Читать книгу Wisperwasser. Es ist unser Geheimnis - Ирмгард Крамер - Страница 11
Оглавление3
Das Geheimnis von Wisperwasser
Der große Springbrunnen, in dem wir gelandet waren, sprudelte in der Mitte eines Dorfplatzes. Gern hätte ich mich genauer umgesehen, aber Justus patschte mit seinen Händen im Wasser herum und spritzte mir ins Gesicht.
»Hat irgendwer meine Brille gesehen?«, rief er und blinzelte. Da formten sich aus dem Wasser zwei Hände, die ihm die Brille auf die Nase setzten.
»Oh, danke«, sagte er und stieg aus dem Springbrunnen.
»Das Wasser lebt«, flüsterte Rosa, weil sie wahrscheinlich die vielen Fragen sah, die mir im Gesicht standen, »solange das so ist, sind wir in Sicherheit.«
»Und wenn nicht?«
»Dann geht die Insel unter … Und wir mit ihr.«
Ich schluckte.
»Keine Angst. Das ist noch nie passiert, aber Lehrer Goldfaden bläut uns täglich ein, wie verletzlich die Kreisläufe der Insel sind. Der Wasserfluss, das Wetter, die Jahreszeiten und Tag und Nacht. Alles fließt. Und wir sind ein Teil davon.«
Ich strich mir eine nasse Strähne aus dem Gesicht.
»Herr Goldfaden sagt lauter so Sachen wie, dass wir mit der Insel mitfließen und mitschwingen sollen.« Rosa stieg aus dem Springbrunnen, hielt mir ihre nasse Hand entgegen und zog mich aus dem Wasser. »Sei einfach du selbst und vertrau dir. Dann wird’s schon klappen.«
Ein unwohles Gefühl beschlich mich. Was meinte sie damit – was musste klappen? Aber da zog mich Rosa schon weiter. Kleine Bäche trieften von meinen Zöpfen und mein T-Shirt und meine Hose waren schwer wie Beton. »Ich habe gar keine Sachen zum Wechseln mit.«
»Brauchst du nicht.« Rosa trat auf die Steine, die den Springbrunnen einfassten und so abgetreten aussahen, als lägen sie hier schon tausend Jahre. Sekundenschnell trocknete Rosas Jeanskleid, als würde sie von einem unsichtbaren Fön angeblasen. Butterblonde Kringellocken kräuselten sich um ihren Kopf. Justus lachte, als sie versuchte, ihren Wuschelkopf zu bändigen.
Aufgeregt betrat ich die Steine – glatt und lebendig fühlten sie sich an. Wärme kroch durch meine Fußsohlen und Beine, durch meinen Bauch, meine Brust in meinen Kopf. Ein Gefühl, als ob mich die Sonne in den Arm nahm. Ich suchte die Sonne, fand sie aber nicht, obwohl ihre Strahlen von überallher und von nirgends kamen. Weit über mir floss entlang einer unsichtbaren Kuppel der Himmel. War das Wasser? So ungefähr musste es vom Mittelpunkt einer Seifenblase aussehen. Sommerwolken zogen vorüber. Ein Pelikan glitt durch den fließenden Himmel. Er wurde begleitet von Küstenseeschwalben.
Sprühregen weckte mich aus meinen Träumen. Tante Inge platschte neben mir aus dem Springbrunnen, schüttelte sich und sauste mit wuschig sauberem Fell über den Dorfplatz auf einen Ozeandampfer mit vier Schornsteinen zu. Er steckte in der Erde – als sei die Titanic vom Himmel gefallen. In der Kommandozentrale stand eine kleine, dicke Frau mit ungefähr einer Tonne Halsketten und goss Blumen. Sie beugte sich aus einer Luke und rief: »Du bist spät, Tante Inge! Ich hoffe, du hast Lani heil zu uns gebracht.«
Rosa winkte ihr zu.
»Ah! Da seid ihr ja!«, rief die Frau von hoch oben. »Hallo Lani! Willkommen auf Wisperwasser, ich bin Frau Muhr. Wir sehen uns später. Viel Spaß bei Lehrer Goldfaden! Er wartet schon auf dich.«
»Die hat aber viele Halsketten«, murmelte ich und winkte auch.
»Hat sie alle von ihrer Tante Inge geerbt. Dafür musste sie versprechen, sich um ihren Mops zu kümmern.«
Der Mops hoppelte neben dem Anker durch ein Bullauge in den Schiffsbauch.
