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Hier bin ich Fußboden, hier darf ich´s sein

Einen Gast seiner Schuhe zu berauben, hat etwas Entwürdigendes. Vom Fußboden wird zwar auch in denjenigen Familien eher selten gegessen, in denen die Kinder keimfrei auf dem Boden herumrobben. Aber Fußböden sind schon lange nicht mehr das, was sie einmal waren. Zum Leidwesen vieler Gäste - und noch mehr Fußböden.

Ich stelle mir vor, wie Frau Baronin eine Einladung gibt. Der Adel fährt vor - und Frau Baronin verlangt im Entrée, die Damen und Herren möchten doch bitte die Schuhe ausziehen. Man habe für jeden Hausschlappen bereitgestellt. Die Baronin wäre fortan nicht mehr gesellschaftsfähig. Und das mit Recht! In dem Punkt hat der Adel immer noch mehr Gespür fürs Schickliche.

„Hier bin ich Fußboden, hier darf ich´s sein“, hat mir dieser Tage mein schlichter, zerkratzter Kiefernholzboden zugeraunt. Er hat ein Faible für Goethe. Er wisse von Böden, ganz armen Fußböden, die man zu Esstellern habe machen wollen, zu Fußmassagesohlen und was nicht allem mehr. Er sprach´s mit einem solchen Grausen aus - ich wagte nicht nachzufragen, wie Fußböden untereinander in Kontakt träten. Und er schloss mit einem Schauder, der für einen Moment in Schuhen zu spüren war. Niemand möge glauben, so vertraute er mir an, es sei für einen Fußboden immer angenehm, in direkten Hautkontakt treten zu müssen.

Das Thema beschäftigt inzwischen auch die Therapeuten, wie der folgende Fall zeigt:

Fred K. aus Warnemünde: Meine Frau und ich sind sehr gesellig und laden gern Gäste ein. Dabei haben wir immer wieder einmal das Problem, dass nicht jeder Gast von sich aus die Schuhe auszieht. Wie können wir höflich, aber bestimmt darauf hinweisen, dass unser Haus nicht mit Straßenschuhen betreten werden darf?

Es ist schon vorgekommen, dass Gäste die Schwelle zu den Wohnräumen mit Schuhen an den Füßen übertreten haben. Wir putzen dann beide zwei Tage lang, bis wir uns wieder wohlfühlen. Denn meine Frau und ich verbringen gern Zeit auf unserem Fußboden. Wir frühstücken dort, spielen Gesellschaftsspiele oder befühlen einfach nur gemeinsam die gebohnerte, gewienerte, hochglänzende Oberfläche.

Dr. K: Ein häufiges Problem von Menschen, die eine sehr innige Verbindung zu ihren Fußböden pflegen, was nicht von jedermann verstanden wird. Zwar ist das Phänomen der Fußbodenliebe heute sehr viel häufiger anzutreffen als in früheren Zeiten, in denen der Fußboden meist nichts weiter als fester Boden unter den Füßen war. Dennoch gibt es nach wie vor Menschen, die ungern ihre Schuhe ausziehen. Dafür gibt es eine Vielzahl verständlicher Gründe: Schuhe vervollständigen die gepflegte Erscheinung eines Menschen; müssen die Schuhe ausgezogen werden, kann das Erscheinungsbild eines noch so elegant gekleideten Gastes sehr schnell ins Lächerliche rutschen. Mancher Mensch leidet an Fußschweiß, wodurch die Bitte, die Schuhe auszuziehen, zu einem höchst unangenehmen Eigentor werden kann. Das und mehr wäre zu bedenken, hilft aber denjenigen nicht, die nicht mit der Vorstellung leben können, dass Straßenstaub das wertvolle Bodenholz verunreinigt.

Wir empfehlen daher folgendes: Verschicken Sie künftig Einladungskarten, in denen Sie anstelle einer Kleiderordnung eine Strumpf- und Sockenordnung vorgeben. Jeder Gast wird durch Ablegen der Schuhe automatisch zeigen wollen, wie er Ihre Vorgaben auslegt. Bei weniger formellen Anlässen hat sich die Ankündigung von Strumpf- und Sockenspielen bewährt, die sich je nach Gesellschaft variieren lassen. Für unerwartete Gäste oder hartnäckige Verweigerer lassen sich neue Damen- und Herrenschuhe in den gängigen Größen bereithalten, deren Sohlen mit etwas Geschick bestrickt werden können. Die Gäste sind in diesem Fall jedoch unbedingt auf die Stricksohlen hinzuweisen, um ungewollte Stürze zu vermeiden.

Schwere Formen einer Straßenstaub-Phobie sollten zum eigenen Wohl aber vielleicht doch therapeutisch behandelt werden.

Die hohe Kunst des Schneckenzerschneidens

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