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Sechs
ОглавлениеBerlin
In ganz Berlin brannten mittlerweile die Straßenlaternen. Die meisten Menschen hatten ihr Abendessen hinter sich, saßen auf der Couch vor dem Fernseher, im Kino, in der Eckkneipe nebenan oder gaben sich anderen alltäglichen Dingen hin. Draußen peitschte der Wind den Regen durch die Stadt. Nur die ganz Unerschrockenen waren zu Fuß unterwegs (oder die, die unbedingt mussten). Derweil spielten sich im Inneren die kleinen und großen Dramen des Lebens ab. Paare, die sich stritten, sich trennten oder versöhnten, Freundschaften, die geschlossen wurden oder abrupt beendet wurden. Liebeleien, die ihren zarten Anfang nahmen und ebensolche, die für immer zu Ende gingen. Kinder wurden in diese Welt hineingeboren und anderswo machten Menschen ihren letzten Atemzug. Glück und Unglück. Yin und Yang. Die große Gleichung des Lebens.
Es war ein ganz normaler Abend in Berlin.
Für die meisten.
In Moabit wurde ein Brief »An den Leiter der Ermittlungen im Mordfall Adler« in den Kasten geworfen, der am übernächsten Tag auf dem Schreibtisch von Kriminalrat Lorenz landen würde. Er enthielt wenig Neues für ihn. Obwohl der Absender es vorzog, seinen Namen nicht zu nennen, ging aus diesem Brief hervor, dass ein mittlerweile um sein Leben fürchtender Privatdetektiv wichtige Hinweise geben konnte. Während einer Personenfahndung für einen Professor Kerner habe er seine Zielperson bis zu besagtem Hotel verfolgt und ebendieses Herrn Kerner mitgeteilt. Weiterhin wurde erwähnt, dass genau diese Person kurze Zeit später ermordet worden war, wie man den Zeitungsberichten entnehmen konnte. Die nötigen Schlüsse würden die Herren Beamten dann wohl selber ziehen können ...
Im Martin-Luther Krankenhaus in Schöneberg versuchte Karl Elster, ein wenig Schlaf zu bekommen, aber vergeblich. Trotz der starken Schmerzmittel konnte er keine Ruhe finden, weil ihn die Bilder vor dem Lokal der Russen verfolgten und sich einfach nicht verdrängen ließen. Und gleichzeitig war da diese Leere in ihm, weil ihm klargeworden war, dass seine Freundschaft mit Peter eine Selbsttäuschung gewesen war. Freundschaft war für Karl etwas ungemein Wertvolles und Peter hatte ihn nur ausgenutzt. Mittel zum Zweck für seine eigenen Interessen. Wie praktisch, dass Karl immer da war, wenn Peter ihn brauchte. Peter, der nur noch Augen für diese Angela hatte und alles andere darüber vernachlässigte.
Aber hatte nicht derselbe Peter ihm einst das Leben gerettet? Damals, als sie diese Drogendealer verfolgt hatten und in einen Hinterhalt geraten waren und sich urplötzlich einer Übermacht gegenüber sahen. Karl hatte festgesteckt in seiner Deckung, konnte nicht vor und zurück, weil ihm die Kugeln von allen Seiten um die Ohren flogen. Das Protokoll hätte von Peter verlangt, Verstärkung zu rufen und dann auf deren Eintreffen zu warten... Peter hatte die Verstärkung gerufen, aber dann war er einfach reinspaziert in die Höhle des Löwen, wo Karl festsaß und hatte ihnen den Weg freigeschossen. Sie hatten ein Riesenglück gehabt, fast unverletzt dort rausgekommen zu sein. Für beide hatte es zusätzlichen Ärger disziplinarischer Art bedeutet, obwohl das Ganze eigentlich seine, Karls Schuld gewesen war. Auch das war Peter ...
Aber das war der Peter damals gewesen. Der Peter, den es nicht mehr gab. Oder doch? Und er hatte betroffen gewirkt, als er seinen Pflichtbesuch abgestattet hatte. Oder? Aber dann hatte er wieder reagiert wie das letzte Arschloch ...
Karls Gedanken drehten sich und drehten sich, bis sie wieder am Anfang angekommen waren. Und dann begann die Karussellfahrt von vorne...
Im selben Krankenhaus versuchte Karin Kabrinsky verzweifelt, wach zu bleiben, aber es gelang ihr ebenso wenig, wie es Karl gelang, einzuschlafen. Die Mittel, die man ihr verabreicht hatte, waren einfach zu stark und sie sank immer wieder in einen unruhigen Schlaf, den sie ganz und gar nicht begrüßte. Man hatte ihr das Handy weggenommen, was für sich genommen schon mal eine Riesensauerei war, aber das Schlimmste daran war, dass sie Angela nicht erreichen konnte. Und sie musste ihr doch unbedingt sagen, dass sie ihr keinen Vorwurf machte, dass sich nichts an ihrer Freundschaft geändert hatte. Sie kannte Angela so gut, dass ihr schmerzlich bewusst war, welche Vorwürfe sie sich machen würde, so unbegründet sie auch sein mochten. Sie hoffte, dass die Schwester wenigstens ihre Nachricht weitergeleitet hatte. Die junge Dame hatte zwar einen ganz patenten Eindruck gemacht, aber mit absoluter Gewissheit konnte man das natürlich nicht sagen. Karin war in einen unruhigen Erschöpfungsschlaf weggedriftet, nachdem sie gebeten hatte, Angela zu informieren, dass es ihr gut ginge. Als sie wieder wach war, hatte eine andere Schwester den Dienst übernommen. Wie nicht anders zu erwarten, hatte sie keinen Schimmer davon, was ihre Kollegin ausgerichtet hatte – oder auch nicht.
»Wenn Ihr Kommunikationsfluss immer so träge ist und keiner weiß, was der andere tut..«, hatte Karin sich nicht verkneifen können zu sagen.
Und mit hochgezogenen Augenbrauen: »Dann stellt sich einem die Frage, wie oft man z.B. ein und dieselbe Medizin zu schlucken bekommt«. Mit einem misstrauischen Blick auf die Tabletten, die ihr die Schwester gerade reichte, hatte sie hinzugefügt: »Ich habe keine Lust, eine Überdosis von irgendwas verpasst zu kommen. Sind Sie ganz sicher ...?«
»Bin ich,« hatte die Schwester sie unterbrochen und ihr einen vernichtenden Blick zugeworfen.
»Und im Übrigen ist unser ‚Kommunikationsfluss‘ flott genug, uns gegenseitig vor schwierigen Patienten zu warnen. Und jetzt schlucken Sie ihre Tabletten!«
Das hatte gesessen und Karin hatte sich ein beeindrucktes Lächeln nicht verkneifen können. Meistens kuschten die Leute, wenn sie ihre Mischung aus Zynismus, Arroganz und Frechheit anrührte, aber diese junge Schwester war völlig unbeeindruckt geblieben. Aus der kann noch was werden, hatte Karin amüsiert gedacht und dann einen Moment später resigniert festgestellt, dass ihr das jetzt auch nicht helfen würde.
Sie nahm sich vor, die Taktik zu ändern und die Schwester auf ihre Seite zu ziehen, wenn sie das nächste Mal ins Zimmer käme. Ja, das erschien ihr eine gute Idee. »If you can’t beat ‘em, join ‘em.«
Und über diesem Gedanken schlief sie wieder ein.
In seinem Wohnzimmer waren die Vorhänge zugezogen, sodass völlige Dunkelheit herrschte. Ein zufälliger Beobachter hätte nur anhand der regelmäßigen Atemzüge, die die Stille durchbrachen, einen Hinweis darauf bekommen, dass der Raum nicht leer war. Jemand, der auf der Couch eingeschlafen ist ...
Aber Thomas Kerner schlief nicht und er lag auch nicht auf der Couch.
