Читать книгу Von der Erinnerung zur Erkenntnis - Karl Heinz Metz - Страница 7
Vorbemerkung
ОглавлениеDer Mensch ist das Wesen, das töten kann, mit Werkzeugen arbeiten kann, sprechen kann, nach Sicherheit sucht. Daher ist der Mensch das Wesen, das der Politik bedarf, das Technik erzeugt, das kommuniziert, das die Gesellschaft nötig hat. Aus der widersprüchlichen, unabschließbaren Vernetzung von Töten, Arbeiten, Kommunizieren, Sicherheits-Suchen entsteht Kultur. Kultur ist das, was den Menschen vom Tier scheidet, was ihn als Menschen konstituiert. Kultur ist das, was der Mensch in die Lücken seiner Triebausstattung setzt. Sie ist ein sich weitender Bewusstseinsvorgang, der sich von der Deutung des Kosmos über die Herstellung einer Umwelt bis zu den Formen politischer Ordnung spannt. Kultur ist das, was in der Zeit eine Dauer hat, aber keine Ewigkeit, d.h. sie ist das, was Geschichte hat. Geschichte ist der Einbruch der Zeit in die Dauer und sie kann als Schrecken so gut wahrgenommen werden wie als Euphorie.
Wandel wie Dauer lassen sich auf Elementares zurückführen, auf vier Kategorien, die in ihren Verzweigungen ein Netzwerk bilden, als dessen Impulskern das Streben nach Sicherheit wirksam ist, des Körpers wie des Bewusstseins. Arbeit und Gewalt begründen es. Die Arbeit schafft die materielle Basis des Daseins, indem sie mit Werkzeugen, Technik, einen Lebensraum in der Natur herstellt und dabei über Kooperation, Arbeitsteilung, Güterverteilung einen Sozialraum entstehen lässt. Die Gewalt ist eine Expansionskraft hin zum Territorium wie hin zum sozialen Zusammenhang, denn sie verteidigt nach außen und erzeugt zugleich Normen der Gewaltregulierung nach innen. Aus dem Ineinander der Gewaltfähigkeit mit einem durch Arbeit erzeugten Mehrprodukt entsteht Herrschaft. Über die Aneignung und Verteilung des Mehrprodukts wird eine Hochkultur möglich, d.h. die Differenzierung der Gesellschaft zwischen Arbeitenden und Nichtarbeitenden. In ihr wird zugleich die Differenzierung der Verständigung wesentlich, beginnt Sprache zur Schrift zu werden. Die Kommunikation ist entscheidend für den Frieden in einer Gesellschaft. In Rede und Schrift erzeugt sich der Mensch eine Welt jenseits der sinnlich wahrnehmbaren, eine Welt, in der nur er vorhanden ist, ein Artefakt jenseits der Natur so wie die Technik auch. Die Welt wird Interpretation. Der Mensch legt seine Sprache über das Sinnliche, deutet es, transzendiert es. Religion, dann Philosophie, dann Wissenschaft sind Weisen eines Denkens, in dem alles zu Sprache geworden ist. Sie sind Verzweigungen, die sich mit anderen treffen, verflechten, und neue hervorbringen, Krieg und Ideologie, Wirtschaft, Staat.
Diesem Netzwerk nachzugehen ist die Absicht des Buches. Ein solcher Versuch kann nur sinnvoll sein, wenn er seine Grenzen offenlegt. Das geschieht dadurch, dass im ersten Abschnitt kurz von den Voraussetzungen gesprochen wird, die dem Text zugrunde liegen, also von Methode und Menschenbild. Im zweiten, umfangreicheren Abschnitt werden dann die vier Kategorien in den Blick genommen, die als grundlegend für den historischen Prozess gelten. Schließlich sollen, im letzten Abschnitt, diese Kategorien sowohl in Bezug auf die Geschichte entlang einer Zeitachse entfaltet wie in ihrem strukturellen Zusammenhang dargestellt werden. Dabei wird in einem ersten Schritt eine Ordnung der Universalgeschichte geboten, betrachtet nach den Feldern menschlichen Daseins: dem Kosmos, also dem Versuch, der Existenz Sinn und Bedeutung abzuverlangen; der Umwelt, also dem Versuch, der Natur mehr abzugewinnen als das schiere Überleben; der Herrschaft, also dem Versuch, durch Gewalt einer immer größeren Zahl befehlen zu können. Im folgenden zweiten Schritt werden dann die Ergebnisse der Untersuchung als Theorie präzisiert.
Die Art dieses Vorgehens ist neu, eben der Versuch, Geschichte – in einem weiten Zeitbogen – als sich wandelnden Komplex aus bestimmten Kategorien aufzufassen und darzustellen. Bisherige Bemühungen galten entweder Ein-Faktor-Theorien oder umfangreichen Weltgeschichten. Weder das eine noch das andere ist heute noch zu leisten. Ein-Faktor-Theorien haben eine unfruchtbare Verengung des Blickfeldes zur Folge. Weltgeschichten sind wohl nur als Gemeinschaftswerke mehrerer Fachhistoriker möglich. Ein Theorie-Versuch der vorgelegten Art hingegen kann die Untiefen beider Ansätze umschiffen, indem er zu klären sucht, ohne eine Allerklärung anzubieten, und darzustellen, ohne eine Totalgeschichte bieten zu wollen. Es bleibt ein Bemühen im Dazwischen, der einzig möglichen Weise, monografisch über das größte Thema des Historikers wie des historisch Interessierten zu handeln: die Theorie des Geschehenen.