Читать книгу Sünden von einst - Elisa Scheer - Страница 7
6
ОглавлениеSie wussten auch tatsächlich nicht viel Neues, als wir wie aufgefordert am Samstagmittag im Präsidium auftauchten und uns neugierig umsahen. Alles lief ab wie aus dem Fernsehen bekannt, nur die Räumlichkeiten waren schicker als bei Derrick, aber nicht halb so neuzeitlich wie bei Siska. Etwa wie bei Soko Leipzig. Die Gespräche (wir wurden sofort getrennt) wurden aufgezeichnet und ergaben eigentlich gar nichts.
Wir wussten nicht mehr über Vater und Mutter als gestern; ich behauptete weiterhin, nicht mehr über den Unbekannten zu wissen, und hatte allmählich das Gefühl, dass man seine Existenz anzweifelte. Ich konnte ihn ja auch gut erfunden haben, um zu erklären, wie ich ohne Schlüssel ins Haus gelangt war. Vielleicht hatte ich in Wahrheit ja einen Schlüssel und war schon vorher aufgetaucht, um meinen unsympathischen Erzeuger zu ermorden? Die Waffe hätte ich in aller Ruhe entsorgt und dann mit hysterischem Unterton die Polizei gerufen... Solche Gedanken gingen diesem jungen Knackarsch – Grünbauer hieß er - garantiert durch den Kopf!
Ich hätte vielleicht doch eine bessere Beschreibung abgeben sollen – aber was wusste ich denn wirklich? Nur an den entzückenden Mund konnte ich mich erinnern. Ansonsten sah der Typ bestimmt besser aus, wenn er nicht so kotzgrün im Gesicht war. Nein, für ein Fahndungsfoto reichte das garantiert nicht. Natürlich war da noch das Auto, wenn es denn seins war. Sicher, ich hätte von dem BMW reden sollen... aber jetzt? Wie sollte ich ihn denn jetzt noch ins Spiel bringen? Ach übrigens, da war doch gestern noch so ein Wagen vor der Tür... Und wieso fällt Ihnen das jetzt erst ein? Ja, äh – hm.
Eben. Lieber nicht, die würden das ja wohl auch gerade noch so rauskriegen. Mussten die nicht auch die Nachbarn befragen? Ich erkundigte mich.
„Natürlich“, antwortete Grünbauer. „Aber die Grundstücke sind ja leider recht groß, ob da jemand etwas gesehen hat... Kennen Sie die Nachbarn?“
Ich zuckte die Achseln, was mir sofort einen Tadel einbrachte: „Bitte laut und deutlich, das Gerät kann nicht sehen.“
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich also laut und deutlich, „ich weiß nur, wer vor etwa zwölf Jahren links und rechts gewohnt hat. Aber ob das noch die gleichen Leute sind... Links waren es Dangels, ein älteres Ehepaar, mit denen Vater meistens verkracht war. Wegen so elementarer Probleme wie Löwenzahnsamen und Höhe der Hecke. Und rechts... das waren die Richards. Die fand ich als Teenie ganz toll, die hatten zwei kleine Kinder, ganz niedliche, und wirkten immer so vergnügt. Aber die haben sich absolut nicht um uns gekümmert, und um das Gekeife von Vater und Frau Rutz wegen des Kinderlärms schon gar nicht.“
„Frau Rutz?“
„Das war die Haushälterin vor Frau Zittel. Die konnte Nathalie und mich nicht leiden, weil wir immer nur Krach und Schmutz gemacht haben und ab und zu was zu essen wollten. Blöde alte Schnepfe.“
„Nach einer schönen Kindheit klingt das nicht gerade.“ Hatte er das mitfühlend oder lauernd gesagt? Mitgefühl brauchte ich jedenfalls keins.
„Ach, man lernt ziemlich schnell, sich seine Bestätigung woanders zu holen. Wir waren beide gut in der Schule und viel mit Freunden unterwegs. Und geschlagen oder vernachlässigt wurden wir ja eigentlich nicht.“
Jetzt nickte Grünbauer und raschelte mit seinen Notizen. Das knatterte nachher auf dem Band wahrscheinlich wie ein Maschinengewehr.
