“, gestand er.
Beunruhigt streiften Pollugs‘ Augen hinüber in das angespannte Gesicht von Semiris. „Sanherib wird auf Rache sinnen. Kirsa soll sich vor dem Laderaum hüten. Mach ihr das klar. Sonst wird sie bald wieder belästigt.“
Erschrocken blickte Kirsa nieder. Sicher verstand sie das Wenigste von dem, was die Männer so aufgeregt besprachen, aber dass man sie meinte, wurde ihr bewusst. Pollugs sah sie bedeutungsvoll an. „Ich wäre gezwungen, einzugreifen“, erklärte er. „Wie könnte ich dir denn in dem Moment sonst helfen? Und dann ginge Sanheribs Plan doch noch auf.“
Kirsa schluckte. Ob sie ihn verstanden hatte?
Houke dachte nach, und ihm fiel ein, sie würden in zwei Tagen den Hafen von Memphis erreichen. Dort sollten die beiden Mädchen an Land gelassen werden, denn Weiberbekanntschaften wie die, die sich ihm und Pollugs erschlossen, waren an der Tagesordnung bei den Schwertfischern. Es war ungeschriebenes Gesetz, diese währten höchstens bis zum nächsten Hafen. „Ob Hasdrubal uns für zwei Tage sein Kämmerchen im Laderaum überlässt?“, überlegte Houke bei diesen Aussichten. „Ich hätte da vier Kupferstücke im Wert von einem egyptischen Deben anzubieten, oder drei Ringe im Beutel, oder ein fingerlanges Silberstück.“
„Mitunter“, sagte Pollugs, „hast du gute Ideen. Das Silberstück sollte allerdings ausreichen für den Zweck, wenn du so gut schachern kannst wie nach dem Blutstrich werfen.“
Semiris fiel ihm dafür um den Hals. „Ich hätte kein Auge zugetan bis Memphis“, hauchte sie, und Houke ging sofort zum Steuermann.
Zum Abend stiegen sie, mit ihrer wuchtigen Truhe beladen, in den Schiffsrumpf hinab. Der Verhau von Kabine enthielt eine Pritsche und einen alten Korbsessel. Dicke Luft schlug ihnen entgegen, vom Dunst einer Tranlampe, von wohlriechenden Salben und von verschüttetem Wein. Auf einer kleinen Kiste erhob sich ein spitzer Berg zerflossenes Wachs mit einer aufgetropften Kerze, von denen unzählige im Laderaum lagerten. Pollugs’ Blick schweifte zur Tür, und Houke legte den Riegel vor und kramte aus der erbeuteten Kiste ein Bärenfell hervor, während die Mädchen die Pritsche mit einer Brokatdecke bezogen, um sich anschließend gemeinsam auf dem Lager niederzulassen. Pollugs sah, wie eng es wurde und verweilte an der Tür. „Ich werde erstmal Archi fragen, wie es um die Stimmung an Bord steht, nach dieser Seebestattung.“
Als er die Tür hinter sich zudrückte und Houke den Riegel vorlegte, ergriff Semiris das Wort. „Ich möchte am liebsten nie wieder auf Deck“, vertraute sie Houke an und verkrampfte die auf dem Schoß liegende Hand in das Bärenfell, mit dem sie sich zudeckten.
Kirsa flüsterte ihr etwas ans Ohr, wechselte zum Korbsessel hinüber, dass der zu schaukeln begann, und erweckte den Anschein, sie fühle sich geborgen und wollte nichts mehr als schlafen und das genießen. Die eintretende Stille spürte nicht nur Houke, aber der schnaufte, als wäre ihm eine Laus über die Leber gekrochen. Genau einmal versuchte er, sich einem Mädchen zu nähern, und es blieb in seinem Gedächtnis haften, da ihm Alda erklärt hatte, wie leicht man mit Zärtlichkeiten eine Freundschaft zerstören kann, und was das Werben angeht, hatte er sich wie ein Stümper abkanzeln lassen. Die Furcht erwachte, er könnte mit den falschen Worten das gewonnene Vertrauen zerstören, und das lähmte ihm die Zunge. Was er auch sagen würde, es könnte nach Abschied schmecken, denn ihre Wege würden sich bald entzweien.
