Читать книгу Das Ding – Der Tag, an dem ich Donald Trump bestahl - Jurgen Neffe - Страница 8

2 DIE FLIEGE

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Das Buch, zwischen dessen Zeilen ich meine Gedanken notiere, gibt mir Halt. Jedes Mal, wenn ich die »Deutschstunde« aufschlage, um meinen Bericht fortzusetzen, wandern meine Blicke aufs Gedruckte. In seinem Strafaufsatz »Über die Freuden der Pflicht« sagt Siggi, der Ich-Erzähler im Arrest: »Ich verhielt mich, wie ich im Kino andere sich hatte verhalten sehen in ähnlicher Lage: willig, ruhig und resigniert; das machte sie zufrieden.« Daran will ich mich halten.

Den Warteraum teile ich mir mit bis zu vierzig weiteren Gestrandeten. Die Zahl der Männer schwankt je nach Neuzugängen, Abwesenheiten wegen Verhören oder Abgängen nach Klärung eines Falles.

Die anderen sprechen miteinander in Sprachen, die ich nur schwer zuordnen kann. Zumal sie meist nur flüstern. Hier und da höre ich ein paar Brocken Spanisch, manchmal Arabisch, da kann ich mich aber auch täuschen. Ansonsten Englisch in allen denkbaren Färbungen.

Mit mir will sich keiner unterhalten. Wenn ich richtigliege, bin ich der einzige Europäer hier. Vermutlich fürchten sie, ich sei ein verkappter Spitzel, der sie aushorchen soll. Tatsächlich fragen die Beamten, wenn wir im Vernehmungszimmer unter uns sind, mich regelmäßig, ob mir etwas Verdächtiges zu Ohren gekommen sei. Was ich ebenso regelmäßig verneinen muss.

Schon nach den ersten Verhören ist mir klar, kein alltäglicher Fall zu sein. Ich stehe, ohne dass jemand das so offen ausgesprochen hätte, im Verdacht staatsfeindlicher Absichten. Was im Grunde zum Lachen wäre, läge da nicht ein dunkler Fleck auf meiner Biografie.

Ich habe vor vielen Jahren in den Vereinigten Staaten etwas angestellt, ein Ding gedreht, das mir nun zum Verhängnis werden könnte. An der Tat gibt es keinen Zweifel. Das Corpus Delicti befindet sich in meinem Besitz. Die Umstände sind weniger greifbar. Ich muss sie mir aus den Graubereichen der Erinnerung erst wieder ins Gedächtnis rufen. Meine neuen Freunde von der Grenzbehörde werden mir dabei zweifellos auf die Sprünge helfen.

Vor meinem inneren Auge tauchen Sicherheitskräfte mit dicken Taschenlampen auf. Lichtkegel durchstreifen das Schattenreich meiner Geheimnisse. Wehrlos muss ich mir ausmalen, wie sie gerade meine konfiszierten Gerätschaften durchforsten. Es dürfte ihnen ein Leichtes gewesen sein, die Tastensperre meines Mobiltelefons mithilfe meines eingescannten Fingerabdrucks zu überwinden, um sich dann über den elektronischen Schlüsselbund Zugriff auf die Festplatte meines Rechners zu verschaffen.

Mein Leben liegt ausgebreitet vor ihnen. Sie können in aller Ruhe nach Beweismitteln suchen. Ich versuche mir klarzumachen, was ich alles abgespeichert habe. Keine Ahnung, wie viele Fotos, Mails und andere Texte da zusammenkommen. Da ich immer gerne alles beisammenhabe, um auch ohne Netzverbindung darauf zugreifen zu können, dürften es Zehntausende Dokumente sein. Darunter auch mein Tagebuch, seit ich es auf Rechnern führe.

Jeden Moment fällt mir etwas Neues ein, das nicht für fremde Augen bestimmt ist. Intimes, Kompromittierendes, Missverständliches. Mir ist, als sei ich in eine Klinik geraten, und obwohl mir nichts fehlt, hätte sich die Maschinerie der Checks und Diagnosen in Gang gesetzt, bis sie etwas fänden.

Denke ich an mein Vergehen, dann wird viel davon abhängen, ob sie es kennen und wissen, wonach sie suchen müssen. Die Nadel im Heuhaufen ließe sich leichter finden. Es sei denn, man verfügt über den geeigneten Magneten. Sie müssen nur die Buchstaben T, R, U, M, P hintereinander in das vorgesehene Feld tippen und die Suche starten. Schon geraten sie, die mich in ihrer Falle wähnen, in die Falle, die ich ihnen gestellt habe. Auch wenn das Unsinn ist: Der Gedanke macht mich frei.

