Читать книгу Der Tod des Houke Nowa - Eike Stern - Страница 7

5. Kapitel

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Der Felsen, in dessen Schatten die Bireme vor Anker lag, leuchtete in der Vormittagssonne wie Kreide, und an den Kräutern, die hier und da an der Steilwand blühten, summten wilde Bienen. Houke hatte das langatmige Warten schon einmal durchgemacht und musste an die Kerze denken, die unterdessen in der Kammer weiterbrannte.

Die Mädchen beobachteten verträumt die Wasserspiele einer Schar wandernder Delfine, deren elegante Spindelkörper sich spielend auf und nieder schwangen, und Pollugs erklärte ihnen; „das sind im Delta ungern gesehene Gäste. Die wollen sich in den reichen Fischgründen des Nils die Bäuche vollschlagen.“

Houke strich über das blanke Leder, das ihn umgab. Nach dem letzten Entern entschloss er sich auf Pollugs Drängen, sich künftig vor jedem Kaperzug in den Harnisch eines Hopliten zu zwängen. Zufällig schaute er zur Flusskurve, als eben ein hoher Steven zum Vorschein kam. Er stieß Pollugs an, da rief Archaz schon aus der Mastkorbtonne: „Eine Feluke – kommt vom unteren Nil!“

Zwei Leute holten in Windeseile den bronzebeschwerten Anker ein, das Segel entrollte sich, und Houke stürzte wie die anderen zu den Ruderbänken. Jetzt hieß es kräftig die Riemen durchziehen. Kaleb nahm schon seinen Platz vor dem Eichenblock ein und schlug den Takt. Wer wo saß, das gab die Hackordnung vor; die Besten besetzten die vorderen Bänke, um schneller beim Handgemenge mitwirken zu können. Da waren zunächst Chaqu, der Mann in flammendem Rot aus Kardesch und Tamuraz, den sie den Berber nannten. Dazu Abbin Jussuf und Karsim, beide aus Sidon, sowie Anuhlada, dessen feuchte Schulter schimmerte wie Pech. Sie und der Assyrer gehörten mit Hiram am längsten dazu und entledigten sich einst auf hoher See des ursprünglichen Eigners des Schiffes.

Die Verfolgung dauerte nicht lange. Suteman fuhr noch einmal flüchtig mit dem Daumen über die Klinge seiner Axt und lauerte mit Hiram auf eine Gelegenheit zum Überspringen. Schon krallte sich knirschend der Enterhaken in die fremde Bordwandung, das Seil spannte sich. Hasdrubal lachte wölfisch auf. Kaum prallten die Schiffe aneinander, schwang er sich an einer gelösten Stage hinüber.

Man hätte keinen Apfel essen können, bis die wenigen Decksleute überwältigt waren. Nur ein Gegner in Leder und einem blauen Lendenrock verblieb. Er hatte hellblondes lockiges Haar wie die Menschen des Seevolks aus dem Westen. Suteman selbst knöpfte sich ihn vor. Doch jener duckte sich flink vor dem anschwirrenden Enterbeil und war mit einem Satz bei ihm. Suteman hatte plötzlich keine rechte Hand mehr. Erstaunen stand in seinen Augen. Er hob fassungslos den Arm, doch statt einer Hand ragte ein glänzender Stumpf in die Höhe. Hellrotes Blut sprudelte heraus wie aus einer frischen Quelle, und er mahlte mit den Zähnen, während Kaleb sein Hemd in Streifen riss und damit provisorisch den Stumpf umwickelte. Schnaufend vor Schmerz schickte er Abin Jussuf, Karsim und Tamuraz gegen den Jüngling im blauen Hüftrock. Der sprang in ihre Mitte und wirbelte das Schwert schneller als Houke die Bilder registrierte. Zwei fielen mit dem Kopf voran auf die Planken. Tamuraz verlor beim Schlagabtausch sein Bronzeschwert und zog sich schleunigst zurück.

Alle Kraft zusammennehmend drückte Suteman den Stoff gegen die offenen Adern, um nicht zu verbluten. Sein Gesicht war kalkweiß, und Pollugs kümmerte sich um ihn.

