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Cage

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Das weiße Kleid an ihrem Körper sah majestätisch aus. Kelsey schien unglaublich glücklich und eigentlich sollte mich das freuen, schließlich wollte ich nur das Beste für sie. Dennoch war es seltsam zu beobachten, wie meine Ex-Freundin, meine ehemalige Wegbegleiterin, einen anderen heiratete.

Zwar war unsere Trennung schon ewig her, doch so ganz verstand ich das alles immer noch nicht. Wie war es soweit gekommen? Wann und warum? Ich wusste gar nicht mehr so recht, was der Grund unserer damaligen Trennung war, wusste nicht, ob sie oder ob ich mich dazu entschlossen hatte. Oder gar wir beide?

Momentan schien alles wie ein Film an mir vorbeizulaufen. Mein gesamtes Leben hatte sich verändert und ich stand wie ein Geist vollkommen neben mir und sah tatenlos, vor allem aber ratlos, dabei zu. Ich war nicht mehr der, der die Entscheidungen traf, sondern nur noch ein erbärmlicher Zuschauer einer Cage Lancaster Show, die ich nicht verstand und dessen Drehbuch ich sicherlich anders geschrieben hätte.

Was war bloß mit mir los, dass nichts mehr so war, wie es schien und nichts mehr so lief, wie ich es wollte, wie ich es doch eigentlich immer geplant hatte? War das alles nur ein böser Traum oder saß ich hier tatsächlich gerade auf der Hochzeitsfeier meiner Ex-Freundin und versuchte mich für sie und ihren jetzt frisch angetrauten Ehemann, meinem besten Freund Shawn, zu freuen?!

Scheinbar.

Denn ich wusste, ich liebte Kelsey nicht mehr. Das zwischen uns war schon lange Vergangenheit. Und dennoch war es merkwürdig und irgendwie auch falsch, den beiden zuzusehen, wie sie sich küssten, wie sie sich ewige Liebe schworen und die Ringe tauschten.

Eigentlich sollte ich längst daran gewöhnt sein, denn ich sah die beiden nicht zum ersten Mal so vertraut und verliebt zusammen. Schließlich war Shawn nach wie vor mein bester Freund und würde es immer bleiben. Nur weil sich meine Ex-Freundin in ihn verliebte und er ihre Liebe erwiderte, bedeutete das noch lange nicht, dass ich meine Freundschaft zu ihm kündigte. Ich hatte keinen Grund dazu, denn die Liebe tat immer nur das, was sie tun wollte. Keiner der beiden hatte es so geplant, niemand konnte wissen, dass es irgendwann mal so kommen würde, dass es nun so endete.

Vielleicht waren die beiden schon immer füreinander bestimmt gewesen?

Vielleicht war das der einzig wahre Grund, weshalb ich je mit Kelsey zusammen war?

Vielleicht war ich vom Schicksal nur Mittel zum Zweck dieser Liebe?

Vielleicht aber redete ich mir das alles nur ein, um es erträglicher für mich zu machen.

Ganz sicher sogar.

Mir war klar, Kelsey wollte nur nett sein. Sie wollte mich dabeihaben, auch wenn ihr bewusst war, dass es seltsam war, mich zu ihrer eigenen Hochzeit einzuladen. Doch genau wie zu Shawn hatte sich mein Verhältnis zu ihr kaum verändert, wir waren Freunde, unsere Trennung vor über einem Jahr verlief unkompliziert und wir waren im Guten auseinandergegangen. Wieso hätte ich diese Einladung also nicht annehmen sollen? Wäre es nicht feige gewesen, nicht zu kommen? Schließlich war mein gesamter Freundeskreis hier und heute anwesend. Ich hatte also kaum eine andere Wahl, auch wenn mir gerade so gar nicht nach Feiern zumute war und jeder hier schien es zu wissen. Deswegen schenkten sie mir immer wieder diesen mitleidvollen Blick, den ich mühsam mit einem lockeren Lächeln wegzuwischen versuchte.