Er hockte im Schneidersitz auf dem weichen Teppich, vor sich einen Cognac, zwei längst heruntergebrannte Kerzen und zwischen ihnen eine Box aus Leder in der Größe eines Schuhkartons. Kerner starrte ins Dunkle, voller Angst den eigenen Atemzügen lauschend. Auf eine perfide Art wusste er, dass etwas in seinem Kopf »Klick« gemacht, dass er eine Grenze überschritten hatte, deren Übergang nur in eine Richtung geöffnet war. Während ein Teil seines Verstandes eine Reise in Gefilde angetreten hatte, denen außer ihm selbst niemand folgen konnte, war der andere Teil analytisch und funktional wie immer. Und genau das erzeugte die tiefe Furcht in ihm. Er wusste, dass er am Durchdrehen war, aber gleichzeitig war er in der Lage, eine nüchterne Bilanz zu ziehen. Und die fiel äußerst unbefriedigend aus.
Alex war ein Reinfall gewesen. Nichts von dem, was er sich vorher ausgemalt hatte, war eingetreten. Kein Rausch des Triumphes, keine Befriedigung seiner Rachegelüste, nur ein schaler Geschmack im Mund und Blutspritzer an der Kleidung und auf der Haut. Und dann der gottverdammte Bulle, der natürlich genau in dem Moment auftauchen musste, als er diese andere Schlampe am Wickel hatte.
Es war gut gewesen, Angelas Wohnung zu beobachten. So hatte er verfolgen können, wie das erst gedämpfte Licht oben im Apartment plötzlich in voller Pracht erstrahlte. Wie dann die Beleuchtung im Hausflur anging und kurz danach diese Frau unten in der Haustür erschien.
Es bedurfte keiner detektivischen Fähigkeiten, um sie mit Angela in Verbindung zu bringen. Besser als nichts, hatte er gedacht und beim Gedanken daran, wie offensichtlich volltrunken die Dame gewesen war, musste er selbst jetzt noch lächeln. Dumm, dass sie überlebt hatte, weil er im entscheidenden Moment gestört wurde ... Das hätte das Miststück von Angela so richtig getroffen.
Zumindestens würde diese überdrehte Schnepfe ihn kaum identifizieren können, so abgefüllt, wie sie gewesen war. Hatte irgendwas vom Mond gefaselt, war das denn zu glauben?
Er hätte sie liebend gern dorthin geschossen, wenn der große Beschützer nicht aufgekreuzt wäre. Und der hatte ihn erkannt, da war sich Kerner sicher. Für einen ganz kurzen Augenblick, als der Mistkerl in seinem Taxi auf ihn zugeschossen kam, hatten sich ihre Blicke getroffen und jeder hatte den anderen erkannt. Da bestand kein Zweifel. Warum war dann niemand bei ihm aufgetaucht von den Bullen? Diese Frage beschäftigte ihn schon die ganze Zeit, seit er panisch zu seinem Auto gerannt und nach Hause gerast war. Seitdem wartete er darauf, dass die Polizei vor der Tür stehen würde.
Nicht wegen der Sache mit Alex, oh nein! Er war sich sicher, dass er keine Spuren hinterlassen hatte. Und nicht umsonst hatte er den kleinen Dealer während der ganzen Zeit seiner Haft mit keinem Wort erwähnt. Mit der Sache im Hotel Adler würde man ihn nicht in Verbindung bringen können. Gedankenverloren nestelte er an der Lederbox herum, öffnete sie schließlich. Der Gestank, der sich ausbreitete, war bestialisch, aber er rümpfte nicht einmal die Nase. Der unförmige Klumpen, der einmal Alex‘ Herz gewesen war, befand sich bereits im Zustand der Verwesung. Was einmal als Anfang einer Trophäensammlung gedacht war, war nur noch ein Brocken Abfall ohne jede Bedeutung. Kerner schauderte bei dem Gedanken, welches Risiko er eingegangen war, das tote Stück Fleisch mit in sein Haus genommen zu haben.
Was, wenn die Bullen gekommen wären und das Haus wegen der Sache vor Angelas Wohnung durchsucht und dann das hier gefunden hätten? Verdammt, er durfte sich keine solchen Fehler erlauben. Schlimm genug, dass der verfluchte Privatdetektiv offenbar das Weite gesucht hatte. Um den hatte er sich kümmern wollen, denn wenn der der Polizei steckte, wen er für ihn gesucht und gefunden hatte, würde er in gewaltige Erklärungsnotstände kommen. Aber bei dem war nur der Anrufbeantworter angesprungen. Die Nachricht darauf besagte, dass der Schnüffler aus beruflichen Gründen im Ausland weilte und bis auf weiteres nicht zu erreichen sei. Kerner hatte fast lachen müssen. Kalte Füße hatte der gekriegt, und vielleicht würde er niemals erfahren, dass er gute Gründe dafür gehabt hatte.
Kerner konnte nur hoffen, dass der Mann so schlau war, nicht wieder hier aufzutauchen. Und er konnte ebenfalls nur hoffen, dass er nicht zur Polizei gehen würde. Aber dann, so überlegte der Professor für Kernphysik, würde der Mann in einen Mordfall mit hineingezogen und das würde Ärger und Unannehmlichkeiten bedeuten. Nein, von dem Detektiv ging keine Gefahr aus, da hätte er drauf wetten können. Blieb das leidige Herz. Kurzentschlossen klappte er die Box wieder zu, wischte sie sorgfältig ab und verfrachtete sie, jetzt mit Handschuhen bewehrt, in eine Plastiktüte. Er beschloss, noch einen Spaziergang zu machen.
Nach dem Abendessen, das pünktlich wie jeden Tag um sieben Uhr stattfand, hatte sich Kriminalrat Lorenz artig bei seiner Frau Hilde bedankt. Danach hatte er sich in sein Arbeitszimmer an seinen eichenen Schreibtisch zurückgezogen. Hier, in seinem kleinen Refugium, das zu betreten seiner Frau unter allen Umständen verboten war, lockerte er erstmals an diesem Tag seine Kleidung. Er streifte die Fliege ab und knöpfte den obersten Hemdknopf auf. Dann goss er sich ein Glas Bordeaux ein, nahm einen vorsichtigen Schluck, ließ den Wein im Mund kreisen und nickte dann zufrieden. Danach öffnete er die lederne Briefmappe, entnahm ihr ein blütenweißes Stück Papier, schraubte den Federhalter auf und fing an zu schreiben. Ganz oben als Überschrift schrieb er in geschwungenen, wohlgesetzten Buchstaben: Aufgabenliste.
Darunter: Professor Kerner.
Er ließ einige Zentimeter Platz und schrieb dann: Peter Johnson.
Ein weiteres Stück tiefer schrieb er: Hartmann, BND.
Er besah sich das eben Verewigte, nahm einen weiteren Schluck Rotwein, seufzte und begann dann seine Arbeit. Es war an der Zeit, etwas ins Rollen zu bringen.
Eine knappe Vierteltunde später stellte er ernüchtert fest, dass der Zettel nicht ausreichen würde. Er zerknüllte ihn schließlich und warf ihn in den Papierkorb. Dann startete er von Neuem.
»Verdammte Scheiße, Alter! Wie geil ist das denn?« Wolfram Meyer freute sich wie ein kleines Kind. »Hier sind lauter Einträge über unseren Schotten ... Mann, der Alte hat den echt auf seiner schwarzen Liste. Schau mal hier, da hat Peter eins auf den Sack gekriegt, weil er einem Verdächtigen eine gezimmert hat.«
»Kümmer dich um das, was wir rausfinden sollen«, zischte Anton Steinmeier gepresst. »Wir haben nicht ewig Zeit und ich hab kein gutes Gefühl bei der Sache.«
»Mensch, mach halblang und hol uns lieber ein Bier. Man wird doch wohl Arbeit mit Vergnügen verbinden dürfen...«
»Mach jetzt einfach hin und besorg die Infos über diesen Kerner«, sagte Anton, dem der Sinn nicht nach Vergnügen stand. Aber er ging trotzdem los, um die Getränke zu besorgen.
