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1. Kapitel Vincente

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Die wievielte Sitzung ist das jetzt? Ich habe seit siebzehn Uhr aufgehört zu zählen. Die fünfte oder sechste, glaube ich. Noch eine und ich werde ausrasten. Mein spanisches Temperament lässt mich ohnehin schnell die Beherrschung verlieren.

Unruhig drehe ich mich auf meinem Bürostuhl hin und her. Ich sehe das ständige Blinken auf der Telefonanlage, was bedeutet, dass Anrufe auf meiner Privatleitung eingehen, die eigentlich meine Sekretärin annehmen sollte, doch die hat es vorgezogen, heute Morgen wegen vorzeitiger Wehen ins Krankenhaus zu gehen. Ich denke, es ist auch besser so, denn jemanden, dessen dicker Bauch kaum noch durch die Tür passt, kann ich in meinem Vorzimmer nicht gebrauchen.

»Also, Vince, was sagst du dazu? Stimmst du der Kapitalerhöhung zu?«

Francesco Frattini, mein Rechtsanwalt und bester Freund, zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich blicke in die Runde der Männer, die sich um meinen Schreibtisch versammelt haben. Da wären Logan Smyth, ebenfalls ein guter Freund und im Vorstand meiner Bank, genauso wie James Hayes. Franco, ein dunkler Typ, wie man sich einen Italiener eben vorstellt, kenne ich schon seit geraumer Zeit, er genießt mein volles Vertrauen. Logan, der in Toronto aufgewachsen ist, stellt mit seinem breiten Kreuz und seiner Größe von fast zwei Metern alle in den Schatten. Wer braucht da noch einen Bodyguard? James, der stille Familienvater, ist jemand, auf den man sich zu hundert Prozent verlassen kann. Auch wenn er mit seinem blonden Haar und smarten Lächeln jedes Frauenherz erobert, ist er eine treue Seele. In der Ehe wie im Berufsleben. Ja, mit dieser Mannschaft lässt sich der Deal einstielen.

Langsam nicke ich. »Gut, erhöhen wir das Kapital«, stimme ich zu.

»Vincente, das ist eine gute Entscheidung, so können die Investoren grünes Licht bekommen«, erklärt Logan und nickt mir aufmunternd zu.

»Prima, dann kann ich jetzt in meinen wohlverdienten Winterurlaub starten«, meint James und grinst breit.

»Bleibt nur noch die Frage nach dem WIE. Was haltet ihr von der Ausgabe neuer Stammaktien?«, fragt Logan.

Ich schüttele den Kopf. »Nein, das will ich nicht.«

»Was hältst du von einem stillen Gesellschafter?«, bringt Franco ein.

Nachdenklich und genervt fahre ich mit meiner Hand über mein Gesicht. »Ein stiller Gesellschafter? Wen hast du da im Auge?«, hake ich nach.

»Meinen Onkel. Er ist reich und will sein Geld investieren, ohne sich darum großartig kümmern zu müssen. Er wäre perfekt. Er würde mir später die Anteile ohnehin überschreiben.«

»Einen Italiener in meiner Bank?«, frage ich mit einem Lächeln auf den Lippen.

»Hey, du alter Spanier! Sind wir nicht alle Kanadier?«, fragt Logan grinsend.

Ich stehe auf und schaue auf die Kulisse vor meinem Fenster, wo der CN Tower in der Nähe aufragt.

»Lass uns die Papiere fertig machen.«

»Deine Sekretärin liegt im Krankenhaus.«

Verdammt!

»Ja, ich weiß, wenn du mir auch eine akzeptable Sekretärin besorgen kannst, bekommst du eine Gehaltserhöhung.«

Franco lacht laut auf. »Der Deal gilt, mein Freund. Ich lasse meine Sekretärin den Vertrag aufsetzen und werde mit Onkel Luigi einen Termin absprechen.«

Logan, ebenfalls Rechtsanwalt und Leiter der Kreditabteilung, grinst. »Bist du Onkel Luigi schon einmal begegnet?«

Ich schüttele den Kopf. »Nein, noch nicht. Was ist so besonders an ihm?«

Über meine Schulter grinst Logan Franco und James an. »Das wirst du schon noch selbst feststellen.«

Mir ist nicht ganz wohl dabei. Eigentlich bin ich kein Freund von Kapitalerhöhungen und einen stillen Teilhaber will ich schon gar nicht. Doch wenn Franco Onkel Luigi vertraut, tue ich es auch.