„Komm, wir müssen zur Zerberus“, empfahl er Suteman. „Hast du Nähfaden in deinem Baldachin, um die Armbeuge sauber abzubinden?“

Damit fiel es Hiram zu, den Fremden, dem es Suteman verdankte, irgendwie unschädlich zu machen. Auf einmal verfügte der über zwei Schwerter, und Chaqu drang auf ihn ein. Jeris der Hebräuer agierte unter dem Schellen winziger Glöckchen mit einer acht Fuß langen Peitsche, und Chaqu hieb immer verbissener zu, während aus dem Hintergrund dann und wann die Peitsche vorknallte. Dann taumelte Chaqu zurück, hielt sich den Bauch und wandte sich auf Deck, dass Houke es nicht mitansehen mochte. Im nächsten Augenblick traf es auch Jeris. Tamurazs Kurzschwert haftete in seiner Hüfte, und er brach lautlos zusammen und regte sich nicht mehr. Der Gegner war einfach zu wendig. Mit dem Ellbogen wischte er eine lange Locke aus seiner hohen Stirn, hielt nun in jeder Hand eine Klinge und erwartete breitbeinig den nächsten Angreifer. In seinen stahlblauen Augen blitzte ein gefährlich wacher Geist.

„Was ist denn das für einer?“, fragte Hiram entgeistert die um ihn Versammelten. Der Mann, der ihnen solche Schwierigkeiten bereitete, hatte ein sauber rasiertes Gesicht, wie man es eher von Mädchen oder Kindern kennt. Sein goldenes Haar, befremend kurz geschnitten, abgesehen von einer kühnen Stirnlocke, ließ seine Züge seltsam kantig und nackt wirken.

„Ein Phryger vielleicht oder einer von dem Seevolk aus dem Westen“, raunte Sanherib. „Aber bartlos könnte auch einer von euch so aussehen.“

Houke wünschte, er hätte sich eben mit Pollugs in die Deckskabine verdrückt. Nur hätte das bei allen den Eindruck geweckt, er könnte an Pollugs Rockzipfel kleben. Er rieb sich fahrig die Stirn. Suteman war ihr stärkster Mann und im Handumdrehen kampfunfähig gemacht worden. Wie dieser Mann im tiefblauen Hüftrock mit zwei Schwertern hantierte, grenzte an Zauberei.

Die anderen wechselten unschlüssig Blicke. Dann sprang ihm Anuhlada mit seiner drei Ellen langen Keule entgegen. Wieder wich der Mann aus, als sei er nicht aus Fleisch und Blut. Sein Gegenstoß erfolgte so geschwind, man nahm ihn kaum wahr. Houke sah noch den Nubier vor ihm auf die Knie stürzen und sodann lang auf das Deck schlagen. Danach blieb dem blonden Jüngling nur noch ein Schwert. Das andere steckte in Anuhlada.

Larban, der Glatzkopf mit dem Walrossbart, der so lange dabei war wie Houke, fand endlich einen Weg, den Punier oder Phryger, oder was auch immer er für ein Landsmann sein mochte, unschädlich zu machen. Während sich dann Sanherib mit ihm maß, kehrte er mit einem Fischernetz zurück, das im Laderaum schon Staub ansetzte, weil keiner etwas damit anzufangen wusste. Sanherib ließ kraftvoll seine zweischneidige Axt kreisen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, da warf jemand von halber Höhe des Mastes das Netz. Der Assyrer sprang geschwind aus dessen Reichweite und senkte, mit sich zufrieden, die Waffe. Nun war es vorbei mit dem Widerstand des Unbesiegbaren. Seine Streiche führten nur dazu, dass er sich völlig in dem Netz verhedderte. Schließlich fiel er auf die Planken und hatte sich völlig darin verstrickt. Hiram kniete an seinem Kopf und hielt ihm ein Kurzschwert an den Hals. „Du stirbst, wenn du es darauf anlegst“, drohte er. „Wie heißt du?“

Der Mann im Netz spuckte Hiram ins Gesicht. Die Zähne bleckend wische der sich die Wange ab und schluckte die Demütigung herunter. „Hast du jemanden, der für dich Gold gibt?“

Er erhielt keine Antwort. Hiram erhob sich, und trat zornig auf den Liegenden ein. „Willst du wohl antworten, du Hund“, schrie er ihn an. „Unsere Leute würden dir am liebsten die Haut über die Ohren ziehen. Aber ich schenke dir das Leben, falls du bei uns mitmachst.“

Der Gefangene presste stur die Lippen aufeinander.

