Читать книгу Magie, Schicksal und der Zauberkristall - Jeanny O'Malley - Страница 6
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ОглавлениеNoch am selben Tage kam ein Ritter in den Pferdestall und erblickte Timono. „Was machst du hier?“ wollte der Ritter wissen. Timono zuckte bei diesem Anblick zusammen und antwortete: „Ich versorge die Pferde, mein Herr. Ich bin der Stallbursche.“ „Na dann ist ja gut. Kennst du einen Knappen, der noch keinen Ritter hat?“ fragte der stattliche und junge Ritter nach. Timono verneigte sich ein wenig und meinte: „Nein, mein Herr. Ich kenne keine Knappen.“ Timono sah ihn sich an. Der Ritter war groß, mit etwas längeren, gewellten, blonden Haaren und einem Schnurrbart. Irgendwie sah er anders aus, als die anderen Ritter die er jemals gesehen hatte. Irgendwas hatte er an sich, was verriet, dass er sehr gütig war. Prüfend ging der Ritter um den Stallburschen herum und musterte ihn. „Du könntest mein Knappe werden. Meiner ist leider erkrankt und morgen ist das Turnier. Da brauche ich deine Hilfe. Hättest du Lust?“ „Ja mein Herr, Sir. Ich möchte gerne euer Knappe sein. Wann soll ich anfangen?“ wollte Timono aufgeregt wissen. Der Ritter lachte etwas und antwortete ihm: „Morgen früh wartest du hier auf mich. Ich werde dich dann holen kommen und dir alles sagen. Übrigens, mein Name ist Clarence.“ Danach verschwand er wieder durch das Tor.
Jubelnd lief Timono ins Gasthaus zu seinem Onkel und rief: „Onkel! Onkel! Morgen werde ich ein Knappe für einen der Ritter sein. Endlich kann ich dann beweisen, was wirklich in mir steckt.“ „Das ist ja schön für dich. Vernachlässige aber nicht deine Hauptaufgabe.“ meinte sein Onkel etwas strenger. „Keine Sorge. Ich werde mich bemühen alle Aufgaben mit höchster Sorgfalt zu erledigen.“ strotze er voller Stolz.
In der Nacht konnte Timono kaum schlafen. Er war so aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Er überlegte laut: „Es könnte ja sein, dass bei dem Turnier auch die Prinzessin anwesend ist. Dann kann ich ihr zeigen, dass ich besser bin als sämtliche Prinzen der Welt.“
Am nächsten Morgen eilte Timono sehr früh zu den Pferden in den Stall und versorgte sie. Er wollte ziemlich schnell mit seiner Hauptaufgabe als Stallbursche fertig werden, um sich danach voll und ganz seinen Aufgaben als Knappe zu widmen.
Es dauerte nicht mehr lange, bis der junge Ritter Clarence den Pferdestall betrat. „Komm mit. Es wird Zeit. Du musst mir noch in meine Rüstung helfen.“ befahl er seinem Knappen. Voller Stolz folgte Timono ihm als neuer Knappe. Zusammen gingen sie zu einem großen Zelt neben dem Festplatz. Staunend sah sich Timono alles genauestens an. „Wird der König und seine Familie nachher auch da sein?“ fragte er leise. Der junge Ritter war erstaunt über die Neugierde des neuen Knappen, antwortete ihm aber: „Ja! Beide Königsfamilien werden später da hinten unter dem Dach sitzen und die Spiele eröffnen. Auf die Prinzessin Joanna bin ich mal gespannt. Sie soll so schön sein wie eine Rose, die gerade ihre Knospen öffnet. Der Gewinner des Turniers tritt in die Dienste der Prinzessin, wenn sie mit dem Prinzen verheiratet wurde. Und es gibt einen Wettkampf mit einem Wildpferd. Derjenige, der es schafft am längsten auf dem Pferd zu bleiben und es vielleicht sogar zähmt, der wird von der Prinzessin geküsst. Ich hoffe ja, dass ich derjenige bin.“ Erstaunt über diese Informationen konnte Timono seinen Mund zunächst einmal nicht mehr schließen. „Was passiert denn mit dem Wildpferd? Und warum sollte die Prinzessin einen Mann küssen, wenn sie doch so gut wie verlobt ist?“ fragte Timono vorlaut. Ritter Clarence lachte und erklärte ihm: „Na du bist mir ja ein Neugieriger. Aber du gefällst mir. Das Pferd wird der Prinzessin als Verlobungsgeschenk überreicht. Das Wildpferd, welches gezähmt wird, symbolisiert eine Frau, die verheiratet wird. Nach der Hochzeit muss sie ihrem Mann hörig und treu sein. Und sie küsst den Mann, der das Pferd zähmt dafür, dass er ihr dabei geholfen hat, eine gute Frau zu werden und dafür, dass sie später auch mal selbst auf diesem Pferd reiten kann.“ So viel Unterwürfigkeit widerte Timono an. Er konnte nicht verstehen, dass sich eine Frau einem Mann so einfach hingeben konnte. Er würde die Prinzessin auf Händen tragen und nicht in einen Käfig sperren, um sie zu zähmen. Er liebte die Prinzessin so wie sie wahr. Und ein wildes Pferd ist ein edles Tier, dachte er bei sich im Stillen.