»Immer so verbissen«, murmelte Wolfram und durchsuchte die Datenbank nach Einträgen, die den Namen Kerner enthielten. Der Bildschirm strukturierte sich neu und zeigte eine Liste mit Links, sortiert nach der Treffergenauigkeit. Gleich das erste Dokument schien ein Volltreffer zu sein und Wolfram Meyer klickte gespannt darauf. Eine Anmeldemaske erschien, die besagte, dass der Inhalt streng geheim und ein weiteres Passwort erforderlich sei. Das war ungewöhnlich, denn die Dokumente, die Wolfram bis dahin gesichtet hatte, waren alle frei zugänglich gewesen. Zumindest, wenn man unter dem Namen Lorenz in der Datenbank eingeloggt war. Wolfram pfiff durch die Zähne. Nicht gut, gar nicht gut. Dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, nahm er dasselbe Passwort, das ihnen den Zugang zum Konto des Hauptkommissars ermöglicht hatte. Eine sich endlos hinziehende Sekunde lang passierte nichts. Dann baute sich der Bildschirm auf und ein Foto von Thomas Kerner war zu erkennen, gefolgt von Text und weiteren Links.
»Ach du meine Fresse«, entfuhr es Anton, der hinter Wolfram mit dem Bier aufgetaucht war.
»Ja, ist krass, was?!«, lachte Wolfram, der seinen Freund falsch verstand. »Die sind sowas von faul und nehmen dasselbe Passwort nochmal, die Deppen ...«
»Das meine ich nicht, verdammt!« Antons Stimme klang belegt und brüchig. »Wirf mal einen Blick auf das Logo...«
»Heilige Scheiße«, flüsterte Wolfram ehrfürchtig. »Das ist eine andere Liga.«
»Lad die Sachen runter und dann raus aus dem System! Das wird mir zu heiß!«
»Hast Recht. So viel Bier kann Peter gar nicht bezahlen«, sagte Wolfram tonlos und begann mit den Vorbereitungen.
Auf dem Logo war der Bundesadler zu erkennen. Darunter die Buchstaben »BND«. Sie hatten es mit dem Geheimdienst der Bundesrepublik Deutschland zu tun.
Wolfram gab in hektischer Betriebsamkeit die entsprechenden Befehle ein und endlich erschien ein Fenster mit einem Fortschrittsbalken, der anzeigte, wie weit der Download vorangegangen war. Quälend langsam bewegte sich dieser Balken, während die beiden atemlos zusahen und sich wünschten, ihr Job wäre endlich erledigt. Die Euphorie des Eindringens in den Polizeicomputer war längst einer gespannten Nervosität gewichen.
Jetzt schien der Balken kurz vor dem Ende zum Stillstand zu kommen. Nichts bewegte sich mehr.
»Verdammt, nun mach schon«, blaffte Wolfram den Bildschirm an. Im selben Moment kam wieder Bewegung in den Balken. Als die beiden eben aufatmeten, öffnete sich ein weiteres Fenster in der oberen linken Monitorecke, begleitet von einem sirenenartigen Geräusch. Die zwei erstarrten.
»Das ist der Tracker«, sagte Wolfram schließlich ungläubig. »Das ist unmöglich.«
»Oh verdammte Scheiße«, murmelte Anton, »oh verdammte Scheiße. Die haben uns ausfindig gemacht.«
Den Tracker hatten sie, ähnlich wie die Anzeige der wechselnden IP-Adressen, nur installiert, weil sie sich nach allen Seiten absichern wollten. Eine Routinemaßnahme, von der sie nicht im Traum erwartet hätten, dass sie zur Anwendung kommen könnte. Und jetzt war genau das passiert.
Der Balken hatte das Ende erreicht. Meyer stöpselte die winzige externe Festplatte mit den eben gewonnenen Daten aus und steckte sie in die Tasche. Dann rief er in fieberhafter Eile das »discwiper« genannte Tool auf. Das Programm konnte die Festplatte seines Rechners nicht nur löschen. Es überschrieb sie so mit willkürlichen Zahlen- und Buchstabenfolgen, dass der ursprüngliche Zustand auch mit Spezialmitteln nicht wieder hergestellt werden konnte. Gleichzeitig raffte er ein paar Sachen zusammen, vergewisserte sich, dass Geld und Papiere dabei waren, und raunzte schließlich den wie paralysiert dastehenden Anton an:
»Steini, wach auf! Wir müssen schleunigst verschwinden ...«
Im »Irish Harp« spielte seit kurzem die Band ihren Mix aus keltischer Folklore und Pop, ein Stil, der Peter unter anderen Umständen fürchterlich auf die Nerven gegangen wäre. Aber jetzt hatte er nur Ohren für das, was Reiner Gassmann in seiner sachlichen, zurückhaltenden Art zu erzählen hatte.
»Ich wiederhole mich nur ungern«, sagte dieser gerade. »Aber Ihnen allen muss absolut klar sein, dass das, was heute besprochen wird, inoffiziellen Charakter hat. Sie werden es nicht direkt verwenden können und Sie werden definitiv, weder direkt noch indirekt, mich als Quelle nennen. Wenn Sie trotzdem aus den Informationen einen Nutzen für sich entnehmen können, was ich übrigens sehr begrüßen würde, dann ist das umso schöner. Aber Sie dürfen sich niemals auf mich berufen.«
Er schaute jeden Einzelnen an, bis alle zustimmend genickt hatten. Peter konnte Angelas Hand spüren, die sich in seiner verkrampfte.
»Wie Herr Liebrich schon bemerkt hat, bin ich seit einiger Zeit nicht mehr im aktiven Dienst«, fuhr Gassmann fort. »Das heißt nicht, dass ich nicht noch das eine oder andere mitkriege. Aber viel entscheidender ist, dass ich damals dabei war, als die Akte »Kerner« angelegt wurde. Vor neun Jahren, um halbwegs genau zu sein.«
Dabei sah er Angela an, die den ihr zugeworfenen Ball aufnahm.
»Also zu einem Zeitpunkt, als ich seine Assistentin war ...«
»Genau, liebes Kind. Zu diesem Zeitpunkt müsste Kerner ziemlich oft gereist sein. In die Schweiz und nach Frankreich, um genau zu sein. Richtig?«
»Ich erinnere mich ... in die Schweiz bin ich einige Male mitgekommen. Einmal hatten wir sogar Nicky dabei. Er mochte es sehr dort«, sagte Angela nachdenklich.
»Wissen Sie noch den Anlass?«, hakte Gassmann nach.
Plötzlich war alles wieder ganz klar vor Angelas Augen. Das riesige Gelände, die unglaubliche Technik, die Sicherheitsvorkehrungen, der »Globe«, den sie mit Nicky besucht hatte.
»CERN«, sagte sie.
»Exakt«, bestätigte der ehemalige BND-Angestellte. »Das Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire, wie es ursprünglich hieß. Später wurde aus dem Conseil dann Organisation, aber das Akronym CERN blieb. Was wissen Sie darüber?«
»Im Grunde nur das, was jeder weiß«. Peter warf ihr mit hochgezogenen Brauen einen Seitenblick zu, den Liebrich mit einem Schmunzeln quittierte.
»In den 50er Jahren gegründet von führenden europäischen Staaten, darunter die Bundesrepublik. Wie der Name sagt, eine Organisation zur Nuklearforschung, aber richtig bekannt geworden ist es durch den LHC, den Large Hadron Collier. Ein Teilchenbeschleuniger von gigantischen Ausmaßen, in dem der Urknall simuliert werden soll. Sehr einfach ausgedrückt.«
»Einfach, aber recht treffend«, bestätigte Gassmann mit dem Anflug eines Lächelns.
»Haben Sie damals Einblick in Kerners Arbeit gehabt?«
»Nein, nicht wirklich. Wenn ich darüber nachdenke: Eigentlich habe ich nicht anderes als Sekretärinnenarbeit verrichtet bei diesen Reisen. Organisatorische Dinge, Kleinigkeiten. Inhaltlich war ich kein bisschen involviert ... und irgendwann bin ich gar nicht mehr mitgefahren. Schon komisch«, überlegte Angela laut und versuchte, sich genauer an damals zu erinnern. Was hatte dazu geführt, dass Kerner ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch allein unterwegs war, wenn es um CERN ging? Ihr fiel absolut nichts ein. Sie dachte an die Kopien, die sie damals für ihn gemacht hatte. Für ihn und einige auch für sich selbst. Sie spürte die Hitze in sich aufsteigen. Schnell wischte sie den Gedanken wieder beiseite.
