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ОглавлениеIm Baumarkt bekam ich außer der nötigen Menge Farbe und einer neuen Rolle auch ein Merkblatt zur Wischtechnik und das entsprechende Gerät; regelrecht beschwingt fuhr ich nach Hause und begann sofort damit, den weißlasierten Holzboden abzudecken. Danach erlahmte mein Eifer wieder etwas und ich strich lieber suchend durch die Wohnung, um etwas zu finden, das ich ausmisten konnte. Ob der Gedanke an die voll gestopfte Villa in Lenting mich dazu brachte, Leere anzustreben? Ich fand einige Bücher, die sich als doof erwiesen hatten, genug unbrauchbare Klamotten für zwei Altkleidersäcke, eine große Mülltüte voller sonstigem Abfall und einen kaputten Bilderrahmen, der (Schande über mich!) schon länger hinter der Flurkommode gewohnt hatte. Ich stellte alle diese Tüten neben der Wohnungstür auf, wo sie dem Flur jeglichen Charme nahmen, räumte mein Taschensammelsurium von der Garderobe in den Kleiderschrank, aß einen Joghurt, öffnete den Farbeimer, wählte zum Streichen geeignete Musik aus, aß noch einen Joghurt, zog meine ältesten Jeans und ein schon ziemlich bekleckertes T-Shirt an und fing endlich an. Die erste Schicht klappte recht gut, sie sah regelrecht gleichmäßig aus: sattes, freundliches Gelb, das das ohnehin sonnige und ganz in Weiß und Gelb gehaltene Wohnzimmer noch sonniger wirken ließ.
Fast ein bisschen zu viel Gelb, oder? Hm. Naja, wenn ich mit Weiß und einem Hauch Apricot darüber wischte, würde sich das Gelb sicher weniger penetrant ausnehmen... Ich musste die erste Schicht ohnehin erst einmal trocknen lassen.
Was wohl aus all dem Zeug in der Villa wurde? Vater hatte das Haus schon von seinem Vater geerbt und der wieder von seinem, dem alten Kommerzienrat Lamont. Im Geschmack von 1910 war das meiste auch eingerichtet – schwere, dunkle Möbel, Samtportieren, unsäglicher Nippes, eine bildungsbürgerliche Bibliothek in Kalbsleder (die immer muffig gerochen hatte) - und alles, was drei Generationen nicht hatten wegwerfen wollen. Hoffentlich blieb die Haushaltsauflösung nicht an uns hängen!
Nein, garantiert ging alles an eine wohltätige Organisation, sollte die doch alles in einen Container werfen oder verkaufen, das Haus abreißen lassen und mit den Millionen aus dem Grundstücksverkauf (dreitausend Quadratmeter in bester Lage, das musste doch ordentlich was wert sein?) etwas karitativ Sinnvolles anstellen. Und uns damit in Ruhe lassen, es reichte, wenn wir die Beerdigung bezahlten.
Ich steckte eine Ladung Wäsche in die Maschine, putzte die Küche (weiß und gelb, was sonst) durch, hängte frische hellgelbe Handtücher ins Bad, füllte mein Lieblingsshampoo, das leider in rotgrünen Flaschen verkauft wurde, in eine weißgelbe Flasche um, entsorgte mehrere leere Klopapierrollen, wischte den Badezimmerboden und prüfte die frisch gestrichene Wand. Immer noch leicht feucht.
Wo sollten wir ihn eigentlich begraben? Gab es ein Familiengrab? Irgendwo mussten doch auch die Großeltern und die Urgroßeltern liegen, aber ich hatte keine Ahnung, wo. Womöglich besaßen wir ein richtiges Mausoleum, mit Marmorengel und allen Schikanen! Wieso wusste ich das eigentlich nicht? War das meine – unsere – Gedankenlosigkeit oder hatte Vater uns mal wieder über nichts informiert? Ich sollte Nathalie anrufen und sie fragen, aber das wollte ich nicht. Sie würde garantiert wieder überlegen, ob unsere Mutter auch in diesem Grab lag, und wenn nein, warum nicht. Und dann ging diese Und was ist, wenn sie noch lebt? – Masche wieder los. Ich wollte nicht, dass Nathalie sich da unnötige Hoffnungen machte.