Im Zelt des jungen Ritters angekommen zeigte ihm dieser, wie man eine Rüstung anlegt und welche Waffen für welche Disziplin benutzt werden. „Also, die Lanze ist für den Kampf zu Pferde um den Gegner von seinem Gaul zu stoßen. Dieses also reichst du mir bitte für den ersten Kampf an. Sobald einer auf dem Boden ist, kommt der Kampf der Schwerter oder man kann auch dafür die Streitaxt benutzen oder den Schlegel mit Kette. Gut ist auch manchmal der Streitkolben. Wenn es so weit ist, werde ich dir schon sagen, welche Waffe du mir bringen sollst. Vergiss aber niemals mein Schild. Und für den Wettbewerb des Zielschusses bringst du mir für die Zielscheiben die Armbrust und für die Strohtiere die Wurfaxt. Wenn du noch Fragen hast, dann stelle sie mir, während du mir jetzt in die Rüstung hilfst.“ erklärte Clarence ruhig und gelassen. Timono schaute ihn beeindruckt an und antwortete leise: „Nein mein Herr, Ihr habt mir alles wirklich gut erklärt und teilweise habe ich die Benutzung dieser Waffen schon einmal gesehen. Es sollte für sie heute nichts schief gehen.“
Das Turnier fing an. Die Menge jubelte dem Herold zu, der gerade in die Arena schritt. Die Fanfaren ertönten und der Herold sprach danach zu dem jubelnden Volk: „Höret her und vernehmt meine Worte. Heute findet ein ganz besonderes Turnier statt. Der Beste der Besten wird heute als Gewinner hervorgehen und unserer zukünftigen Königin als königlicher Ritter zur Seite stehen. Darüber hinaus findet als krönender Abschluss des Turniers etwas statt, was man nur zu königlichen Hochzeiten macht. Die Ritter dürfen alle am Ende des Tages versuchen ein Wildpferd als Hochzeitsgeschenk für die Prinzessin Joanna zu zähmen. Demjenigen, dem dieses gelingt, wird einen Kuss von der Prinzessin als Dank für seine Dienste erhalten. Die Regeln für den heutigen Tag lauten: Die meisten und besten Treffer geben die meisten Punkte. Sobald ein Ritter das Visier hochklappt, heißt es für ihn Aufgabe, und das Turnier ist für ihn vorbei, und er hat verloren. Wer beim Ringstechen die meisten Ringe auf seiner Lanze zählt, gewinnt diesen Abschnitt. Beim Roland zählen die Drehungen, die das Schild, welches von der Lanze getroffen wird, macht. Der Tjost findet in alter Tradition statt. Die Lanze muss beim Aufprall brechen. Es gibt zwei Punkte bei einem Treffer auf den gepanzerten Kopf, einen Punkt bei einem Treffer auf die gepolsterte Brust und sogar drei Punkte, wenn der Gegner aus dem Sattel gehoben wird. Sollte es bei dem Tjosten am Ende unentschieden stehen, dann wird am Boden mit dem Zweikampf weitergemacht, bis einer zu Boden geht und sich geschlagen gibt.“ Dann stellte sich der Herold auf ein Podest am Rande der Arena und rief der jubelnden Menge zu: „Und hier meine sehr verehrten Gäste lasset uns die Ritter begrüßen, wenn sie in die Arena einreiten.“