Das Kaffeehaus daneben wirkte winzig neben dem Ozeandampfer. Ein Eisenschild quietschte im Wind. Darauf stand: Café am Springbrunnen.
»Hier gehen wir rein, wenn wir zwischendurch Hunger oder Durst haben«, erklärte mir Rosa. »Für das Frühstück, Mittag- und Abendessen hat jeder Jahrgang ein eigenes Gasthaus. Unseres zeig ich dir am Mittag.«
Tontöpfe mit Blumen standen vor dem Café. An einem Vordach hingen Lampions. Ein Junge in einer Schürze war damit beschäftigt, Tücher auf Tischen auszubreiten. Zwei Mädchen verteilten Servietten. Aus dem schiefen Kamin kringelte sich Rauch. Mein Magen knurrte, als ich frisches Baguette, Vanille und Zimt roch. Durch die offene Tür sah ich einen Holzofen, an dem ein Jugendlicher mit einem Brotschieber arbeitete. An einer Theke formten zwei ältere Mädchen Brezeln. Alle drei trugen Bäckermützen und hinter ihnen stand ein Bäcker, der ihnen auf die Finger schaute.
»Wir dürfen auch bald in die Bäckerei«, sagte Rosa. »Auf der Insel machen wir alles selbst.« Sie zog mich mit.
Justus rannte ins Café, kam kurz darauf wieder heraus und drückte mir eine warme Nussschnecke und Rosa einen Schokomuffin in die Hand, während er sich grinsend ein Pfirsichtörtchen in den Mund schob.
Ooohhh, es schmeckte lecker. Während ich mir die Süßigkeit auf der Zunge zergehen ließ, drang ein sanftes Klingeln, ein Summen und Singen in meine Ohren. Der Klang kam von einer Brücke, auf der sich Windräder, Windmühlen und Windspiele so bunt und schillernd drehten, dass es mir vor den Augen flimmerte. Die Windspiele erzeugten eine Melodie, die sanft über die Insel wehte und mich von nun an begleiten sollte. Justus erklärte mir, dass sie den elektrischen Strom auf der Insel erzeugten.
Zur Wissenschaft stand auf einem Wegweiser in der Mitte der Brücke. Ich schaute hinunter und dort floss … ein Regenbogen, der nie verschwand. Ein flüssiger Regenbogen. Die bunten Kreisel neckten sich, spielten Fangen, dehnten sich aus und drehten sich wieder zusammen, vermischten sich aber nicht.
»Das ist Jolly«, sagte Rosa, »der lustige von den Flüssen.«
Zwei Kinder spielten wie Otter im Wasser. Ihre Schultaschen und ihre Kleider lagen am Ufer. Sie kicherten und glucksten, sodass ich am liebsten zu ihnen in den bunten Fluss gesprungen wäre.
»Jollys Strömungen wirbeln heiß und kalt umeinander. Das ist, wie wenn du dir Vanilleeis mit heißen Himbeeren gleichzeitig in den Mund steckst: Um den Popo ist es warm und um die Zehen kalt und dann brauchst du dich nur drehen. Macht Riesenspaß«, sagte Rosa und seufzte, »aber leider müssen wir ins Wissenschaftsviertel.«
»Dort ist normaler Unterricht: Mathe, Deutsch, Bio, Physik und so Kram«, erklärte Justus, während wir durch eine Straße gingen, an der die wundersamsten Häuser standen. Ein Stiefelhaus, ein Barbiehaus (in Menschengröße), eine kleine Kirche (die mit der Kirchturmspitze nach unten verkehrt im Boden steckte), ein Ananas-Haus, ein Schildkröten-Haus, ein Wigwam und ein Wohnwagen.
Rosa meinte, in all den Häusern würde gelernt. Ich wünschte mir mindestens noch vier Augen und einen Rundum-Kopf wie eine Eule, um alles sehen zu können.
Wir hielten auf ein Strandhaus zu. Auf der Veranda erwartete uns der junge Lehrer von vorhin aus dem Schulhof. Ich war immer noch wütend auf ihn. Er fütterte den Pelikan, den ich zuvor am Himmel gesehen hatte und der nun am Verandageländer saß und einen Fisch in seinen Kehlsack fallen ließ.