Den Planern der Räumlichkeit, in der ich festgehalten werde, muss es vor allem um Reizarmut gegangen sein. Die Neonbeleuchtung nimmt den Gesichtern die letzte Farbe. Zum Sitzen stehen vier Holzbänke bereit, zwei an gegenüberliegenden Wänden, zwei andere Rücken an Rücken in der Mitte des Raums. Es gibt einen Abfallkübel für gebrauchte Papiertaschentücher. Er steht unter der Spenderbox an der Wand und ist auch für die weißen Kunststofftrinkbecher zuständig. Wenigstens gluckert der Wasserspender beim Abzapfen lustig.

In der Tür steht Bob und winkt mich mit dem Zeigefinger heran. Er sieht das Buch auf meinem Schoß und macht einen zufriedenen Eindruck. Bei allem Widerstandsgeist, der mich umtreibt, kann ich ihm die Wirksamkeit seiner Maßnahme nicht absprechen.

Er führt mich über einen kurzen Gang in ein Vernehmungszimmer. In der Mitte des Raums steht ein Tisch, darauf zwei Mikrofone. Eines fängt die Stimme des Beamten ein, das andere meine. Darüber weißes Deckenlicht, davor auf beiden Seiten je zwei Stühle, darunter unsere Füße, die sich beinahe berühren. Bevor er dazu kommt, eröffne ich das Gespräch: »Sie wollen jetzt sicher wissen, was mich mit dem Präsidenten verbindet.« – »Uns interessiert mehr, was Sie gegen ihn im Schilde führen.« – »Das kann ich Ihnen sagen: nichts.« – »Und was ist mit dem Geschenk, das Sie ihm persönlich vorbeibringen wollten?« – »Sie haben mich nicht einmal gefragt, worum es sich dabei handelt.« – »Weil wir nicht davon ausgehen, von Ihnen eine ehrliche Antwort zu bekommen. Also gut: Was verbindet Sie mit Trump? Wir erwarten von Ihnen präzise Angaben.«

An einer Wand hängt eine Vierfarbfotografie des Präsidenten, wie man ihn kennt: marineblauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte, den Blick fest in die Kamera gerichtet, ohne den Hauch eines Zweifels an sich selbst. Der Anblick macht mir die Erinnerung lebendiger. Ich beginne mit meiner Aussage:

»Wir schreiben das Jahr 1997. Der amerikanische Präsident heißt Clinton, der russische Jelzin, in Peking bereitet ein Greis namens Deng Xiaoping den Aufstieg Chinas zur Weltmacht vor, und in Bonn geht die Kanzlerschaft von Helmut Kohl allmählich auf ihr verdientes Ende zu.«

»Schön, dass Sie so weit ausholen. Aber wenn Sie so weitermachen, wird das eine abendfüllende Veranstaltung. Kommen Sie bitte zur Sache!« – »Das tue ich gerade. Aber auf meine Weise. Die Ereignisse liegen immerhin fast ein Vierteljahrhundert zurück. Sie wollen es doch präzise.«

Er schnauft. Ich überhöre es, schließe die Augen und durchforste mein Gedächtnis nach passenden Szenen. Dann teile ich dem Beamten die Bilderfolge mit, die mir gerade durch den Kopf geht. Mit jedem Satz, den ich äußere, zeigt er sich gereizter.

»Ich sitze mit einem Glas Wein auf dem Balkon meiner Wohnung in Midtown Manhattan. Die Sonne ist soeben versunken, der Himmel über New Jersey hat sich violett eingefärbt. Auf der Eighth Avenue pulsiert der Verkehr im Rhythmus der Ampelphasen. Mit sturer Regelmäßigkeit zerhackt ihr Rot die Lichterkette der Fahrzeuge in überschaubare Pakete. Einige biegen hier ab in meine Straße, sechsundfünfzigste West. Nach kaum mehr als hundert Metern kreuzt sie den Broadway und erreicht dann nach einem weiteren halben Block die Carnegie Hall.«

