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Prolog

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Wenn es Nacht wird, gehen die Menschen im Dorf spielen. So nennen sie es, wenn sie sich im Winter in ihren Häusern treffen, um sich Geschichten zu erzählen. Der Winter ist die Zeit alter Geschichten. Das Dorf erinnert sich. Nicht wie die Stadt, die alles vergisst.

Da ist zum Beispiel die Geschichte von der Eule, die schon seit Jahr und Tag im Kirchturm wohnt. Die Kapelle ist mit grau-blauem Schiefer beschlagen, sie sieht aus, als sei sie mit lauter kleinen, sich überlappenden Pfannkuchen belegt. Die Glocke im Turm schlägt dreimal am Tag: Bim bam bim bam, bim bim bam bim bam, bim bam bim bam. Ihre hohen Töne ziehen über die grünen Hügel mit dem ewig grauen Himmel. Nur selten verirrt sich ein Fremder in diese Gegend, von der es heißt, dass sie trostlos sei und arm. Der Himmel über der Eifel ist einsam, und die Erinnerung kommt und geht wie ein alter Hund.

Einmal, auf einem Jagdausflug, soll der deutsche

Kaiser aus dem fernen Berlin zufällig hier im Dorf aufgetaucht sein. Hoch zu Ross sei er durch die schlammige Straße geritten, geradeaus, ohne abzusteigen. »Schade, dass hier Menschen wohnen«, soll Wilhelm II.

in seinen Bart gegrummelt und nicht einmal dem Dorfvorsteher einen Blick zugeworfen haben. Von diesem Preußen war nichts zu erwarten, und doch haben sie dem Kaiser den Nürburgring zu verdanken. Er war es, der in dieser menschenleeren Gegend die Idee hatte, eine ewige Rennstrecke zu bauen. Hier und nirgendwo anders sollte sie entstehen. Das ist schon lange her. Aber die Menschen im Dorf haben die Geschichte vom Jagdausflug des Kaisers nicht vergessen, und sie erzählen sie sich noch heute, so wie die Geschichte von der alten Eule.

Es heißt, wenn sie im stillen Flug den Kirchturm

bei Tag verlässt, hat der Zimmermann einen neuen Sarg geleimt, noch bevor sie wieder zurück ist in ihrem Nest. Alles kündigt sich an: der lange Winter, der trockene Sommer, die fetten und die mageren Jahre, die Freude und der Schmerz, Krankheit, Leben und Tod, Krieg und Frieden.

Das Dorf vergisst nichts.

Die Stille im Dorf

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