Читать книгу Sünden von einst - Elisa Scheer - Страница 5
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ОглавлениеEr saß am Schreibtisch, der Kopf war auf die lederne Schreibunterlage gesunken und irgendwie wusste ich, so sehr ich vorher auf der Leitung gestanden hatte, dass er tot war.
Oder? Ein Gefühl konnte einen schließlich auch trügen! Ich umrundete, trocken schluckend, den Schreibtisch, achtete darauf, nichts anzufassen und auf nichts zu treten – es lagen einige Papiere auf dem Boden – und betrachtete sein Gesicht, das von der Tür abgewandt war. Die Wunde an der Schläfe war deutlich zu sehen, und auch das Blut, das auf diese Seite der Schreibtischunterlage geflossen war.
O verdammt!
Ich hatte ihn ja wirklich nicht gemocht, aber so was...?
Vorsichtig zog ich mich wieder aus dem Arbeitszimmer zurück und zückte im Flur mein Handy. Nach den notwendigen Anrufen, bei denen ich mir vorkam wie in einem schlechten Film, auf jeden Fall nicht real, setzte ich mich in der Halle auf einen der Stühle und wartete.
Nach einigen Minuten wusste ich, warum dort nie jemand gesessen hatte; ich stand wieder auf, rieb mir den Rücken da, wo die Verzierungen sich hineingebohrt hatten, und trat lieber nach draußen.
Schließlich fuhren ein Polizeifahrzeug und ein Krankenwagen vor, zwei Beamte traten ein und folgten meinem ausgestreckten Zeigefinger. Ich wurde ansonsten nicht weiter beachtet, also lief ich in der Einfahrt im Kreis herum und versuchte zu überlegen, aber meine Gedanken drehten sich zunächst genauso sinnlos wie meine Schritte. Vater tot? Das konnte doch gar nicht sein, wahrscheinlich war das nur ein Alptraum und ich schreckte gleich an meinem Büroschreibtisch hoch. Tot? Vielleicht war er gar nicht wirklich tot. Oder doch?
Allmählich dachte ich ruhiger. So einer brachte sich doch nicht um! Und der Typ, mit dem ich in der Tür fast zusammen geprallt war – hatte er ihn gefunden und wollte damit nicht in Zusammenhang gebracht werden oder hatte er ihn erschossen? Eine Schusswunde war das, da war ich mir sicher. Ich guckte ja nicht umsonst die einschlägigen Serien wie CSI!
Er hatte nichts in der Hand gehabt, da war ich sicher. Wie hatte er eigentlich ausgesehen? Ziemlich groß, größer als ich jedenfalls, ich hatte nach oben geguckt, als ich sein bleiches Gesicht registriert hatte. Oder hatte ich da noch auf einer der Treppenstufen gestanden? Nein, ich war ja schon oben gewesen, um zu klingeln. Ein gutes Gesicht. Nicht wie ein Killer.
Himmel, wie sah denn ein Killer aus? Mit Killerfratze oder wie? Ich war wirklich dämlich! Und dass er nichts in der Hand gehabt hatte, besagte gar nichts. Eine Pistole oder ein Revolver (mit dem Unterschied kannte ich mich nicht so aus) war ja klein und passte in die Hosentasche. Was hatte er getragen? Einen dunklen Anzug? Da bemerkte man so etwas ja auch weniger als etwa bei knallengen Jeans. Ich schaute auf die Straße. Der schwarze BMW war weg. Ob das seiner gewesen war? Die Buchstaben hatte ich vergessen, aber die Zahl, 3333, hatte sich mir eingebrannt.
Sollte ich Nathalie anrufen? Um sieben im Biergarten, das konnten wir ja wohl vergessen. Sofort kam ich mir kaltschnäuzig vor – jetzt an den Biergarten zu denken! Und, wenn wir schon mal dabei waren, auch an das garantiert versaute Wochenende. Herzlos war ich, jawohl.
Blödsinn, er hätte im umgekehrten Fall ja auch nichts anderes gedacht. Ich rief Nathalie an, die es zuerst nicht glauben wollte und dann relativ gefasst reagierte. „Kaum vorstellbar, was? Er war irgendwie immer da, auch wenn diese Vorladungen bloß lästig waren. Ich komme hin, das mit dem Biergarten wird ja doch nichts mehr.“
Wir waren uns wirklich ziemlich ähnlich. Nur äußerlich nicht, Nathalie war dunkelhaarig und blauäugig und sah viel besser aus als ich. Sie wurde im Sommer auch immer knackbraun und ich kriegte Sonnenbrand und wurde dafür gehänselt. Warum dachte ich jetzt an so was?