»Gar nicht komisch«, widersprach Gassmann. »Wie schon gesagt, wurde zu diesem Zeitpunkt der BND auf Ihren Herrn Kerner aufmerksam. Und wenn der BND einmal dabei ist, ist es mit der Transparenz vorbei. Dann geht es um Staatsinteressen und entsprechende Geheimhaltung. Wie jeder Geheimdienst ist auch der BND absolut paranoid in dieser Hinsicht. Kann man hier noch was zu trinken bekommen?«
Peter winkte der Bedienung und orderte für alle nochmal dasselbe. Was er bisher gehört hatte, gefiel ihm ganz und gar nicht. Er hatte eine dunkle Ahnung, worauf das alles hinauslaufen würde. Kerner musste etwas besitzen – Pläne, Ideen, vielleicht einfach nur das Wissen -, das ihn für den Staat extrem wichtig, unter Umständen unersetzlich werden ließ. Protektion von ganz oben? Das würde zumindest einiges erklären.
»Wie wichtig ist denn nun dieser Kerner? Oder besser: Wie wichtig ist seine Arbeit für Vater Staat?«, griff Liebrich Peters unausgesprochene Gedanken auf.
»Mit einem Wort: Extrem!«, sagte Gassmann.
Angela sah Peter an und ihr Gesichtsausdruck versprach nichts Gutes. Ihr Gerechtigkeitssinn fing bereits an zu rebellieren und Peter dachte, dass die weiteren Ausführungen des Herrn Gassmann das sicher nicht bessern würden.
»Haben Sie jemals den Namen Walter Hartmann gehört?«, fuhr dieser fort. »Nein? Nun, das wundert mich nicht. Hartmann ist nicht gerade das Aushängeschild des Nachrichtendienstes. Aber de facto ist er der mächtigste Mann des ganzen Ladens und ein äußerst unangenehmer dazu. Sowas wie die graue Eminenz. Keine Entscheidung in operativer Hinsicht, die nicht über seinen Schreibtisch geht. Und wenn doch, hat er anderweitig seine Finger mit drin.«
»Inwieweit ist dieser Hartmann für uns interessant?«, fragte Peter unschuldig, obwohl er die Antwort längst wusste.
»Insoweit, dass er seine schützenden Arme über Herrn Kerner gebreitet hat«, erwiderte Gassmann prompt.
»Hartmanns Aufstieg begann etwa vor 12-13 Jahren. Stammt aus den neuen Bundesländern. Man munkelt, er war auch schon bei der Stasi groß im Kommen, aber das ist Spekulation. Und wer seinen Job und seine Gesundheit schätzt, wird das beim BND nicht mal hinter vorgehaltener Hand aussprechen. Der Mann ist gefährlich wie eine Giftschlange.«
Die Getränke kamen und die Unterhaltung verstummte. Peter nahm sein Bier und den doppelten Whisky entgegen und nippte vorsichtig davon. Seine Laune war schon jetzt im Keller und wenn sich seine Befürchtungen bewahrheiteten, dann würde sie in absehbarer Zeit auch nicht besser werden.
»Hartmann hat quasi eine Seitenkarriere gemacht. Immer einen Schritt neben der üblichen Karriereleiter. Oder besser: einen Schritt höher. Er hat keinen der üblichen Jobtitel innegehabt, sondern war immer etwas, für das es keine offizielle Bezeichnung gab. Leiter eines Sondereinsatzes, dann eines Sonderreferates, einer Sonderabteilung usw. Rücksichtslos bis zum Geht-Nicht-Mehr, hat er diverse Kollegen von der besagten Leiter purzeln lassen. Der Mann verbreitet schlicht und einfach Angst.«
Gassmann zeigte zum ersten Mal während seiner Erzählung so etwas wie Anteilnahme. Bis eben war er völlig nüchtern und sachlich gewesen, aber offensichtlich war Walter Hartmann mehr für ihn als nur ein ungeliebter Ex-Kollege. Peter war sich dessen sicher und machte sich eine mentale Notiz. Zu gegebener Zeit würde er darauf zurückkommen.
»Diese Angst hat dazu geführt, dass Hartmann nur noch von Speichelleckern und Arschkriechern umgeben ist. Keiner traut sich, ihm Kontra zu bieten. Was seine Macht nur noch stärker werden lässt, aber gleichzeitig die Gefahr birgt, Fehler zu machen. Schlicht und einfach, weil ein vernünftiger Austausch fehlt. Es gibt kein gemeinsames Analysieren mehr, keine Diskussionen, kein Brainstorming. Es gibt nur noch einsame Entscheidungen des Herrn Hartmann und allgemeines Abnicken in seinem Umfeld. Egal, wie falsch sie sind. Der Mann könnte beschließen, die täglichen Briefings auf Chinesisch zu halten, und die ganze Abteilung würde losrennen, um sich Wörterbücher zu kaufen...«
»Man sollte meinen, es würde in einer Organisation wie dem BND genügend Kontrollinstanzen geben. Gremien, die verhindern können, dass sich die ganze Macht auf eine Person konzentriert«, warf Liebrich ein.
»Sollte man«, sagte Gassmann trocken. »Eigentlich gibt es die auch. Aber Hartmann hat sich so etwas wie einen eigenen Geheimdienst innerhalb des Geheimdienstes aufgebaut. Der Mann hat Akten über jeden einzelnen Mitarbeiter. Der hat tatsächlich die Leute, mit denen er täglich zusammenarbeitet, komplett und ohne Ausnahme überprüfen lassen. Bespitzeln, durchleuchten, nennen Sie es, wie Sie wollen. Und Sie wissen so gut wie ich, dass jeder eine Leiche im Keller hat, auf welche Art und Weise auch immer. Man muss nur lange genug bohren, dann findet man bei jedem Menschen etwas, das der nicht gern öffentlich gemacht wüsste. Das müsste Ihnen doch bewusst sein als Polizisten.«
Gassmann sah erst Liebrich, dann Peter an und nickte dann zufrieden, als beide ihre Zustimmung zu verstehen gaben. Dann nahm er einen großen Schluck von seinem Wein und nahm den Faden wieder auf.
»Um zum Thema zurückzukommen und Sie nicht länger auf die Folter zu spannen, wie CERN, Kerner und Hartmann sich zusammenfügen: Deutschland ist mit etwa 20% an CERN beteiligt. Das bedeutet einen sehr großen finanziellen Aufwand. Und da CERN eine Forschungseinrichtung und kein profit-orientiertes Unternehmen ist, wiegt das umso schwerer, wenn man dann nicht einmal federführend ist. Jedenfalls, was die Technologie und das Wissen darum angeht. Nehmen Sie nur den Teilchenbeschleuniger, der gerade im Entstehen ist, den sogenannten LHC. Das ist ein Ring von 27 Kilometern und wird am Ende rund vier Milliarden Euro verschlungen haben. Vier Milliarden, von denen Deutschland ein Fünftel beisteuert. Aber den Ruhm und den großen Nutzen werden andere haben. Peter Higgs z.B, falls sich das Higgs-Boson denn tatsächlich zweifelsfrei nachweisen lässt. Das ist das sogenannte Gottesteilchen, dem wir die Entstehung der Materie überhaupt zu verdanken haben ... Nur: Peter Higgs ist Brite. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill?«
»Reden wir hier von einer Art nationalem Selbstbewusstsein? So wie die DDR alles daran setzte, sportlich erfolgreich zu sein, weil man sonst nichts vorweisen konnte? Das ist doch lächerlich!«, warf Liebrich ein.
