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VORWORT DES HERAUSGEBERS
ОглавлениеAls James und Rene McGovern in den 1990ern an die ATSU/KCOM berufen wurden, stand die älteste Ausbildungsstätte der Welt für Osteopathie finanziell am Abgrund und es ist allein dem Geschick v. a. James MacGoverns zu verdanken, dass das KCOM nicht nur weiter existiert hat, sondern inzwischen zu einer der innovativsten medizinsichen Ausbildungsstätten in den Vereinigten Staaten geworden ist. Die McGoverns sind aber nicht nur für das ‚physische‘ Überleben des KCOM verantwortlich, sie haben der amerikansichen Osteopathie auch wieder die ursprüngliche Philosophie der Klassischen Osteopathie nach Still wieder näher gebracht. Das inzwischen auf dem Campus umfassend erweiterte Museum of Osteopathic Medicine gilt inzwischen zurecht als das Mekka der osteopathiehistorischen Forschung.
Da beide oftmals durch Europa gereist sind, um die verschiedenen Kulturen und Denkweisen der alten Welt begierig und wissensdurstig zu absorbieren, gehören sie zu den wenigen Amerikanern im osteopathischen Umfeld, die tatsächlich in der Lage sind, Brücken zwischen den zwei doch sehr verschiedenen Welten der Osteopathie dies- und jenseits des Atlantik zu bauen. Obwohl Dein innerer Heiler 2003 bereits erstmals verlegt wurde, ist es m. E. bis heute der tiefgründigste, qualifizierteste und inspirierendste Versuch, die Osteopathie in ihren philosophischen Wurzeln – Klassische Osteopathie beginnt und endet nicht mit Theorie und Technik, sondern mit dem philosophischen Denken – zu erfassen. Aber die McGoverns belassen es nicht dabei, sondern erweitern und komplettieren den ursprünglichen Ansatz des Entdeckers der Osteopathie, Andrew Taylor Still (1828 – 1917), mit dem Aspekt der Bedeutungs-Erwartungs-Reaktion um eine entscheidende Dimension (s. a. Vorwort des Übersetzers).
OSTEOPATHIE UND PHILOSOPHIE
Immer wieder wird darüber gestritten, ob Osteopathie eine eigenständige Medizinphilosophie ist oder nicht. Streng genommen ist es korrekt zu sagen, dass dies nicht zutrifft, denn Stills ursprünglicher Ansatz ist salutogenetisch/vitalistisch orientiert und damit ganz in der Tradition aller naturheilkundlichen Ansätze. Stills eigene Aussagen, Osteopathie sei eine Philosophie sind vielmehr dahingehend zu verstehen, dass er den Begriff Philosophie ganz im Geiste eines pragmatischen Grenzländers seiner Zeit funktionell ausdeutet: die Liebe (altgriechisch φιλοσοφία, latinisiert philosophia, wörtlich „Liebe zur Weisheit“). Dieses Denken findet sich beispielsweise auch in Stills Ausdeutung des Begriffs Osteopathie selbst, deren Ausdeutung:
Knochen als Hebel für Techniken (Osteo…) => Anpassung des muskuloskelettalen Rahmens => ungehindertes Fließen von Blut, Lymphe und Liquor => optimaler Fluss der selbstregulierenden Informationen => maximale Entfaltung der Physiologie => maximale Verdrängung der Leiden (…pathie)=> Heilung durch die Natur.
Es geht bei der Philosophie der Osteopathie also grundsätzlich um kein akademisches Konstrukt, sondern ganz generell um die pure Lust am Wissen selbst, d. h. am ganz alltäglichen ‚philosophieren‘. Nach Still und anderen bedeutenden Osteopathen der Gründerzeit beginnt und endet Osteopathie mit eben diesem Wissen-wollen, dieser unbedingten Neugier die tieferen Zusammenhänge nicht nur medizinischer, sondern aller Dinge verstehen zu wollen, dieser Liebe zur Weisheit. Und deshalb betonten sie auch, dass DO eigentlich keinen Titel bezeichnet, sondern Dig On! (‚Grabe tiefer!‘) repräsentiert.