Nachdem James und Logan sich verabschiedet haben, blicke ich Franco fragend an.

»Was hat Logan gemeint, als er fragte, ob ich deinem Onkel schon begegnet wäre?«

Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht. »Nichts Besonderes, Onkel Luigi ist etwas speziell. Aber er wird dir gefallen.«

Auch er macht sich auf den Weg zu seinem Büro und lässt mich grübelnd zurück.

»Speziell? Was soll ich jetzt damit anfangen?«, murmele ich hilflos und schaue auf den leeren Platz meiner Sekretärin vor meiner Bürotür.

* * *

»Vince, es ist Weihnachten und wenn Onkel Luigi dich zu einem Weihnachtsessen einlädt, dann musst du kommen.« Francos Stimme hört sich am Telefon schon fast verzweifelt an.

»Ich feiere keine Weihnachten, es existiert für mich nicht, also werde ich definitiv nicht zu diesem Essen erscheinen.«

»Vincente, bitte. Onkel Luigi ist Italiener und sehr gläubig. Er bittet dich doch nicht, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Er lädt dich lediglich zu einem Essen ein, mehr nicht. Vergiss doch einfach, dass es Weihnachten ist.«

»Nein.«

»Sag nicht Nein. Es ist meine Familie. Sieh es als Freundschaftsdienst. Onkel Luigi wird mich umbringen, wenn du nicht mitkommst.«

Ich überlege einen Moment und höre Franco am anderen Ende schwer atmen. Um zu vermeiden, dass er kollabiert, gebe ich nach. »Okay, gib mir die Adresse. Noch eine Frage - hat Onkel Luigi zufällig einen Freund, der Mario heißt?«

* * *

Die Adresse liegt etwas außerhalb in Scarborough. Ein gepflegtes Anwesen von beachtlicher Größe. So, wie ich Franco verstanden habe, lebt fast die gesamte Familie Frattini hier. Onkel Luigi selbst hat keine Kinder, dafür aber fünf Brüder. Nur Franco lebt woanders. Er bewohnt eine Wohnung in der Innenstadt. Und es gibt noch eine Cousine, die ebenfalls nicht hier wohnen möchte.

Die gesamte Auffahrt ist mit Autos zugeparkt, sodass ich meinen weißen Lexus LFA direkt vor dem Eingang parke. Selbst in dieser noblen Gegend würde niemand 550.000 kanadische Dollar einfach so am Straßenrand parken.

Bevor ich aussteige, werfe ich noch einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Dem Anlass entsprechend habe ich mich in Schale geworfen und einen Anzug angezogen, den ich sonst nur in der Bank trage, aber niemals in meiner Freizeit. Ich habe sogar eine Krawatte mit passendem Einstecktuch gewählt und die Manschettenknöpfe aus Platin. Mehr ging nun wirklich nicht. Wenn das keinen Eindruck auf Onkel Luigi macht, dann weiß ich es auch nicht.

Bevor ich aussteige, sehe ich schon Franco an der Tür stehen. Er unterhält sich mit jemandem, der rauchend auf der vorderen Terrasse steht.

»Vince, endlich, das Essen ist gleich fertig. Gut, dass du pünktlich bist«, ruft er mir winkend zu. »Komm her, ich will dir Toria vorstellen.«

Ich klemme mir das Kilo feinster Trüffel unter den Arm, die ich als Geschenk für die Familie mitgebracht habe, und stecke meinen Autoschlüssel in die Jackentasche. Mit langen Schritten laufe ich die vier Stufen zur Eingangstür hoch und reiche Franco die Hand.

»Mensch, ist das kalt!«

»Vincente, danke, dass du gekommen bist«, ruft er erleichtert aus. »Frohe Weihnachten, Bruder. Darf ich dir meine Cousine Vittoria Frattini vorstellen? Toria, das ist Vincente del Toro. Ihm gehört neben den Toronto Bulls auch die Bank, für die ich arbeite.«

»Vittoria, ein schöner Name«, meine ich freundlich und reiche ihr die Hand.