»Nein, hier geht es um ganz konkrete Vorteile, nicht um die Außenwirkung. Die Gleichung ist eine ganz einfache: Wo sich das Wissen konzentriert, sammelt sich am Ende auch der Nutzen, das Geld, die Macht. CERN ist ja nur der Anfang, die Basis für alles Weitere. So wie wir der Weltraumforschung sicherere Fahrgastzellen in Autos zu verdanken haben. Wenn bei CERN der Urknall simuliert wird und das Gottesteilchen nachgewiesen, so ist das eine tolle Sache für die Wissenschaft. Ein riesiger Prestigeerfolg für Higgs und die Briten. Wenn diese Ereignisse zu Ergebnissen führen, die wirtschaftlich auszubeuten sind, ist der Ertrag ungleich höher. Und der wird zu einem großen Teil jenen zufallen, die das Wissen und das Können besitzen, dies alles umzusetzen. Nicht denjenigen, die am meisten investiert haben.«
»Und da kommt Kerner ins Spiel ...«, sagte Angela leise.
»Genau. Kerner ist der deutsche Higgs, wenn Sie so wollen, und noch viel mehr. Kerner besitzt ein Wissen über die Materie, das seinesgleichen sucht. Sehen Sie, in Spanien entsteht zur Zeit eine Energiegewinnungsanlage, die im Prinzip wie ein Teilchenbeschleuniger wirkt. Nur, dass wir hier nicht von einem Testlauf über Minuten reden ... wenn das Ding einmal am Laufen ist, dann setzt es dauerhaft Energie frei, die dem Urknall entspricht. Damit könnte ganz Europa und mehr noch mit Energie versorgt werden. Wir reden hier von einer finanziellen Dimension, die CERN wie eine Seniorenveranstaltung aussehen lässt. Buchstäblich die ganze Welt ist an diesem Projekt beteiligt, weil sich keine Nation auch nur annähernd die Kosten alleine leisten könnte. So, und jetzt kommen wir zur Nutzenverteilung ...«
»Langsam fange ich an zu verstehen«, sagte Peter nachdenklich. »Wir reden im Zeitalter der schwindenden konventionellen Energievorräte von der vielleicht wertvollsten Ressource überhaupt, oder?«
»Richtig«, freute sich Gassmann. »Das und Informationen. Dafür werden Kriege geführt, Nachbarstaaten überfallen, dafür wird geplündert, gemordet und jede internationale Konvention über Bord geschmissen. Und wer hier einen Informations- oder Wissensvorsprung hat, diktiert die Regeln. Punkt!«
»Und dieser Vorsprung hört auf den Namen Kerner«, meldete sich Angela erneut zu Wort. »Das gibt ihm diese Narrenfreiheit.«
»Sie haben es erfasst«, frohlockte Gassmann, dem völlig entging, wie resigniert Angela gerade wirkte. Peter hingegen rückte noch näher an sie heran und hielt weiterhin ihre Hand.
»Ohne Kerner ist dieses Projekt praktisch nicht machbar. Jedenfalls nicht in der angestrebten Zeit, vielleicht auch gar nicht. Da ist etwas, das Kerner herausgefunden hat und das für die Verwirklichung der ganzen Sache unerlässlich ist. Und Hartmann hat das erkannt.«
»Dann hat also dieser Hartmann dafür gesorgt, dass Kerner nur diese lächerlichen sieben Jahre im Gefängnis sitzen musste. Aber wenn er so viel Macht hat: Warum dann überhaupt eine Verurteilung? Warum nicht still und leise Gras über die Sache wachsen und Kerner weiter an der Sache arbeiten lassen?«, wandte Angela ein.
»Oh, er hat die Zeit während seiner Haft daran arbeiten können. Es ist die ganze Zeit für optimale Bedingungen gesorgt worden. Gewissermaßen Arbeit unter Aufsicht. Warum es überhaupt zu einer Gerichtsverhandlung gekommen ist, nun, darüber kann auch ich nur spekulieren. Das fällt unter Verschlusssachen, zu denen nicht einmal ich Zugang hatte. Vielleicht wollte man den Schein wahren. Schließlich hatte der Fall ziemlich Staub aufgewirbelt. Ich kann nur mit absoluter Bestimmtheit sagen, dass Hartmann gewaltig manipuliert hat und dass die eigentliche Verhandlung eine Farce war. Und das tut mir aufrichtig leid, liebe Frau Hansen.«
Das glaubte ihm Angela sogar. Aber sie sagte nur:
»Das bringt mir meinen Sohn nicht wieder. Und es hilft mir auch nicht, zu wissen, warum Kerner ungestraft meine beste Freundin fast ermorden kann.«
»Nein, Ihren Sohn bringt das nicht wieder«, sagte Gassmann mitfühlend. »Aber Sie sollten wissen, worauf Sie sich einlassen, wenn Sie weiterhin etwas gegen Kerner unternehmen wollen. Und da ist noch etwas, das Sie beide wissen sollten.«
Damit wandte er den Blick zu Peter, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte und auf eine widersinnige Art fasziniert war von den Fakten, die Gassmann anzubieten hatte.
»Zum Zeitpunkt der Verhaftung Kerners war Ihr Vorgesetzter um einiges weniger wohlhabend als zum Zeitpunkt der Verhandlung.«
»Lorenz?« Peter sah Liebrich an, aber der schien völlig fasziniert in sein Glas zu schauen. »Das glaube ich nicht«, sagte er trotzig, obwohl es Sinn machte. Hartmann brauchte jemand bei der Polizei, wenn er einen solchen Fall manipulieren wollte. Und Peter dachte an den Tag, als er zuletzt ins Büro des Alten zitiert worden war. Die heftige, völlig untypische Reaktion des Hauptkommissars auf Peters Sticheln, von wem Lorenz wohl die Anweisung bekommen hätte, Kerner mit Samthandschuhen anzufassen. Er dachte daran, wie offensichtlich Triumph in Lorenz‘ Stimme zu hören war, als dieser ihn am Telefon suspendiert hatte. Und er dachte an den Zwischenfall mit der unglücklichen Karin. Peter hatte den leitenden Beamten Kerner als mutmaßlichen Täter genannt. Aber als er später Jürgens angerufen hatte, um sich über den Verlauf der Ermittlungen zu erkundigen, hatte dieser von nichts gewusst. Das waren, zusammen mit den Andeutungen von Gassmann, ein paar Zufälle zuviel.
Trotzdem, der Gedanke, Bestechlichkeit mit Lorenz in Verbindung zu bringen, wollte sich nicht recht manifestieren. Das war so unvereinbar mit allem, was sein Vorgesetzter immer für ihn dargestellt hatte, dass er sich nicht damit anfreunden konnte. Andererseits, was war denn noch so, wie es schien?
»Wann ist Lorenz befördert worden, wissen Sie das noch?«, riss ihn Gassmann aus seinen Gedanken und lächelte maliziös.
»Das war während der Verhandlung gegen Kerner«, sagte Peter kopfschüttelnd. Es war ihm völlig entfallen, aber es hatte auch nie einen Grund gegeben, da einen Zusammenhang aufzubauen. Bis heute. Langsam wurde das Bild rund.
»Es war exakt einen Tag vor der Urteilsverkündung«, sagte Gassmann mit Nachdruck. »Ziehen Sie Ihre eigenen Schlüsse.«
»Das macht alles keinen Sinn. Wir kämpfen gegen Windmühlen.« Angela, die den beiden aufmerksam zugehört hatte, klang resigniert.
»Nicht unbedingt«, meldete sich Liebrich zu Wort. Alle Augenpaare waren jetzt auf ihn gerichtet.
»Wie schon erwähnt, gibt es noch eine Möglichkeit. Peter kennt sie in groben Zügen, aber der Sinn dieses Treffens heute Abend ist es in erster Linie, das mit Ihnen zu besprechen, Angela. Es ist Ihr Leben, das Kerner zerstört hat.«
»Mein Stichwort«, sagte Gassmann. »Diesen Teil der Besprechung werde ich voll und ganz Ihnen überlassen. Ich habe Ihnen alles gesagt, was Sie wissen müssen. Sie kennen jetzt den Grund dafür, dass dieser Kerner scheinbar mit allem davonkommt, was er tut. Sie wissen, dass Sie einen gefährlichen Gegenspieler haben und Sie haben die Informationen, um einschätzen zu können, inwieweit Sie dem Polizeiapparat trauen können ... Ich denke, meine Aufgabe ist getan.«
Gassmann machte Anstalten, vom Tisch aufzustehen, als ihn Peter zurückhielt.