Timono folgte Ritter Clarence, der auf seinem Pferd saß, in die Arena. Er hörte die Leute um ihn herum jubeln und feiern. Die Pferde trabten über den Staub in der Arena, als wären sie die Hauptpersonen bei diesem Wettkampf. Stolz präsentieren die anderen Knappen die Wappen ihrer Herren und Timono tat dies auch. Sein Blick ging aber hinüber zur Tribüne des Königs. Dort sah er seine geliebte Prinzessin sitzen. Sollte sie ihn auch schon erkannt haben? Nervös schaute er sie an, aber sie blickte in eine andere Richtung. Mit seinem Übermut schwenkte er das Wappen von Ritter Clarence mit sehr viel Elan. Sein Plan ging auf und die Prinzessin, aber auch sehr viele andere Augen wurden auf ihn aufmerksam. Timono hörte sofort auf mit dem Wappen zu spielen und nickte der königlichen Familie ehrfürchtig und respektvoll zu. Seine Geste wurde auch wohlwollend zur Kenntnis genommen und Joanna lächelte ihn sogar ein wenig an und schüttelte dabei leicht ihren Kopf. Clarence lächelte auch die Prinzessin an, da er dachte dieses Lächeln galt ihm. Höflich nickte sie zurück und schaute dann wieder in eine andere Richtung.
Als alle Ritter auf ihren Positionen standen und die Knappen bereit waren, fing das Turnier an. Zunächst galt es, mit Wurfäxten auf ein Wildschwein aus Stroh zu treffen. Auch da gab es Abstufungen für die Punkte. Ritter Clarence ging aus diesem Spiel zunächst als Zweiter hervor. Timono gab ihm die letzte Wurfaxt in die Hand und sagte leise: „Ein Treffer noch in das Herz des Schweins und ihr seid der Gewinner in diesem Spiel.“ Clarence nahm die Axt, trieb sein Pferd an und ritt auf das Schwein aus Stroh zu und traf tatsächlich an die Stelle, wo es sein Herz haben sollte. Timono jubelte seinem Herrn zu und sprang vor Freude in die Luft.
In der nächsten Disziplin war der Roland das Ziel, welches Clarence mit der Lanze treffen musste. Tatsächlich schaffte er es, den Roland ziemlich oft drehen zu lassen. Nur wenige vermochten dies zu schaffen.
Beim Ringstechen war Clarence in seinem Element. Er sagte zu Timono: „Das ist der Wettkampf, den ich am besten beherrsche. Bis jetzt stehe ich schon nicht schlecht da, oder?“ „Es könnte nicht besser sein. Wenn ihr dies hier gewinnt, dann steht ihr an erster Stelle. Dann kann euch nur noch das Tjosten den Sieg rauben.“ antwortete Timono euphorisch.
Wie schon erhofft, gewann Clarence das Ringstechen. Triumphierend hielt er seine Lanze mit den Ringen in die Luft und nickte der Prinzessin zu.
Wenig später fing das Tjosten an und Timono spürte die Anspannung, die in der Luft lag. Mensch und Tier wirkten in diesem Moment nervös. Man hörte die Pferde schnaufen und einige scharrten mit ihrem Huf auf dem Boden herum. Langsam reichte Timono seinem Ritter die Lanze in die Hand und schaute ihm in die Augen, als er sagte: „Ihr schafft das schon. Ich glaube fest an euch.“ Nickend dankte Clarence ihm und trieb sein Pferd an, langsam auf seine Position zu gehen. Die Anspannung aller in der Arena verriet, dass es der gefährlichste aller Wettkämpfe war. Alles wurde ruhig in der Arena und der Atem schien zu stocken, als die Ritter plötzlich aufeinander zuritten. Timono konnte kaum hinsehen. Ein Knall folgte auf das Trappeln der Pferde und ein Ritter fiel vom Pferde. Zum Glück war es nicht Clarence. Dieser saß triumphierend in seinem Sattel und genoss den Jubel der Menge.