»Ich kenne die Ecke gut. Als ich klein war, haben wir in der Nähe gewohnt, zwischen Neunter und Zehnter Avenue. Hell’s Kitchen vergisst man nicht. Also ersparen Sie mir die Details. Was hat das alles mit unserem Präsidenten zu tun?« Ich schaue ihn an. »Entschuldigen Sie bitte. Aber mit Ungeduld erreichen Sie bei mir nichts.« Delaney muss sich beherrschen. »Sie wissen offenbar nicht, wie geduldig ich gerade bin.«

Ich gebe zu, mein Verhältnis zur Macht ist bestenfalls ambivalent. Geht sie mit Willkür einher, meldet sich der Querkopf in mir. Autorität schätze ich, solange sie sich nicht autoritär gebärdet. Hierarchien halte ich für notwendige Übel. Hierarchen dagegen lehne ich ab. Besonders, wenn ihnen ihre Stellung zu Kopf gestiegen ist.

Entscheidungen anderer, die mich und mein Tun betreffen, kann ich hinnehmen, auch wenn sie meinen Vorstellungen zuwiderlaufen. Dafür müssen sie aber nachvollziehbar und gut begründet sein. Je weniger ihnen Fakten statt nur Meinungen oder Vorlieben zugrunde liegen, desto schwerer fällt es mir, sie zu schlucken. Vor allem sträubt sich alles in mir, wenn ich etwas tun soll, nur weil einer es will und verfügt.

Bob schiebt mir sein Gesicht entgegen. »Kommen Sie endlich zum Punkt.« Er fixiert mich mit Blicken, als wollte er die Worte aus mir herauswringen. »Sonst werde ich noch ungemütlich. Das würde ich Ihnen gerne ersparen.« Ich mir für den Moment lieber auch. Dennoch setze ich meine Rückschau fort wie gehabt. Nun aber im lustvollen Bewusstsein eines gefangenen Rebellen, der einen Beamten ärgert.

»Der Hauptstrom im Verkehrsfluss führt nach Norden zum Columbus Circle, wo der Broadway den Central Park an dessen Südwestecke streift und einen Teil des Verkehrs in Richtung Harlem übernimmt. Von einer gewaltigen Granitsäule in der Mitte des Rondells schaut seit 1892, dem vierhundertsten Jahrestag seiner legendären Schiffsreise, der sogenannte Entdecker Amerikas in Gestalt einer Marmorstatue stolz in die Richtung der fernen Hafeneinfahrt.«

Bob trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte. Er räuspert sich, wirft den Kopf zurück, zeigt mir seine leeren Hände. »Ich darf doch bitten …« – »Im Winkel von Broadway und Central Park West, hinter der stattlichen Skulptur eines Globus aus spiegelnd poliertem Stahl, ragt gläsern schwarz ein schlanker Turm in den Himmel: Trump International Hotel and Tower …«

»Na endlich! Machen Sie weiter.« – »Zweiundfünfzig Etagen auf hundertachtundsiebzig Metern, in seiner heutigen äußeren Form gestaltet vom legendären Philip Johnson. Als der Umbau gerade eingeweiht wurde, traf ich mich mit dem Eigentümer und Namensgeber in der Lobby. ›Der erfolgreichste Wohnturm, der je in den Vereinigten Staaten fertiggestellt wurde‹, legte er ohne Zögern los. Ein stolzer Bauherr, der mich nach der Begrüßung in den Fahrstuhl schob, um mir das Penthouse zu zeigen. Während der Fahrt verriet er mir sein Rezept für vertikale Citys: ›Je besser die Aussicht, desto höher die Rendite. Apartments mit Blick auf den Park gehen für das Doppelte auf den Markt.‹«

»Gehört eigentlich nicht hierher. Aber interessant. Fahren Sie fort.« Wie es scheint, habe ich den Officer für den Augenblick besänftigt. Er hat sich zurückgelehnt und lauscht.

»Unterm Dach angekommen, versprach mein Gastgeber mir« – ich spreche die Anführungszeichen mit – »›den besten Ausblick der ganzen Stadt‹. Der Wohnbereich sei ›der spektakulärste weit und breit‹. Von unseren vorherigen Zusammentreffen hatte ich den Eindruck, der Mann neige zu Übertreibungen. Oft so krass und dreist, dass man bald keine seiner Aussagen mehr für bare Münze nehmen mochte.«

»Sie hatten ihn vorher schon getroffen?« – »Ja, aber diese Begegnung hier fällt mir als erste ein. Ich weiß auch nicht genau, warum.« – »Das hat meistens einen Grund. Glauben Sie mir, den werden wir gemeinsam finden.« Im straffen Gewebe auf seinen Wangenknochen tauchen rote Äderchen auf. Er setzt ein vielsagendes Gesicht auf. Der Ausdruck könnte alles bedeuten, von Nachsicht bis Härte.