Eine Frau in Zivil trat aus dem Haus. Mir war gar nicht aufgefallen, dass die Kripo schon angekommen war! „Sie haben ihn gefunden?“ Ich nickte.
„Und Sie sind -?“
„Nina Lamont. Der – äh – der Tote ist mein Vater. Hartmut Lamont. Ich habe meine Schwester informiert und herbestellt, ist das in Ordnung?“
„Natürlich. Mein Name ist Kerner, Charlotte Kerner.“
„Mordkommission?“
„Ja. Sie vermuten also, dass Ihr Vater ermordet wurde?“
„Naja – ich hab dieses Loch in seiner Schläfe gesehen“, ich schluckte, als ich mich an den Anblick erinnerte, „und der Typ für Selbstmord war er nun wirklich nicht. Außerdem hätte die Waffe dann ja irgendwo herumliegen müssen.“
Frau Kerner lächelte flüchtig. „Fernsehen bildet, was?“
Ich lächelte ebenfalls, etwas schief wahrscheinlich. „Genau. Wenn Sie Fragen haben – nur zu.“
„Sind Sie dazu schon in der Lage? Wir können das sonst auch morgen auf dem Präsidium erledigen.“ Ich zuckte die Achseln. „Wenn ich ehrlich bin, hab ich nicht direkt an meinem – unserem Vater gehangen. Es war kein schöner Anblick, aber völlig niedergebrochen bin ich nicht. Und meine Schwester wird es wohl auch nicht sein.“
„Und woran liegt das?“
„Wahrscheinlich daran, dass er auch nicht an uns gehangen hat. Er hat uns jeweils an unserem achtzehnten Geburtstag vor die Tür gesetzt, zwar mit genügend Geld, aber es wurde schon deutlich, dass er seine Pflichten als erfüllt und seine Aufgaben als beendet angesehen hat. Seitdem wurden wir nur noch etwa einmal im Moment herzitiert, um uns seine Tiraden zum Weltgeschehen, zur Jugend von heute oder zu unserer jeweiligen Nutzlosigkeit anzuhören. Heute war ich dran.“
„Warum sind Sie dann überhaupt gekommen? Hängen Sie finanziell von ihm ab?“ Das klang mir etwas lauernd, so als ob ich ihn des Erbes wegen erschossen hätte. Oder zumindest eine Erbschleicherin wäre. „Nein“, entgegnete ich also etwas schärfer als beabsichtigt, „wir haben seine Vorladungen einfach als Schicksal hingenommen. Es dauerte ja auch nie lange und es war die einzige Form von Familienleben, die wir hatten. Nicht direkt ein Dialog, freilich, eher ein Monolog, am Ende hatten wir zu sagen Ja, Vater und uns dann wieder zu trollen. Und die Vorladung mussten wir wieder abliefern.“
„Er hat Sie schriftlich – äh – einbestellt?“
Ich grinste. „Einbestellt ist ein schönes Wort. Ja. wollen Sie die Karte sehen? Warum er nicht telefoniert hat, weiß ich auch nicht – es sei denn, er war schwerhörig und wollte nicht, dass wir das wissen.“ Ich reichte ihr die Postkarte, die sie stirnrunzelnd studierte. „Kann ich das behalten?“
„Natürlich. Ich fange jetzt auch keine Souvenirsammlung mehr an.“ Sie steckte die Karte ein und sah sich um, blickte sinnend die graue, weinbewachsene Fassade hinauf und musterte dann das Gartentor. „Sie haben einen Schlüssel zu diesem Haus?“
„Nein, natürlich nicht“, antwortete ich entrüstet. „Ich glaube nicht, dass außer Vater und Frau Zittel – das ist die Haushälterin – jemand einen Schlüssel hat. Darin war er genauso eigen wie in allem anderen.“
„Haushälterin, ja?“ Sie schien einen Moment lang abgelenkt. „Ich weiß, das hört sich an wie in diesen treudeutschen Krimiserien – aber er war ein alter Mann und durchaus der Ansicht, dass niedere Dienste Weiberkram sind. Und Geld hatte er dafür bestimmt genug.“ Sie nickte. „Und wie sind Sie nun ohne Schlüssel reingekommen?“
„Das Törchen war offen, wie ich nach mehrfachem Klingeln gemerkt habe, und an der Haustür kam mir ein Mann entgegen“, ließ ich die Bombe platzen.