So ging es den Nachmittag weiter. Die verschiedensten Ritter traten gegeneinander an, bis nur noch das Finale ausblieb. An dem Finale sollten Clarence und ein Ritter Roland teilnehmen. Timono sprach zu Clarence: „Er heißt schon so wie das Gerät, welches ihr heute auch schon besiegt habt. Das könnt ihr schaffen. Und dann werdet ihr später auch noch das Wildpferd zähmen.“ „Wenn das so einfach wäre. Der Mann ist wirklich gut und er sitzt fest im Sattel. Das wird doch etwas schwieriger werden. Von den Punkten her sind wir gleich. Dieser letzte Kampf ist entscheidend.“ klagte Clarence und nahm seine Lanze in die Hand, die sein Knappe ihm hochhielt, und ritt dann zu seinem Platz.
Die Fahne wurde geschwenkt und die Pferde wurden angetrieben. Die Lanzen schwenkten in die Richtung des Zieles und es ertönte zwar ein kräftiger Knall, jedoch fiel keiner zu Boden. Clarence hatte nichts erreicht, außer dass er starke Schmerzen in seiner Brust verspürte. Aber er hielt es noch ein wenig aus. Der Herold sprach zu der Menge: „Das ist der erste Kampf heute, der zu Boden ausgetragen werden muss. Lasset die Ritter von ihren Pferden steigen und sich bewaffnen.“ Timono eilte zu Clarence und fragte hastig: „Welche Waffen wollt ihr nutzen? Ich werde euch alles holen, was ihr nur wollt.“ „Mein Schild und mein Streitkolben. Ich hoffe, das wird reichen.“ antwortete Clarence und versuchte dabei Luft zu holen. Timono merkte dies und fragte vorsichtig: „Ist alles in Ordnung bei euch? Soll ich einen Arzt rufen?“ „Nein! Ich werde das Turnier gewinnen und koste es meine letzte Kraft.“ hauchte er aus seinem Visier heraus. Eilig lief Timono davon um, die Waffe seines Herrn zu holen. Joanna beobachtete ihn dabei.
Der Zweikampf verlief am Anfang noch sehr gut, aber dann wurde Clarence von einer Stachelkugel auf den Brustpanzer getroffen. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Mit seiner letzten Kraft nahm er seinen Streitkolben und schlug mit diesem auf den Helm des Gegners, der ohnmächtig zu Boden fiel. Kurz darauf sank Clarence auf die Knie und die Menge sah ihn entsetzt an. Hastig und voll Sorge lief Timono auf ihn zu und hob ihm vorsichtig den Kopf an. Er hörte ihn keuchend atmen. Schnell zog er ihm den an der Brust zusammengedrückten Panzer aus, dass Clarence besser Luft holen konnte. Der Herold rief zu der Menge: „Sieger im Wettkampf ist Ritter Clarence. Er ist als Letzter übrig geblieben und hat beim Zweikampf die meisten Punkte erzielt. Wir haben den Ritter der zukünftigen Königin gefunden. Er ist der Beste unter den Besten.“
Nachdem Timono Ritter Clarence zusammen mit zwei anderen Knappen ins Zelt getragen hatte, nahm er ihm die restliche Rüstung ab. Er hatte genau an den Rippen einen großen Bluterguss durch den harten Aufprall. Er atmete nur noch schwach und war bewusstlos. Timono legte einen kalten nassen Umschlag auf die verletzte Stelle und auf seine Stirn, damit sein Kreislauf wiederkommen würde. Von außerhalb des Zeltes hörte er, wie das nicht normalerweise übliche Zureiten des Wildpferdes für die Prinzessin begann. Zweigeteilt wusste Timono nicht, was er machen sollte. Sollte er sich die Rüstung des Ritters, soweit er das alleine konnte, anziehen und dann für ihn bei dem Turnier mitmachen, oder sollte er weiter dafür sorgen, dass es dem Ritter bald wieder besser ging? Dann schaute er durch einen Spalt im Zelt und sah die Prinzessin auf der Tribüne sitzen. Da packte ihn der Mut, teilte einem anderen Ritter mit, dass Clarence mitmachen würde und er sich nur ausruhen müsste, und dann zog er die Sachen seines Ritters an.