»Sie fanden also, er neige zu Übertreibungen.« – »Und Superlativen. Sollte ich das aber in dem Moment gedacht haben, als der Fahrstuhl zum Halten kam, musste ich mich korrigieren.« – »Da ging es Ihnen nicht besser als vielen anderen bei ihm.«

Ehrlich gesagt, verstehe ich seine Verhörtechnik nicht. Hat er vor, mich mit seinem Plaudern nur locker zu machen? Oder spielt er mit mir wie die Katze mit der gefangenen Maus, unschlüssig zwischen Lust und Langeweile?

Im Grunde wollte ich schon immer in solch eine Lage geraten. Jetzt endlich ergibt sich die Gelegenheit. Noch habe ich kaum mehr als eine Stunde auf meinem Weg in ihr gelobtes Land verloren. Ich mache die harmlose Miene der Comic-Maus, die mit der Katze spielt.

»Was ein guter, besserer oder bester Blick ist«, fahre ich fort, »das liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Was sich hier jedoch vor meinen Augen auftat, war einfach nur atemberaubend. Die Fenster reichten vom Fußboden bis unter die Decke, und das wollte bei der Höhe dieser Räume etwas heißen. Die mehrere Hundert Quadratmeter messende Wohnung ging teilweise über zwei Stockwerke, die Zwischendecken waren herausgenommen worden. Viel Himmel lag da vor uns, unter dem die Stadt fast modellhaft klein erschien. Darunter breitete sich das Grün des Central Park aus, als sei er in die Riegel der Hochhäuser hineingefräst und das frei gewordene Geviert dann von einem Gartenbaumeister mit Pflanzen bestückt worden.«

Officer Delaney hat sich zurückgelehnt und es sich bequem gemacht, soweit der harte Stuhl es ihm erlaubt. »Fahren Sie fort«, sagt er. »Ich könnte Ihnen stundenlang zuhören.« Ich zucke zusammen. Biete ich ihm nur eine Abwechslung in seinem öden Alltag?

Immerhin scheint er mich und meinen Fall spannend zu finden. Oder lässt er mich nur im Glauben, dass dem so sei? Gewährt er mir mein Lese- und Notizbuch nur, weil er meint, meine Tarnung durchschaut zu haben? Als ich ihn danach frage, räumt er ruhig seine Hinterlist ein: »Man muss Leuten wie Ihnen immer was lassen, damit man ihnen was wegnehmen kann, wenn es darauf ankommt. Damit mache ich sie mir gefügig.«

Ich lasse mich von seiner falschen Freundlichkeit nicht täuschen. Habe ich nicht oft erleben müssen, wie Amerikaner seines Schlages selbst das Heucheln heucheln können? Vielleicht ist er ein moderner McCarthy, der Verdächtige nicht anbrüllt, sondern einlullt, um zum Kern ihrer Geschichte vorzudringen.

Mir kommt unweigerlich Siggi Jepsen aus der »Deutschstunde« in den Sinn, wie er die Schnürsenkel seines Vaters betrachtet, der ihn verhört: »Er hatte Freude an gleich lang gebundenen Schleifen. Und er hatte auch Freude an der prompten Unruhe und der quälenden Unsicherheit, die er bei seinem Gegenüber hervorrief, einfach durch die begehrliche Art der Erwartung.«

Auch Delaney hat seine Schuhbänder so gebunden, dass sie wie Zwillinge auf dem schwarzen Leder liegen. Ich komme auf sein Angebot zurück und bitte ihn, meinen Freund anzurufen. Er lässt sich die Nummer geben, wählt und reicht mir den Hörer.

»Hör zu«, sage ich. »Ich werde hier festgehalten. Es wird etwas später.« – »Kein Problem. Ich bin gespannt auf deinen Bericht. Ist hoffentlich nichts Ernstes.« – »Nein, nichts Ernstes«, spreche ich in die Muschel. »Ich lerne mal wieder viel Neues über euer herrliches Land.« Bob schaut auf und runzelt die Stirn.

Dann folge ich einer Eingebung und sage noch: »Wenn ich heute nicht mehr auftauche, schalte bitte deinen Anwalt ein. Kennedy-Flughafen, richtig, Terminal vier. Der Mann von der Einreisebehörde heißt Delaney, Bob Delaney.« – »Robert«, korrigiert Bob mich aus dem Hintergrund. Als ich ihm den Hörer zurückgebe, schüttelt er den Kopf.