Die aktuelle Saison ... Sie lief bisher nicht so, wie erwartet. Und je mehr Probleme und Spekulationen hinzukamen, je näher die Playoffs rückten, desto mehr sehnte ich es herbei. Zum ersten Mal in meiner gesamten Karriere wünschte ich mir das Ende der Saison. Und das nicht einfach nur, weil ich geschlaucht und müde war. Ich hatte längst das Vertrauen verloren – in mein Team, vor allem aber auch in mich selbst. Ich wollte endlich meine Ruhe, wollte mein Leben ordnen und in richtige Bahnen lenken. Denn das schien momentan schlicht unmöglich ...

»Hallo, schöner Fremder, ist noch ein Platz frei neben dir?«

Die Frage riss mich aus den Gedanken und sofort bildete sich eine Gänsehaut auf meinem Körper, als mir bewusst wurde, dass ich diese unvergleichbare Stimme kannte. Und doch hatte ich sie schon eine Ewigkeit nicht mehr gehört, hatte sie sehr häufig vermisst und gehofft, ich würde irgendwann noch einmal in meinem Leben in ihren Genuss kommen können. Vielleicht hatte ich gerade deshalb das Gefühl, ich bildete mir das alles nur ein und traute mich kaum, mich umzudrehen und ausgerechnet der Frau wieder in die Augen zu sehen, die damals alles veränderte, die mein Blatt wendete und mich zu einem anderen Mann machte – einem, der nur seine Karriere liebte.

Alexis war meine erste, große Liebe. Doch unsere Pläne kreuzten sich, wir hatten keine Chance. Sie ging nach England, um dort zu studieren und ihren Traum zu verwirklichen, genau wie ich, als ich nach der Highschool in die Staaten zog, um mein Sportstipendium und später meine Hockeykarriere ins Laufen zu bringen.

Unsere Träume kollidierten miteinander und so geschah das, was wir in unserem jugendlichen Leichtsinn nicht vermeiden konnten. Wir stellten unser beider Zukunft über unsere Liebe zueinander, über unsere damalige Beziehung. Und im Nachhinein wusste ich – es war ein Fehler.

»Ich weiß, du erinnerst dich an mich, Cage. Und ich weiß auch, dass ...«

Noch ehe sie ihren Satz beenden konnte, nahm ich all meinen Mut zusammen und drehte mich zu ihr um, ließ sie augenblicklich verstummen. Alexis sah bezaubernd aus – wie immer. Sie hatte sich kaum verändert, schien nur erwachsener und reifer zu sein, als bei unserem letzten Aufeinandertreffen vor knapp fünf Jahren. Ihre himmelblauen Augen strahlten wie jedes verdammte Mal mit der Sonne um die Wette und ihr atemberaubendes Lächeln, auch wenn es in diesem Moment ein wenig nervös und unsicher wirkte, umgab mich sofort mit einer unendlichen Wärme.

Aus irgendeinem Grund war ich froh, dass sie hier war und dass ich sie nach so vielen Jahren endlich wiedersehen konnte, obwohl ich nicht so recht wusste, was sie hier tat und weshalb Kelsey ausgerechnet Alexis zu ihrer Hochzeitsfeier eingeladen hatte. Doch das war mir in diesem Moment völlig egal, denn die Freude sie wiederzusehen überwog deutlich. So deutlich, dass ich keine Sekunde länger zögerte und den freien Stuhl neben mir zur Seite schob, damit sie sich setzen konnte.

Lächelnd nahm sie mein stummes Angebot an und ließ sich zaghaft neben mir nieder. Sie schien mehr als nur nervös, doch mir ging es nicht anders. Wir hatten uns eine lange Zeit nicht mehr gesehen, hatten nichts voneinander gehört und so wusste ich nicht, wie es ihr ging, was sie so machte, wo sie nun lebte und ... mit wem.