„Ich wuchs Am Rande einer Wüste auf“, erinnerte er sich. Und manchmal ist es als würde die brütende Hitze aus den Dünen auf die Stadt übergreifen. Jede Kreatur meidet an solchen Morgenden die Sonne. Ich floh gewöhnlich in den Fischerhafen von Aschkelon. Und dann kamen mir die Stunden wesentlich länger vor als um die Jahreswende, wenn keine Karawanen mehr gehen und bitterkalte Nächte anbrechen.“
„Na ja“, sagte sie, „wie es einem eben vorkommt.“
„Nein, es kam mir öfter als einmal so vor. Und ich habe öfter als einmal auf Ebbe und Flut geachtet, saß ich an meiner gewohnten Stelle bei den Steinen am Fischersteg.“
Semiris fing an, ernsthaft darüber nachzudenken und lernte ihn heute um einiges besser kennen. Er entdeckte einen kleinen Stapel Kerzen in der Ecke der Kabine, brach die gebrauchte Kerze vom Wachsberg, um sie gegen eine neue auszutauschen und gab das Flämmchen daran weiter. „Es wird gerade dunkel. Wir wollen mal sehen, wie viele Kerzen herunterbrennen, bis der nächste Morgen anbricht.“
„Warum?“, wollte sie wissen.
„Um bei Tagesanbruch eine neue Kerze aufzupflanzen. So können wir nach einem Tag sehen, ob Tag und Nacht stets gleich lang dauern, oder…“
Verwundert betrachtete sie ihn. „Wo ich geboren bin, preisen sie das Helioskind, das mit seinem Sonnenwagen die Welt erleuchtet, aber es verdrängt immer bloß für einen Tag die Finsternis, denn über die Nacht gebietet Selene, seine Schwester. Ihr Name verbindet sich bei uns mit Erde, Grab und Totenwelt, und sie treffen sich nie.“
Houke hielt irritiert die Luft an. „Na, auf jeden Fall haben wir genug Kerzen, uns diesen Spaß erlauben zu können.“ Er blickte befangen auf ihre nackten Füße. Sie lehnte an der Holzwand und hielt ihre Knie umschlungen, und er fragte sich, ob er sich jetzt etwas einbildete, denn Kirsa schnarchte. Zwar leise wie eine Katze, aber sie schnarchte. Endlich waren sie unter sich.
Wie man sich fühlt, wird man aus dem geregeltem Wohlleben heraus ins Elend gestürzt, hatte Houke am eigenen Leib erfahren müssen, und auch, dass Dinge und Ereignisse, für die wir zuvor kein Auge hatten, dadurch einen neuen Wert erhalten können. Semiris Lächeln genügte, um einzusehen, die Sklaverei stellte eine unsagbare Ungerechtigkeit dar und kein schicksalhaftes Unglück. „Bist du als Sklavin geboren?“, fragte er verstohlen.
Ein wehmütiges Lächeln huschte ihr über Augen und Mund. „Ja, und ich kann mich glücklich schätzen, noch zu leben. Im Schlafhaus der Sklaven geborene Säuglinge wurden, noch blutig von der Geburt, im Fluss ertränkt wie Katzen. “
Houke schüttelte sich, so unbehaglich wurde ihm zumute, besann er sich auf mysteriöse Geschwister, die als Findelkinder aufwuchsen, falls sich ihrer ein Nachbar erbarmte, doch darüber wollte er nicht reden. „Wir halten auch Sklaven, und mein Vater lässt, wenn es sich bietet, Eheleute beisammen. Das fördert den Familienzusammenhang unter den Unfreien, und jeder Sprössling mehrt schließlich sein Vermögen.“
Semiris erschrak, wie unbekümmert er das zum Besten gab. Auch ihr einstiger Herr redete in diesem Ton, und es störte sie nie, doch das Gefühl, mit Houke auf Augenhöhe zu sein, wurde schlagartig weggewischt unter der Erkenntnis, für ihn immer eine Kreatur gleich dem Vieh zu bleiben. „Der Mensch ist mit neun Jahren noch unfähig, gewaltige Schicksalsschläge in ihrer Tragweite zu erkennen,“ bemerkte sie, die Stimme belegt, als wolle sie gleich brechen. „Und das ist ein gnädiges Geschenk der Natur, sonst würde jeder Hand an sich legen, ehe er das Alter von zwanzig Jahren erreicht.“
