Читать книгу Sünden von einst - Elisa Scheer - Страница 8
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Оглавление„Glaubst du das?“, wollte Nathalie auf der Straße wissen und sah mich mit aufgerissenen Augen an. Nichts mehr von der kühl kalkulierenden Studentin, sie kam mir vor wie ein liebesbedürftiges Kleinkind. Spontan umarmte ich sie. „Du meinst, dass sie noch lebt? Ehrlich gesagt nein.“
„Aber das könnte doch sein“, widersprach sie, als sie neben mir her zum Parkplatz lief. „Wenn Papa sie rausgeworfen hat, vielleicht hat sie ihm widersprochen oder ist fremdgegangen oder so...“
„Und warum hat sie sich dann nie gemeldet? So viel Angst hatten ja nicht einmal wir von ihm. Nathalie, ich kann es wirklich verstehen, dass du gerne eine Mutter hättest – aber da würde ich nicht suchen. Und so nett war sie eigentlich auch nicht. Ich kann mich ja noch ein bisschen an sie erinnern.“
Sie stieg neben mir ein. „Komm, gehen wir ins Café Royal und du erzählst mir von ihr. Ich weiß gar nicht, warum wir noch nie über sie geredet haben!“
Na gut. Eigentlich war es wirklich seltsam – hatte Vaters Redeverbot denn so auf uns abgefärbt?
„Viel weiß ich aber auch nicht mehr“, warnte ich Nathalie, als wir im Café Royal inmitten frustrierter und fußlahmer Shopper saßen und in unserem Tee herumrührten. „Ich war noch nicht mal zehn, als sie gestorben ist – ja, oder meinetwegen verschwunden, obwohl ich mir das wirklich nicht vorstellen kann.“
„Und wie war sie so?“
„Was der Bayer so als auftreibert bezeichnet. Viel unterwegs, shoppen, Freunde treffen, Events, bloß hat man die damals noch nicht so genannt. Zu mir hat sie eigentlich meistens gesagt Schätzchen jetzt nicht, ich telefoniere gerade. Aber sie hat toll ausgesehen.“ Ich betrachtete Nathalie abschätzend. „Du siehst ihr ziemlich ähnlich, wenn mich nicht alles täuscht.“
„Ich hab sie mir immer rothaarig vorgestellt“, meinte Nathalie verträumt. „Rothaarig und wunderschön. Und ganz sanft...“
Ich seufzte. „Sorry, aber sie war eher laut. Und ich glaube, sie hat ziemlich viel Geld ausgegeben, jedenfalls kann ich mich an Streitereien zu diesem Thema erinnern. Aber andererseits kann man mit neun Jahren auch eine Menge missverstehen“, lenkte ich ein, als ich Nathalies betrübtes Gesicht sah.
„Würdest du sie nicht gerne wiedersehen?“
Ich dachte darüber nach und zuckte dann die Achseln. „Weiß nicht. Sehnen tu ich mich nicht nach ihr. Und die Frage ist doch auch total akademisch. Nathalie, ich will wirklich nicht herzlos sein oder wenigstens unromantisch, aber sie ist tot – tot!“
„Du brauchst nicht so zu schreien“, murmelte sie und warf ein Zuckerstück nach dem anderen in ihren Tee, „geht dir das gar nicht nahe?“
„Nein“, musste ich zugeben. „Das ist zwanzig Jahre her, und warum sollte ich elterliche Liebe vermissen, wenn ich sie sowieso nie gekannt habe?“
„Ich vermisse sie aber schon. Weißt du, du kennst doch die Sina, oder?“
„Deine Schulfreundin? Was macht die denn jetzt?“, fragte ich, froh über die Ablenkung. „Lehramt, aber Englisch und Erdkunde. Wir sehen uns ab und zu in der Unibibliothek, aber darum geht´s jetzt nicht. Weißt du, sie hat noch beide Eltern und drei Geschwister, und bei denen war es immer so lustig, da wurde einem das Haar verwuschelt und man wurde für einen Zweier gelobt und kriegte ein Stück Salami abgesäbelt und durfte mit den Hasen spielen, und am Wochenende haben sie alles was zusammen gemacht, und jeden Abend zusammen gegessen... da hab ich mir schon manchmal gedacht Und was haben wir außer dieser Gruft?“ Sie seufzte zittrig auf.
