Читать книгу Schatten über Fehmarn - Gerda M. Neumann - Страница 11

Kapitel 4

Оглавление

Die Sonne stand mittlerweile tief am Horizont und die Knicks – dichte Hecken zwischen den Feldern, die den Wind brechen – warfen lange Schatten. Olivia zählte mit: Vier Dörfer durchquerten sie in rascher Folge, zwischenzeitlich hatte sie in der Ferne das Meer gesehen, jedenfalls nahm sie das an. Felix Picard lotste Amanda von der offiziellen Straße hinunter. Den Hinweis ›Durchfahrt verboten‹, der das normale Verkehrsschild zu einer strengen Warnung machte, ignorierte er. Auf einer Wiese grasten Rehe, die bei dem Motorengeräusch in den Schatten des nächsten Knicks flohen, der sie vollständig unsichtbar machte. Ein Wäldchen nahm sie auf und entließ sie durch ein Tor auf eine leere Fläche. Amanda schaltete auf Picards Bitte hin in den ersten Gang hinunter.

»Wir sind auf Gut Staberhof,« er deutete nach links, »dort das Wohnhaus und ihm gegenüber hier rechts vorn die Barockscheune, die Ernst Ludwig Kirchner gemalt hat. Wir wollen an ihr vorbei in den Weg da vorn und gleich nach links.«

Weit dehnte sich das Ackerland, es wurde von hohen Bäumen umrahmt. In der Ferne ahnte Olivia so etwas wie einen Wald, es war schön hier. Doch Felix Picard führte sie, ohne einen Blick für das Land in der einsetzenden Dämmerung zu haben, ins Haus. Und durch einen geräumigen Windfang, in dem sie ihre Jacken aufhängten, gleich wieder hinaus. So kam es Olivia auf den ersten Blick vor: Die gesamte gegenüberliegende Wand des großen Raumes bestand aus Glas und ließ den Blick in jene baumumstandene Weite frei, die ihr gerade eben schon so gut gefallen hatte. Sie stand und schaute, bis Agnes Kienhardt mit Amanda zu ihr trat.

»Es gefällt Ihnen, nicht wahr? Sie sehen ganz so aus. Dort drüben, wo die Bäume sich verdichten, ist Staberholz und etwas rechts davon hinter den Bäumen kann man um diese Jahreszeit bereits wieder die Umrisse vom Leuchtturm Staberhuk ahnen. Dort verbrachte Kirchner seine Fehmara-ner Sommer. Sie sind hier in Kirchner-Land.« Die junge Frau ließ ihre beiden Gäste schauen. Sie ging leise umher und zündete eine Kerze nach der anderen an. Juro und Felix kochten Tee und schwiegen gemeinsam.

Auf dem flachen Tisch in Olivias und Amandas Rücken war bald alles für einen gastfreundlichen Nachmittagstee zusammengetragen worden und die fünf Menschen verteilten sich auf die drei hellen Sofas. Ruhig goss Agnes Kienhardt den Tee in die fünf Schalen und reichte sie weiter. Die dritte Schale ging an Felix und mit dem Dank brach er das Schweigen.

»Agnes, du hattest es sehr eilig, aus Burgtiefe wegzukommen. Hier hingegen bist du die Ruhe in Person. Wie reimt sich das zusammen?«

Sie füllte die beiden letzten Schalen, als hätte sie ihn nicht gehört und stellte die schwere Kanne ab. Sie blieb vorn auf der Sofakante sitzen und sah auf: »Du hast Recht. Ich habe mich selbst erst einmal notdürftig beruhigt, indem ich nur ganz normale Dinge tat. Denn nach diesem Nachmittag da draußen am Strand sah ich Land unter, für uns alle. Plötzlich gab es diesen Brief, der Alexanders Fernbleiben erklärt. Die Nachricht verbreitete sich explosionsartig. Alle auf der Wiese, bei denen ich stehenblieb, sprachen in irgendeiner Weise darüber. Und dann, vielleicht eine knappe Stunde später, sprachen sie noch über etwas anderes: Ein Fremder, ein Journalist aus Hamburg, habe eine Leiche gefunden. Ich ging langsam umher und versuchte, mehr zu hören, dabei fing ich einzelne Wörter auf: Leichenteile, Jutesack, Luderkuhle und etwas, das klang wie Geocaching, als hätte es etwas mit Geographie und Verstecken zu tun. Alle spekulierten, denn niemand wusste etwas. Aber das Gerücht war da, einfach so, wie ein giftiges Gas. Da beschloss ich, euch beide dem Gift zu entziehen, bevor ihr Journalisten zum Opfer fallen könntet. Das ist alles.«

Der Schock saß. Niemand rührte sich. Felix Picard saß tief in seiner Sofaecke, die Schultern hochgezogen und leicht vorgebeugt, die Handkuppen gegeneinandergedrückt, die Augen auf den Tisch gebannt. Juro Kienhardt trank in kleinen Schlucken seinen Tee. Als er damit zu Ende war, ließ er die Arme sinken und sah seine Frau an: »Du weißt nicht, ob die Leiche Alexander ist?«

»Ich weiß gar nichts, ich habe nur von diesem Gas einiges eingeatmet. Allerdings wage ich einstweilen die Vermutung, dass es nicht Alexander ist, denn der Fund scheint ziemlich lang auf seine Entdeckung gewartet zu haben.«

»Und warum gerade heute?« grübelte ihr Mann weiter.