Nachdem alle anderen Ritter bei dem Wildpferd versagten, kam Timonos große Stunde. Sein Gesicht war verdeckt und er schritt mit dem Wappen seines Herren und stolzen Fußes auf das Pferd zu. Das Pferd stand da nur mit einem Seil um den Hals und schaute Timono an. Vorsichtig ging er langsam auf das Pferd zu und sagte: „Schhhht! Mein Großer! Ganz ruhig, ich will dir nichts tun. Ich will mich nur kurz auf deinen Rücken setzen und der Prinzessin imponieren.“ Langsam griff er zu dem Seil und meinte leise: „Ich werde dir nicht zur Last fallen. Ich bin viel leichter als die anderen Ritter.“ Etwas unruhig trippelte das Pferd zurück. Beruhigend strich Timono ihm über den Hals und schwang sich mit einem Ruck auf den Rücken des Pferdes. Nervös bäumte es sich auf, um diesen lästigen Menschen herunter zu werfen. „Ganz ruhig! Merkst du denn nicht, dass ich dir nicht wehtue? Ich will dir nicht schaden. Ich möchte nur gewinnen, um einen Kuss der schönsten Frau der Welt zu bekommen.“ meinte Timono leise. Das Pferd wurde immer ruhiger und blieb auf einmal stehen. Joanna saß auf der Tribüne und hatte das ganze Spiel verfolgt. Begeistert von dieser Darbietung klatschte sie eifrig und jubelte ihrem kühnen Ritter zu. Timono streichelte das Pferd am Hals und sagte: „Ich danke dir.“ Danach schaute er zu der Prinzessin rüber, die sich auf den Weg zu ihrem neuen Pferd machte. Zufrieden stieg er von diesem ab und hielt es am Seil fest. Joanna blieb vor dem Hengst stehen und gab ihm eine Möhre zu essen. „Meine Prinzessin, ich bin es, Timono.“ flüsterte er ihr zu. Joanna lächelte, streichelte das Tier und sagte leise: „Ihr seid sehr mutig euch als Ritter auszugeben, nur um einen Kuss von mir zu bekommen.“ „Nur in eurer Nähe zu sein und euch zu sehen, macht mich glücklich.“ antwortete er leise. Der König stellte sich hin und rief: „Jetzt ist die Zeit gekommen, dass sich die Prinzessin bei ihrem zukünftigen Ritter bedanken muss.“ Joanna lächelte und kam mit ihrem Mund näher an Timonos Wange heran. Kurz bevor ihr Mund sein Ziel erreichte, schrie jemand: „Man hat mir meine Sachen gestohlen. Wo ist mein Knappe abgeblieben?“ Timono erschrak. Er war entdeckt worden. Voller Angst stieg er auf das Pferd, schaute noch einmal zu der Prinzessin hin und ritt von dem Turnierplatz weg. Einige Wachen wollten ihn aufhalten, aber er war viel zu schnell und sie konnten ihn nicht mehr einholen. Seufzend blickte Joanna ihm hinterher.
Spät am Abend war der Turnierplatz wieder wie leergefegt. Nur noch in dem Zelt von Ritter Clarence brannte eine Kerze. Timono sah das Licht und nahm das Pferd am Seil und führte es mit sich zu seinem Ziel. Vorsichtig schaute er in das Zelt hinein und sah den Ritter, der seine Wunden verarztete. „Kann ich euch helfen, mein Herr?“ fragte Timono etwas kleinlaut. Clarence sah ihn an und fragte: „Wo bist du gewesen? Du hast mich vor aller Welt lächerlich gemacht.“ „Das tut mir wirklich leid. Ihr wart nur schwer verletzt und ohnmächtig und die letzte Disziplin fing an. Ich dachte, ich würde euch noch wieder fit bekommen und sagte, dass ihr daran teilnehmen würdet. Als ich merkte, dass ihr nicht wach wurdet, dachte ich an eure Ehre und zog eure Sachen an. Ich dachte, es würde nicht auffallen. Und da ich gut mit Pferden umgehen kann, wollte ich für euch den Sieg erringen, was mir auch gelungen ist. Und dann flog ich auf und musste weg.“ Prüfend blickte Clarence in seine Augen, grinste ein wenig, und meinte „Dann komm herein und hilf mir mit meinen Wunden. Ich könnte tatsächlich etwas Hilfe gebrauchen.“ Timono fiel ein Stein vom Herzen und sagte: „Ich habe eure Sachen hier in meinem Sack und das Pferd habe ich auch wieder mitgebracht. Ich habe es an einen Pfahl gebunden.