„Ja, gut, wenn man sich mit anderen vergleicht... Da hatte ich es wohl leichter, die Heidi lebte alleine mit ihrer Mutter, und das war so eine ganz verbitterte Witwe und total etepetete, da hab ich mir eher gedacht Wenigstens das bleibt mir erspart! Bernies Eltern haben sich ziemlich ekelhaft scheiden lassen, als sie siebzehn war, und Julias Eltern sind wahnsinnig altmodisch. Sonst hätte sie bestimmt nicht mit neunzehn geheiratet, bloß weil sie schwanger war. Ist eben alles relativ...“
„Stimmt schon.“ Nathalie nahm einen Schluck von ihrem Tee und spuckte ihn in die Tasse zurück. „Pfui Deibel!“
Sie bestellte sich einen neuen Tee und sah mich unglücklich an. „Findest du es albern, dass ich von einer liebevollen Mutter träume?“
„Nein, nein“, versicherte ich ihr. „Albern nicht – nur, sollte sie wirklich noch leben, hat sie sich damit doch als ziemliche Rabenmutter geoutet, oder? Weißt du, romantische Konstruktionen sind ja schön und gut, aber er hätte sie nie so lange von uns fern halten können, wenn sie das wirklich nicht gewollt hätte.“
„Wenn du meinst... sonst weißt du gar nichts mehr über sie?“
„Nur so Momentaufnahmen. Lachend am Telefon, aufgehübscht am Abend, mit Einkaufstüten beladen, kurzer Auftritt beim Kindergeburtstag...“
„Kindergeburtstag? Du hast fremde Kinder einladen dürfen?“
„Drei ausgewählte kleine Langweilerinnen. Das muss in der zweiten Klasse gewesen sein. Ach ja – und Vater hat mich genötigt, meine Ausgaben aufzuschreiben, damit du nicht so wirst wie deine Mutter. Das war dann mein siebter Geburtstag. Und ich weiß noch, als sie ein paar Monate später mit dir aus dem Krankenhaus kam... du warst ein absolut niedliches Baby, aber die beiden haben sich dauernd gezankt, ich weiß bloß nicht, warum. Wahrscheinlich war es was, was ich noch nicht kapiert habe.“
„Wahrscheinlich war er sauer. Schon wieder bloß ein Mädchen...“, meinte Nathalie.
„Kann gut sein. Hat ihm eigentlich nie jemand gesagt, dass das an seinen Chromosomen lag?“
„Bei ihm waren doch immer alle anderen Versager und an allem schuld, nie er. Wieso haben die beiden eigentlich so lange gewartet, bevor sie sich an ein zweites Kind gemacht haben?“
„Keine Ahnung, vielleicht hat´s nicht geklappt. Außerdem bist du ja das dritte Kind. Dazwischen war doch noch der Andi, der gleich wieder gestorben ist. Vielleicht hat sie das zaudern lassen. Ich weiß es auch nicht. Irgendwann sehen wir ja den Kastner, der weiß vielleicht mehr."
„Wem er wohl die Gruft vermacht hat? Dem Katzenheim?“, überlegte Nathalie. „Kaum, er hat Katzen doch gar nicht leiden können. Weil ihm die Minka von Dangels immer an die Rosenbüsche gepinkelt hat und die sind dann prompt eingegangen. Oder hat er sich später noch geändert?“
„Nein... die Minka ist ja dann gestorben, und auf diesen wilden Kater, den Django, den die Dangels dann hatten, wollte er sogar mal schießen, als er zwischen den Blumen auf diesem Hügelbeet gescharrt hat.“
„Er hatte eine Knarre?“ Ich war baff.
„Weiß ich nicht, er hat nur rumschwadroniert, es war beim Essen. Ich denke mal, da war ich so etwa sechzehn, vorher musste ich ja in der Küche essen.“
„Unreife Tischmanieren“, ich nickte wissend. „Musste ich ja auch. Unter sechzehn sind Kinder unerträglich.“
„Danach ignoriert man sie am besten zwei Jahre lang nach Kräften, und dann wirft man sie raus. Wozu wollte er eigentlich immer einen Sohn? Wäre er mit dem wohl besser umgegangen, was glaubst du?“
Mir tat der verlorene Blick in ihren Augen weh und ich streichelte ihre Hand. „Kaum. Den hätte er wahrscheinlich dauernd mit dieser Nachfolgerkiste schikaniert, und der wäre wahrscheinlich aus purem Trotz Rockmusiker oder Sozialarbeiter oder Sinologe geworden.“ Ich musste lächeln. „Schade, das hätte ich dem Alten direkt gegönnt.“
Nathalie lächelte auch, allerdings etwas wehmütig, und sagte nichts.
Ich seufzte innerlich. Ich hatte meine lieblose Kindheit ja schon verarbeitet und mich in meinem coolen Leben eingerichtet, aber Nathalie litt wirklich – und was sollte ich jetzt tun, um ihr zu helfen? „Erzähl doch mal von deinem Hardy“, forderte ich sie schließlich nicht ohne Verzweiflung auf, weil mir nichts Besseres einfiel. Vielleicht liebte der sie wenigstens wirklich?
Sie hob die Schultern und ließ sie matt wieder sinken. „Hardy? Naja, ich weiß nicht. Nett ist er schon... aber als ich ihm gestern abgesagt habe, war er ein bisschen sauer.“
„Sauer? Was kannst du denn dafür, wenn dein Vater ermordet wird?“ Ich war empört.