Die meisten wohnten neugierig diesem Schauspiel am Heck des geenterten Schiffes bei, während Hasdrubal und Tjalf, der Beutelschneider, in den Laderaum hinab stiegen. Ein fürchterliches Fauchen hub an, als hätte man einem Löwen am Schwanz gezogen. Hasdrubal kehrte mit blutigem Arm an Deck zurück und warf hastig die Klappe zum Laderaum hinter sich zu. „Dort unten tobt eine gestreifte Bestie herum, groß wie ein Löwe und flink wie ein Leopard.“

„Ein Tiger“, bemerkte Hiram. „Mann, Hasdrubal, wo ist Tjalf? Der war doch mit runter.“

Die Bestie nimmt ihn gerade auseinander.“

„Na wenigstens hast du überlebt“, tröstete ihn Hiram.

„Das schon“, stieß Hasdrubal über die Zähne hervor und blickte angestrengt atmend auf seinen Unterarm. Der war grausig zerfleischt, und der Verband, den ihm Kaleb anlegte, durchgeblutet, bevor er vermochte, ihn zu verknoten.

Suteman fiel für Stunden aus, doch Hiram bewahrte den Überblick. „Ist Gold oder anderes Erz im Laderaum? Etwa Zink, Kupfer oder Bronze?“, fragte er mit vor Aufregung bebender Stimme.

Hasdrubal schüttelte den Kopf. „Nein, auch keine Waffen oder wertvolle Stoffe; nichts außer einer gereizten Raubkatze.“

Darauf lud sich Kaleb den Eingewickelten über die Schulter als wäre er ein Leichtgewicht und sie verließen ohne Beute die zum Heck hin mit Gefallenen gepflasterte Feluke. Im Laderaum blieb ein Tiger zurück, und bevor sie sich von der Bordwandung lösten, flog ein Brand hinüber.

Unsagbar erleichtert stimmte es Houke, denn Pollugs hatte das Handgemenge unbeschadet überstanden. Sein Lendenschurz war mit Blut verschmiert, aber es war nicht sein eigenes. „Siehst du“, begrüßte er den Freund, „manchmal täuscht uns unser Gefühl.“

„Der Tag hat erst begonnen“, raunte Pollugs.

Das erinnerte Houke an die Kerze. Er war davon ausgegangen, zur Mittagshitze müsste die nächste angesteckt werden. Die Sonne würde jedoch noch geraume Zeit brauchen, ehe sie den Zenit erreichte, und der Wachsberg war zerronnen, das Holz darunter rußig angekokelt. Hätte der Kampf ein wenig länger gedauert, wäre ihr Schiff abgebrannt. Denn die beiden Frauen sahen vom Bug aus zu und erschienen erst nach ihnen in der Kammer. „Semiris“, sagte er bestürzt, „ich hatte gehofft, du behältst die Kerze im Auge.“

„Ich… hatte Angst… um dich“, erwiderte sie stockend, und er zog sie in seine Arme. „Jetzt bleiben uns höchstens noch ein paar Stunden, fürchte ich. Ehe die Sonne untergeht laufen wir ein in Memphis, der Hauptstadt des alten Reiches.“

In dem Moment klopfte es. Als Houke öffnete war es Hiram. „Räumt die Kammer“, befahl er.

Es half nichts, sich auf die Abmachung mit Hasdrubal zu berufen. „Wir haben einen Gefangenen und brauchen die Kabine für den“, erklärte Hiram und gab ihnen so lange, wie es bedurfte, die Decken und Felle zusammen zu raffen und eiligst ihre Habseligkeiten in der Kiste zu verstauen.

Houke und die Mädchen drückten sich auf dem Flur an die Wand mit ihren Sachen, weil ihnen schon Archaz und Kaleb mit dem eingenetzten Fremden entgegen torkelten, gefolgt von Pollugs; denn den hatte Suteman zur ersten Wache eingeteilt. Sie beschlossen, ihm Gesellschaft zu leisten, holten den Korbsessel auf den Flur und warfen Decken und Felle zu einem Lager auf dem Bretterboden aus. Wo Pollugs war, fühlte sich Kirsa sicher und vergaß ihre Scheu. Auch ohne ihre leicht quakige Sprache zu verstehen, bemerkte er an ihrem Lächeln, wenn sie Luft holte, sie taute auf. Ihn schmerzte, dass er selbst darum nicht mehr zum Zug kam bei Semiris, und er fürchtete sich wahrscheinlich mehr als die Mädchen vor ihrer Ankunft in Memphis. Nur dieser Nachmittag verblieb, mit ihr zu reden, und er sah Kirsa auf den Mund, bis die endlich verstummte.