Sein Leben lang hatte Houke die Vorzüge der Sklaverei nie in Frage gestellt. Als ob das Leben nicht ohnedies kompliziert genug wäre, überlegte er, doch es rüttelte erheblich an seinem Weltbild, und Semiris nahm gleich wieder den Faden auf. „Prodikus, dem meine Mutter gehörte, ließ mich zunächst bei meiner Mutter. Sie war damals schon auf den Tod krank und starb, ehe ich zehn war. Sie war schwindsüchtig, und noch heute sehe ich oft im Traum ihre großen, schwarzen Augen, von Schatten umflort, die der Tod schon gezeichnet hatte. Ich durfte ihr helfen, schwärmten wir zur Lese auf den Weinberg aus, und wenn die Kiepe voll wurde, dann durch mich. Oft musste ich sie stützen, und die schlechte Behandlung auf dem Feld beschleunigte den Verlauf ihrer Krankheit, ehe unser damaliger Herr ein Einsehen mit ihr hatte und sie zur Betreuung seiner greisen Mutter ins Haus abrief.“
Houke griff verlegen nach seiner Nase, und Semiris zog ernst die Brauen hoch, um nicht von ihm unterbrochen zu werden. „Nie jammerte sie über Beschwerden und hatte doch einen Leistenbruch, der sie fast am Gehen hinderte, da ihr ganzer Unterleib mit Bandagen gewickelt war. Sie machte kein Geheimnis daraus, wie sehr sie den Tag herbeisehnte, an dem sie zu den Schatten ihrer Lieben hinabsteigen würde. Sie war fest überzeugt von einem weiteren Leben nach diesem irdischen. Ich sehe mich noch auf ihrem Schoß sitzen, unter lauter fremden, stummen Menschen an Bord eines Seglers. Ich sehe, wie wir im Licht einer feurigen Sonne am unirdisch leuchtenden Tempel von Lindos vorbeidriften, bevor in der Nähe Anker ausgeworfen werden. Und schon damals ging es mir durch den Kopf, welch seltsam widersprüchliche Früchte das Trachten der Mensch doch hervorbringt: Da fahren Schiffe, mit allem Elend des Erdkreises beladen, an weißen Tempeln auf hochragenden Felsen vorbei, und wenn in den Schiffsleibern die Elenden verrecken, opfern da oben weißgekleidete Priester vor vergoldeten Götterbildern. Damals schienen mir all die hehren Tempel zum Verderben der Armen und Elenden errichtet…“
„Und dann starb sie?“
„Auf dem Sklavenmarkt von Delos. Auf dem drehbaren Podest am Eingang hatten sie einige wohlgestaltete Nubier aufgebaut und bestrichen ihnen zum Zeichen, erst kürzlich aus Übersee eingetroffen, einen Fuß mit Gips. Hinterher sollten wir wie Ramschware weggehen, doch sackte sie mir dort wie vom Blitz getroffen in die Arme, ich konnte sie nicht halten. Man zog mich von ihr fort, umsonst klammerte ich mich an sie. Ich habe keine Ahnung, wo ihre Gebeine liegen.“
Houke ahnte, wie sie damals litt und sah sie mit herabgefallenem Kiefer an. „Warum wurdet ihr verkauft?“
„Eine Haussklavin kriegt es mit, wenn den Herrschaften die Felle wegschwimmen. Prodikos Wohlstand muss wohl den Neid eines Gottes erregt haben. Irgendwann breitete sich Mehltau über die Weinberge aus. Wir mühten uns, die kranken Rebstöcke auszumerzen, doch vergebens. Die Weinlese brachte dermaßen klägliche Ergebnisse, dass Prodikos den Weinberg hätte neu bepflanzen müssen, und dafür fehlten die Mittel. So wälzte er das Verhängnis auf seine Sklaven ab und stieg auf Schafzucht um. Alle Sklaven, bis auf zwei, kamen unter den Hammer.“
Als Houke erschüttert nickte, sprach Semiris aus, was sie in dem Augenblick dachte. „Schade, wir werden uns wohl aus den Augen verlieren.“
Mochte sie ihn? Bedauerte sie es wirklich?, fragte sich Houke.