»Keine Ahnung. Hat irgendeiner von euch schon einmal von ›Geocaching‹ gehört?«

Amanda räusperte sich. Sie hörte endlich auf, umzurühren, legte den Löffel auf die Untertasse und stellte alles zurück auf den Tisch, ohne einen Schluck genommen zu haben. »Es ist eine Internetspiel im freien Gelände, wenn Sie so wollen. Eine x-beliebige Person versteckt einen ›Schatz‹ in einer wetterfesten Dose in der Landschaft und setzt die Stelle des Verstecks ins Internet. Jeder, der Lust zum Suchen hat und in der Nähe des Versteckes lebt, kann dessen Längen- und Breitengrad nun auf sein GPS-Gerät übernehmen, eine Kombination aus Kompass und Pilotsystem, wie man sie auch in Autos einbauen kann, mit der er zu der angegebenen Stelle fährt und mit Hilfe des Gerätes vor Ort die Feinarbeit aufnimmt. In dem einzigen Fall, dem ich zugeschaut habe, fand sich der ›Schatz‹ unter mehreren zusammengetragenen alten Zweigen, die unter dem überhängenden Ast einer Krüppelkiefer lagen. Mein Bekannter räumte die Zweige weg, zog eine alte Plastiktüte darunter hervor, in der in einer weiteren Plastiktüte eingewickelt eine festverschließbare Dose steckte, wie man sie zur Aufbewahrung von Lebensmitteln im Kühlschrank benutzt. Darin fand er zwei Schokoladenriegel, eine kleine Plastikfigur und einen Miniblock mit Stift. Er zeigte mir die zahlreichen Eintragungen von glücklichen Findern darauf, trug sich selbst mit Datum ein, legte einen weiteren Stift in die Dose und entnahm einen Schokoriegel. Dann verpackte er alles wieder so zurück, wie er es gefunden hatte, und wir gingen davon.«

»Als Kinder spielten wir Schnitzeljagd,« überlegte Agnes.

»Wieder eines dieser wunderbaren deutschen Wörter!« Einen Blitzmoment lang war Amanda begeistert.

»Diese Verstecke sind gut getarnt, nachdem, was Sie sagen… woran erkennt man sie?« wollte Agnes wissen.

»In meinem Fall lagen die toten Zweige geordnet übereinander. Wie mein Bekannter erklärte, übt man rasch den Blick, im freien Gelände die fünf Zweige Bruchholz herauszufinden, die ohne Fremdeinwirkung nicht so beieinanderliegen könnten. In dieser Fähigkeit, das eine Element zu erkennen, das anders ist oder so nicht an seinen Ort gehört, liegt ein wesentliches Moment des Vergnügens, glaube ich. Für ihn ist es eine Art Sport geworden, die Wahrnehmung von Schildern mit Aufschriften zu lösen und mit dem Blick von Lederstrumpf durch die Welt zu gehen, als wäre er fern der Zivilisation.«

»Ausgestattet mit einem hochtechnischen Pilotgerät und dem Internet als Voraussetzung… eine interessante Kombination. Im Moment interessiert mich folgendes: Ein Mensch, der sich in dieser Weise auf Schatzsuche begibt, könnte auch die falschen fünf Zweige aufheben, denn die über einer Leiche sind ebenfalls durch Fremdeinwirkung an ihren Platz gekommen. Ist das richtig?« verfolgte Agnes ihren Faden. Amanda bestätigte es

»Nun, vielleicht lässt sich die Frage, warum gerade heute, damit beantworten. Ein Journalist, der möglicherweise wegen Alexanders Skulptur kam, vertrieb sich den Vormittag mit diesem Hobby. Das Pilotgerät ist wahrscheinlich nicht zentimetergenau und so irrte er sich in den Zweigen, die er aufhob. Ein Jutesack tauchte auf, entsprach nicht ganz seiner Erwartung, widersprach ihr aber auch nicht so dringend, dass er sich beim falschen Versteck wähnte, also schaute er hinein… Wie schrecklich!«

»Glaubst du, dass die Polizei herkommen wird, wenn sie den Brief untersucht hat?« erkundigte Juro sich bei seiner Frau.