“ „Das ist wirklich ehrlich von dir. Du hättest dich ja auch mit den Sachen aus dem Staub machen können und ich hätte dich nie wiedergesehen.“ meinte der Ritter und wrang dabei ein Tuch aus, welches er zuvor ins Wasser gelegt hatte. „Das hätte ich nie gemacht. Ich war so stolz und dankbar, dass ihr mich als Knappe wolltet, dass ich euch niemals enttäuschen wollte.“ Wieder lachte der junge Ritter und meinte: „Mal sehen, wie der König dies entscheiden wird. Eigentlich habe ich mich in den anderen Disziplinen nicht schlecht gehalten. Es muss ja schließlich einen Gewinner geben, welcher der neuen Königin nach der Hochzeit dienen darf.“ Dieser letzte Satz erinnerte Timono wieder daran, dass die Prinzessin jemanden heiraten sollte, den sie vielleicht nicht liebte. Dies machte ihn traurig. Clarence sah ihn an und fragte dann neugierig: „Was macht dir solchen Kummer? Kann ich dir irgendwie helfen?“ Timono schaute ihm in die Augen und antwortete aufrichtig: „Ich will ehrlich zu euch sein. Ich bin unglücklich verliebt.“ „Wie kann man denn unglücklich verliebt sein? Geh hin zu der Frau, nimm sie dir und versuch sie zu erobern.“ bestärkte ihn der Ritter. Seufzend meinte Timono: „Nein! Das geht nicht. Sie ist einem anderen Mann versprochen worden und sie will ihn heiraten. Ihre Liebe ist nur ein Traum von einem einfachen Stallburschen.“ Clarence sah ihn prüfend an und fragte leise: „Es ist die Prinzessin, nicht wahr?“ „Ja! Ihr habt mich durchschaut. Sie ist es. Und sie ist unerreichbar für mich.“ seufzte Timono. Lächelnd bemerkte der Ritter: „Daher auch der Versuch das Wildpferd zu zähmen. Wegen des Kusses der Prinzessin.“ Dann machte er das Tuch noch einmal nass und legte es wieder auf seine Prellung und sagte dabei: „Du bist aber mehr als ein einfacher Stallbursche. Du bist heute schon zu meinem Knappen geworden und hast ein Wildpferd gezähmt. Du hättest vielleicht auch alle Voraussetzungen zu einem Ritter. Du müsstest nur einem vom Königshaus das Leben retten und der König könnte dich zu einem Ritter schlagen. Dann wärst du schon näher an deinem Ziel. Aber bis dahin ist die Prinzessin schon längst verheiratet und dann hast du wirklich keine Chance mehr bei ihr. Aber dafür könntest du die Herzen von vielen anderen Damen gewinnen. Du musst es nur wollen. Ich könnte dich etwas trainieren.“ Timono lächelte und sagte dann leise: „Das ist wirklich nett von euch, aber ich denke, dass ich dies nicht will. Ich glaube, ich brauche einen Abstand zwischen der Prinzessin und mir. Wenn ich irgendwann mal ein Ritter werden soll, dann bin ich bestimmt auch mal öfter in ihrer Nähe. Das würde ich nicht aushalten, ohne sie küssen zu wollen.“ Clarence klopfte ihm auf die Schulter und meinte dann: „Das verstehe ich nur zu gut. Ich bin ja auch noch jung und habe mich gerade erst in eine tolle Frau verliebt.“ Danach stand er auf und ging bis auf den Turnierplatz. Timono folgte ihm. Dort hatte er das Wildpferd angebunden. Seufzend sah Timono Clarence an und sagte leise: „Wenn ihr wirklich der Ritter der neuen Königin werdet, dann passt bitte auf sie auf. Ich werde jetzt die Stadt verlassen und werde meinen eigenen Weg suchen. Lebt wohl.“ Clarence hielt ihm die Hand hin und meinte leise: „Lebe auch du wohl. Ich habe noch niemals einen jungen Mann wie dich kennen gelernt. War nett dich als Knappen zu haben. Wie war noch einmal dein Name?“ „Timono! Und ich danke euch für alles.“ Antwortete er und der Ritter ging lächelnd in sein Zelt zurück.
Als Timono wieder im Gasthaus auf seinem Zimmer war, schrieb er Joanna einen Brief.