»Eine Frage hätte ich noch, Herr Gassmann.«
Der setzte sich wieder.
»Schießen Sie los, Mr. Johnson!«
»Für mich stellt sich die Frage, warum Sie uns das alles erzählt haben. »
»Nun, in erster Linie, weil mich ein alter Freund darum gebeten hat.« Er sah dabei zu Liebrich hinüber, der die Andeutung eines Nickens erkennen ließ.
»Und in zweiter Linie?«, hakte Peter nach. »Ein Freundschaftsdienst ist eine Sache, das Weitergeben von zweifellos als Verschlusssache eingestuften Informationen eine ganz andere. Ich denke, Sie überschreiten ganz bewusst Ihre Kompetenzen und das hat andere Gründe, als Ihrem Freund einen Gefallen zu tun.«
»Ich fürchte, mit meinen Kompetenzen ist es nicht mehr weit her«, lächelte Gassmann freudlos. »Aber Sie haben Recht, es gibt noch einen zweiten Grund. Ich bin nicht damit einverstanden, wie sich die Situation beim BND entwickelt hat und ich hoffe, Sie werden genug Staub aufwirbeln, um einige Leute zum Nachdenken anzuregen.«
»Weil Hartmann auch an Ihrer Karriereleiter gesägt hat?«, schickte Peter hinterher und sah aus dem Augenwinkel, dass Liebrich wieder den Anflug eines Lächelns im Gesicht hatte.
»Das kann man so stehen lassen«, sagte Gassmann kurz und stand endgültig auf.
Als sie allein waren, herrschte einen Moment Schweigen. Jeder ließ das soeben Gehörte erst einmal sacken und hing den eigenen Gedanken nach. Angela brach schließlich die Stille und richtete sich direkt an den Alten.
»Die Alternative, die Sie ansprachen, Herr Liebrich. Wie genau sieht die aus?«
Liebrich beugte sich ein wenig vor, sah ihr tief in die Augen, seufzte, und begann dann zu sprechen.
»Wenn alle Stricke reißen, wenn alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft sind. Wenn alle Polizeiarbeit geleistet, wenn alles Menschenmögliche getan ist, um ein Verbrechen aufzuklären und einen Täter zu überführen, und man trotzdem mit leeren Händen dasteht ... Dann gibt es eine Organisation, an die man sich wenden kann, um trotz allem Gerechtigkeit zu erfahren.«
Angela sah ihn ausdruckslos an, wartete. Nach kurzer Pause fuhr der Alte fort.
»Diese Organisation besteht seit ewigen Zeiten, obwohl die Angaben darüber widersprüchlich sind. Wie übrigens alle anderen Informationen auch. Es gibt Meinungen, dass diese Institution schon seit vorbiblischen Zeiten tätig ist, aber wie gesagt sind das alles Spekulationen. Kann ich noch ein Bier bekommen?«
Peter schaute sich nach der Bedienung um, sah niemanden und stand widerstrebend auf, um zum Tresen zu gehen.
»Keine Angst, du verpasst nichts, Junge. Was ich Angela jetzt erzähle, sind Tatsachen, die du längst kennst«, sagte Liebrich, der das Zögern bemerkt hatte.
Peter trank den letzten Schluck seines Biers aus, sah Angela fragend an und machte sich auf den Weg, nachdem ihr Nicken Zustimmung ausgedrückt hatte. Wahrscheinlich will der alte Fuchs einen Moment mit Angie allein haben, dachte er. Um sie besser einschätzen zu können, ohne dass Peter in irgendeiner Form ihre Reaktionen beeinflussen würde? Er wusste es nicht, aber es würde zu dem Taktiker passen. Erst einmal ein genaues Bild aufzeichnen und alles Weitere davon abhängig machen.
»Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?«, wandte sich Liebrich wieder an Angela, nachdem Peter gegangen war.
»Ich habe darauf gewartet«, sagte diese lächelnd. Auch Liebrich hatte wieder diesen Anflug von Belustigung in seinem Gesicht. Er konnte Peter verstehen. Diese Frau hatte etwas.
»Wie genau ist Ihr Verhältnis zu Peter?«
»Das habe ich mich selbst ziemlich oft gefragt in letzter Zeit«, antwortete Angela vage.
»Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich würde Ihnen die Frage beantworten, aber ich kann es nicht. Peter ist wie ein Fels in der Brandung für mich, ist es immer gewesen, seit er in mein Leben trat. Peter ist mein allerbester Freund, mein Seelenpartner, mein Vertrauter... »
»Aber nicht Ihr Geliebter.«
»Nein, nicht mein Geliebter... »
Da war etwas so unendlich Trauriges in ihren Worten, dass Liebrich beschloss, nicht weiter in sie zu dringen, aber Angela redete von selbst weiter.
»Nachdem ich mich von Nickys Vater getrennt hatte, hat es keinen Mann mehr in meinem Leben gegeben. Na ja, einen, aber das hat sich schnell als Flop erwiesen. Der wollte eine Gespielin, aber keine Mutter mit Kind. Nach etwa einer Woche, die wir zusammen ausgingen, hat er Nicky angeblafft, als der ins Wohnzimmer kam, wo wir gerade saßen und er versuchte, mich zu küssen. Ich hab ihn in derselben Sekunde aus der Wohnung geworfen – und aus meinem Leben.«
»Und dann gab es nur noch den Jungen...«
»Ich musste ihm Mutter und Vater zugleich sein und ich war ihm das schuldig, meine ganze Konzentration darauf zu verwenden. Schließlich hatte ich dafür gesorgt, dass sein Vater nicht mehr bei ihm war. Was zwar keinen Verlust darstellte, aber ... jedenfalls gab es gar keine Gelegenheit mehr, jemanden kennenzulernen. Und ehrlich gesagt, hat mir auch nichts gefehlt.«
»Und nach Nickys... nach dem Vorfall mit Kerner war dann ...«
»Nach Nickys Tod«, unterbrach Angela energisch, »war es einfach nicht mehr in mir. Da war kein Platz mehr für romantische Gefühle, da war nur noch Trauer. Und Wut, unendliche Wut. Und Hilflosigkeit. Und ich weiß nicht, wie ich das alles ohne Peter überstanden hätte. Ohne ihn wäre ich längst ...«
Sie ließ den Rest des Satzes ungesagt, aber Liebrich verstand sie auch so.
»Ich habe Angst, Herr Liebrich! Angst davor, Peters Freundschaft zu verlieren, wenn ich mich ganz auf ihn einlasse und es nicht funktioniert.«
»Die Angst kann Ihnen keiner nehmen«, sagte der Alte milde. »Aber Sie werden es nur herausfinden, wenn Sie es versuchen.«
»Ich weiß«, sagte sie fast unhörbar. »Aber Sie fragen eigentlich aus ganz anderen Gründen«, fuhr sie mit normaler Stimme fort. »Sie wollen wissen, ob sich Peter aus guten Gründen solchen Risiken aussetzt. Oder ob es die böse Hexe gibt, die ihn nur ausnutzt, um ihre persönliche Rache zu bekommen. Richtig?«
»Richtig«, schmunzelte ihr Gegenüber. »Der Gedanke war schon da. Sie würden es nicht glauben, wie viel in der Welt passiert, weil eine Frau einen Mann um den kleinen Finger gewickelt hat. Selten umgekehrt ... scheinbar sind es immer Männer, die zu Volltrotteln mutieren, wenn eine Frau sie richtig zu nehmen weiß. Die Kriminalgeschichte ist voll davon.«
»Ich weiß sehr genau, dass Peter eine Menge aufs Spiel setzt. Der Ärger in seinem Job ist mir auch nicht verborgen geblieben. Ich möchte nicht, dass er meinetwegen Schwierigkeiten bekommt, aber ich kann ihn nicht von dem abhalten, was er tun zu müssen glaubt. Er kann unglaublich stur sein, wenn er von etwas überzeugt ist. Er taktiert nicht. Er folgt einfach zielgerichtet seinem Bauch. Oder dem Herzen.«
»Ja, das ist eine seiner hervorstechenden Eigenheiten, negativ wie positiv«, lachte der Alte.