Als Semiris ihn wehmütig musterte, fehlten ihm die Worte, und er knüpfte an den Versuch mit den Kerzen an. „Es scheint, die Tagstunden sind zur Sommerzeit länger“, stellte er fest, „und die Nachtstunden kürzer.“

Keinen Deut interessierte es Semiris, trotzdem nickte sie verständig. Da erhob sich eine Stimme mit einem scharfen Akzent aus der Kammer, in der sie die letzten Tage verbrachten. „Kindergeplapper! Gäbe es kurze oder lange Stunden bräuchte der Mensch sich nicht den Tag in Stunden einzuteilen.“

Pollugs zog die Stirn kraus und war mit zwei Schritten an der Tür. „Na das überrascht mich, unser Gefangener kann reden wie wir.“

„Der Tag hat 24 Stunden“, erklärte der Fremde. „Um diese Jahreszeit gehören der Sonne ungefähr fünfzehn bis sechzehn Stunden und der Nacht höchstens 9. Nach der Sonnenwende werden die Nächte dann täglich länger.“

Houke nickte bei sich, weil es einleuchtete, und die klare Stimme jenseits der Tür stellte fest, „du bist kein Dummkopf. Welcher Dämon hat dir eingeflüstert, dich diesem Abschaum anzuschließen?“

„Ich gehöre zwar zu denen, die dein Schiff überfielen“, erwiderte Houke befangen. „Aber ich fühle mich der Bruderschaft so wenig verbunden wie einem Rudel Schakale. Es war bei mir wie bei dir. Mache mit oder stirb, hieß es, und ich wollte leben.“

Der Fremde begriff rasch, Houke konnte kein schlechter Kerl sein. „Ich muss fliehen“, flüsterte es hinter der Tür. „Helft ihr mir?“

„Wenn wir dir helfen droht uns selbst der Tod“, gab ihm Pollugs unverhohlen zu bedenken. „Die Regeln der Bruderschaft sind nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich werde mich hüten, daran zu rütteln.“

„Helft mir, zu fliehen, und ich verspreche euch, ihr geht straffrei aus.“

„Bist du so mächtig?“

„Das will ich meinen. Mächtiger als du ahnst“, entgegnete der Fremde forsch. „Ihr habt schon von dem Sperrturm gehört, der die Meerenge bewacht?“

„Ja“, schaltete sich wieder Pollugs ein, da Houke die Achseln zuckte.

„Ich gehöre dem Seevolk an, das ihn erbaute.“

Pollugs stutzte. „Du bist ein Atlanter?“

„Ja, und einer, von dem du noch hören wirst.“

„Unglaubhaft“, knurrte Pollugs.

„Ist aber so.“

„Na auf die Erklärung sind wir gespannt“, flüsterte Pollugs zwinkernd Houke zu.

Der Atlanter hatte sein auf Ablehnung beruhendes Schweigen überwunden und schöpfte offenbar Hoffnung. „Ganz einfach. Der höchste unter den Herrschern des Westens wird demnächst sechzig. Ich wollte ihm ein ganz besonderes Geschenk machen. Dafür streunte ich ein halbes Jahr in der Welt umher. Mein letzter Hafen vor Memphis war Ophir an der Küste des Landstrichs, den die Egypter Saba nennen und die Afrikaner Punt. Dort ist es mir gelungen, für eine Hand voll Perlen einen lebendigen Tiger einzutauschen und für vier Rubine die Feluke mit fünf Egyptischen Seeleuten, die dann von euch aufgebracht wurde.“

„Und wie seid ihr auf den Nil gelangt?“, wollte Pollugs wissen.

„Ich weiß nicht“, klang es etwas gelangweilt aus der Kammer, „was du von der Welt weißt. Ein Egyptischer Pharao, der lange vor uns lebte, verfiel einst auf die Idee, einen Kanal auszuheben, über den man vom Delta des Nils in die Sudische See segeln kann. Der Weg war über drei Menschenalter versandet und geriet in Vergessenheit, aber Ramses der II. hat das Kanalbett wieder schiffbar gemacht und sogar verbreitert.“

Pollugs schnappte vor Jahren ein Gerücht auf, das ähnlich klang und fing an, dem Gefangenen zu glauben. „Du meinst“, folgerte er, „die Bestie im Laderaum ist für den Herrscher des Westens bestimmt gewesen?“

In dem Moment kam Sanherib die Stiege hinunter. „Suteman braucht dich oben“, sagte er kalt. „Ich übernehme die Wache.“

„Wir reden nachher weiter“, flüsterte Pollugs an die Tür und erwiderte Sanheribs schroffe Miene mit einem entnervten Blick, da die beiden einander seit langem Spinnefeind waren. Nach ihm betrat auch Houke ernst das hintere Deck, wo sich die Mannschaft zusammengerottet hatte.