Sie starrte mich an. „Und das sagen Sie erst jetzt??“
Ich seufzte. „Viel nützen wird es Ihnen nicht, ich kannte ihn nicht und hab ihn nur eine Sekunde lang gesehen. Er war ziemlich bleich.“
„Kommen Sie, etwas mehr dürften Sie doch noch wissen, oder?“
Dass er einen absolut sexy Mund hatte? Das würde sie wohl kaum interessieren. „Er trug etwas Dunkles, wohl einen Anzug. Er hat mich zur Seite geschubst und ist weggerannt. Mehr weiß ich ehrlich nicht. So groß wie ich, denke ich, aber ich bin noch auf den Stufen da gestanden“, nickte ich verlogen in Richtung Haustür, „also kann ich mich da auch täuschen.“
„Alt? Jung?“ Ich zuckte die Achseln. „Kein Greis, keine weißen Haare. In den Dreißigern, denke ich.“
„Würden Sie ihn wieder erkennen?“ Sofort!
„Kaum“, antwortete ich und setzte eine bedauernde Miene auf. „Steht denn nichts im Terminkalender? Vater hat sich solche Dinge doch bestimmt aufgeschrieben.“
„Wissen Sie das oder vermuten Sie es nur?“, fragte sie zurück.
„Ich vermute es. Ich weiß nicht viel über ihn.“
„Was ist denn mit Ihrer Mutter? Sie haben sie noch gar nicht erwähnt.“
„Sie ist vor zwanzig Jahren gestorben, ich kann mich nur noch vage an sie erinnern.“
„Und ich gar nicht mehr“, ergänzte Nathalie, die plötzlich neben uns auftauchte und Frau Kerner die Hand reichte. „Nathalie Lamont, guten Tag.“
Die Kerner erwiderte den Gruß und fragte weiter: „Hat Ihr Vater denn nie von ihr erzählt?“ Nathalie schüttelte den Kopf. „Kein Wort. Wir wissen nicht mal, woran sie eigentlich gestorben ist – oder, Nina?“ Ich konnte nur zustimmen.
„Seltsam“, murmelte die Kerner und winkte einem jungen Mann zu, der aus dem Haus trat. „Na?“
Der junge Mann warf uns einen forschenden Blick zu und zuckte dann die Achseln. „Nichts Vernünftiges.“
„Vielleicht sollten Sie Vaters Anwalt informieren“, schlug Nathalie vor, „der kann Ihnen sicher Genaueres sagen. Über unsere Mutter und Vaters Lebensstil und all so was. Wir wissen wirklich nichts, wir durften ja nur auf Aufforderung eintreten. Der Anwalt heißt – äh.“
„Kastner“, half ich aus. „Das heißt, wenn es immer noch der gleiche ist wie früher?“ Nathalie nickte. „Als er mich rausgesetzt hat, war´s noch der gleiche, und das ist erst vier Jahre her.“
„Und wenn nicht, weiß er bestimmt, wer sich jetzt um das Mandat kümmert. Kastner“, wiederholte ich, „Leopold Kastner, oder?“
„War´s nicht Luitpold?“, fragte Nathalie.
„Kann auch sein. Na, beides wird´s ja wohl nicht geben.“ Der junge Mann notierte sich das, dann sah er auf: „Brauchst du mich noch, Charlie?“
„Nein. Wenn ihr drinnen fertig seid, lasst die Leiche abtransportieren. Und kriegt mal raus, wo die Haushälterin steckt. Versiegelt das Zimmer, das dürfte reichen.“
Er nickte brav und wandte sich ab. Nathalie betrachtete versonnen seine niedliche Hinterfront und zwinkerte mir dann zu. Ich bewahrte mühsam die Fassung, als Frau Kerner die Augen zum Himmel verdrehte und Immer das Gleiche murmelte. „Bitte?“, fragte ich aber doch, und sie winkte ab und musterte unsere fast identischen dunkelblauen Anzüge. „Nicht gerade die typische Freitagabendkleidung, oder?“
„Er hasste Blue Jeans“, erläuterte Nathalie und starrte dem knackigen Polizistenhintern immer noch nach.
„Nathalie, hör auf zu sabbern“, mahnte ich leise, „ich denke, du hast den tollen Hardy?“ Sie wandte sich widerstrebend ab. „Hast ja Recht. Aber niedlich ist der schon...“
„Sollten Sie heute auch hier antreten?“
„Nein“, erläuterte Nathalie, „nie beide zusammen. Zwei gegen einen, davor hatte er wohl Angst. Heute war bloß Nina dran, mich hätte es wahrscheinlich in zwei Wochen erwischt. Was das Ganze sollte, ist uns sowieso nie klar geworden – er konnte uns doch gar nichts mehr, es war nur ein schwächlicher Versuch zu Psychoterror.“
„Vielleicht wollte er sich selbst einreden, dass er noch Einfluss auf uns hatte“, gab ich zu bedenken, aber eigentlich glaubte ich selbst nicht daran, und Nathalie warf mir auch einen entsprechenden Blick zu.