»Es ist etwas, das ich besonders an ihm mag«, sagte Angela bestätigend. »Er ist immer schonungslos ehrlich.«
Ihre Augen glänzten dabei auf eine ganz warme Art und Weise, fiel Liebrichs geschultem Blick auf. Dann war Peter mit den Getränken zurück.
»Setz dich zu uns, mein Junge. Wir sind noch kein Stück weiter in unserer Sache. Aber wir haben die Zeit anderweitig genutzt, nicht wahr, Angela?«
»Haben wir das?«, fragte sie und sah Liebrich direkt an.
Der nickte lächelnd. »Ich bin mir ziemlich sicher. Und jetzt werde ich euch alles erzählen, was ihr wissen müsst. Auf unsere kleine Verschwörung!«
Die drei erhoben ihre Gläser und stießen miteinander an. Dann begann Liebrich erneut.
»Diese Gesellschaft nennt sich Justice Incorporated. Der Ausdruck ist wohl eher auf eine scherzhafte Bemerkung zurückzuführen, hat sich aber irgendwie eingebürgert. Und so unpassend ist er nicht. Die Organisation muss unglaublich straff gegliedert und geführt werden, wie eine gut funktionierende Firma eben. Und sie hat sich Gerechtigkeit auf die Fahne geschrieben, jenes kostbare Gut, das oft genug aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Strecke bleibt. Politische Entscheidungen, Verfahrensfehler, bestochene Zeugen ... es gibt unendlich viele Voraussetzungen, warum das so kommen kann. Und dann ist der Zeitpunkt für Justice Inc gekommen.«
»Die findet man aber nicht gerade in den Gelben Seiten«, merkte Peter trocken an.
»Nein«, schmunzelte Liebrich. »Das funktioniert nur über Mundpropaganda. Und hier wird es auch schon haarig. Wenn man jemals die Dienste von Justice in Anspruch nimmt, verpflichtet man sich automatisch zu einer Reihe von Dingen. Zum einen zu absoluter Verschwiegenheit. Außer man stößt auf einen Fall, der in das Anforderungsprofil der Firma passt. Das bedeutet vereinfacht, dass man jemanden kennt, der vollkommen integer sein muss. Jemanden, der ein Problem an der Hand hat, das mit den üblichen Mitteln nicht gelöst werden kann oder konnte.
Dann, und nur dann, darf man dieser Person die Firma empfehlen. Und man tut besser daran, sowohl die Sache als auch die betreffende Person im Vorfeld genauestens zu prüfen. Die haben es nicht gern, wenn du sie mit Bagatellsachen belästigst. Und man bleibt sein Leben lang verantwortlich für denjenigen, dem man die Kontaktdaten gegeben hat. Es ist also essentiell, dass man sich die Leute sehr genau aussucht. Denn im Zweifelsfall hat man mit Konsequenzen zu rechnen.«
»Moment mal«, warf Peter ein. »Wenn Sie uns den Kontakt mit Justice ermöglichen und es stellt sich heraus, dass wir irgendwas getürkt haben, um uns z.B. zu bereichern. Oder um einen unliebsamen Konkurrenten loszuwerden. Dann kriegen Sie den Ärger dafür? Und wie sehen diese Konsequenzen aus?«
»Wir würden beide zur Verantwortung gezogen. Ich und Angela in diesem Fall, denn sie wäre es, die sich an die Firma wenden müsste. Direkt betroffen zu sein, ist eine weitere Grundvoraussetzung. Und ich habe keine Ahnung, wie diese Folgen aussehen. Angemessen hieß es damals, was auch immer das bedeuten mag. Es ist ja nicht gerade so, dass man sich mit anderen »Justice-Kunden« austauscht. Vergesst nicht, das ist und bleibt eine Geheimorganisation.«
»Was hatten Sie mit denen zu tun?«, fragte eine sichtlich konsternierte Angela.
»Darüber möchte ich nicht reden. Ich darf es, streng genommen, auch nicht. Ein weiterer Punkt im Bedingungskatalog. Nur so viel: Ich war ein sehr, sehr junger Polizist und wusste mir nicht anders zu helfen. Mein Großvater gab mir damals die Kontaktnummer, als er meine Verzweiflung nicht länger ertragen konnte.«
»Aber das ist Ewigkeiten her, Herr Liebrich. Angenommen, ich mache von dem Angebot Gebrauch: Woher weiß ich, dass die Kontaktdaten noch aktuell sind?«, fragte Angela weiter.
»Sie sind es, glauben Sie mir.« Liebrich sah sie ganz ruhig an, seine Sicherheit wirkte überzeugend.
»Sie haben es schon einmal weitergegeben«, folgerte Peter.
»Zweimal, um genau zu sein. Das letzte Mal vor einigen Jahren. Und mehr darf ich nicht sagen. Das gilt für euch übrigens genauso, selbst wenn Angela nicht diesen Weg geht. Alles, was ich euch erzählt habe, darf niemals verbreitet werden. Ich hoffe, das ist euch klar.«
»Wir werden das Geheimnis bewahren. Sie müssen entschuldigen, aber das alles hat etwas ... von schlechtem Kino«, suchte Angela nach Worten. »Ich kann die ganze Geschichte noch nicht so recht fassen. Warum sollte ich diesen Leuten trauen? Wie kann ich sicher sein, dass die die richtigen Entscheidungen treffen? Das ist alles sehr verwirrend.«
»Sie werden einige Ihrer Fragen beantwortet bekommen, wenn Sie sich entschließen, die Organisation zu beauftragen – und wenn die annehmen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass diese Leute ihre Mission sehr ernst nehmen. Es hat meines Wissens niemals auch nur den Hauch einer Erwähnung dieser Gruppe gegeben. Nicht hinter vorgehaltener Hand, nicht in der Klatschpresse, nicht einmal im Internet, dem Tummelplatz aller Verschwörungsfetischisten. Wenn die Mist gebaut hätten, wäre das wohl kaum der Fall, oder? Wenn sich buchstäblich jeder an die Vorgaben hält und nichts, rein gar nichts nach außen dringt, dann kann das nur eins bedeuten:«.
»Dass alle Welt zufrieden ist«, beendete Peter den Satz für den Alten.
»Exakt. Enttäuschte, unzufriedene Kunden fühlen sich nicht an die Abmachung gebunden, die wollen ihren Frust rausschreien, die wollen anprangern. Aber nichts dergleichen. Es ist gerade so, als würde es Justice nicht geben. Und um noch eine Prise eigene Erfahrung dazuzugeben: Die zwei Menschen, denen ich die Kontaktdetails gegeben habe, grüßen mich immer noch, wenn sie mich sehen«.
»Gut, nehmen wir das mal so hin. Was ist noch zu beachten?«, trieb Angela das Gespräch voran.
»Nicht viel. Wenn die Ihren Fall annehmen, verpflichten sie sich, nach bestem Wissen und Gewissen ein Urteil zu fällen. Sie wiederum dürfen in keiner Weise mehr intervenieren – ab dann liegt alles in deren Händen. Außerdem wird Ihnen das Gelübde der Verschwiegenheit abgenommen, wie bereits erwähnt. Und Sie erklären sich einverstanden, im Gegenzug zu der Hilfe, die Sie empfangen, der Organisation einen Gefallen zu tun, wann immer die das verlangt. Einen Gefallen, egal wie der aussieht und ohne zu fragen. Das ist alles. Danach bleibt nur noch die Geheimhaltung... ach, und dieser Gefallen wird in jedem Fall moralisch einwandfrei sein, dazu verpflichten sich die nun wieder. Nicht unbedingt legal, aber nach gesundem Menschenverstand eben nicht anfechtbar.«
»Haben Sie ein Beispiel dafür?«
»Nein, das darf ich nicht nennen. Nur so viel: Ich habe meinen Gefallen etwa zwanzig Jahre später eingelöst – und er hat mir keine schlaflosen Nächte bereitet.«
Wie auf Kommando nahmen alle gleichzeitig einen Schluck aus ihren Gläsern. Als sie diese wieder abgesetzt hatten, sagte Angela entschieden:
»Ich mache es.«
Die beiden starrten sie an, Liebrich mit wissendem Lächeln, Peter eher erstaunt.