Lächelnd wandte sich der Lehrer mir zu, während er sich die Hand in ein Taschentuch wischte, bevor er sie mir reichte. »Wie schön, dass du da bist, Lani. Ich bin Abraham Goldfaden, dein Klassenlehrer. Es tut mir sehr leid, dass ich mich auf dem Schulhof so schrecklich benommen habe, leider war das totale Absicht. Es musste sein, aber bitte, bevor wir dir alles erzählen, tritt ein.«
Die Tür schwang auf. Ich wusste nicht, was ich zuerst sah – die Kinder, die mich johlend willkommen hießen, die Surfbretter an den Wänden, die Segelschiffmodelle, die von der weiß getünchten Holzdecke hingen, oder die Muscheln im Sand am Fensterbrett. Rund ein Dutzend Kinder hatte es sich auf Strandkörben, in Sitzsäcken und Hängematten gemütlich gemacht. Lehrer Goldfaden hob seine Hand und es wurde ruhig.
»Bitte, nimm Platz, Lani.« Ich war froh, als mich Rosa zu einem Strandsessel zog, der Platz für uns beide hergab. Wotan polterte an uns vorbei und wollte sich auf dem weißen Korbsofa am Fenster niederlassen.
»Halt!«, rief Herr Goldfaden. »Nicht mit deiner Kakaohose.« Da drehte sich Wotan um, wackelte wie eine Ente mit seinem Po, der nun in einer sauberen Jogginghose steckte.
»Willkommen in meinem Haus«, sagte Herr Goldfaden zu mir. Dann nickte er dem Jungen zu, der auf dem Schulhof mit dem Puppenkopf gekickt hatte, und dem schwarzhaarigen Mädchen mit den Armreifen.
Die beiden gingen nach vor und stellten sich unter einen Haifisch, der an der Decke hing.
Der Junge entfaltete einen Notizzettel und räusperte sich. »Hallo Lani. Ich bin Kolja und das ist …« Er deutete neben sich.
»… Esra«, sagte das Mädchen und verbeugte sich.
»Als Klassensprecher …«, Kolja schaute auf seinen Zettel.
»… und als Klassensprecherin …«, sagte Esra auswendig.
»… möchten wir uns bei dir …«, sagte Kolja.
»… für unser schreckliches Verhalten im Schulhof entschuldigen«, sagten sie zusammen.
»Das, was wir dir auf dem Schulhof vorgespielt haben, war voll geplant«, sagte Kolja.
»Wir haben das geprobt.« Esras Armreifen klimperten.
Alle Augen waren auf mich gerichtet. Ich sah wohl superbescheuert aus, denn meine Mitschüler und Mitschülerinnen lachten. Diesmal klang es aber nicht so, als würden sie mich auslachen, sondern sie lachten, weil sie sich freuten. Und so langsam begann ich auch, mich zu freuen. Mir war, als würde sich die Eisenkette lösen, die mein Herz zusammengequetscht hatte, seit ich auf dem Schulhof gestanden hatte. Ich brauchte mir nicht mehr einzubilden, dass ich träumte.
»Herr Goldfaden hat alles mit uns einstudiert«, sagte Kolja und Esra fuhr fort: »Jeder, der nach Wisperwasser will, muss einen Test bestehen und beweisen, dass er einen halbwegs anständigen Charakter hat.«
Plötzlich quasselten alle durcheinander: »Es hätte ja sein können, dass du für Wotan bist und auch auf Justus losgehst.« Und: »Wir wollten wissen, wie du dich verhältst …« Und: »Wir wollen hier keine Arschlö…«, wollte Wotan sagen, aber Herr Goldfaden schnitt ihm das Wort ab, ehe er es fertig aussprechen konnte.
»Achte auf deine Worte, Wotan!«, ermahnte er ihn.
»Sorry«, sagte der und grinste, während es munter weiterging. »Fast alle von uns wurden schon einmal gemobbt …« Und: »So was wollen wir nicht mehr.«
Mein Herz klopfte wie wild. Ich wollte so etwas auch nicht mehr.
»Wir wurden an unserem ersten Tag auch geprüft. Hier sitzen nur die, die bestanden haben«, sagte Kolja.
»Du hast auch bestanden!«, rief Rosa. »Wir waren einstimmig für dich.« Jubel brach aus und auf einmal hätte ich am liebsten die ganze Welt umarmt. Denn vielleicht war die schlimmste Schule der Welt der allerbeste Ort überhaupt.
Abraham Goldfaden schaltete sich ein. »Na ja, ehrlich gesagt, waren eure Tests ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ihr heute aufgeführt habt. Ich habe nicht gewusst, dass es in dieser Klasse so überzeugende Schauspieler gibt. Applaus für den grandiosen Justus und den sensationellen Wotan.« Tosendes Geklatsche. Wieder plapperten alle durcheinander.