In diesem Sinn ist auch Dein innerer Heiler zu verstehen. Es ist nicht für Oateopathinnen und Osteopathen gedacht, die Osteopathie als Methode oder Job betrachten, als simple Ergänzung physiotherapeutsicher oder orthopädischer Grundkenntnisse, sondern für jene, die erkannt haben, dass sich in den philosophischen Grundlagen der Klassischen Osteopathie tatsächlich eine neue Dimension der Medizin des 21. Jahrhundert verbirgt. Eine Medizin, die Subjektivität als wichtig und zentral in der Behandlung akzeptiert und schätzt, eine Medizin, die den Menschen und keine Krankheitsbilder behandelt; eine Medizin, die versucht, immer den Menschen in seiner Gesamtheit und nie nur Symptome oder Krankheiten behandelt; eine Medizin, die Schöpfung und Leben nicht ausklammert, sondern im vitalistischen Kontext seriös implementiert; und eine Medizin, die evidence based medicine auf allen drei Säulen (externe Evidenz, Patientenerwartung, Therapeutenerfahrung) lebt und damit zurecht als human based science im Sinne einer modernen Biowissenschaft praktisch und menschennah nicht nur werbewirksam propagiert, sondern tatsächlich auch im klinsichen Alltag konsequent zum Wohl der hilfesuchenden Menschen umsetzt. Dieses Fokussieren auf ein über das therapeutische Ich hinausgehende Ziel, die Bewusstheit kein ‚heroischer‘ Beherrscher der Natur, kein heilender Halbgott oder rettender Engel mehr, sondern lediglich ein demütiger Erfüllungsgehilfe der Natur sein zu wollen und letztlich die damit verbundene dramatische Einsicht, dass die Natur allein für den Heilerfolg und man selbst ‚nur‘ für die Rahmenbedingungen verantwortlich ist, bezeichnet den zentralen Wesenszug der Klassischen Osteopathie nach Still.
Das grundlegende Interesse an allen Dingen, die Philosophie als idealer Urgrund für gute und menschliche Wissenschaft, bezeichnen also noch weit vor allem medizinischen Grundwissen und technischem Geschick das Alpha und Omega des osteopathischen Kunsthandwerks. Sie ist das Schiff, auf dem der osteopathische Ozean besegelt wird und auf diesem Schiff dient Dein innerer Heiler als Sextant zur Orientierung. In diesem Sinne lohnt es sich vor Beginn der Lektüre alle unmittelbar praktisch-klinischen Überlegungen beiseite zu legen, sich weit vom Bild des klinischen Alltags zu erheben und dann erst mit der Lektüre zu beginnen. Dein innerer Heiler ist kein Buch über Osteopathie im übliche Sinn, es ist – jenseits aller medizinischen Theorie und Praxis – eine Beschreibung ihres innersten Kerns, ihrer eigenen ‚Seele‘ sozusagen und belegt damit eindrücklich: Die Klassische Osteopathie war und ist ihrer Zeit noch immer weit voraus. Und genau deswegen birgst sie soviel Spannung, Unruhe, Inspiration und Sinnhaftigkeit; nicht nur für die Menschen, die mit ihr Arbeiten, sondern für das gesamte Gesundheitswesen.
WICHTIGER HINWEIS
Da Osteopathen ausschließlich in den Vereinigten Staaten den Ärzten gleichgestellt sind und auch sämtliche Fertigkeiten eines Arztes erlernen und ausüben (inkl. Chirurgie, Gynäkologie, Intensivmedizin etc.), erscheinen einige Bemerkungen der Autoren bezogen auf die Osteopathie und die Osteopathen auf den ersten Blick ungewohnt. Hier handelt es sich aber lediglich um ein oberflächliches Detail, denn worauf es ankommt ist die Geisteshaltung ALLER im Gesundheitswesen tätigen Menschen und nicht nur der Osteopathen. Dies ist die tiefe Überzeugung der McGoverns und dies betonten Sie mir gegenüber immer wieder ausdrücklich. Mit anderen Worten, das Motiv entscheidet über den Wert und die Bedeutung einer Meinung oder einer Handlung – ganz nach dem Motto jener beiden berühmten Ermahnungen, die über dem Eingang des antiken Tempels von Delphi gestanden haben sollen:
„Erkenne dich selbst!“ und „Alles in Maßen!“
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre dieses Buches!
Christian Hartmann
Pähl, Juli 2014