Was hatte dieser Mann bei Vater gewollt? Er war höchstens Mitte dreißig, so weit ich das nach einem einzigen erschrockenen Blick beurteilen konnte. Wenn hatte Vater denn so gekannt?
Ärgerlich zog ich das Bett ab und warf die Bezüge in der Küche vor die Waschmaschine. Beim Matratzenklopfen konnte ich meine Wut auf Vater abreagieren, der wahrscheinlich irgendetwas Krummes angestellt und uns damit in die Bredouille gebracht hatte. Typisch! Ich hatte ja immer schon gewusst, dass diese steif-korrekte Art bloß Fassade war. Ekelhafter Heuchler!
Und was hatte der Mann mit dem süßen Mund mit ihm zu tun gehabt? War das jemand von der Lamont AG, der ein Empfehlungsschreiben wollte oder sonstwie keinen Job mehr fand? Aber Vater hatte die Firma doch schon vor Jahren verkauft? Es war sogar durch die Presse gegangen, damals, als es den Fusionierungsboom gegeben hatte und der Börsenhöhenflug allmählich zusammengebrochen war. Wer hatte sie eigentlich gekauft? Eine Schande, dass ich das nicht wusste – aber aus gutem Grund hatte ich nie Aktien der Lamont AG gehalten. Vielleicht war der Süße von Vater übers Ohr gehauen worden?
Kastner fragen, notierte ich im Stillen – aber der konnte Nathalie und mich nicht leiden. Vielleicht konnten die von der Polizei rauskriegen, was beim Verkauf alles gelaufen war. Oder die Börsenaufsicht... Müde erhob ich mich von der frisch geklopften Matratze, riss die Fenster weit auf und legte einen neuen Bezug bereit – weißer Baumwollsatin mit großen gelb und orange schattierten Rosen darauf. Und ein Laken in kräftigem Orange.
Mittlerweile war die Wand trocken genug und ich konnte ans Abtönen gehen. Ich war gerade mit der Hälfte fertig – und verspürte heftige Unlustgefühle – als es klingelte. Nathalie?
Ich legte die Minirolle auf das Abtropfgitter, schob in der Küche schnell den Bettbezug mit dem Fuß etwas aus dem Weg, fuhr mir mit der farbverschmierten Hand durch die Haare und ging zur Tür. Hoffentlich unterhielt sie mich, während ich fertig malte, und entführte mich dann irgendwohin zum Essen, mir knurrte allmählich der Magen. Kunststück, Viertel nach sechs! Scheiße, die ganzen Mülltüten! Sah ja scheußlich aus. Andererseits sah Nathalie über so etwas hinweg.
Nein, vor der Tür standen Kerner und Grünbauer. „Kommen Sie rein“, seufzte ich, „aber passen Sie auf, hier ist alles voller Farbe.“
„Ziehen Sie um?“, erkundigte sich Grünbauer – etwas misstrauisch, wie mir schien.
„Nö, Heimwerkeranfall. Hab ich öfter. Kaffee?“
„Gerne“, sagte die Kerner und sah sich interessiert um. Ich ging Wasser aufsetzen und versuchte, die Wohnung mit den Augen eines Außenstehenden zu sehen: Was konnte man aus ihr wohl schließen?
Dass ich ein bisschen zwanghaft war? Nein, heute nicht, die Unordnung war unübersehbar, wenigstens im Wohnzimmer und im Flur.
Dass ich es gerne gelb hatte. Ja, eindeutig. Ob das gut war oder psychologisch bedenklich?