Meine Prinzessin Joanna,
ich weiß nicht, wie ich es am besten sagen soll, aber seit dem ersten Moment, als ich euch sah, gehörte mein Herz bereits euch. Als wir uns dann im Schlosspark am Teich trafen, bemerkte ich, dass ihr ganz anders seid, als alle anderen Prinzessinnen auf der Welt. Ihr habt Humor und ihr seid abenteuerlustig. Ich fühle mich in eurer Gegenwart stark und schwach zugleich. Gestern habe ich erfahren, dass ihr mit einem Prinzen verlobt werden sollt, der bestimmt zwanzig Jahre älter ist, als ihr. Bestimmt habt ihr ihn auch erst vor kurzem kennengelernt, aber ihr liebt ihn bestimmt nicht. Ich will nicht voreingenommen sein, aber durch diese Hochzeit wird bestimmt nur an ein vereintes Königreich gedacht, und nicht an wahre Liebe. Ich hingegen liebe euch meine Prinzessin. Ich kann in eurer Gegenwart kaum atmen. Und wenn meine Liebe nicht erwidert wird, dann will ich auch nicht länger als Stallbursche in eurer Nähe sein, sondern dann würde ich in die weite Welt gehen und versuchen euch zu vergessen. Ich wünsche euch noch viel Glück und ein langes Leben bei einem vereinten Königreich.
In Freundschaft Timono
Diesen Brief versiegelte er gut und schlich mit dem Umschlag in der Tasche am nächsten Morgen aus dem Gasthaus heraus. Es war um die Mittagszeit und jeder Mensch am Hofe konnte Timono sehen. Er hatte Glück, dass er unbemerkt in das Schloss hineinkam. Als er sich in den vielen Gängen verirrte, kam er in die Küche. Dort wurde er von einer Küchenhilfe gesehen. Sie war ein noch sehr junges Mädchen und half ihrer Mutter gelegentlich beim Kochen. Mit großen Augen sah sie ihn an. Timono nutzte die Gelegenheit und fragte das Mädchen freundlich: „Kannst du mir helfen und mir sagen, wo ich die Prinzessin Joanna finden kann?“ Zuerst sah ihn das Mädchen nur an, aber dann hob sie ihren Arm und deutete auf eine Türe am Ende der Küche. Sie antwortete ihm: „Die Prinzessin ist im Garten. Durch diese Türe kann man sie sehen.“ Timono bedankte sich lächelnd und ging langsam durch die Küche hindurch zu der Türe in den Garten.
Als er die Prinzessin erblickte, versteckte er sich zunächst hinter einem Busch, da die Prinzessin nicht alleine war. Ihre Mutter saß neben ihr auf der Bank und sie beide beobachteten einen Maler bei der Arbeit. Es dauerte gar nicht lange, da stand die Königin von der Bank auf, nahm ihr Kleid in die Hand und ging auf den Maler zu. Timono nutzte den Augenblick und lief geduckt zu der Bank herüber. Joanna sah ihn ankommen und lächelte ihn verzückt an. Schnell übergab er ihr den Brief und versteckte sich dann wieder hinter dem Busch.
Joanna kam gar nicht dazu, die Nachricht zu lesen, weil ihre Mutter schon wieder auf dem Rückweg war. Vorsichtig ließ die Prinzessin den Umschlag in ihrer Tasche verschwinden.
Beruhigt darüber, dass der Brief sein Ziel erreicht hatte, ging Timono wieder durch die Türe in die Küche. Erneut lief ihm das junge Mädchen über den Weg. Diesmal wollte er den schnellsten Weg aus dem Schloss wissen und fragte leise: „Kannst du mich auf dem schnellsten Wege zu dem Pferdestall bringen? Du wirst auch dafür belohnt.“ Sofort nickte das Mädchen und brachte ihn durch den Hintereingang aus dem Schloss heraus. Dankend drückte Timono ihr ein Geldstück in die Hand und machte sich auf dem Weg zu seinem Onkel. Dort angekommen setzte er sich mit ihm zusammen an einen Tisch in dem Gasthaus und sie aßen eine warme Suppe.
Am Abend wurde es früh dunkel. Die Verlobungsfeier sollte erst, wie er im Gasthaus erfahren hatte, in ein paar Stunden anfangen, und bis mitten in die Nacht andauern. Timono saß in seinem Zimmer und dachte an Joanna. Er wollte gerne wissen, ob sie den Brief schon gelesen hatte. Plötzlich bekam er eine Vision. Er sah Joanna im Schlosspark an dem Teich stehen und auf ihn warten. Erstaunt über seine Fähigkeit wusste er zunächst gar nicht, was er machen sollte, aber dann zog er seine Schuhe an und ging aus seinem Zimmer heraus und machte sich auf den Weg zu dem Schlossteich.