»Sie sollten unsere Unterhaltung besser nicht auf die leichte Schulter nehmen.« – »Ich habe mir nichts vorzuwerfen.« – »Aber vielleicht wir. Deshalb rate ich Ihnen, mir Ihre Begegnung mit Mr Trump wahrheitsgemäß zu schildern. Sie stehen also mit ihm im Penthouse seines Hochhauses am Columbus Circle und genießen die Aussicht über den Central Park. Und dann?«

»Er zeigte zur Ostseite des Parks und sagte: ›Sehen Sie, da wohnen …‹ Dann zählte er eine Reihe von Leuten auf, die in seinen Augen etwas bedeuteten, Männer mit Geld und Einfluss und bekannten Namen. ›Auf die blicke ich von hier oben herab‹, fuhr er fort. ›Ich weiß, was das mit Menschen macht. Um das zu haben, zahlen sie Mondpreise. Man verkauft ihnen Fantasien. So macht man aus Beton Gold.‹ Dann sprach er, durchaus anregend, eine Weile über den Beitrag des Stahlbetons zur Zivilisation. Im Nachhall der alchimistisch anmutenden Formel klang der Baustoff aus seinem Mund tatsächlich wie ein Edelmetall.«

»Auch wenn ich Ihnen jedes Wort glaube«, unterbricht mich Delaney, »das bringt uns hier nicht weiter. Sie beschreiben einen Bauherrn, der seine Wohnung anpreist, als wollte er sie Ihnen schmackhaft machen.« – »Ein ganz besonderer Bauherr, vergessen Sie das nicht. Er begreift das Leben als Baustelle, die nie fertig wird.« – »Ich würde statt solcher Allgemeinplätze lieber das Besondere hören.« – »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen da helfen kann. Vielleicht interessiert es Sie ja, dass in der Wohnung gerade die Türen eingesetzt wurden. Die goldfarbenen Stifte der Scharniere hatten fleißige Hände bereits vorher auf die Drehwinkel verteilt.« – »Wollen Sie mich verkaspern?« – »Sie unterschätzen die Bedeutung der Türanker …« – »Und Sie offenbar uns.«

Jeder, der einmal in einer ähnlichen Lage war, wird meine Ratlosigkeit verstehen. Sosehr ich mein Gehirn unter Druck setze, es verweigert mir jeglichen Hinweis, wie ich dem Vernehmungsbeamten gerecht werden könnte. Also setze ich meine Schilderung fort, als sei nichts gewesen.

»Ich zeigte auf ein ganz und gar nicht prächtiges, mit tonrotem Klinker verkleidetes Hochhaus, drei Blocks entfernt, und sagte: ›Ich habe auch einen ganz ordentlichen Ausblick.‹ Trump kannte das Gebäude, ersparte sich aber Kommentare zu dessen Qualität. Dort läge meine Wohnung, fügte ich an, im zweiundvierzigsten Stock, fast auf Augenhöhe mit seiner. Darüber nur Sauna, Fitnessraum und ein Indoor-Pool mit Sonnenterrasse im Außenbereich. Sobald er das vernahm, stieg ich spürbar in seinem Ansehen.«

»Allmählich langweilen Sie mich«, fällt mir Bob ins Wort. »Haben Sie nichts Wesentliches mitzuteilen?« Mir ist danach zumute, zu schweigen, doch schließlich gebe ich mir einen Ruck:

»Er war längst wieder bei seinem Lieblingsthema und pries minutenlang die unschlagbaren Vorzüge und einzigartige Innengestaltung seines dreistöckigen Penthouse an …« – »Sie reden jetzt vom Trump Tower, richtig?« – »Absolut. Angeregt durch seine Beschreibungen fragte ich ihn, ob er mir seine Wohnung dort nicht auch einmal zeigen könnte. ›Eine glänzende Idee‹, gab er zurück, ›wir müssen nur vorher ein wenig aufräumen.‹ Humor hat er also auch. Dachte ich damals. Man kann sich bei ihm aber nie sicher sein, ob er etwas ernst meint oder sich nur einen Spaß erlaubt.«