Dass ich halbleere Wohnungen liebte. Im Wohnzimmer wenigstens standen nur zwei große – gelbe – Ledersofas, ein großer Arbeits- und Esstisch in dunklem Holz mit gerade mal zwei Klappstühlen (die anderen wohnten im Keller) und in einer Nische ein Regal mit Büchern (den besseren), DVDs und dem ganzen Multimediakram. Naja, und ein ebenfalls dunkler kleiner Holztisch zwischen den Sofas, immerhin total leer. Wenigstens, bis ich das Kaffeetablett abstellte.
„Darf ich mich mal umsehen?“, fragte Grünbauer. Ich warf ihm einen Blick von schräg unten zu. „Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“
„Ich gucke nicht in die Schränke“, versprach er, „ich will mir ja bloß ein Bild machen.“
„Von mir aus“, gab ich nach und fügte selbstgerecht hinzu: „Außerdem sind meine Schränke aufgeräumt.“ Die Kerner lachte und griff nach ihrer Tasse. „Mehr, als ich von meinen Schränken behaupten kann!“ Als sie die Tasse wieder abgestellt hatte, zog sie ein Notizbuch aus der Tasche: „Ein paar Fragen hätten wir schon noch...“
Ich lehnte mich zurück. „Nur zu, wir haben ja nichts zu verbergen.“
„Wir?“
„Nathalie und ich. Die ganze Familie sozusagen.“
„Ah ja. Sie mochten Ihren Vater ja nicht.“
„Es wäre albern, das zu leugnen. Er war ein starrköpfiger, selbstgerechter und liebloser alter Arsch, und ich hab ihm zwar nicht so ein Ende gewünscht, aber eigentlich ist es mir egal.“
Sie nickte. „Die meisten, die man bei einem solchen Fall befragt, heucheln auf Teufel komm raus tiefe Trauer. Da ist Ehrlichkeit mal ganz erfrischend. Warum hat er Sie beide eigentlich mit achtzehn so Knall auf Fall rausgesetzt?“
„Keine Ahnung“, musste ich zugeben, „er hat keine Begründung abgegeben, und wir haben nicht gefragt. Der monatliche Zuschuss war sehr ordentlich, und es war überall schöner als in der Gruft in Henting. Vielleicht fand er, in bloße Mädchen hätte er schon genug investiert, oder er wollte das Haus für sich haben, oder – ach, ich weiß nicht.“
Hatte ich das alles nicht schon erzählt? Sogar mehrmals? Ich fragte lieber nicht nach. Grünbauer kam zurück und zuckte mit einem bedeutungsvollen Blick zu Frau Kerner die Achseln. „Kein blutbeflecktes Messer?“, konnte ich mir nicht verkneifen. „Er ist erschossen worden“, belehrte er mich von oben herab. Danke, das hatte ich gestern (erst gestern??) selbst gesehen. Die Erinnerung an das kleine blutverkrustete Loch in Vaters Schläfe löste in meinem Magen ein unangenehmes Gefühl aus.
„Schusswaffe hab ich auch keine“, antwortete ich matt. „Möchten Sie vielleicht noch Einblick in meine Konten nehmen? Ich könnte ja ein Vermögen beiseite geschafft haben.“
„Schaden könnte es nicht“, meinte die Kerner mit einem abwägenden Blick auf mich. Wütend stand ich auf, kramte die Schnellhefter mit den Konto- und Depotauszügen aus dem Stehsammler im Regal und hielt sie ihr hin. „Bitte, tun Sie sich keinen Zwang an!“
Ich ließ mich wieder auf das Sofa den beiden gegenüber fallen und starrte sie an, während sie die Auszüge durchblätterten. Die hatten ja wohl einen Knall! Wieso sollte ich denn -? Mir konnte es doch egal sein, ob er lebte oder tot war! Sah ich vielleicht aus wie eine Vatermörderin?