»Ich hatte so viel Mitleid mit dir«, sagte Esra zu Justus.
»Kurz dachte ich, du würdest echt in Tränen ausbrechen«, sagte das Mädchen mit dem Glitzer-T-Shirt. Alles an ihr war groß und breit. Auch ihr Name, mit dem sie sich später vorstellte: Sie hieß Mirabelle-Kimberley Raus von Rausenbach.
»Es war ganz, ganz schrecklich, am liebsten wäre ich davongerannt«, murmelte ein verschüchtertes Mädchen, das aussah wie eine weinende Porzellanpuppe und Aurelia Schnee hieß.
»Aber warum der ganze Aufwand?«, fragte ich.
»Das erklären dir Nora, Nele und Noah«, sagte Kolja.
Erst jetzt fielen mir die drei Rothaarigen auf. Drillinge! Mein Gehirn war also doch nicht kaputt.
Sie schoben einen Globus auf Rädern in die Mitte, gaben ihm einen Drall und der Globus begann, sich zu drehen. Da passierte das nächste Unglaubliche: Von dem Globus löste sich ein winziges Stück Land heraus und stieg in die Höhe. Plötzlich schwebte in unserer Mitte eine Kugel. Ich konnte die Brücke und das winzige Schultor erkennen, durch das ich hineingerutscht war. Die Insel war in eine Wasserblase eingehüllt. Eine abgeschlossene Welt. Von außen unsichtbar, ganz und gar versteckt durch das ringförmige hässliche Schulgebäude, das man von der Erdbeben-Brücke aus sehen konnte.
»Diese Kugel ist Wisperwasser«, sagte Nele (die mehr Sommersprossen hatte als ihre Schwester).
»Unsere Insel ist von Wasser umgeben: von oben, von unten und von allen Seiten. Tief unter uns, im Herzen der Insel, treffen sich alle Flüsse und sprudeln als Springbrunnen an die Oberfläche«, sagte Noah (der die rotesten Haare von allen dreien hatte).
»War das der Strahl, der mich in die Höhe gesprudelt hat?«, fragte ich. Zustimmendes Nicken.
»Das Wasser hat eine große Kraft. Es gibt sieben Flüsse«, sagte Noah.
»Nein, acht …«, verbesserte Nele.
»Ich dachte, neun?«, fragte Nora. Irritiert blickten sie zu Lehrer Goldfaden.
»Meistens sind es acht, aber das kann sich schnell ändern«, sagte er. »Bringt ihr noch alle Namen zusammen?«
Zu dritt zählten sie auf: Jolly, Mondblut, Goldrausch, der Fluss der Toten, Admiral, Waltrudis, Liberty und Nektaria. Die Flüsse von Wisperwasser. Sie teilten sich. Sie verästelten sich. Sie verbündeten sich mit anderen Flüssen und bahnten sich neue Wege, wie es ihnen gefiel. Gluggernd, glucksend, blubbernd, plätschernd, platschend und schwappend, wallend, schäumend, tosend, wütend und brausend hatte jeder Fluss einen eigenen Charakter, eine eigene Farbe, eine eigene Temperatur und verbreitete ein eigenes Gefühl. Über die Flüsse von Wisperwasser wurde schon so viel geschrieben, dass es in der Bibliothek für jeden Fluss einen eigenen Raum voller Bücher gab.
»Nimm dich vor allem in Acht vor dem Fluss der Toten«, sagte Noah.
Ein ängstliches Raunen ging durch das Klassenzimmer.
»Du erkennst ihn an seinem schwarzen, ölig schillernden Wasser. Ihm darfst du dich auf keinen Fall nähern.«
»Was passiert dann?«, fragte ich.
»Er saugt dir das Leben aus den Adern«, flüsterte Nele. »Die Toten wollen dich in ihr Reich unter das Wasser ziehen.« Mich schauderte.
»Na, du brauchst Lani keine Angst zu machen«, sagte Lehrer Goldfaden. »Die Flüsse sind geheimnisvoll. Wir wissen nicht genau, welche Absichten jeder einzelne verfolgt, aber sie alle gehören zusammen. So wie wir auch.«
Jetzt fuhr Nora fort: »Jeder Fluss ist einzigartig und bewirkt etwas ganz und gar Unglaubliches.«
Andächtige Stille breitete sich aus. Ich hielt den Atem an, denn alles, was die Drillinge erklärten, entstand in Miniaturform vor meinen Augen auf dem Modell – die Flüsse, die aus allen Himmelsrichtungen auf das Herz der schwebenden Miniaturinsel zuflossen, wie bei einem Geysir in einem Schacht nach oben schossen und zu einem Springbrunnen wurden. Keiner sagte etwas, alle betrachteten das magische Schauspiel. Was ich dann erfuhr, war noch verrückter.