Vittoria schaut mich an und mir fallen sofort ihre klaren blauen Augen auf. Auch ihre hellblonden Haare, die in weichen Wellen über ihre Schultern fallen, passen so gar nicht zu meinem Bild einer italienischen Schönheit.

»Frohe Weihnachten, Vincente. Und was genau sind die Toronto Bulls?«, fragt sie mit einer leisen tiefen Stimme, die wiederum so gar nicht zu ihrem Aussehen zu passen scheint.

»Frohe Weihnachten«, murmele ich vor mich hin.

»Toria, das ist ein Eishockeyclub. Du weißt doch, wo man einen Puck mit einem Holzschläger über das Eis schiebt.« Franco lächelt und verdreht genervt die Augen.

»Sie stammen wohl nicht von hier?«, frage ich belustigt, denn eine Kanadierin, die keine Ahnung hat, wer die Toronto Bulls sind, muss wohl erst noch geboren werden.

»Ich bin zwar hier geboren, doch ich habe eine lange Zeit in Deutschland bei meiner Mutter gelebt.« Sie führt die Zigarette an ihre Lippen und nimmt einen Zug.

»Und bei deinem Vater«, korrigiert Franco sie.

»Was?«, fragt Vittoria verwirrt.

»Du hast bei deiner Mutter und deinem Vater gelebt.«

Sie nickt verwirrt. »Ja, natürlich.«

»Und was hat Sie wieder nach Kanada verschlagen?«

»Ich habe hier studiert. Meine Mutter wollte, dass ich in den Betrieb meiner Eltern einsteige, doch ich will auf keinen Fall in Deutschland leben. Daher halte ich es für das Beste, weiterhin hier in Kanada zu bleiben.«

»Was für ein Unternehmen betreibt ihre Familie?«

»Wir bauen Wein an und produzieren ihn. Doch das ist etwas, was mich noch nie begeistert hat. Weder trinke ich gern Wein, noch interessiere ich mich für dessen Herstellung, daher habe ich mir hier eine Wohnung gesucht.«

»Und für was interessieren Sie sich, wenn nicht für das Weingeschäft?«

Sie tritt die Zigarette mit der Spitze ihres High Heels aus. Sie hat verdammt hübsche Füße. Obwohl es eiskalt ist, trägt sie offene Schuhe mit mindestens fünfzehn Zentimetern Absatz.

»Ich habe hier in Toronto Betriebswirtschaft studiert, mit Schwerpunkt Finanzen und Controlling. Jetzt suche ich einen Job. Ich denke, ich werde schon etwas Passendes finden.«

»Was hältst du davon, Toria als Sekretärin einzustellen? Du bist doch auf der Suche nach einer neuen Mitarbeiterin.«

»Francesco, ich suche keinen Job als Sekretärin. Ich habe nicht studiert, um als Schreibkraft zu enden.«

»Glaube mir, Toria, um den Job als Vince‘ Sekretärin zu erfüllen, brauchst du mehr als das Wissen, wie man einen Computer einschaltet.«

Eine peinliche Stille entsteht und es sieht so aus, als müsste ich etwas sagen. »Ja, gut, Sie können mir gern Ihre Bewerbungsunterlagen einreichen, ich schaue sie mir an.«

»Habe ich schon, sie müssten Ihrer Personalabteilung bereits vorliegen, allerdings habe ich mich auf einen anderen Posten beworben.« Sie schaut zu Boden und murmelt: »Und zwar nicht als Sekretärin.« Dann aber sieht sie mich herausfordernd an und sagt: »Ich könnte es ja versuchen. Falls meine Qualifikation Ihren Ansprüchen genügt, können Sie mich ja anrufen, Mr del Toro!« Mit einem unverbindlichen Lächeln dreht sie sich um und verschwindet ins Haus. Ich bleibe irritiert zurück.