Dort angekommen sah er die Prinzessin wie in seiner Vision am Teich stehen. Sie ging aufgeregt hin und her. Timono lief auf sie zu und verneigte sich vor ihr. Joanna sah ihm traurig in seine Augen und sagte: „Es tut mir leid. Ihr habt mir einen sehr schönen, aber auch sehr traurigen Brief geschrieben. Ich mag euch wirklich sehr, denn ihr seid ein netter Mann und ich freue mich sehr, dass unsere Pferde bei euch in guten Händen sind. Die traurige Stelle war die, dass ihr fortgehen werdet, wenn ich eure Liebe nicht erwidere.“ Zuerst wusste Timono nicht, was er sagen sollte, deshalb sprach er kein Wort. Joanna ging einige Schritte weiter und erklärte schließlich: „Der Prinz, den ich heiraten werde, ist zwar viel älter als ich, aber dafür ist er liebevoll und wird mich behüten und beschützen.“ Da konnte er nicht mehr seinen Mund halten. Er fragte etwas wütend: „Bin ich denn nicht liebevoll, oder kann ich euch nicht behüten, oder beschützen?“ Seufzend antwortete Joanna ihm: „Darum geht es doch nicht. Wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich mich vielleicht anders entscheiden, aber das kann ich nicht. Ich bin eine Prinzessin und ich muss einen Prinzen heiraten. Und dieser Prinz ist wirklich sehr nett und lieb zu mir. Ich kann nicht einfach fortgehen, so wie ihr es vorhabt. Ich muss die Entscheidung meines Vaters akzeptieren und ich werde deshalb den Prinzen heiraten.“ Mit einem Kloß in seinem Hals ging Timono einige Schritte weiter weg von Joanna und sagte mit zittriger Stimme: „Dann werdet ihr mich nie wieder sehen, denn ich kann nicht in eurer Nähe sein, um meine Liebe zu euch zu vergessen.“ Traurig ging er auf Joanna zu. Leise fragte er sie: „Darf ich euch noch um eine Sache bitten?“ Nickend stimmte die Prinzessin zu. Mit seinem ganzen Mut fragte Timono: „Darf ich euch um einen ersten und letzten Kuss bitten?“ Lächelnd nickte die Prinzessin und hielt ihm ihre Hand entgegen, doch er wollte einen richtigen Kuss. Schnell nahm er sie in seine Arme und gab ihr einen langen Kuss auf ihren schönen roten Mund. Ganz überrascht schaute sie Timono hinterher, der ihr kurz darauf den Rücken zudrehte und davonging.
Noch in der gleichen Nacht packte Timono seine Sachen zusammen, und meinte zu seinem Onkel: „Ich kann nicht länger hierbleiben. Ich will kein Stallbursche mehr sein.“ Etwas traurig sah der Onkel ihn an und fragte vorsichtig: „Und wohin willst du gehen, mein Junge?“ Mit gesenktem Blick antwortete Timono ihm, als er die letzten Klamotten in seine Tasche packte: „Ich habe noch keine Ahnung. Ich gehe dahin, wo der Wind mich hintreibt. Ich kann nur nicht mehr hierbleiben.“ Dann machte er die Tasche zu und schaute seinem Onkel in die Augen. Kurz darauf umarmte er ihn liebevoll und meinte: „Ich wollte doch schon immer mal etwas mehr von der Welt sehen. Und jetzt ist es Zeit dazu. Ich kann hier nicht länger bleiben.“ Mit einer schwenkenden Bewegung warf er die Tasche über seine Schulter und bat seinen Onkel: „Sag meiner Tante, dass ich sie sehr lieb habe. Ich werde ihr auch schreiben, wenn ich mein Ziel erreicht habe.“
Mit einer Träne in den Augen sah der Onkel seinen einzigem Neffen und überhaupt einzigem Kind nach und konnte ihn nicht aufhalten. Er wusste, dass es bestimmt das Beste für Timono sein würde, wenn er andere Menschen kennenlernt und andere Berufe erlernen kann. Darum ließ er ihn ziehen.