»Die Zeit auf Wisperwasser läuft anders als im Rest der Welt«, erklärte Nora geheimnisvoll.
»Während außerhalb der Insel eine Stunde vergeht, vergeht bei uns ein Tag«, sagten die drei.
Ich hatte das Gefühl, mein Gehirn würde sich verknoten.
»Das heißt, dass wir Zeit im Überfluss haben«, sagte Nele.
»Aber wie …?«
»Du kannst es dir so merken: sieben Tage hier. Sieben Stunden dort. Wenn wir nach sieben Insel-Tagen über die Brücke nach Hause gehen, wird es bei uns zu Hause immer noch Montag sein, fünfzehn Uhr am Nachmittag. Eben sieben Stunden später«, erklärte Noah.
»Während andere Schulkinder sieben Schulstunden haben, haben wir eine ganze Woche«, sagte Nele.
»Darum sind wir siebenmal so klug!«, rief Wotan und alle lachten.
»Deswegen tragen wir keine Uhren«, erklärte Rosa und ihre Haare kitzelten auf meiner Wange. »Uhren, die nicht auf der Insel gebaut wurden, drehen hier durch. Die Zeit spielt verrückt.«
Ich starrte erst sie, dann die Drillinge an.
»Wir waren auch geschockt«, schaltete sich Justus ein und sagte stolz: »Wisperwasser ist eben keine Schule wie jede andere.«
Alle nickten.
Abraham Goldfaden erhob seine Stimme. »Wir verbringen viel Zeit miteinander, deswegen müssen wir einander vertrauen. Zusammen tragen wir eine große Verantwortung. Ihr wisst, was wir zu tun haben.«
»DAS GEHEIMNIS VON WISPERWASSER BESCHÜTZEN!«, schallte es durch das Strandhaus und jeder trug seinen Satz dazu bei: »Nichts darf nach draußen dringen …« Und: »Unsere Schule ist ein großes Geheimnis!« Und: »Es muss unser Geheimnis bleiben …« Und: »Wenn unser Geheimnis auffliegt, verlieren wir alles!«
Der Lehrer hob die Hand. »Schau dir Wisperwasser in Ruhe an, Lani. Nach der ersten Schulwoche darfst du dich entscheiden, ob du bleiben oder wieder gehen willst.«
»Ich habe mich schon entschieden«, platzte es aus mir heraus.
Noch einmal wurde es still. Lehrer Goldfaden holte Luft und sagte ruhig, aber eindringlich: »Die Insel hat sich noch nicht für dich entschieden, Lani.«
Ich schluckte. Wurde ich etwa noch einmal getestet?
»Was muss ich tun, um bleiben zu dürfen?«
»Das kann ich dir leider nicht genau beantworten. Wichtig ist zu wissen, dass du mit dem Eintritt durch die Wasserwand ein Teil des Kreislaufs geworden bist. Du kannst nicht viel tun, außer du selbst zu sein. Wie sich die Insel schlussendlich entscheidet, wissen wir alle nicht. Wie gesagt, sie hat ein Eigenleben«, sagte Abraham Goldfaden. »Am Ende der Woche wirst du erfahren, ob du bleiben kannst.«
»Und wenn nicht?«
»Dann wirst du in den Brunnen springen. Das Wasser wird deine Erinnerung abwaschen, du wirst durch den Chemiesaal und über die Brücke nach draußen gehen und nie wieder an diesen Ort denken.«
Ich kaute an meinem Daumennagel.
»Ach, Schnickschnack«, flüsterte mir Rosa ins Ohr. »Wird schon klappen. Im letzten Jahr hat die Insel nur fünf Kinder rausgeworfen.«
Fünf Kinder? Ich dachte an das Erdbeben auf der Brücke und wie der Fischer durch die Luft geflogen war. War das etwa die Insel gewesen?
Abraham Goldfaden richtete sich auf und sagte feierlich: »Lani! Bist du bereit, eine Probewoche mit uns zu verbringen?«
Keine Sekunde musste ich nachdenken. »Ja, das bin ich!«