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Alexis

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Warnend sah ich meine Tochter an, als sie zu den Gummibärchen in der kleinen Schale auf dem Küchentisch greifen wollte. Sie wusste genau, dass ich vor dem Frühstück keine Süßigkeiten erlaubte und trotzdem versuchte sie es immer wieder, ganz egal, wie aussichtslos es schien.

»Du weißt, vor dem Essen gibt es nichts, Schatz. Außerdem gibt es gleich Pancakes. Die magst du doch so gern.«

Ertappt blickte Josie zu mir auf und schob die Unterlippe schmollend vor, doch da musste ich dennoch hart bleiben, so schwer es mir in solchen Momenten auch fiel. »Stellst du den Teller bitte schon mal auf den Tisch?«, bat ich sie und drückte ihr das Geschirr in die Hand. »Ich mache uns beiden noch schnell eine heiße Milch mit Honig.« Zwinkernd sah ich sie an und lächelte. Weil ich wusste, dass sich ihr Gesicht sofort erhellen würde, wenn sie eine heiße Milch mit Honig bekam. Gerade im Herbst und Winter liebte sie es, das warme Getränk zu schlürfen, bevor ich sie dann zum Kindergarten brachte.

Josie strahlte tatsächlich wieder und half mir anschließend den Tisch für das Frühstück vorzubereiten.

Gestern bei der Hochzeitsfeier von Kelsey und Shawn war es nicht mehr allzu spät geworden. Noch vor dem eigentlichen Feuerwerk brachte ich Josie nach Hause, da sie bereits auf Cage‘ Schoß eingeschlafen war, nachdem sie gleich zwei Tortenstückchen verputzt hatte.

Zwar wollte ich noch ein wenig auf der Hochzeit bleiben und vor allem hatte ich wirklich die Hoffnung, es würde sich eine Gelegenheit ergeben, mit Cage noch einmal allein sein zu können und ihm die Wahrheit zu sagen, doch Josie wich gestern Abend seltsamerweise nicht mehr von seiner Seite. Und so hatte ich keine andere Wahl und musste den Mund halten, so schwer es mir auch fiel. Dabei wollte ich den Vater meiner Tochter nicht weiter belügen. Ich konnte es nicht mehr.

Seitdem ich die beiden zum ersten Mal zusammen gesehen hatte, wusste ich, ich musste es ihm endlich sagen, ich musste mich entschuldigen, so gut ich nur konnte und musste ihm endlich die Wahrheit erzählen.

Es schien falsch von mir zu denken, Josie würde es ohne Cage besser gehen und sie hätte ohne ihn ein normales und ruhiges Leben, so wie alle anderen Kinder in ihrem Alter. Doch so, wie Josie ihn sofort in ihr Herz geschlossen hatte, wusste ich jetzt, dass es ein unfassbar großer Fehler von mir gewesen war. Vermutlich brauchte sie ihren Vater mehr, als sie ihre Privatsphäre, Ruhe und eine normale, nicht öffentliche Kindheit brauchte. Daran hatte ich bisher nie gedacht. Ich war mir immer so sicher, dass es besser für sie war, wenn weder sie noch jemand anderes wusste, wer ihr Vater war. Ich hatte Angst vor dem, was dann passieren könnte. Mit ihr, mit mir – mit uns allen und unseren Leben. Alles würde sich mit einem Mal ändern und meine Kleine würde plötzlich in der Öffentlichkeit stehen, würde von Fotografen verfolgt und belagert werden.

Ich wollte dieses Leben nicht für sie. Und doch wusste ich jetzt, sie brauchte ihren Vater.

»Mommy, dein Telefon macht komische Geräusche«, unterbrach Josie meine Gedanken und sah mich fragend an, als sie mir mein Handy vor die Nase hielt, das unaufhörlich vibrierte, da ich es seit gestern Abend immer noch auf lautlos gestellt hatte.

Eine unbekannte Nummer wurde angezeigt und ich dankte meiner Tochter, dass sie mich darauf aufmerksam gemacht hatte, damit ich rangehen konnte.

»Hallo?«, meldete ich mich skeptisch, ohne meinen Namen zu nennen.