Suteman schien auf ihn gewartet zu haben. „Wie ihr wisst, fällt Hasdrubal für den nächsten Mondlauf aus“, erklärte er und fasste Pollugs in die Augen. „Deshalb übernimmst du die Ruderpinne.“

Ohne mehr dazu hören zu müssen begab sich Pollugs auf den Kasten, unter dem sich die Ruderbänke reihten. Das war der Platz des Steuermannes, und Houke, gefolgt von Semiris und Kirsa, leistete ihm Gesellschaft, während er das Ruder übernahm und sie unablässig stromauf segelten.

„Memphis ist das Herz des Niltals“, schwärmte Pollugs. „Man spürt die Jahrtausende, die das alles schon so währt.“

Houke stutzte. „Manchmal sagst du Dinge, die ich einfach nicht verstehen kann.“

Je länger er bei seinem Freund stand, desto mehr empfand er nach, was der meinte. Er meinte nicht die goldbraunen, mit silbergrauer Patina überzogenen Berge. Eher die sich davor unter flimmernder Hitze erstreckenden Getreidefelder, die sich abwechselten mit Palmenhainen und Zitronenbäumchen. Es waren die regelmäßig vom Nil abzweigenden Kanäle oder besser, das professionelle Bewässerungsnetz und die alljährlichen Überschwemmungen, was das Pharaonenreich zur Kornkammer der Welt machte. Sattgrüne Arkazien beschatteten Alleen und trennten die breitflächigen Äcker, auf denen mit Getreide bepackte Esel zu den Dreschplätzen trotteten.

Auf einmal fing Kirsa an zu singen. Ihre samtige Stimme mit dem quakigen Unterton verbreitete eine wohltuende Ruhe und war Balsam für die Seele. Einige hoben verdutzt den Kopf, andere gingen in sich, wo sie eben saßen. Keiner außer Semiris wusste, sie sang von einer Ziegenhirtin und ihrem Herren, der sie Mal um Mal erweichte, indem er ihr ein Leben in Freiheit versprach. Eine traurige Weise, und Semiris übersetzte es Houke leise.

Weil sich bei Pollugs die beiden einzigen an Bord befindlichen Frauen aufhielten, bildeten sie seit dem Wechsel am Ruder einen Unruheherd auf Deck. Pollugs beobachtete argwöhnisch, wie Hiram die Leute für sich einnahm und drohende Blicke zum Baldachin sandte, oder auf sie, da sie sich ja aus deren Sicht dahinter aufhielten. „Die syrische Natter hetzt schon wieder“, entfuhr ihm.

„Auf uns?“, fragte Semiris betroffen.

Um Pollugs Mundwinkel zuckte Unbehagen. „Der will die Macht an Bord. Das gilt Suteman“, rief er Houke ins Gedächtnis. „Und ich möchte nicht in seiner Haut stecken.“

Kirsa war in ihrem Gesang verstummt. Semiris schaute schwermütig zum Ostufer, wo sich binsengedeckte Lehmhütten am Schilfstrich drängten und sich an der von Dattelpalmen überschatteten Umgatterung der örtlichen Speicherschlöte eine Menschentraube staute. „Wann kommt endlich Memphis“, seufzte sie und nippte an ihrer Oberlippe. Wie um sich zu vergewissern, ob sie auch Grund hätte, sich darauf zu freuen, betrachtete sie Houke, und der tastete, wie meist, wenn er verlegen wurde, nach seiner Nase. Augenblicklich wandelten sich Haltung und Gesicht und gaukelten ihr Entschlossenheit vor. Aber ihm wurde bewusst, er riskierte seinen Hals bei diesem Vorhaben.

„Wenn…ich mit dir abhaue“, forderte er, „musst du mir auch nach Aschkelon folgen.“

Verdattert rieb sich Semiris die Stirn. „Wir kennen uns ja kaum.“

Er nahm es als Aufforderung, von den Umständen zu berichten, die ihn veranlassten, sich auf Planken zu begeben, ebenso von seinem verschollenen älteren Bruder, dem in die Wiege gelegt schien, einst in die Führung des Unternehmens hineinzuwachsen, doch soff sein Schiff kurz vor dem Pessach-Fest mit Mann und Maus ab. Das lag zwei Jahre zurück, und der Gram darüber war seinem Vater oft anzumerken gewesen.