„Das weiß er doch nicht. Verflixt, du kennst das doch, wie soll man das denn jemandem sagen? Sorry, mein Vater ist gerade ermordet worden, ich kann nicht in den Biergarten gehen? Ach übrigens, ich habe Leukämie und noch zwei Wochen zu leben? Mein Kind ist tot zur Welt gekommen? Und dann hörst du dir das verlegene Gestotter der anderen und ihre verlogenen Beileidsbekundungen an... da sag ich doch lieber gar nichts.“
Das konnte ich nun wieder verstehen, mir graute auch schon davor, es Julia und Bernie und (noch schlimmer!) am Arbeitsplatz erzählen zu müssen. Ach, du Arme! Da bin ich ja ganz betroffen... Ratschläge zu so grässlichen Begriffen wie Trauerarbeit und Ablöseprozesse... danach womöglich noch Geschichten von anderer Leute Eltern, Krebsgeschichten, Alzheimer, Schlaganfälle... bei dir ist es wenigstens schnell gegangen... ja, eine Kugel geht natürlich schnell. Blödes Gequatsche. Ich würde es nur dem Chef sagen und ansonsten ein Pokerface aufsetzen... Oder kamen die Bullen dann auch noch ins Büro und brachten mich in Verlegenheit? „Kann ich verstehen... aber bevor du dich wegen so was mit deinem Hardy verkrachst, solltest du es ihm doch sagen“, riet ich. „Warn ihn halt gleich, du willst nichts von Beileid oder sonstigem Gesülze hören. Vielleicht tröstet er dich ja raffinierter.“
„Haha. Und dann muss ich zugeben, dass ich gar nicht so wahnsinnig traurig bin, und stehe prompt als Monster und Rabenkind da. Schöne Scheiße. Kannst du jetzt einen auf tiefe Trauer machen?“
„Wie denn? Dann hätte er sich wirklich anders aufführen müssen. Du hast schon Recht, ich kann mich auch nur als herzlose Tochter präsentieren. Aber ich hab ja wenigstens keinen Macker, der mich dann merkwürdig anschaut.“
„Im Moment wäre es mir fast lieber, ich hätte auch keinen“, murmelte Nathalie. „Auch wenn der Hardy sonst schon okay ist.“
„Wie heißt dein Hardy eigentlich wirklich?“, fragte ich das, was mich schon am Freitag beschäftigt hatte. „Eberhard oder wie?“
Nathalie verzog den Mund. „Leonhard. Ich hab ja schon versucht, ihn Leon zu nennen, das klingt viel schicker, aber so hat ihn seine Stiefmutter immer genannt, und die kann er nicht leiden, er sagt, das ist die typische Societyzicke, und wenn ich einen mit einem schicken Namen haben will, kennt er da eine Flachpfeife namens Maurice, den kann er mir vorstellen.“ Ich gestattete mir ein flüchtiges Grinsen. „Der Mann hat entschiedene Ansichten.“
Sie nickte und betrachtete ihre noch unberührte Sachertorte. Ich hatte meinen Apfelstrudel natürlich schon ganz verdrückt.
„Aber wenn er seine Stiefmutter nicht mag, kennt er doch solche verqueren Familienverhältnisse. Dann kannst du ihm auch erzählen, dass du Vater nicht gemocht hast und deshalb nicht wirklich trauerst. Vielleicht tröstet es dich doch, wenn es anderen so ähnlich geht.“
„Ja, vielleicht...“ Sie nahm ihren Kuchen in Angriff und verdrückte ihn schweigend und so entschlossen, als habe sie sich damit eine wichtige Aufgabe gestellt. Ich sah ihr zu und überlegte, wann ich mich frühestens davonmachen konnte – in mir kribbelten Heimwerkergelüste. Schließlich schob sie den Teller zurück, sah auf und grinste etwas matt. „Ich kenn dich doch, du planst eine Aufräumorgie, oder?“
Ich gab es zu. „Ich weiß ja auch nicht, warum ich plötzlich solche Lust darauf habe..."
„Ich schon. Immer wenn du durcheinander bist, musst du was streichen oder bauen oder kistenweise Zeug wegschmeißen. Anscheinend beruhigt dich das. Weißt du noch, als mit Simon Schluss war?“
Natürlich. Da hatte ich gerade die Wohnung gekauft und eigentlich geplant, sie ganz langsam zu renovieren – und dann hatte ich meinen ganzen Jahresurlaub damit verbracht, wie besessen zu streichen, Böden zu verlegen, Schränke einzubauen und komplett umzuziehen. Sechs Kilo abgenommen und fast meine ganze Wut abreagiert! Ich lächelte bei der Erinnerung.
„Ja... vielleicht denke ich dann, wenigstens habe ich ein perfektes Zuhause. In der Gruselvilla hab ich das nie so empfunden.“
„Eben“, meinte Nathalie. „Komm, wir zahlen und du fährst in den Baumarkt. Weißt du schon, was du machen willst? Ich verspreche dir auch, nicht weiter von der liebevollen Mami zu träumen, sondern erstmal abzuwarten.“
„Ist auch besser so. Was ich machen will... was meinst du, wenn ich die eine leere Wand im Wohnzimmer blassgelb streiche? Mit solchen Wischeffekten?“
„Hört sich gut an – kannst du das denn?“
Nein, aber ich konnte es doch mal versuchen. Schlimmstenfalls musste ich eben wieder drüberstreichen!