Grünbauer pfiff mehrfach durch die Zähne, dann sah er auf: „Sieht aus, als hätten Sie ein Vermögen beiseite geschafft!“
„Sind das die ersten Auszüge, die Sie lesen?“, patzte ich. „Wenn Sie mal genauer hinschauen, sehen Sie, dass ich jeden Monat den größten Teil dieser Zahlungen plus einen hübschen Teil meines Gehalts ins Depot schiebe. Außerdem hab ich während des Studiums immer gejobbt und beim Boom ganz nett Erfolg gehabt - und bin rechtzeitig ausgestiegen. Ich hab im Keller auch noch die Auszüge von 1992 bis 2003, also wenn Sie sonst nichts zu lesen haben...“
„Jeden Monat so viel?“, fragte die Kerner. „Dann müssten Sie ja eigentlich eine runde Viertelmillion mehr haben, oder? Wo ist das Geld geblieben?“
Erpressung! Dunkle Geschäfte! Börsenverluste! Ich konnte die Gedanken förmlich hören.
„In dieser Wohnung“, enttäuschte ich die beiden. „Sie hat mit der gesamten Einrichtung nicht ganz zweihundertvierzigtausend gekostet. Küche, Einbauschränke, Holzboden... Ich hab viel selbst gemacht, aber billiger war es nicht zu kriegen. Und kurz danach brauchte ich ein neues Auto, weil das alte endgültig zusammengebrochen war. Es war auch schon vierzehn Jahre alt.“
Die Kerner grinste. „Mehr Rost als Metall?“
„Das auch. Und ich hätte eine neue Kupplung, eine neue Lichtmaschine und einen neuen Kühler gebraucht. Das wäre ja nun wirklich rausgeschmissenes Geld gewesen.“
„Was fahren Sie denn jetzt?“, wollte Grünbauer wissen. Glaubte er, ich hätte mir von meinen unredlich erworbenen Millionen einen Porsche geleistet?
„Einen Golf. Gebraucht gekauft. Sie kennen ja die Regel – nie mehr als drei Monatsgehälter für ein Auto ausgeben.“ Er rümpfte die Nase. „Sie tragen ja auch nichts dazu bei, die Binnennachfrage anzukurbeln!“
Ich lehnte mich wieder zurück. „Nö, wozu denn? Ich kann jederzeit meinen Job verlieren, dann muss ich von dem leben, was ich habe. Und wenn ich mir einen Haufen Zeugs anschaffe, muss ich das ja dann auch alles putzen.“
Er schüttelte den Kopf. Blöder Hund, ärgerte ich mich, wahrscheinlich glaubte er, Frauen hätten prinzipiell nichts anderes im Kopf als endloses Shopping. Die Kerner warf ihm einen strengen Blick zu, und er drehte sich um und studierte meine DVD-Sammlung. Üppig war sie ja nicht, gerade mal zwei Regalfächer voll – Filmklassiker, James Bonds (nur die mit Sean Connery und Pierce Brosnan, das verstand sich ja von selbst), Hitchcocks, Billy Wilders...
„Keine Liebesfilme?“ Er drehte sich wieder zu uns um, und ich bemerkte gerade noch, wie die Kerner die Augen verdrehte. „Was schwebt Ihnen denn da so vor?“, fragte ich zuckersüß. „Die große Rosamunde Pilcher-Box?“ Ein Rest Verstand ließ ihn anscheinend nun doch den Mund halten.
„Wie sieht denn Ihr Privatleben aus?“, fragte nun die Kerner, nachdem sie Grünbauer mit einer Geste neben sich aufs Sofa beordert hatte.
„Mein was?“, fragte ich verblüfft zurück.
„Nun, vielleicht hatte Ihr Freund ja ein Hühnchen mit Ihrem Vater zu rupfen?“
„Und vielleicht haben Sie Ihn erkannt, als er aus dem Haus stürzte, und verheimlichen uns deshalb so viel“, ergänzte Grünbauer und schrumpfte ein bisschen, als seine Chefin ihn giftig ansah. Wieder mal zu vorlaut gewesen...