„Mein Großvater“, erinnerte er sich, „zählte zu denen, die sich noch Dromedare aus der Wüste lockten, um sie zu zähmen. Und er hatte den richtigen Riecher, denn das Kamel als Lasttier revolutionierte die Logistik und ermöglichte Karawanen einer ganz anderen Größenordnung. Jedenfalls baute mein Vater mit dem dadurch erworbenen Vermögen seinen Gewürzhandel auf. Mir oblag es“, fügte er hinzu, um sich nicht völlig unter den Scheffel zu stellen, „beim Karawanen-Rastplatz ein Auge auf die eintreffenden Händler zu werfen und die zuhause anzubringen.“

Er verstand es immer, auch lästigen Dingen am Ende eine positive Wendung zu geben und fing an, laut zu denken. „Ich war der Jüngste im Kreis der Familie, behütet und bemuttert von drei Schwestern. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich diese schrecklichen Wochen der inneren Verlorenheit, die ja in absehbarer Zeit enden, überstand, ohne großen Schaden im Gemüt davongetragen zu haben. Seeraub ist ein dreckiges, anrüchiges Geschäft. Wer sich dem verschreibt, verändert sich. Aber man sagt ja, bloß der Schlechte wird durch schlechte Erfahrungen schlechter.“

Er wies unauffällig mit dem Kinn auf Hiram, der von einer Kiste am Bug die Stimmung aufheizte. „Er mag mit allen Wassern gewaschen sein, aber sein Innerstes ist so schäbig, dass unter seinem Atem die Blumen verwelken.“

Semiris rümpfte angewidert die Nase, und aller Frohsinn wich aus ihren Zügen, weil sie ein trauriger Gedanke bewegte. „Sein Auswurf ist schlierig blutig wie der meiner Mutter zum Schluss. Sieh dir seine brennenden Augen an oder sein ausgehärmtes Gesicht. Das sind die Spuren der Schwindsucht.“

„Das heißt?“

„Er siecht langsam dahin und ist so ziemlich am Ende seines Weges angelangt.“

„Bis vor kurzem gab es noch jemand in der Mannschaft“, fiel Pollugs ein. „Der stammte aus dem gleichen Stall wie er, und jeder an Bord weiß von daher, was für ein Schuft er sein kann. Der Aufseher eines Landguts nahe Tyros war er. Es war Brauch, einen Freigelassenen mit dem Regiment über die Feldarbeit zu betrauen, und so einer ist Hiram. Auf den zahlreichen ländlichen Festen suchte und fand er Händel, verstand es aber immer, die Zusammenstöße so darzustellen, dass er am Ende der Beleidigte, der Herausgeforderte war. Um ihn scharte sich eine Clique gleichgearteter Burschen, vor deren lüsternen Untrieben keine Magd außer Hauses sicher war. Da die Leute unter ihm spurten, wie man so sagt, ließ man ihn gewähren, solange die Arbeitsergebnisse befriedigend ausfielen, obwohl er dafür keine sittlichen Qualitäten mitbrachte. Hiram ist jener Typ, der aufgrund seiner versteckten Aggressivität, verbunden mit Bauernschläue und Triebhaftigkeit, bei naiven Menschen Respekt heischt.“

„Eben ein Feigling“, ergänzte Houke, aber Pollugs korrigierte ihn. „Eher eine gewievte syrische Natter.“

In der Tat wiegelte Hiram die Leute auf, und es braute sich etwas hinter dem Mastbaum zusammen gegen Suteman. Es machte den Eindruck, sie wären uneins, und nach einem kurzen Handgemenge entschied sich Larban, die Seiten zu wechseln. Pollugs kam er wie gerufen, Houke schnappte nach Luft.

„Seid ihr für Suteman?“, fragte er, als er mit wiegenden Schultern vor Pollugs erschien, und Pollugs belächelte ihn. „Sagen wir, ich will, dass alles bleibt wie es ist.“

Dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Hiram kam Larban aufgebracht nachgestürzt, und das Geschehen verlagerte sich zum Mastbaum und dem kupferfarbenen Baldachin des Piratenhäuptlings. „Du hast uns angeführt bis zum heutigen Tag“, ereiferte sich Hiram und ballte Suteman vom Mast her eine Faust. „Aber wir brauchen einen der vorangeht beim Entern. Tritt ab oder ich fordere dich.“

„Das Recht hat er“, rief Hasdrubal

Der losbrechende Beifall unterstützte Hiram, und Suteman stand plötzlich allein. „Kaleb wird mir eine Klinge an das Handgelenk schmieden.“

„Es sei ihm freigestellt. Doch uns zu führen, braucht es einen ganzen Kerl, dafür taugst du nicht länger!“

Suteman biss sich vor Wut auf die Lippe. „Dich mache ich auch mit einer Hand noch fertig!“

„Dann zeig’ es mir“, forderte Hiram und lockerte die Arme, um mit ihm zu ringen.