„Du sagst doch, du gehörst so wenig zu dieser Bruderschaft wie ich“, erinnerte sie ihn. Ihr Blick forderte ihn heraus. „Magst du mich, Houke?“
Er schluckte. Die Augen streiften zur Holzdecke hinauf. Dann sah er sie freudig an. „Ja, ich mag dich, Semiris. Du hast das schönste Kinn, das eine Frau haben kann, so gerade wie ich mir das Antlitz der hellenischen Arthemis vorstelle. Deine Art zu reden erinnert mich an meine große Schwester, aber mit der habe ich mich zuletzt manchmal gestritten wie ein altes Paar. Ich glaube, mit dir geht das gar nicht.“
Die hohe Stirn gesenkt, ließ sie auf sich einwirken, was er sagte. Es machte sie verlegen und regte ihr Herz an, schneller zu schlagen. „Weißt du warum ich dich mag? Weil ich mich in deiner Nähe stärker fühle.“ Sie strich sich das lange Haar aus den Augen. „Ich spüre, dass du mich gegen jeden verteidigen würdest. Und du hast so einen Zug um die Mundwinkel, der gefällt mir - ebenso wie deine Augen.“
Es tat Houke gut und machte ihm Mut. „Schmeichelhaft“, seufzte er. „Schön, wenn man über die gleichen Dinge lachen muss.“
Aber sie hatte ihm noch mehr mitzuteilen. „Ja, das finde ich auch. Gut, dann komme mit mir, wenn ich in Memphis an Land geschickt werde“, forderte sie. „Warum springst du in Memphis nicht einfach von Bord und verschwindest im Hafen? Wir könnten uns überlegen, wo wir uns wiedertreffen. Bei einem Tempel vielleicht.“
Houke überschlug im Geiste sein Verhältnis zu Leuten wie Archaz oder Larban, der ihn immerhin aus Distanz grüßte, und dann seine Beziehung zu Hasdrubal und sagte leise: „Hasdrubal ist mir gewogen, für die beiden Ringe, die es ihm einbringt, falls wir für die nächsten Tage hier wohnen. Aber Hiram hat ein wachsames Auge auf mich. Ich glaube, er würde mir nachspringen.“
Sie lauschte seiner Stimme und fasste, als wären sie längst Mann und Frau, enthusiastisch nach seinem Handgelenk. „Bitte lass mich nicht allein, sind wir in Memphis.“
In dieser Sekunde begriff er, wie ernst es Semiris mit ihrem Vorsatz sein musste. Sie schob ihm die Entscheidung zu, wie wichtig es ihm war, sie nicht wieder aus den Augen zu verlieren.
Bisher hatte er für sie eine Zuneigung gefühlt, ähnlich dem, was er für früher für Alda empfand, die ihn so oft vertröstete, oder für seine Schwestern, die ja jetzt vielleicht in Aschkelon im Garten auf der Steinbank den Abend erlebten und über ihn redeten. Mehr nicht, weil er mehr nicht zu hoffen wagte. Auf einmal wurde ihm klar, ihre Nähe gab ihm eine Wärme, die keine andere Frau ihm geben konnte. Er hatte sie nie als Sklavin gesehen, eher als Frau mit einem warmherzigen Lächeln, viel zu schön für ihn. In seinem Herzen wühlte die Befürchtung, für sie ledig der Schützling von Pollugs zu sein, und seine Schüchternheit beschwor ein Problem herauf. Beides hatte sie ihm mit ihrer plötzlichen Offenheit genommen, und es war an ihm, zu entscheiden, was er in dieser Stunde daraus machte.
„Ja“, sagte er leise, „ich komme mit. Aber du musst Geduld aufbringen.“
Von dem Moment an hätte Semiris ihm keine Bitte mehr abgeschlagen. Zufrieden streckte sie sich auf dem Bett aus. So dringlich war es mit der Flucht jetzt gar nicht mehr, dass man nicht das Pläne schmieden auf einen späteren Zeitpunkt verschieben könnte.
Mit einem gelösten Schmunzeln merkte sie wie er die Hand auf ihr Knie verlagerte und das Leinenkleid nach oben schob, sodass es sich über ihrem Bauchnabel bauschte. Das Haar an ihrem Schoß war so dunkel wie das unter ihren Achseln. Semiris empfand keinerlei Scham, doch das Herz klopfte ihr wie an dem Tag, an dem sie ihre Unschuld verlor, und sie erinnerte sich der Zeit, die sie bei Nikia in Agia Photia zubrachte, im Haushalt eines alten Gutsherren auf Kreta. Dessen Berührungen hatten sie nie erregen können. Von Houkes Hand ging ein Reiz aus, unter dem sie erschauerte. Sie strich um ihre Schenkel und suchte die Lenden - und plötzlich lagen sie übereinander, küssten sich, und fühlten, wie sehr sie zusammengehörten. Niemand hörte sie seufzen in dieser Stunde, aber Semiris fühlte sich geliebt – eine ganz neue Erfahrung für sie. Lieber wäre sie gestorben, als Houke danach noch wieder aufzugeben.
Es geschah, während Kirsa leise aber hörbar im Hintergrund schnarchte, fast wie ein zur Kabine gehörendes, kleines Kätzchen. Die erste Kerze war heruntergebrannt, es war Mitternacht, und sie lagen danach nebeneinander und starrten zur Holzdecke empor, auf der Schritte umherwanderten, weil jemand übers Deck schlich. Sehr genau ließ sich sagen, oben hatten sich einige aus der Mannschaft am Mastbaum getroffen und warfen Gegenstände wie Ringe und Steinchen nach einem fast verblichenen Strich. In ungleichen Abständen kullerte immer wieder etwas klackernd über die Decke der Kabine.