„Und worüber wollte Ihr Vater gestern mit Ihnen reden?“
„Er hat das Thema nicht vorher angekündigt, aber ich könnte mir denken, die finstere Zukunft der deutschen Wirtschaft. Das hatten wir schon länger nicht mehr. Vielleicht auch die Verkommenheit der Jugend und die Schuld egoistischer Mütter daran.“
„Oder wo die Enkel bleiben?“ Grünbauer grinste tatsächlich. Ich sah ihn strafend an. „Aber nein! Das war ihm nun wirklich egal. Ja, ob Deutschland ausstirbt oder nicht, darüber konnte er sich ereifern, aber Enkel... er mag – mochte eigentlich keine Kinder. Sie wissen schon, die machen Krach und -“
„- Schmutz. Schon klar. Das kommt mir alles etwas lieblos vor.“
„War es ja auch. Aber man gewöhnt sich wirklich an alles. Vielleicht wäre unsere Mutter liebevoller gewesen, aber sie war ja dann nicht mehr da... ich glaube, es ist besser, Sie fragen konkreter. Wenn Sie mich – uns – bedauern, tue ich mir bloß noch selber Leid, und das führt dann wirklich zu gar nichts.“
„Wann sind Sie genau ausgezogen?“
„An meinem achtzehnten Geburtstag. Fünfter November zweiundneunzig. Das lief geradezu generalstabsmäßig ab, zwei Wochen vorher hat mein Vater mich gebeten – mich angewiesen - , mir ein Girokonto einzurichten und ihm die Nummer zu geben, am Vorabend meines Geburtstags durfte ich meinen persönlichen Besitz packen (ich glaube, es waren ein Koffer, zwei Reisetaschen und eine Plastiktüte) und erhielt ein Sparbuch mit exakt achtzehntausend Mark darauf. Für jedes Lebensjahr ein Tausender. Dann hat er mir noch eine Liste in die Hand gedrückt, auf der so Sachen standen wie Vergiss die Krankenversicherung nicht und Gib deine neue Adresse an. Und am nächsten Morgen bin ich mit meinem Krempel weg, erstmal in die Schule und nachher zu einer Freundin, da durfte ich ein paar Wochen im Gästezimmer hausen. Dann hab ich ein kleines Appartement gefunden, in Selling, sogar schon möbliert, und da hab ich dann während des Studiums gehaust. Bei Nathalie war es vor vier Jahren genauso.“
Grünbauer stieß den Atem aus, sagte „Pause um 13.12“, und schaltete das Gerät aus. „Was für ein Arschloch“, sagte er dann. „Ein Wunder, dass ihn nicht schon früher jemand umgelegt hat.“
„Wieso denn? Ich habe ihn danach fast sechs Jahre lang nicht mehr gesehen und ihn auch nicht wirklich vermisst. Mit Nathalie hab ich natürlich jeden Tag telefoniert und sie war auch oft bei mir, das war ja nicht verboten.“
„Trotzdem – das ist doch unmenschlich! Nach dem Leben in dieser Villa... Na, egal, wir sollten wohl weitermachen.“ Er schaltete das Gerät wieder ein und sprach die neue Uhrzeit aufs Band.
„Ich denke, Sie sollten mal unsere Wohnungen sehen, bevor Sie uns bedauern. Außerdem hat er uns wirklich nicht dem Elend preisgegeben. Jeden Monat haben wir viertausend Mark bzw. zweitausend Euro gekriegt, und damit lässt sich schon was anfangen. Außerdem haben wir beide immer nebenbei gejobbt, und so sind wir ganz nett zurechtgekommen. Nur für Nathalie ist es unfair – sie hat bloß vier Jahre lang diesen Zuschuss gekriegt und ich immerhin zwölf... na, vielleicht hat er ihr noch was vererbt.“
„Das muss er doch!“, entrüstete sich Grünbauer.
„Er muss gar nichts. Er kann uns die Unterstützung auf den Pflichtteil anrechnen, und ich bin sicher, das hat er auch getan. Gut, dann bleibt für Nathalie auch noch was. Was aus dem Haus wird, weiß ich nicht, wir wollten es nie haben. Grässliches voll gestopftes Mausoleum. So viele Container gibt´s in der ganzen Stadt nicht, dass man das entrümpeln könnte.“
„Ärgert es Sie denn gar nicht, dass Sie nicht erben?“
„Haben Sie nicht zugehört?“, fuhr ich ihn an. „Ich brauche sein Geld nicht und das Haus schon gar nicht, ich hab eine nette Wohnung, einen guten Job und ein ganz hübsches Depot. Ich versteh was von Wirtschaft, schon vergessen? Das einzige, was sich jetzt ändert, ist: Keine gebieterischen Postkarten mehr. Ich hab ihm das nicht gewünscht, aber bin auch nicht traurig, dass er tot ist.“ Er sah mich zweifelnd an. Hinter mir öffnete sich eine Tür, und Frau Kerner kam herein, einige Papiere schwenkend. „Wollen Sie immer noch behaupten, dass Ihre Mutter 1984 gestorben ist?“
„Ja, warum? Das stimmt doch auch!“ Ich sah im Nachbarzimmer Nathalie sitzen, die verwirrt dreinsah und mir schwächlich zuwinkte. Was hatte die Kerner mit ihr angestellt – und was sollte der Quatsch mit unserer Mutter?
„Nein, das stimmt nicht. Oder ist sie in irgendeinem weit entfernten Staat ohne Bürokratie gestorben?“ Ich starrte die Kerner an. „Was? Nein... an einem Tag war sie noch da und hat sich mit Vater über irgendwas gestritten... und am nächsten Morgen hat er gesagt, sie ist tot, und hat mich in die Schule geschickt.“
„Und wie war die Beerdigung?“ Sie musterte mich unfreundlich.