„Besitzen Sie eine Waffe?“, wollte Frau Kerner wissen. Nathalie lachte schallend, und ich schüttelte den Kopf. „Höchstens ein Küchenmesser. Aber Sie dürfen sich gerne bei mir umsehen. Hier, meine Karte – wegen der Adresse.“
Nathalie kramte ebenfalls eine Karte hervor, und wir erhielten im Austausch je eine Karte von Frau Kerner. „Kriminalhauptkommissarin“, las Nathalie vor. „Ist das viel?“
„So mittel“, antwortete die Kerner. „Ja, ich weiß schon, mit DS, DI und DCI könnten Sie mehr anfangen, was?“
„Kunststück, wenn die besten Krimis immer noch aus England kommen.“
„Weißt du was?“, fragte Nathalie plötzlich. „Jetzt sind wir Vollwaisen. Komischer Gedanke.“
„Deshalb fühle ich mich auch nicht anders“, antwortete ich, „aber vielleicht kommt das noch. Ich hab ja noch gar nicht erfasst, dass er tot ist... Wer macht so was?“
„Genau das ist die Frage“, warf die Kerner ein und fixierte mich. „Fällt Ihnen zu diesem Mann nicht doch noch was ein?“
„Mann?“ Nathalies Blicke schossen von ihr zu mir und wieder zurück. „Welcher Mann? Der berühmte Landstreicher?“
„Sehr betroffen wirken Sie beide wirklich nicht“, wurden wir kritisiert. „Der Mann, den Ihre Schwester beim Verlassen der Villa gesehen hat.“
„Da war ein Mann? Ist er´s vielleicht gewesen?“
Ich zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Einen rauchenden Colt hatte er jedenfalls nicht in der Hand. Ich hab ihn doch nur ganz kurz gesehen und erschrocken war ich auch. Außerdem möchte ich bloß mal wissen, wo die Frau Zittel ist. Und wer hatte einen Grund, ihm das anzutun?“ Warum Nathalie da grinste, verstand ich nicht. „Was hat Ihr Vater eigentlich beruflich gemacht?“, wechselte die Kerner das Thema.
„Nichts mehr, denke ich. Er hatte mal eine Firma, aber die hat er 2001 verkauft. Ob eine von uns sie weiterführen wollte, hat er gar nicht gefragt. Typisch.“
„Was für eine Firma?“
„Lamont und Partner AG. Autozubehör. Er war Zulieferbetrieb für mehrere Automobilhersteller, Gurtsysteme und all so was. Aber wegen der Einzelheiten erkundigen Sie sich am besten bei seinem Anwalt, kleinen Weiberhirnen hat er die Details nicht anvertraut.“
„Das klingt etwas bitter. Was machen Sie denn beruflich?“
„Ich arbeite in der Finanzabteilung von Markt&Geld, und Nathalie studiert noch.“
„Die Wirtschaftszeitschrift? Also sind Sie Betriebswirtin?“
„Und Volkswirtin. Ich hätte die Firma schon leiten können, und 2001 war ich auch schon lange fertig, aber ob er das wusste... Bei diesen Terminen redet - redete ja immer nur er. Na, egal, bei Markt&Geld ist es bestimmt interessanter.“
„Ich will auch lieber Wirtschaft unterrichten als richtig authentisch auf die Schnauze zu fliegen“, fügte Nathalie hinzu und kicherte, als mein Magen laut knurrte. „Sorry, wir wollten ja eigentlich nach diesem Zwangsbesuch in den Biergarten, also hab ich noch nichts gegessen.“
„Das sollten Sie dann aber mal tun“, fand die Kerner mit einem Blick auf meine dürre Figur. „Ich denke, für heute war´s das. Sie sollten morgen Mittag, so gegen zwölf, mal im Präsidium vorbeischauen, bis dahin haben wir sicher noch mehr Fragen. Und wir werden in den nächsten Tagen sicher auch mal bei Ihnen vorbeischauen.“
„Aha – Hausdurchsuchung? Vielleicht haben wir ja doch die Waffe irgendwo versteckt?“
„Also, zu diesem Zeitpunkt müssen wir natürlich jeden verdächtigen. Sie waren ja hier, Frau Lamont – und Sie? So gegen sechs Uhr? Die genaue Todeszeit wissen wir leider noch nicht.“
„Ich hab mich mit meiner Nachbarin gestritten, bis Nina angerufen hat. Die Zimtzicke hat sich mal wieder wegen meiner Musik aufgeregt. Dabei muss man Queen laut hören, oder?“
„We Will Rock You auf jeden Fall“, stimmte die Kerner amüsiert zu und entließ uns.