Ein Waffengang schien Suteman aussichtsreicher, doch das kam einer Hinrichtung gleich. Er fasste seine mächtige Doppelaxt mit der Linken fester, und Hiram nahm seinerseits von Hasdrubal dessen reich verziertes Bronzeschwert entgegen, zückte das seine und schlug Suteman in einem denkbar kurzen Kampf die Waffe aus der Hand. Als Suteman hochmütig das Kinn hob, anstatt aufzugeben, erschlug er ihn im Kreis seiner Leute wie einen räudigen Hund. Dumpfes Ausatmen ging um. Doch kaum rief er sich zum neuen Anführer aus, jubelten alle und ließen ihn hochleben. Pollugs tuschelte Houke zu, „und jetzt wird alles anders, wart’s ab.“

Wieder behielt er Recht. „Wir sind noch zwölf Mann“, verkündete der neue Kapitän der »Zerberus« und warf sich mächtig in die Brust. Wie eine stumme Frage flog sein Blick von einem zum anderen. „Zu wenig, noch ein Schiff zu kapern! Gebt ihr mir recht?!“

Jeder bestätigte es mürrisch nickend, in dem Fall auch Pollugs und Houke. „Das mag so sein“, seufzte Archaz einsichtig.

„Darum werden wir nicht den Hafen von Memphis anlaufen, um Wasser und neue Vorräte an Bord zu nehmen!“ brüllte Hiram in die Runde. „Wir segeln stromauf bis zum zweiten Katarakt. Bedun sagt, einen halben Tag südlich von Abu Simbel gibt es einen toten Flussarm, an dessen Strand liegt eine Siedlung, die wohl zum Reich des Pharao zählt. Doch leben in der Region überwiegend Nubier, denn dort beginnt bereits Nubien. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle: dieses Dorf hat den Ruf einer Piratenstadt. Dort gibt es Weiber und Wein, und genug Leute, die sich darum raufen, mit uns zu segeln!“

Der Beifall, den die Rede auslöste, schien nicht enden zu wollen, und Semiris atmete schwer durch und bohrte ihren Blick in den von Kirsa, weil die bestenfalls ein paar Fetzen aus dem Wortwechsel verstanden hatte und unmöglich die Situation erfassen konnte. Die blöde gaffenden Gesichter machten ihr vermutlich Angst. Aber in den blauen Augen ihrer Schicksalsgefährtin zu lesen hatte sie gelernt. „Aus der Traum“, flüsterte Semiris erschüttert, und Kirsa schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

Ehe der Beifall verebbte, ergriff Hiram erneut das Wort.

„Noch etwas, Leute“, hieß es. „Die beiden Sklavinnen, die Suteman in seiner Güte für frei erklärt hat, sollen sich ihre Freiheit verdienen. Ab heute werden wir alle fünf Tage um sie nach dem Strich werfen, Leute!“

„Jetzt ist es genug!“ rief Pollugs dazwischen und trat ihm mit erzürnt funkelnden Augen entgegen. „Was bedeutet schon Ehre, wenn Männer sich einig sind, wolltest du sicher noch beifügen. Oder nicht?!“

„Halte dich zurück. Was ich sage ist ab heute Gesetz an Bord.“

„Da lache ich drüber. Was ein Kapitän angeordnet hat, kann sein Nachfolger nicht widerrufen!“

„Oh doch!“ brüllte Hiram gegen ihn an und wetzte die beiden Bronzeschwerter, als sei er einem weiteren Waffengang wenig abgeneigt.

„Nun gut“, sagte Pollugs, „Du hast Suteman gefordert, um zu sehen, wer der bessere Anführer ist, und ich fordere dich, Hiram!“

Houke traute Augen und Ohren nicht, als es auf einmal kritisch wurde und die beiden im Kreis der Schwertfischer energisch die Klingen kreuzten, sich beäugten und umkreisten und dann immer schneller miteinander fochten, beide mit zwei Waffen. Hiram empfing eine Beinwunde, Pollugs kurz darauf eine am Oberarm. Dann klirrte es hart wie in einer Schmiede, bis Pollugs zurücktaumelte und sich die Hüfte hielt. Und damit war es entschieden. Man sah die Wunde nicht gleich. Kaum jedoch nahm er die Hände von der Hüfte, rann eine Blutspur über sein erzitterndes Bein. Er schwankte, sackte auf die Knie, blickte aus brechenden Augen Houke an und hauchte sein Leben aus.