»Es ist schön, dich zu sehen«, entkam es uns beiden gleichzeitig wie aus einem Mund und wir mussten unweigerlich lächeln.

»Entschuldige, aber es ist irgendwie ... ein wenig seltsam«, gestand sie flüsternd, in der Hoffnung, die anderen Gäste an unserem Tisch würden uns nicht verstehen oder uns nicht zuhören.

»Ja. Ich weiß, was du meinst.« Schmunzelnd musterte ich sie etwas genauer. Ihre goldblonden Haare hatte sie speziell für diese Hochzeitsfeier leicht verspielt hochgesteckt und mit ein paar kleinen, weißen Blumen verziert, was wirklich schön aussah und ihr unglaublich gut stand. Es sah nicht übertrieben aus, wirkte immer noch sehr lieblich und bodenständig, so wie ich es von ihr gewohnt war. Denselben Eindruck erweckte auch ihr fliederfarbenes Kleid. Denn es war eher schlicht und dennoch hübsch, dank der edlen Spitze, die Dekolletee und Rücken verdeckte. Alexis sah wunderschön aus. Wie eben immer, wenn ich sie sah ...

»Darf ich fragen, was du hier machst?«, fragte ich leise und meine Mundwinkel zogen sich verräterisch nach oben, während sie verträumt zu Kelsey und ihrem frisch angetrauten Ehemann sah, die gerade offensichtlich das Buffet eröffneten.

»Shawn«, wisperte sie grinsend. »Er hat gehört, dass ich wieder in der Stadt bin und wollte mich unbedingt dabeihaben. Also haben er und Kelsey mich eingeladen«, erklärte sie mit nervösem Lächeln.

»Du bist wieder in der Stadt?«, purzelte die Frage regelrecht und unaufhaltsam aus meinem Mund. »Seit wann und wie lange bleibst du?« Plötzlich spürte ich so etwas wie eine sanfte Hoffnung in mir aufsteigen. Auch wenn es zwischen uns schon lange vorbei war, so wäre es doch sehr schön, ein bisschen Zeit mit ihr verbringen zu können, sich zu treffen und ein wenig zu reden, Spaß zu haben.

Alexis sah mich unsicher und zweifelnd an, seufzte kaum hörbar und durchbohrte mich mit ihren Augen, während ich tief in meinem Magen langsam spürte, dass etwas nicht stimmte und sie mir irgendetwas zu sagen versuchte, etwas, was ihr eventuell oder auch offensichtlich schwerfiel.

»Cage, ich ... Ähm, ich weiß gar nicht so recht, wie ich dir das jetzt sagen soll, aber ... Ich bin nicht nur zu Besuch hier«, stammelte sie flüsternd und biss sich nervös auf die Unterlippe, während ich zu verstehen versuchte, was sie mir damit sagen wollte.

»Wie meinst du das?«

Tief durchatmend strich sie sich verunsichert eine Haarsträhne hinter das Ohr und sah mich mit einem entschuldigenden Lächeln an. »Ich lebe hier. Bin wieder hierhergezogen. Vor ein paar Wochen schon ... Und diesmal habe ich vor zu bleiben.«

Die Erkenntnis schlug peinigend auf mich ein, denn damit hätte ich niemals gerechnet. Nie hatte ich daran gedacht, Alexis würde irgendwann wieder zurückkommen, würde wieder in meiner – in unserer – Heimatstadt leben wollen. Doch scheinbar hatte ich mich getäuscht.

»Soll das heißen, du bist wieder zurück? Du hast hier eine Wohnung und einen Job gefunden und willst tatsächlich hierbleiben?«

Alexis lächelte, diesmal etwas selbstsicherer. Überzeugter. »Ja, ich bin und bleibe tatsächlich hier. Auch wenn es noch ein wenig gewöhnungsbedürftig und seltsam ist. Vor allem, wenn man ständig Leute im Supermarkt oder an der Tankstelle trifft, die man noch von früher kennt.« Sie lachte leise und sah mich durchdringend an. »Ich hoffe, das ist okay für dich und du kommst damit klar – jetzt, wo du seit einigen Jahren aus den Staaten zurück bist und dir hier ein neues Leben aufgebaut hast.« Erneut wurde sie etwas unsicher und biss sich auf die Unterlippe.