Mein Gegenüber beugt sich vor. »Ich hoffe, Sie erlauben sich keinen Scherz mit mir. Da kann ich ziemlich humorlos werden.« – »Im Gegenteil. Er sagte noch, normalerweise zeige er seine Wohnung nur Monarchen, Regierungschefs, Stars und Champions. Alle seien sich einig, das sei die großartigste Wohnung in New York, vielleicht sogar auf der ganzen Welt.« – »Das haben Sie doch jetzt erfunden. Warum sollte er ausgerechnet Ihnen Zugang zu seinen Privaträumen gewähren?«

Ich lasse ihn mit seiner Frage allein. Er verlangt die Wahrheit, aber wenn er sie hört, hält er sie für eine Lüge. Sobald ich aber lüge, nimmt er mir das als Wahrheit ab. Ich schaue ihn an, er sieht an mir vorbei, als erwarte er erst gar keine Antwort. Der Sekundenzeiger seiner Armbanduhr gibt mehr über ihn preis als sein versteinertes Pokergesicht.

Bob ist ohnehin gerade nicht bei der Sache. Er lässt sich von einer Stubenfliege ablenken, die es irgendwie in diese hermetische Welt geschafft hat. Sie umschwirrt uns, das ungleiche Paar am Vernehmungstisch. Ihr auf und ab schwellendes Summen legt sich wie das Motorengeräusch kreisender Kampfflieger in alten Kriegsfilmen über das Rauschen aus den Lüftungsschlitzen.

Das Tier landet auf meiner Hand. Wahrscheinlich das einzige Wesen in diesem Raum, das seine Entscheidungen selbstständig trifft. Es trippelt bis zu meiner Daumenspitze vor. Ich spüre das Kitzeln auf der Haut und lasse es gewähren. Delaney wird unruhig. Unsere Blicke treffen sich. Sein Mienenspiel bekommt etwas Dringliches. Zuschlagen!, befiehlt es.

Ich denke gar nicht daran. Schon steigt die Fliege wieder auf und saust durch die Lüfte, als genieße sie ihre Unabhängigkeit. Dann macht sie den Fehler ihres Lebens. Sie landet auf der Tischplatte vor Bob und geht spazieren. Er bringt seine Hand in Stellung. Das Opfer hat sich nichts vorzuwerfen. Es bemerkt nur zu spät, dass ihm gleich der Himmel auf den Kopf fallen wird. Es hebt zwar noch ab. Einen Wimpernschlag später ist es platt. So findet sein Eintagsfliegenleben ein jähes Ende.

Ein sicherer Jäger, das muss ich dem Officer lassen. Per Rückhand wischt er die kleine Leiche mit ausladendem Schwung vom Tisch. Sein Ausdruck des Triumphes, daran lässt er keinen Zweifel, soll mir als Warnung dienen.

Das Telefon läutet. Der Beamte nimmt ab, drückt den Hörer fest auf seine Ohrmuschel. Er sagt »Ja« und noch mal »Ja«, legt auf und dann, an mich gerichtet: »Das Treffen im Trump International am Columbus Circle fand am Nachmittag des 12. Februar 1997 statt, korrekt?« – »Da wissen Sie mehr als ich. Wer merkt sich schon solche Daten?« – »Wir.«

Mir ist, als hätte sich in mir ein Federbett aufgeschüttelt, und nun schwebten die Flocken zu Boden. »Ja richtig, es war ein Nachmittag.« Ich schließe wieder die Augen. »Wir fuhren mit dem Fahrstuhl in die Lobby zurück. Dort zog er alle Blicke auf sich. Wildfremde Menschen riefen seinen Namen. Ein einziges Nicken und Winken und Hallo. Ein paar Angestellte formten eine Reihe, um uns zu verabschieden.« Bob runzelt die Stirn.

Ich: »Er schaute mich mit seinen blitzblauen Augen geradeheraus an.« – Bob: »Ja, das kann er« – Ich: »›Sie gefallen mir‹, sagte er. ›Ich werde Ihnen auch meine anderen Häuser in New York zeigen, die besten, schönsten und luxuriösesten der ganzen Stadt.«

»Und?« Das Grinsen des Beamten lässt nur eine Deutung zu: Er nimmt mich nicht ernst. »Ich war mir gerade nicht sicher, ob ich so viel Zeit mit einem Selbstdarsteller verbringen wollte, der nur über sich und seine einzigartigen Errungenschaften reden konnte.« – »Wissen Sie was? Das Gleiche habe ich gerade über Sie gedacht.«

Das Ding – Der Tag, an dem ich Donald Trump bestahl

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