»Hey.« Ich erkannte Cage‘ sanfte Stimme und erstarrte. »Ich bin’s – Cage.«

Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus, doch ich versuchte sie zu ignorieren. »Oh, hey! Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du dich so schnell meldest«, gestand ich leise und sah zu Josie rüber, um nachzusehen, ob sie lauschte oder verstand, mit wem ich gerade redete.

»Ja, ich eigentlich auch nicht, aber ...« Ich hörte Cage verlegen lachen und runzelte die Stirn. Ich kannte ihn zu gut, um zu wissen, dass er nur äußerst selten verlegen oder vorsichtig war. Doch gerade war er es unüberhörbar und das ließ mich unweigerlich nervös werden. »Ich bin ehrlich gesagt gerade in der Nähe«, sagte Cage zögerlich und räusperte sich einmal umständlich. »Zumindest wenn die Adresse stimmt, die mir Kelsey von dir gegeben hat.«

Heilige Scheiße! Er wollte doch nicht etwa ...?

»Wäre es für dich okay, wenn ich kurz vorbeikomme? Ich glaube, es gibt ein paar Sachen, über die wir vielleicht reden sollten.«

Sofort blieb ich alarmiert vor der Herdplatte stehen, drehte mich von meiner Tochter weg, damit sie nicht bemerkte, dass ich unsicher wurde und etwas nicht stimmte. Ich hatte keine Ahnung, ob Cage die Wahrheit herausgefunden hatte oder weshalb er ausgerechnet jetzt vorbeikommen wollte, denn ich hatte ihm gestern Abend, bevor ich mit Josie gegangen war, noch einmal erklärt, dass wir uns unbedingt allein treffen müssten, sobald er Zeit hatte. Nicht hier, nicht, wenn Josie dabei war.

»Alexis? Bist du noch dran?«, durchbrach Cage‘ Stimme meine Starre.

»Ja, ähm ...«, krächzte ich leise, als Panik in mir aufstieg. Trotzdem konnte ich ihm nicht absagen. Es war schließlich Cage – Josies Dad und meine erste und einzige große Liebe. Ich konnte ihm nicht aus dem Weg gehen und wenn ich ehrlich war, wollte ich das auch gar nicht. »Wir wollten gleich frühstücken«, sagte ich tief durchatmend und blickte zu Josie, die bereits am Tisch saß und mich aus großen, blauen Augen erwartungsvoll ansah. »Es gibt Pancakes und wenn du willst, darfst du gerne ...«

»Ich bin in knapp zwanzig Minuten bei euch, wenn ihr noch so lange warten könnt«, unterbrach er mich hastig und ich wusste, dass er in diesem Moment grinste – das typische Lancaster-Grinsen, das ich so sehr liebte und das die ganze Welt bereits gesehen hatte.

»Natürlich, kein Problem. Josie wird sich sicher freuen, dich zu sehen«, erwiderte ich lächelnd, meiner Worte nicht bewusst.

»Ich freue mich auch«, gestand Cage beinahe flüsternd und räusperte sich leise. »Und keine Sorge, ich weiß, wir können dann nicht reden über ... was auch immer du mir sagen willst, aber ...« Er überlegte einen Moment lang. »Ich bin sicher, wir finden heute oder spätestens morgen eine freie Minute allein.« Cage wirkte überzeugt und schien noch immer absolut keine Ahnung zu haben, was ihn erwartete.

»Gut, okay ... Ich ... Wir ... Wir warten dann auf dich.« Ich stammelte unbeholfen, wusste gar nicht, was ich sagen sollte, denn die Situation war schier seltsam. Ein gemeinsames Frühstück als Familie, ohne dass Tochter und Vater wussten, dass sie zusammengehörten ... Das konnte ja heiter werden.

»Es ist nur ein gemeinsames Frühstück, Alexis«, hörte ich Cage plötzlich am anderen Ende der Leitung amüsiert lachen. »Kein Grund, nervös zu werden. Oder?«

Von wegen ...

Wenn er doch nur wüsste, was ich ihm erzählen wollte.

Wenn er doch nur ahnen würde, dass es nicht einfach nur ein gemeinsames Frühstück war.