* * *

Francos Familie ist unüberschaubar. Ein Wirrwarr von Kindern in allen möglichen Größen, vom Baby bis zum Teenager, bevölkert die Räume, und mir wird klar, die Trüffel werden auf keinen Fall für alle ausreichen. Ich habe noch nie eine so große Familie gesehen, geschweige denn mit so vielen Leuten an einem Tisch gesessen. Ich habe nicht einmal gewusst, dass es Tische dieser Größe gibt.

Onkel Luigi sitzt am Kopfende und gibt immerzu Anweisungen auf Italienisch, die ich nicht verstehe. Zwar habe ich spanische Wurzeln väterlicherseits, aber ich spreche nur wenige Brocken Spanisch und die reichen nicht, um aus dem Kauderwelsch schlau zu werden. Hinzukommt, dass er undefinierbare Gesten macht, die anscheinend nur seine Frau versteht, die ihrerseits pausenlos auf ihn einredet.

Erst, als alle etwas auf dem Teller haben, falten sie die Hände und lauschen seinen Worten. Es ist wohl ein Tischgebet, ebenfalls auf Italienisch. Da ich nicht auffallen will, lege ich unauffällig die Hände zusammen, was mir ein Schmunzeln von Franco einbringt. Das wird er mir büßen, dieser Bastard!

Nach dem Gebet schwillt die Lautstärke augenblicklich wieder an. Piedro, Francos Cousin zweiten Grades, quetscht mich über die neusten Börsentipps aus, als wenn ich ein Broker wäre. Doch ich mache gute Miene zum bösen Spiel und beantworte seine Fragen, die er auch bei Google klären könnte.

Nach dem Nachtisch, den ich unmöglich ablehnen kann, weil sonst Tante Olivia, Luigis Frau, einen Herzinfarkt bekommen würde, erlöst mich Onkel Luigi und kommandiert mich in sein Arbeitszimmer. Als er hinter uns die Tür schließt und sich eine Zigarre anzündet, komme ich mir vor wie in einer Filmszene aus Der Pate.

»Mr del Toro, ich freue mich, dass Sie in Erwägung ziehen, mich als stillen Teilhaber in Ihre Firma aufzunehmen.«

»Oh, bitte, nennen Sie mich Vince, so wie Francesco auch.«

Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, während er an der Zigarre zieht.

»Gern, Vince. Ich bin Onkel Luigi, so wie mich alle nennen. Franco hat mir die Bilanzen der letzten zwei Jahre vorgelegt und ich muss sagen, Sie haben da ein wirklich feines Unternehmen aufgebaut.«

Ich nicke, dankbar für dieses Lob. »Ich habe es von meinem Vater geerbt. Er hat die Bank gegründet und nach seinem Tod habe ich die Leitung übernommen. Wir wollen weiter expandieren und benötigen daher mehr Eigenkapital. Ich würde mich über eine Zusammenarbeit sehr freuen.«

»Ach, Vince, Sie wissen, ich bin alt und freue mich, wenn ich im Sommer zum Angeln hinausfahren kann. Franco wird sich um meine Anteile gut kümmern. Ich habe nur eine Bitte: Meine Nichte, Vittoria – ich habe ihrer Mutter in Deutschland versprochen, dass sie einen anständigen Job bekommt. Sie hat hier in Toronto studiert und möchte gern bleiben, daher meine bescheidene Bitte: Geben Sie ihr einen Job in Ihrer Bank. So hätte Franco ein Auge auf sie und meine Schwester in Deutschland ihren Seelenfrieden.«

Mit großen Augen schaut er mich an und bläst eine Rauchwolke in die Luft. Für ihn scheint dieser Deal perfekt und ich traue mich nicht, ihm zu widersprechen.

»Ich bin gerade auf der Suche nach einer neuen Sekretärin, die mehr kann als nur tippen und telefonieren. Ich denke, Vittoria wäre genau die richtige Frau für diesen Posten.«

»Sie gefallen mir, mein Junge!« Er ist aufgestanden und schlägt mir wohlwollend auf die Schulter. Mir kommt es wie ein Ritterschlag vor. Auch wenn ich jetzt eine Sekretärin am Hals habe, wie ich sie mir ganz und gar nicht vorgestellt habe. Ich kann nur hoffen, dass Vittoria nicht bei der erstbesten Gelegenheit schwanger wird.

Be my Secret – Vincente

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