„Um was sie wohl werfen?“, rätselte Houke und tropfte die nächste Kerze fest.
Da klopfte es. Er nahm den Riegel ab, und Pollugs trat ein. „Diesmal geht Suteman anders vor. Sie haben sich geeinigt, das nächste Schiff, das diesen Arm des Deltas nimmt, zu kapern. Sie wollen kein Getreide, sondern Schmuck. Schmuck ist nun einmal das beste Zahlungsmittel.“
Houke holte betreten Atem, denn es war viel, was Pollugs da an Neuem brachte. Beim letzten Entern hatte er seine Angst vergessen, sagte er sich, aber das half ihm wenig, wenn es darum ging, der nächsten Kaperfahrt gefasst entgegen zu sehen. Er erneuerte nur in Gedanken den Bund mit Pollugs. Pollugs war perfekt mit seiner minoischen Doppelaxt und bei seiner Geschicklichkeit so gut wie unverwundbar. Durch ihn würde er auch den nächsten Kampf überstehen. Er wünschte, es läge schon hinter ihm.
Pollugs’ Blick fiel auf die brennende Kerze. „Das weckt Erinnerungen“, bemerkte er, „an die Kaperzüge, von denen keiner aus der Bruderschaft gerne erzählt.“
„Du vergisst das Erz, das sich zu den Kerzen noch anfand. Das sind mindestens zwanzig Deben.“
„Stimmt. Eisenerz ist wertvoller als Gold“, gab ihm Pollugs Recht. „Aber ich habe schon erlebt, dass wir ein Schiff geentert haben und nur einen Laderaum voll Weinfässer gewannen. Die Leute stolperten nachher mit roter Nase an Deck umher, bis Suteman anordnete, den Laderaum zu bewachen. Den Rest haben wir in Anheba verhökert - gegen zwanzig Schekel in Silber.“
Houke und Semiris hielten sich die Bäuche vor Lachen, und Kirsa, die nicht so recht wusste, ob Lachen angebracht war, kicherte leise. Pollugs fügte hinzu: „Ein anderes Mal fanden sich zwei Hände voll Eunuchen im Laderaum. Aber Hasdrubal hat in Ugarit immerhin fünfzehn Schekel Silber dafür herausgeschlagen.“
Houke nickte nur, denn ihm fiel wieder ein, was Suteman als nächstes plante. „Mir ist flau bei dem Gedanken an Morgen“, erklärte er.
Pollugs betrachtete ihn einen Augenblick wie ein Vater, der sich fragt, ob sein Sohn schon selbstständig ist, und sagte, „ich habe auch ein ungutes Gefühl. Ich glaube, morgen sterbe ich.“
Houke stand auf einmal aufrecht vor ihm in der Kammer. „Werde nicht sentimental Pollugs. Visionen sind den Priestern vorbehalten - du denkst, es könnte so sein, und hast dich da böse in etwas hineingesteigert.“
Es kränkte ihn nicht, Pollugs lachte ihn an. „Du kannst es mir glauben – oder nicht. Was in mir vorgeht, bilde ich mir nicht ein. Es ist ein Gefühl, wie es eine Blume haben könnte, die sich schließen will.“
„Du sprichst manchmal eine seltsame Sprache“, entgegnete Houke. Durch das tägliche Zusammensein mit Pollugs war er in den letzten Tagen aufgeblüht zu einem freieren Menschen. Durch ihn verstand er es mittlerweile meisterhaft, nach dem Blutstrich zu werfen. Machte er mit, gewann er jedenfalls meistens. Ja, sein Ansehen hatte zugenommen – nur die Beliebtheit litt. Als er zurückrechnete zu dem Tag, an dem das Schiff seines Vaters brennen musste, lag das 22 Tage zurück. Eine Stimme in seinem Hinterkopf riet ihm, nicht länger als bis Memphis dabeizubleiben. Der einzige Freund, auf den er neben Pollugs rechnen konnte, war Archaz, der Armenier. Doch was konnte er von dem erwarten? Und Larban? Der lächelte zwar wohlwollend, sahen sie sich manchmal von Ruderbank zu Ruderbank an, zeigte ihm jedoch oben eher die kalte Schulter, und Houke wurde unwohl bei der Vorstellung, Pollugs könnte wirklich etwas zustoßen.