„Beerdigung?“, wiederholte ich dümmlich. „Ich kann mich an keine Beerdigung erinnern, vielleicht dachte er, ich wäre zu jung für so was.“
„Na, sonst hat er sich doch auch nicht direkt mit pädagogischen Erwägungen aufgehalten, oder?“, warf Grünbauer ein.
„Deshalb doch nicht“, warf Nathalie von nebenan ein und kam näher. „Er könnte aber gut Angst gehabt haben, dass Nina oder womöglich ich am Grab Mama schreien oder uns sonstwie schlecht benehmen. Haben wir eigentlich Schwarz getragen, Nina, weißt du das noch?“ Ich nickte langsam. „Ich glaube schon. Warte mal, das war irgendwann im Sommer, oder? Kurz vor den Ferien, und es war furchtbar heiß in den dunklen Sachen... da war ich ja noch gar nicht zehn, erst neuneinhalb. Und du hast ununterbrochen gebrabbelt, so Sachen wie Natti spielen.“
„Nichts Besseres? Ich muss ja ganz nett zurückgeblieben gewesen sein. Bloß gut, dass ich mich daran gar nicht mehr erinnern kann!“
„Sommer 1984“, wiederholte die Kerner. „Seltsam, da gibt es keine passende Eintragung im Sterberegister. Ihre Mutter hieß Anita, nicht wahr? Anita, geborene Lederle. Aus Augsburg.“
„Ehrlich?“ Ich staunte. „Also, dass sie Anita hieß, weiß ich, aber das andere nicht. Haben wir da womöglich Verwandte?“
Die Kerner wirkte langsam gereizt und ich riss mich zusammen: „Ja, schon gut, das können wir ja später klären. Okay, fragen Sie weiter.“
„Ich habe eigentlich nur eine Frage: Wie kommt es, dass es nicht den geringsten Hinweis auf den Tod Ihrer Mutter gibt und Sie beide trotzdem steif und fest behaupten, sie sei im Sommer 1984 gestorben?“
„Ich denke, das liegt an unserem bescheidenen Wissenstand“, antwortete ich. „Er hat uns nie etwas erzählt, aber warum nicht, weiß ich nicht. Und wir haben schnell aufgehört nachzufragen, dann gab´s nämlich Ärger. Für uns war sie tot und dann eine ziemlich nebelhafte Erinnerung. Dunkle Haare hatte sie, glaube ich, so wie Nathalie.“
„Meinen Sie etwa, sie ist gar nicht tot? Sie lebt irgendwo?“, fragte Nathalie und setzte sich ruckartig auf einen Stuhl. „Wahnsinn... lebt seit zwanzig Jahren irgendwo in der Verbannung...“
„Nathalie, was ist das für ein Kitsch!“, schimpfte ich. „Verbannung, also wirklich! Wie soll er sie denn verbannt haben, nach Sibirien oder was? Der Zar war er ja nun auch nicht. Sie hätte sich doch bestimmt mal gerührt, spätestens, als wir beide volljährig waren. Wir stehen doch ganz brav im Telefonbuch!“
„Vielleicht ist sie krank“, murmelte Nathalie.
Ach Gottchen, murrte ich im Stillen. Von herzlosem Mann weggesperrt? Fiebrig auf einem erbärmlichen Lager auf Stroh nach ihren Kindern wimmernd? Nathalie las anscheinend wirklich zu viel schmalziges Zeug. Aber vielleicht wollte sie einfach nur glauben, dass wenigstens unsere Mutter uns geliebt hatte. Ich konnte mich noch besser an sie erinnern – und viel Liebe kam in diesen Erinnerungen nicht vor. Trotzdem schien Nathalie diese Vorstellung zu brauchen.
„Ja, vielleicht“, sagte ich also nur und überließ es der Kerner, höhnisch durch die Nase zu prusten. „Ob wir sie finden können?“, überlegte Nathalie halblaut weiter. „Das wird gegebenenfalls Ihr Anwalt tun“, sagte die Kerner, „schließlich gehört Ihre Mutter ja wohl zu den Erben.“
„Wir erben doch nichts, das hab ich Ihrem Kollegen schon erklärt“, warf ich ungeduldig ein. „Das sollten wir erst einmal abwarten“, entgegnete die Kerner, „mit dem Anwalt haben wir uns jedenfalls schon in Verbindung gesetzt. Sind Ihnen mittlerweile noch irgendwelche Beobachtungen eingefallen? Es können auch ganz unbedeutende Kleinigkeiten sein, uns nützt alles etwas.“
Grünbauer schob ihr einen Zettel zu und sie nickte. „Na gut, dann war´s das für heute. Vielleicht kommen wir in den nächsten Tagen bei Ihnen vorbei oder bestellen Sie noch einmal her.“
Dass sie uns ein schönes Wochenende wünschte, kam mir etwas zynisch vor, aber ich erwiderte den Wunsch höflich und zog Nathalie nach draußen.