»Das erwarte ich sogar von ihr – es ist entsetzlich. Seit dem Gerücht über den Leichenfund kann ich Alexander einfach keine verrückte Idee mehr andichten, die ihn wieder in die Südsee gelockt hat oder etwas ähnliches. Drei Briefe von derselben ominösen ›Vereinigung Inselschutz‹ und drei verschwundene Männer… wenn die Leiche einer der beiden ersten ist…«

Alle schwiegen – nicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag.

»Was können wir noch tun oder klären, solange wir unter uns sind?« fragte Olivia – auch das nicht zum ersten Mal, seit sie auf Fehmarn war.

Agnes sah sie an, etwas wie Dankbarkeit huschte durch ihre Augen: »Sie beide sind Freundinnen von Alexander?«

»Er ist mein Freund, wir kennen uns aus London, schon ziemlich lange. Olivia ist meine Freundin und ich bat sie, mit hierherzukommen,« beantwortete Amanda die Frage.

»Was machen Sie in London? Erzählen Sie ein wenig von sich.«

Irritiert sah Amanda ihre Gastgeberin an: »Ist das jetzt wichtig?«

»Für mich schon. In so einer Situation möchte ich wenigstens eine Vorstellung von meinen neuen Freunden haben; denn Freunde sind Sie doch, wenn Sie extra für diese Skulpturenenthüllung den weiten Weg aus London hergekommen sind…«

»Ja, ganz sicher sind wir das,« sprang Olivia ein. »Lassen Sie mich antworten. Ich stehe ein klein wenig distanzierter zu den Ereignissen, weil ich Alexander Hyde nicht kenne, und ich rede leichter, weil Deutsch meine Muttersprache ist. Amanda Cranfield ist in London geboren und aufgewachsen, sie studierte Literaturwissenschaft in Cambridge und lebt seit ihrer Heirat wieder in London. Sie ist Schriftstellerin, schreibt kritische Gesellschaftsromane und Essays und kennt viele Intellektuelle und Künstler. Die schönsten Sommer ihrer Kindheit verbrachte sie auf Fehmarn. Deswegen freute sie sich doppelt über Alexanders Einladung und deswegen lud sie mich ein, mit ihr zu kommen.«

»Sie kannten Fehmarn schon vor Alexander… das freut mich…« reagierte Agnes schlicht. Ihr Blick kehrte schnell zu Olivia zurück: »Und Sie selbst?«

Die schien flüchtig zerstreut: »Gerade dachte ich, ich könnte eine Skizze über Alexander Hyde für die Süddeutsche Zeitung schreiben. Alle zwei Woche schreibe ich einen Artikel aus London für deren Feuilleton. Darüber hinaus übersetze ich aus dem Englischen ins Deutsche: am liebsten Literatur, vor allem Lyrik; ich übersetze aber auch Zeitungsartikel und ähnliches in beiden Richtungen.«

»Sie sind Deutsche?«

»Nein, meine Mutter ist Österreicherin, mein Vater Engländer. Aufgewachsen bin ich in Salzburg und London, so kam ich zu meiner Zweisprachigkeit.« Da Agnes keine weitere Frage anschloss, wiederholte sie die ihre: »Was können wir noch klären, während wir so ruhig beieinandersitzen?«

Die beiden Maler blieben ihrer Schweigsamkeit treu und überließen Agnes Kienhardt das Handeln. »Wir kennen diese Insel und ihre Menschen. Es kann sich schon jetzt niemand mehr ausmalen, welche Menge der unhaltbarsten Gerüchte unterwegs ist. Sie können einem das Leben ganz schön schwer machen. Dagegen gibt es nur ein Mittel: zueinander zu stehen ohne einen Spalt, in dem die losbrechenden Stürme angreifen können. Alles, was wir hören, sollten wir austauschen und alles miteinander erörtern, was wir nicht verstehen. Solange wir hier in diesem Raum einander vertrauen, werden wir mit allem fertig werden können. Es sei denn,« sie sah Amanda und Olivia besorgt an, »Sie fahren einfach zurück nach London.«

Olivia fing eine sparsame Kopfbewegung von Amanda auf: »Wir werden zumindest abwarten, welche Schlüsse die Polizei aus dem Brief und dem Fernbleiben von Alexander Hyde zieht. Leichenfunde von Geocachern dagegen würden uns eher nicht hier festhalten.« Sie lachte kurz auf; ein vages Lächeln versuchte, den harten Laut zu mildern: »Entschuldigt, aber irgendetwas an diesem Gerücht ist auch sehr komisch. Sich auf Spiele einzulassen, deren Mitspieler man nicht kennt, ist riskant. Dass es aber gleich so drastisch ausschlägt…«

Schatten über Fehmarn

Подняться наверх