Mein schlechtes Gewissen würgte mir die Luft ab, als ich aufgelegt hatte und zu Josie sah, die mich jetzt neugierig musterte. »Wer war das, Mommy? Kriegen wir Besuch?«, fragte sie voller Vorfreude und ich geriet ein wenig ins Stocken.

Es war seltsam, den Vater meiner Tochter beim Namen nennen zu müssen und nicht einfach Dad sagen zu können. »Cage wird gleich bei uns vorbeikommen und mit uns frühstücken.« Ich lächelte sie unsicher an. »Du weißt doch noch, wer Cage ...«

Ihr hastiges Nicken und das breite Grinsen unterbrachen mich und ein fester Stich durchfuhr meine Brust. Es tat unheimlich weh zu sehen, wie sehr Josie ihren Vater schon mochte und wie groß ihre Freude war, ihn wiedersehen zu können. Und das alles, ohne zu wissen, wer er wirklich war.

»Ich möchte neben Cage sitzen«, forderte meine Tochter, schnappte sich einen weiteren Teller sowie Besteck und legte es auf den Platz direkt neben ihrem auf den Tisch.

Ich wusste nicht, ob ich wahnsinnig glücklich oder tieftraurig darüber sein sollte, meine Gefühle fuhren Achterbahn und ich hatte Probleme, mich zusammenzureißen.

»Mommy, machst du für Cage auch ein Glas Milch mit Honig?«, fragte meine Kleine lächelnd und ich konnte nicht anders als zu nicken.

Ich wusste nicht, wie ich das ertragen sollte. Gestern Abend schon fiel es mir unheimlich schwer, die beiden zu beobachten, doch jetzt auch noch in meiner eigenen Wohnung? Beim Frühstück? Wie sollte ich da meinen Mund halten können und Cage nichts verraten? Ich wusste es wirklich nicht.

Als einige Minuten später alles bereit auf dem Tisch stand, Josie sich noch schnell und artig vorher die Hände gewaschen hatte, klingelte es tatsächlich auch schon an der Tür.

Ich bat Josie sitzen zu bleiben und nicht wieder aufzuspringen, denn sonst hätte sie sicherlich vor lauter Freude den ganzen Tisch unabsichtlich wieder abgeräumt, und daher nickte sie nur ungeduldig, bevor ich Cage aufmachte und ihn mit zittrigen Händen und weichen Knien hereinbat.

»Tut mir leid, wenn ich dich damit vielleicht ein wenig überfahren habe vorhin, ich habe nicht so wirklich darüber nachgedacht, als ich mich selbst eingeladen habe«, entschuldigte er sich, noch ehe er die Wohnung betreten hatte, und kratzte sich leicht verlegen am Kopf.

Ich lächelte amüsiert. »Kein Problem, wirklich. Wenn es unpassend gewesen wäre, hätte ich es schon gesagt.«

Cage atmete erleichtert aus und hielt plötzlich ein Einmachglas mit dunklem Inhalt hoch. »Ich habe frischen Ahornsirup dabei, falls du ... Ich meine, falls ihr den auf eure Pancakes machen wollt.«

Ich lachte. »Josie liebt frischen Ahornsirup. Ich glaube, den könnte sie selbst ohne Pancakes in sich reinschütten, wenn sie dürfte.«

»Geht mir ganz genauso.« Cage grinste. »Aber ... das weißt du sicher noch.«

Augenblicklich verstummte ich wieder und meine Kehle schnürte sich zu. Nicht nur, weil ich bemerkte, dass Cage und Josie weitere Gemeinsamkeiten hatten, die mir vorher nicht aufgefallen waren, sondern weil mich Cage jetzt mit einem Blick ansah, der mein Herz zum Rasen brachte und meine Nervosität ins Unermessliche steigen ließ. Es war derselbe Blick, mit dem er mich früher immer angesehen hatte ...

»Ich dachte mir schon, dass du genau über dieses Thema mit mir reden wolltest, wenn wir allein sind«, flüsterte Cage leise und lächelte – diesmal deutlich selbstbewusster als zuvor.

Ich blinzelte ein paar Mal etwas verloren vor mich hin, bis ich begriff, dass er scheinbar davon ausging, dass ich über ihn und mich reden wollte, jedoch nicht darüber, dass er der Vater meiner Tochter sein könnte.