Houke schluckte. „Und nun?“

Nur Archaz hörte es. „Frag nicht mich.“

Mit versteinerter Miene starrte Houke Semiris an. Nie fühlte er sich so überfordert. Denn der Mensch, an dem er sich nach dem missglückten Einstand an Bord wieder aufgerichtet hatte und der ihr das Tor zur Freiheit aufstieß, würde ihnen nicht mehr helfen können. Es gab ihn nicht mehr.

Die Leute gierten nach einem Weiberrock, und Hiram hielt sie nicht lange hin. Er befahl, mit dem Blut des alten Anführers den Strich auf dem hinteren Deck nachzuziehen. „Ihr wisst, worum es geht?“, fragte er in die erwartungsvolle Runde, und ein hämisches Schmunzeln flog über seine dünnen Lippen, an Houke gerichtet. „Um die blonde Schönheit bei unserem Neuen.“

Houke hatte Pollugs’ Scheitern tief getroffen. Das Feuer in seinen Augen war für immer erloschen, aber es war doch, als würde der Freund ihm noch einmal Rat zuflüstern. „Und du zögerst?“, schien es in seinem Hinterkopf zu flüstern, und Houke stellte sich bei den anderen auf, die ihrem Wurf zum Strich entgegen fieberten. Kirsa und Semiris wagten kaum zu atmen. Ein Siegelring mit zwei gekreuzten Dreiecken lag kaum zwei Finger breit entfernt von der roten Linie, und es war der von Sanherib. Niemand kam näher heran, bis die Reihe an Houke war. Der hatte zwar noch mehr als einen Ring zum Einsatz, aber es gab stets bloß einen Versuch, und er warf mit einer Gemme aus Onyx, weil darauf ein Portrait der Arthemia dargestellt war und das widerum heftig Semiris glich. Und er gewann. Niemand protestierte, doch es genügte nicht, dass Semiris ihm erlöst in die Arme fiel. Die genarrte Mannschaft akzeptierte es lediglich, weil jeder für sich danach auf Kirsa hoffte, die ja ebenfalls nicht hässlich war.

Kirsa hatte sich selten unwohler gefühlt und nestelte ahnungunsvoll an ihrem Kleidärmel. Klar, dass sie für Houke eine Freundin geworden war und er spürte, es wäre angebracht, sich schützend vor sie zu stellen. Pollugs jedenfalls hätte so gehandelt, und Houke glaubte das Richtige zu tun, als er frech sein Glück erneut versuchte.

„Der will beide“, raunte jemand, und Bajuna der Sarde nickte hastig und bemerkte, „so ein unverschämtes Bürschchen.“

„Du kannst doch sowieso nur einmal abdrücken“, höhnte Sanherib.

Sofort mischte sich Hiram ein. „Wirf! Das steht dir frei“, gab er Houke zu verstehen. „Aber so wie ich beschlossen habe, dass Larban ab heute an der Ruderpinne steht, soll Houke ab heute nicht mehr der Letzte unter uns sein. Joktan ist wieder der Letzte.“

Nun wusste Houke nicht mehr, ob er lachen oder weinen sollte. Er konnte nicht begreifen, warum Hiram dem jungen Sidonier etwas zutuschelte. Er durchschaute die List erst, als das Spiel eigentlich gewonnen schien und doch alles wieder auf der Kippe stand. Sein Einsatz, die Gemme, rutschte auf Haaresbreite an die Linie heran, und diesmal war nach ihm noch Joktan an der Reihe. Der warf einen recht schweren Bronzeteller und drehte den um. Damit schoss er die Gemme von ihrem Platz, und wenn er dadurch auch aus dem Spiel war, so lag nun ein Silberring mit einem Löwenkopf am dichtesten am Strich – einer der beiden Ringe, die gewöhnlich Sanheribs Hand schmückten. Was hätte Houke einwenden sollen? Er schwieg verbissen. Semiris hielt er im Arm und senkte befangen die Stirn, während der Assyrer Kirsa am Handgelenk packte und mit sich fortzerrte.

Entsetzt begehte Semiris auf. „Du kannst nicht stur weggucken.“

Houke schaute sie aus leeren Augen lange traurig an. „Selbst Pollugs würde sich die Wut verkneifen. Wenn ich auch sterbe, blüht dir dasselbe wie Kirsa.“

Der Tod des Houke Nowa

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