Ich sah allerdings keinen Grund, weshalb ich nicht damit zurechtkommen sollte, sie nach so vielen Jahren wieder in meiner Nähe zu haben. Der Gedanke war genau genommen sogar ganz schön. Schließlich gehörte sie nach wie vor zu meinem Freundeskreis und wir verstanden uns trotz all der Differenzen und Streitigkeiten von damals.

Ermutigend lächelte ich sie an. »Ich freue mich, dass du wieder da bist, ehrlich.«

Alexis atmete hörbar erleichtert aus und grinste. »Dann findest du das nicht irgendwie merkwürdig und willst mir auch nicht aus dem Weg gehen?« Sie lachte nervös.

»Weswegen sollte ich? Etwa wegen der Sache von vor fünf Jahren? Das ist doch Schnee von gestern und war auch nicht weiter von Bedeutung. Das hast du damals selbst gesagt, oder?« Prüfend bohrte sich mein Blick in ihren, um die Wahrheit darin zu finden, doch Alexis verzog keine Miene, blinzelte nicht einmal. Lediglich ihr Körper verriet sie, der sich bei der Erinnerung an unsere letzte gemeinsame Nacht vor über fünf Jahren sichtlich anspannte.

Bereute sie es?

»Ich meine das ernst, Alexis. Ich freue mich wirklich, dass du wieder hier bist, denn ich bin sicher, hier wirst du glücklich. Und ich glaube, wir beide haben absolut keinen Grund, uns zu meiden. Wir sind nie im Bösen auseinandergegangen, haben nie schlecht übereinander geredet oder haben uns verflucht und daher wünsche ich dir nach wie vor das Allerbeste«, flüsterte ich andächtig, während ich mich genau wie früher einst unaufhaltsam im blauen Himmel ihrer Augen verlor.

Doch, statt sich ein wenig zu entspannen, versteifte sie sich immer mehr. »Ich bin nicht allein zurückgekommen, Cage ...«, huschte es Alexis plötzlich schrecklich leise über die Lippen, ihre Stimme schien so zerbrechlich, dass ich sie kaum verstand. »Ich ... Ich lebe mit jemandem zusammen«, erklärte sie, suchte nach den richtigen und vor allem passenden Worten. »Mit jemandem, der ...«

Ein lauter Knall unterbrach sie und wir schauten beide zu dem Brautpaar, erkannten, dass es die gigantische Hochzeitstorte war, die nun pompös und mit viel Tischfeuerwerk und Wunderkerzen angekündigt wurde. Wieder wurde mir für einen kurzen Moment bewusst, in welch makabrer Situation ich mich gerade befand. Meine Ex-Freundin hatte soeben meinen besten Freund geheiratet und meine erste, große Liebe saß mir nach fünf langen Jahren wieder gegenüber und gestand mir, dass sie ebenfalls ...

Ja, was eigentlich?

Was genau wollte sie mir sagen? Dass sie auch bereits verheiratet war? Hatte sie einen Mann, mit dem sie zusammenlebte? Wundern würde es mich ja nicht, stören jedoch umso mehr. Doch auch das war etwas, das ich mir weder so recht eingestehen, noch verstehen wollte.

»Sie heißt Josie«, hörte ich Alexis auf einmal wieder neben mir reden und sah verwundert zu ihr rüber.

Josie? War es also doch kein Mann, von dem sie mir gerade erzählen wollte? Ich verstand nicht ganz. »Josie?«, fragte ich verunsichert und sah sie durchdringend an.

»Josephine«, hauchte Alexis leise, sah mir reumütig in die Augen. »Sie ist meine Tochter.«

Be still

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