Читать книгу Ich bin dann mal nicht weg - Gernot Zimmermann - Страница 5
VORWORT
ОглавлениеEs wird im April des Vorjahres gewesen sein, als ich im Internet durch Zufall in den Blog eines Wieners geraten bin, der nach Santiago de Compostela gepilgert ist. Der Mann ist von Wien aus einfach losmarschiert, trotz seines erheblichen Übergewichtes und ohne jemals zuvor eine Weitwanderung unternommen zu haben. Ich habe alle seine Tagebucheintragungen auf einmal durchgelesen und das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Pilgern kommt bei mir mangels Gläubigkeit nicht in Frage, aber man könnte ja zum Beispiel zu Fuß nach Wien gehen. Diese Idee habe ich schnell wieder fallen lassen, irgendwie war mir das logistisch zu kompliziert. Aber immerhin habe ich begonnen auszutesten, ob ich, als ausgewiesener Couch-Potato, längere Strecken überhaupt schaffe. So bin ich einmal von Pradl nach Zirl raufmarschiert und gleich am nächsten Tag nach Hall und retour. Passt, 20 Kilometer schaffe ich locker, vielleicht sogar 30, wenn ich mal im Gehen drin bin. Fehlte also nur mehr ein lohnendes Ziel.
Tja – und dann habe ich das Buch von Hape Kerkeling in unserem Regal stehen gesehen und beim Lesen des Titels „Ich bin dann mal weg“ wusste ich augenblicklich, wie mein Buch heißen wird. „Ich bin dann mal nicht weg“. Ich verlasse nämlich Innsbruck gar nicht, sondern werde sämtliche Straßen, Gassen, Wege, Plätze, Steige, Promenaden, Brücken und Stege meiner Heimatstadt zu Fuß abgehen. Dafür muss ich auch keinen großen Aufwand betreiben – gute Wanderschuhe, einen Stadtplan, ein offizielles Adressenverzeichnis, fertig. Angenehmer Nebeneffekt dabei – ich schlafe jeden Tag in meinem eigenen Bett.
Rückblickend wäre es wohl besser gewesen, ich hätte meine Wanderung durch Innsbruck gleich im Juli oder August 2019 gemacht, es wären mir einige Schwierigkeiten erspart geblieben. Aber aus verschiedenen Gründen ist es nicht dazu gekommen und am 11. März 2020 startete ich schließlich meine Tour.
Von Beginn an wurde ich dabei von meiner Frau Ilse begleitet, sie hat während der insgesamt 36 Wandertage über 4.000 Fotos geschossen. Die ersten Tage hat sie mich noch zu Fuß begleitet, aber dann ist plötzlich alles anders geworden. Zuerst hat der Corona-Wahnsinn das ganze Land in Geiselhaft genommen und in vielen Bereichen völlig lahmgelegt. Während der wochenlangen Quarantäne Tirols durften wir nicht einmal mehr in den Nachbarort fahren und nur noch in Ausnahmefällen das Haus verlassen.
Und dann hat sich vor mir unvermittelt ein neuer Gegner aufgebaut – ich habe mir nämlich leider die „Periphere Arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)“ eingehandelt. Durch diese de facto unheilbare Durchblutungsstörung kann ich ohne große Schmerzen keine längeren Strecken mehr gehen, 170 Meter sind das absolute Maximum. Die Diagnose bekam ich nach Wandertag 9 gestellt und damit war das Projekt natürlich gestorben. Ich hatte ja bis dahin erst knapp über 100 Straßen hinter mir und wie soll ich denn bitteschön die restlichen 550 Straßen abgehen, bei meinem Radius? Wie soll ich da die Igler Straße bewältigen können oder die Kranebitter Allee? Wie die Gramartstraße mit ihrer „Höll“ oder den Schusterbergweg mit seinen 20 Prozent Gefälle?
Lassen Sie mich vorgreifen – ich habe es trotz meiner Krankheit geschafft, alle Innsbrucker Straßen von Anfang bis zu ihrem Ende zu Fuß zu bewältigen. Das muss natürlich heißen, WIR haben es geschafft. Denn ohne meine Frau Ilse wäre das Projekt „Erstbegehung von Innsbruck“ eine Vision geblieben bzw. gleich zu Beginn gescheitert. Ihr Beitrag ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, im Buch wird aber noch viel davon zu lesen sein.
Wie uns diese gemeinsame „Erstbegehung von Innsbruck“ gelingen konnte? Auf den folgenden Seiten habe ich das niedergeschrieben und ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen.
Gernot Zimmermann
Innsbruck, im Oktober 2020