„Ich habe keinen Freund“, antwortete ich würdevoll. „Zu erkennen war da nichts, ich hab diesen Mann wirklich nur eine Sekunde lang gesehen. Er hat mich beiseite geschoben und ist weg, und ich hab mich gefragt, was er wohl bei meinem Vater gewollt hatte... Ich hätte ihm nachschauen sollen, ich weiß, aber ich war so verblüfft...“
„Wieso?“
„Ich hatte noch nie in den letzten zwölf Jahren bei meinen – äh – Besuchen jemanden gesehen. Er war immer alleine, bestenfalls war die Haushälterin da. Und die hat prinzipiell nicht mit mir geredet, mir nur stumm geöffnet, mich verächtlich gemustert und wortlos auf die Arbeitszimmertür gewiesen.“
„Warum dies?“ Mir schien, die Kerner hatte keine Ahnung, was sie eigentlich fragen sollte – sie reagierte bloß noch auf meine zusammenhanglosen Erzählungen. „Keine Ahnung. Vielleicht mag sie mich einfach nicht, vielleicht ist sie prinzipiell sauer, wenn sie zur Tür schlurfen muss.“
„Wir haben sie gefragt“, kündigte die Kerner an, als sollte ich jetzt angesichts grässlicher Enthüllungen zusammenschrecken.
„Und?“
„Sie behauptet, Sie und Ihre Schwester hätten Ihren alten, kranken Vater herzlos im Stich gelassen, um ein lustiges Leben zu führen.“
„Ach ja? Nett. Na, vielleicht hat er es ihr gegenüber so dargestellt. Und krank war er nicht, soweit ich weiß. Andererseits hätte er mir das wohl auch kaum erzählt. Er hat nie von sich erzählt, die Tiraden gingen immer nur über allgemeine Themen. Gesellschaftliche Fehlentwicklungen und so. Seiner Ansicht nach hat das Unheil damit begonnen, dass man den Weibern erlaubt hat, lesen und schreiben zu lernen. Da sind sie frech geworden.“
Die Kerner grinste. „Ach, so einer! Na, wir haben ja auch noch den Bericht der Gerichtsmedizin und die ersten Informationen des Anwalts. Ihre Aussagen stimmen damit überein, und diese Frau Zittel scheint wenig Ahnung zu haben.“ Ich nickte, weil mir sonst auch nichts einfiel.
„Hat sich der Anwalt mit Ihnen in Verbindung gesetzt?“, fragte sie dann weiter. Ich schüttelte den Kopf. „Hätte er das tun sollen? Ach so, ja – wegen der Beerdigung. Wir wissen ja gar nichts. Ob er verbrannt werden wollte oder nicht, und wie er sich das Ganze so vorgestellt hat...“ Plötzlich musste ich grinsen. „Wissen Sie was? Vater war der Typ, der sein Testament als Videobotschaft hinterlässt und dann allen versammelten Möchtegernerben erzählt, warum sie bloß genau einen Euro und eine letzte Unverschämtheit kriegen. Direkt schade, dass er dafür zu wenig Verwandtschaft hat. Bloß mit Nathalie und mir gibt das wirklich keine filmreife Szene.“
„Warten Sie´s ab. Vielleicht finden sich ja noch mehr Erben.“
„Vielleicht finden sich überhaupt mal Erben! Wir kriegen doch sowieso nichts.“
„Das ist ja juristisch kaum möglich. Was würden Sie denn machen, wenn Sie dieses Haus erben würden?“
„Platt auf den Rücken fallen, vermutlich. O Gott, das wäre ja furchtbar! Was macht man mit so was? Behalten kann ich mir nicht leisten, drin wohnen würde mich depressiv machen, verkaufen ist dann auch wieder pietätlos, es stammt ja immerhin von unserem Urgroßvater, der nur leider keinen Geschmack gehabt haben muss... Scheiße, malen Sie den Teufel nicht an die Wand!“