»Angie, bist du dir ganz sicher?«
»So sicher wie man sein kann ... Ich denke, das hier ist eine Sache, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert – und ich möchte endlich wieder Vertrauen zu den Menschen haben. Menschen außer dir, Peter, denn dir habe ich immer vertraut. Ich möchte ein für alle Mal das Gift loswerden, das mich innerlich auffrisst. Herr Liebrich wusste damals auch nicht, was auf ihn zukommt. Aber er hat vertraut und offensichtlich hat sich das ausgezahlt, sonst hätte er diese Leute nicht weiterempfohlen. Sonst hätte er uns jetzt nicht dieses Angebot gemacht.«
Und direkt zu Liebrich gewandt:
»Ich vertraue Ihnen, Herr Liebrich. Ich vertraue Ihnen so sehr, dass ich etwas völlig Verrücktes tun werde, von dem ich nie geglaubt hätte, dass es überhaupt möglich ist. Ich glaube Ihnen, weil ich denke, dass Sie ein guter Mensch sind. Ich vertraue Ihnen und ich fühle mich unglaublich gut dabei.«
Und ich könnte dich lieben, dachte Peter, als er Angela ansah. Ihre erröteten Wangen, die leuchtenden Augen. Die unschuldige Aufregung in ihrem Gesicht, weil es scheinbar doch so etwas wie Gerechtigkeit geben konnte. Man musste nur fest daran glauben.
»Dann lasst uns das besiegeln. Ich verdurste fast«, sagte Liebrich sichtlich gerührt von Angelas Worten. »Und keine Angst, Peter – ich hole die Drinks.«
»Schnell, hier rechts in den Eingang!«
Durch das eigene Keuchen und das Widerhallen seiner Schritte auf dem Asphalt hindurch hört Anton den Warnruf seines Freundes. Ohne nachzudenken, folgt er ihm. Sie kauern sich in die dunkle Ecke, machen sich so klein wie möglich.
Antons Herz rast. Mit weit aufgerissenen Augen sieht er schließlich den Grund für ihr Wegtauchen.
Zwei schwarze Mercedes-Limousinen rasen an ihnen vorbei, halten mit quietschenden Reifen vor dem Block, in dem sich Wolframs Apartment befindet. Sie sind ganze zwei Querstraßen weit gekommen.
»Wie konnten die uns nur so schnell finden?«, fragt Wolfram atemlos. Ohne zu antworten, sieht Anton, wie die Männer des Einsatzkommandos aus den Autos strömen, die Eingangstür einfach eintreten und nach oben stürmen.
»Das wird unserem Hausmeister aber gar nicht gefallen«, flüstert Meyer und merkt gar nicht, wie unerheblich das in Anbetracht ihrer eigenen Situation ist.
»Die werden nicht lange brauchen, um zu raffen, dass wir nicht mehr da sind«, sagt Anton gerade atemlos. Wolfram sieht ihn entgeistert an. Natürlich nicht. Und die Männer würden jede Sekunde anfangen, die Gegend abzusuchen, denn es ist offensichtlich, dass ihre Zielobjekte noch nicht sehr weit gekommen sein können.
»Los!«, ruft er mit belegter Stimme. »Lauf, Steini!«
Sie rennen wie nie zuvor in ihrem Leben. Der Nachhall ihrer Schritte unnatürlich laut in der Stille der Nacht, vorbei an dunklen Häusern, spärlich beleuchteten Ecken, das eigene mühsame Atmen der einzige Begleiter.
»Ich kann nicht mehr«, stöhnt Anton plötzlich.
»Weiter!«, treibt ihn Wolfram an. Sie müssen hier weg, so schnell und so weit wie möglich.
Aber gleichzeitig hört er die Schritte seines Freundes langsamer werden. Fieberhaft sieht er sich um, entdeckt das U-Bahn Schild. »Hier lang!«, ruft er und dreht sich um. Antons hochroter Kopf ist selbst unter dem schwachen Licht der Straßenlampe zu erkennen, er pumpt wie ein Maikäfer, die Hände in die Hüften gestemmt. Wolfram, der selbst kaum noch kann, geht die paar Schritte zurück und schnappt sich seinen Kumpel, schleift ihn regelrecht in Richtung U-Bahn-Eingang Leinestraße.
Als sie mit brennenden Lungen die Treppen herunterkommen, durch den gewölbten Gang hetzen und schließlich die Plattform erreichen, können sie ihr Glück kaum fassen. Eben fährt ein Zug ein und kommt mit quietschenden Bremsen zum Stehen. Die beiden springen in das nächstgelegene Abteil, schwitzend, schwer atmend, die Angst für einen kurzen Augenblick beiseiteschiebend.
Dann warten sie mit schmerzhaft pochenden Herzen. Warten, dass sich die Türen schließen und der Zug sich in Bewegung setzt und sie hier rausbringt.
Verdammt, nun fahr doch endlich, denkt Wolfram und starrt angespannt auf den Eingang zur Plattform. Jeden Moment muss es jetzt losgehen, aber die Sekunden verstreichen wie in Zeitlupe und nichts geschieht.
Als die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher knarrt, fehlt nicht viel daran, dass Steinmeiers Schließmuskel versagt.
»Achtung, Achtung! Wegen einer technischen Störung verzögert sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit.«
Sie starren sich fassungslos an, unfähig zu reagieren. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, macht Anton Anstalten, aus dem Abteil zu flüchten, doch sein Freund hält ihn zurück.
»Wo willst du denn hin? Da draußen haben sie uns gleich ... das hier ist unsere einzige Chance.«
Einige quälend lange Minuten tut sich nichts. Sie hören das Blut in ihren Adern rauschen und ihre Herzschläge so laut wie das Dröhnen von Presslufthämmern.
Dann scheint Wolframs Herzschlag völlig auszusetzen. Er sieht als erstes die Schatten, die den in die Station laufenden Männern vorauseilen, dann hört er die schnell näher kommenden Schritte überdeutlich wie Paukenschläge.
Und dann sehen beide die Männer selbst, die in die Station geflutet kommen. In ihren dunklen Anzügen verteilen sie sich strategisch, die Hände an der Stelle, wo die Schulterhalter sitzen müssen, den Blick finster und entschlossen auf den reglosen Zug gerichtet.
Sie schaffen es in letzter Sekunde, sich auf den Boden des Abteils zu werfen. Wolfram schlägt so hart auf, dass er für einen winzigen Moment Sterne sieht. Er hört nicht die Blechstimme, die »Zurückbleiben!« fordert. Als er das Signal zum Schließen der Türen schließlich vernimmt, ist er dem Wahnsinn nahe.
Die Türen schließen sich so nervenzerreißend langsam, dass er an einen Film erinnert wird, der mit der falschen Geschwindigkeit abgespult wird.
Und dann weiß er plötzlich mit absoluter Gewissheit, dass sie es nicht schaffen werden.
Er sieht die Männer im letzten Moment in den Zug springen und ihre Waffen ziehen. Und das war es dann.
Game over.
Er schließt die Augen.
Dann setzt sich der Zug in Bewegung und fährt mit einem hässlichen Kreischen in den Tunnel ein.
Wolfram spürt eine Hand auf seiner Schulter. Als er fast widerwillig die Augen öffnet, sieht er in das kalkweiße Gesicht seines besten Freundes.
»Ich glaub es nicht!«, flüstert Anton beinahe andächtig.
»Wir haben es geschafft!«
Wolfram antwortet nicht. Mit einem würgenden Geräusch verteilt er seinen Mageninhalt auf dem Boden des Abteils, als der Zug in den nächsten Bahnhof einfährt.