»Ähm ...«, krächzte ich erneut und schluckte schwer. »Komm doch einfach rein, Josie wartet schon am Tisch auf uns.« Ich setzte mir ein liebevolles Lächeln auf und hoffte, Cage würde nicht bemerken, wie unsicher ich war.

Grinsend folgte er mir in unsere winzige Küche, die zugegeben nicht sonderlich schön und gut ausgestattet war, aber immerhin fehlte uns dennoch bisher an nichts. »Hallo Josie«, begrüßte er mit offenem Lächeln meine Tochter und wuschelte ihr einmal lachend durch ihre blonden Locken.

Ich konnte kaum glauben, dass derselbe Mann vor mir stand wie damals. Früher konnte er nur recht wenig mit Kindern anfangen, soweit ich mich erinnerte. Natürlich mochte er sie, doch durch seine fehlende Erfahrung schien er bisher eher ungelenk mit ihnen umgehen zu können. Zumindest früher einmal.

Josie grinste ihn breit an und deutete auf den Stuhl neben sich. »Ich hab dir einen Platz freigehalten.« Cage tat erstaunt, freute sich aber sichtlich und setzte sich neben seine Tochter, bevor er mir den Sirup reichte, damit ich ihn über Josies und seine Pancakes fließen lassen konnte.

Mit leicht aufgeklapptem Mund starrte ich die beiden vor mir an, als sie gleichzeitig zu essen begannen und in kürzester Zeit schon drei Pancakes vertilgten. Manchmal wunderte ich mich schon, wo das alles in so ein kleines Kind hineinpasste, doch dann erinnerte ich mich wieder daran, wer ihr Vater war und wusste, dass sie essen konnte wie ein Scheunendrescher, ohne sich dabei Speck anzufuttern.

»Was ist los?«, fragte Cage nach einer Weile mit vollem Mund kauend, weil ich noch immer nichts gegessen, sondern sie nur angestarrt hatte.

»Nichts, alles okay«, schoss es peinlich berührt aus mir heraus und ich versuchte, mich so normal wie möglich zu verhalten, ohne mich dabei zu verraten oder Misstrauen in den beiden zu wecken. Unsicher lächelnd griff ich jetzt auch nach einem Pancake und sah dann zu Josie. »Schatz, reichst du mir bitte das Nutella«, bat ich meine Tochter, die mir daraufhin einen angewiderten Blick schenkte, was Cage ebenso bemerkte.

»Magst du etwa kein Nutella?«, fragte er überrascht und wurde von Josie daraufhin mit verzogenem Gesicht angesehen, bevor sie voller Ekel begann den Kopf zu schütteln.

»Ein kleines Mädchen, das nicht gerne Nutella isst?« Cage sah mich erstaunt und zweifelnd an, musste jedoch grinsen. »Wie hast du das denn hinbekommen?« Er lachte und ich schluckte abermals schwer, weil sich meine Kehle zuschnüren wollte.

»Na ja, sie mag generell kein Nussnugat, mochte es noch nie, in keiner Form. Nicht als Schokolade oder sonst irgendwie«, erklärte ich und Cage zwinkerte Josie zufrieden zu.

»Gut so, Josie. Ich mochte das Zeug auch noch nie«, erzählte er ihr fast schon stolz und ich verschluckte mich beinahe.

Wann würde Cage es endlich bemerken? Die Zeichen waren doch mehr als eindeutig. Wieso sah er es nicht und weswegen fiel es ihm nicht auf? Josie war ohne Frage und ohne jeden Zweifel sein Kind, sein eigen Fleisch und Blut, seine Tochter. Sie sah ihm nicht nur sehr ähnlich, sie hatte auch die gleichen Vorlieben wie er. Warum begriff er das denn immer noch nicht, wieso war er so blind?

Oder ... wollte er es nicht sehen? Wollte er Josie vielleicht gar nicht?

»Mommy hat mal gesagt, das hab ich alles von Daddy. Der mag auch kein Nutella«, platzte es quietschfröhlich aus Josie heraus, während ich mich jetzt doch an meinem Pancake verschluckte und wie wild zu husten begann und Cage seine Tochter und mich stutzig musterte.

Be still

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