Grünbauer rutschte auf seinem Platz herum und warf mir sprechende Blicke zu: Lass den Quatsch, Süße, ich weiß dass du lügst! Ich wäre scharf auf so ein Riesenhaus, also musst du´s auch sein. Ich starrte giftig zurück. „Ich kann´s Ihnen ja vermieten, wenn es Ihnen so gut gefällt! Aber dann können Sie auch das Inventar in den Container hauen – oder gefällt Ihnen das etwa auch?“
Grünbauer sah mich so verwirrt an, dass ich schon überlegte, ob ich ihm doch Unrecht getan hatte. Dann lachte er. „Ich finde das Haus gigantisch, zugegeben, aber auch die Miete könnte ich mir nicht leisten. Und wahrscheinlich frisst die Heizung das Öl geradezu.“
„Kann gut sein. In meiner Kindheit war es jedenfalls immer ziemlich kalt im Haus. Heizung sparen! Gut, dass ich es garantiert nicht erbe. Auch nicht mit Nathalie zusammen. Er hat bestimmt eine Möglichkeit gefunden, wozu hat er denn diesen Anwalt? Ich glaube, er hat uns damals was unterschreiben lassen, dass wir gegen diese monatliche Zahlung auf alle weiteren Ansprüche verzichten.“
„Ernsthaft? Haben Sie dieses Schreiben noch?“
„Bestimmt“, antwortete ich erstaunt. „Wollen Sie das etwa sehen?“
Als beide nickten, erhob ich mich seufzend und kramte den Ordner mit Unterlagen hervor. Nach längerem Blättern fand ich ein noch richtig maschinegeschriebenes Schriftstück, dass Vaters zackige und meine noch arg schulmädchenhafte Unterschrift trug. Sogar zwei Durchschläge! Ich nahm einen heraus und drückte ihn der Kerner in die Hand. „Da, bitte! Glauben Sie mir jetzt?“
Sie studierte das Dokument stirnrunzelnd, dann sah sie auf. „Glauben Sie ernsthaft, dass das rechtlich bindend ist?“
Allmählich langte es mir. „Ich bin Betriebswirtin, keine Juristin. Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal. Wenn er auf Kastners Beratung verzichtet hat, dann ist es vielleicht juristischer Blödsinn – aber das ist mir doch egal. Sollte ich wirklich wider Erwarten die Alleinerbin sein, schlage ich die Erbschaft aus, ich will Vaters blöden Krempel nicht. Vor allem dieses entsetzliche Haus nicht! Himmel, schauen Sie sich doch um, hier gibt es nichts, was ich vor meiner Volljährigkeit schon besessen hätte!“
„Wie das?“
„Alles umgehend ausgetauscht. Ich hab sogar das Sparbuch sofort auf eine andere Bank übertragen lassen, alle Schulhefte weggeschmissen, die Bücher durch Neuauflagen ersetzt, und Kinderfotos hatten wir sowieso nicht. Nichts hier ist von der Gruft verseucht – glauben Sie, das will ich ändern?“
Die Kerner seufzte, trank ihren Kaffee aus und erhob sich. „Tja, für heute war´s das wohl. Glauben Sie, Ihre Schwester ist jetzt zu Hause?“
„Keine Ahnung. Tut mir Leid, dass ich Ihnen nicht weiter helfen konnte.“
„Ach, sagen Sie das nicht. Ein klareres Bild haben wir jetzt zumindest gewonnen.“
„Und ich bin immer noch Ihre Hauptverdächtige?“
Grünbauer grinste frech, und die Kerner spulte den Standardspruch von wegen Wir verfolgen alle Spuren ab. - Jaja.